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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.10.2016

Die Jury des Literaturnobelpreises"Die Mitglieder müssen sich heiß gestritten haben"

Edelgard Abenstein im Gespräch mit Nana Brink

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Dachspitze der Schwedischen Akademie in Stockholm: Hier werden jedes Jahr die Nobelpreise bekanntgegeben. (imago/stock&people/Jochen Tack)
Hier tagt die Jury hinter verschlossenen Türen: Die Schwedische Akademie in Stockholm, wo jedes Jahr die Nobelpreise bekanntgegeben hat (imago/stock&people/Jochen Tack)

Heute ist es soweit: Die Jury verkündet in Stockholm, wer der Literaturnobelpreisträger 2016 ist. Wir haben mit der Literaturkritikerin Edelgard Abenstein über möglich Kandidaten, skurrile Regularien der 18-köpfigen Jury und einen handfesten Eklat gesprochen.

Die Zusammensetzung der Jury steht seit vielen Jahrzehnten unverrückbar fest: 18 kluge Köpfe, ausnahmslos Mitglieder der Schwedischen Akademie für Sprache und Literatur, wählen gemeinsam, Jahr für Jahr, den neuen Träger des Nobelpreises für Literatur aus. Seit Mai brüten die Literaturwissenschaftler und Historiker, aus den die Jury überwiegend besteht, über den 220 Vorschlägen. Heute wird der neue Preisträger verkündet.

Wird es diesmal ein Autor oder eine Autorin aus Israel sein: David Grossmann, Amos Oz oder Zeruya Shalev? Oder ein Autor aus Kenia? Afrika wäre mal wieder dran, meint unsere Literaturkritikerin Edelgard Abenstein. Oder läuft es doch auf einen ewigen Anwärter wie den Japaner Haruki Murakami hinaus?

Die Jury hält dicht

Fest steht: Die Jury-Mitglieder halten dicht. Auf jeden Fall, meint Abenstein, scheine die Entscheidung dieses Jahr nicht einfach gewesen zu sein:

"In diesem Jahr ist die Verkündung des Literaturnobelpreises sehr im Verzug. Das heißt: Die Juroren müssen sich ganz schön heiß und heftig gestritten haben."

Manche der Jury-Regularien findet unsere Literaturkritikerin Edelgard Abenstein etwas skurril: Etwa die, dass nicht etwa in regelmäßigen Abständen neue Jurymitglieder gewählt werden, sondern man oder frau das Amt ein Leben lang inne hat. Ein Rücktritt ist nicht vorgesehen.

"Das ist ein sonderbares Verfahren, das ist höchst altmodisch, muss man sagen. Selbst der Papst hat jetzt mittlerweile die Chance, vorzeitig in Ruhestand zu gehen."

Nur einmal sorgte der Rücktritt des Mitglieds Kerstin Ekmann für einen Eklat. Das war 1989, auf dem Höhepunkt der Fatwa gegen den Autor Salman Rushdie. Ekmann hatte die Schwedische Akademie heftig dafür kritisiert, nicht deutlich genug Stellung gegen die Morddrohung seitens der Mullahs bezogen zu haben. Und trat aus Protest aus.  Seither blieb ihr ihr Platz in der Nobelpreis-Jury unbesetzt.

Eine Liste sämtlicher bisheriger Preisträger finden Sie hier: www.literaturnobelpreis.com


Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Heute Mittag wissen wir, wer den Literaturnobelpreis 2016 bekommt, eine Woche, nachdem die anderen Nobelpreisträger ja verkündet worden sind. Es scheint, es ist ein ganz spezieller Preis. Selten wird ja im Vorfeld so viel spekuliert, so viel Name-Dropping, und dann gibt es doch meistens, oder manchmal, eine große Überraschung am Ende. Wir wollen uns jetzt aber denjenigen widmen, die bestimmen, welcher Name dann am Ende herauskommt. Und dafür ist unsere Literaturkritikerin Edelgard Abenstein ins "Studio 9" gekommen. Schönen guten Morgen!

Edelgard Abenstein: Guten Morgen!

Brink: Ist dieser Preis wirklich was Besonderes?

Abenstein: Ja, er gilt einfach als der wichtigste und der umtriebigste aller Nobelpreise, denn wenn man sich ansieht, wie viel Wind um ihn gemacht wird, dann ist es tatsächlich so. Bei den Wissenschaftspreisen, also Chemie, Physik, Medizin und dem für Frieden, steht ja schon lange im Voraus fest, wann er verkündet wird. Da gibt es offenbar nicht so viel Bohei darum. Und in diesem Jahr ist der Literaturnobelpreis, die Verkündung desselben, sehr im Verzug. Das heißt, die Juroren müssen sich ganz schön heiß und heftig gestritten haben.

Brink: Wer bestimmt denn, wer den Preis bekommt?

"Iin diesem Jahr sind an die 220 Vorschläge eingetrudelt"

Abenstein: Das sind die 18 Mitglieder der Schwedischen Akademie für Sprache und Literatur. Das sind eben Schriftsteller, das sind Historiker, Literaturwissenschaftler, Übersetzer. Und die tun das nach eigenem Gusto, aber sie nehmen auch Vorschläge an, die aus aller Welt auf sie eintrudeln. Das sind die früheren Literaturnobelpreisträger, das sind die Präsidenten der Schriftstellerverbände, das sind ansonsten literaturbeflissene Leute. Und in diesem Jahr sind an die 220 Vorschläge eingetrudelt, und die werden nun im Lauf des Jahres eingedampft. Seit Mai sitzen diese 18 Männer und Frauen zusammen und brüten über einer Shortlist, die jetzt vielleicht aus fünf bis sieben Namen besteht. Und bis heute Mittag müssen sie wissen, wer es sein wird.

Brink: Aber Sie haben es ja schon gesagt, also zumindest entnimmt man das ja Ihren Äußerungen, dass um dieses Auswahlverfahren ja ein ziemlich großes Geheimnis gemacht wird. Da dringt wirklich nichts raus?

Abenstein: Da dringt komischerweise recht wenig raus.

Brink: Mag man nicht glauben in der heutigen Zeit.

Abenstein: Man hat das Gefühl, dass Whistleblowing unter den Akademiemitgliedern in Stockholm einfach nicht in Mode ist. 50 Jahre angeblich, und in der Tat halten sie sich daran, werden die ganzen Gesprächsprotokolle, die Vorschlagslisten und so weiter, werden sie geheim gehalten, und man wundert sich darüber. Das sind ja wirklich nur 18 Leute. Wenn man sich das gruppendynamisch vorstellt, denkt man immer, die erzählen das ihren Geliebten oder ihren Ehefrauen oder ihren Kindern, weil man damit doch ein Pfund in der Hand hat. Aber sie tun es recht selten. Also letztes Jahr hatte man das Gefühl, wenn man sich die Ergebnisse der Wettbüros in London ansieht, da lagen die goldrichtig mit Swetlana Alexijewitsch, und da muss was rausgedrungen sein. Oder 2009, als Herta Müller den Literaturnobelpreis bekam, auch da waren die Wettbüros ganz vorne dran und haben manche Leute sehr viel Geld verdient. Also, manchmal sind die Türen doch nicht ganz dicht.

Brink: Seit dem letzten Jahr sitzt ja mit Sara Danius die erste Frau an der Spitze der Jury. Ansonsten bewegt sich ja nicht viel in dieser Zusammensetzung. Die Mitglieder sind ja auf Lebenszeit gewählt. Aber einen Platz, den gibt es noch zu besetzen, habe ich gelesen.

"Einen Platz gibt es noch zu besetzen"

Abenstein: Einen Platz gibt es noch zu besetzen, und der ist vakant seit 1989. Karin Ekman hat ihn besetzt damals, und sie ist aus Protest aus der Akademie ausgetreten, was nicht vorgesehen ist. Dafür gibt es keine Lösung in dieser Akademie. Da kann man einfach niemanden draufsetzen. Damals, als die iranischen Mullahs die Fatwa gegen Salman Rushdie verhängt habe, aus Protest ist sie ausgetreten, weil die Akademie einfach keine Stellung dazu bezogen hat und nicht Partei ergriffen hat für Salman Rushdie. Und das ist ein sonderbares Verfahren, das ist höchst altmodisch, muss man sagen. Selbst der Papst hat jetzt mittlerweile die Chance, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, und sein Platz bleibt ja, wie wir wissen, nicht unbesetzt. Also, mit Sara Danius, 54-jährige Literaturwissenschaftlerin, publiziert über Joyce, der ja im Übrigen auch nie nominiert war für den Literaturpreis. Und sie hat auch publiziert über Marcel Proust, auch der stand nie auf der Liste. Das ist eine Frau, von der man sich erhoffen kann, dass sie den Laden vielleicht aufmischt. Denn in ihrem früheren Leben hatte sie eine Ausbildung als Croupiére gemacht, und sie weiß, wie es mit dem Glücksspiel auf- und zugeht.

Brink: Und jetzt wollen wir aber noch von Ihnen einen heißen Tipp bekommen. Wir haben ja noch ein paar Stunden, in denen wir uns mit Spekulationen behelfen müssen.

Abenstein: Weil ja immer in Proporzen gedacht wird dort in Schweden, stelle ich mir vor, lange war Israel nicht im Spiel als Land. Natürlich auch Afrika nicht – also immerzu wird Ngugi Wa Thiong'o gehandelt, vielleicht bekommt der das, weil er kenianischer Schriftsteller ist und eben Afrika lange nicht da war. Aber Israel beispielsweise, und da hätte ich in Petto die großen Männer, David Grossmann und Amos Oz. Aber vielleicht wird es wieder eine Frau, die 15. Frau unter den 113 Literaturnobelpreisträgern. Wäre nicht schlecht – Zeruja Shalev.

Brink: Vielen Dank, Edelgard Abenstein, für diese Einschätzungen. Heute Mittag sind wir dann wirklich schlauer, wer den Literaturnobelpreis 2016 bekommt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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