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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 04.11.2016

Die "Judenzählung" 1916Dolchstoß und Eisernes Kreuz

Von Kirsten Serup-Bilfeldt

Adolf Wild von Hohenborn war preußischer Offizier und Kriegsminister. Sein Erlass führte zur Judenzählung am 1. November 1916. (imago/Arkivi)
Adolf Wild von Hohenborn war preußischer Offizier und Kriegsminister. Sein Erlass führte zur Judenzählung am 1. November 1916. (imago/Arkivi)

Vor 100 Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg, ordnete das Preußische Kriegsministerium die "Judenzählung" an. Schon die Art ihrer Erhebung offenbart ihre antisemitischen Beweggründe.

2. November 1916. Reichstagssitzung. Tumult und Aufruhr im Hohen Haus.

Wütende Proteste von der SPD und von der FVP, der Fortschrittlichen Volkspartei. Deren jüdischer Abgeordnete Ludwig Haas stürmt aufgebracht zum Rednerpult - in voller Uniform, das Eiserne Kreuz 1. und 2. Klasse deutlich sichtbar an die Brust geheftet.

"In seiner Rede führte er aus: Nun sind wir gekennzeichnet. Nun hat man uns offiziell, nachdem wir seit Beginn des Krieges draußen stehen, zu Soldaten zweiter Klasse gemacht."

... der Historiker Martin Liepach.

Bis zum letzten Blutstropfen verteidigen

Besorgnis herrscht auch in Teilen der jüdischen Bevölkerung. Bedrückt dichtet etwa die Frauenrechtlerin Henriette Fürth:

"Nun zählt ihr uns. Wir wollen’s nicht ertragen.
Was taten wir, dass man uns das getan?
Wie durftet ihr nach dem Bekenntnis fragen?
Wir fragten nicht in jenen hohen Tagen
Für’s Vaterland ward’s ungefragt getan…"

Als dieses Vaterland im August 1914 seine Söhne zu den Waffen ruft, folgen auch 100.000 jüdische Soldaten dem Ruf - unter ihnen rund 10.000 Freiwillige. Das deutsche Vaterland bis zum letzten Blutstropfen mutig zu verteidigen - das ist für sie selbstverständlich, sagt der Militärhistoriker Michael Berger:

"So sahen viele Juden die Chance, durch ihr militärisches Engagement gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten. Der Historiker Golo Mann wies später darauf hin, dass es nichts Deutscheres gegeben habe als die jüdischen Freiwilligen des Ersten Weltkriegs..."

"Als wir nach Frankreich zogen".

"Sie schürten Zweifel an ihrem Patriotismus"

1916 sind die Kämpfe längst in einen verlustreichen Stellungskrieg übergegangen. Mit der sich verschlechternden Kriegssituation und der immer schwierigeren Versorgungslage in der Heimat, gewinnen auch die Diffamierungskampagnen der antisemitischen Hetzpresse auf ihrer Suche nach Sündenböcken wieder an Einfluss:

"Eine Vielzahl an Flugblättern und Pamphleten bestritt, dass Juden jemals vollwertige Mitglieder der deutschen Nation werden könnten. Sie schürten Zweifel an ihrem Patriotismus. Der Frankfurter Fabrikant Jakob Epstein notierte am 16. Mai 1916 in sein Tagebuch: es tritt gerade jetzt auch die flache Gemeinheit, die Rohheit und die Lüge krass hervor und der lauernde giftige Antisemitismus."

Und während im Westen die deutschen Soldaten vor Verdun verbluten und auch im Osten die Kämpfe gegen russische Truppen mit unverminderter Härte weitergehen, beschließt der preußische Kriegsminister Adolf Wild von Hohenborn, die jüdischen Soldaten mit einem schikanösen Verwaltungsakt zu diffamieren: mit der "Nachweisung der beim Heere befindlichen wehrpflichtigen Juden". Sie geht als die sogenannte "Judenzählung" in die Geschichte ein.

"Fragebogen: Wie viele Personen jüdischen Stammes stehen an der Front? Wie viele in den Etappen? Wie viele Juden sind reklamiert, bzw. als unabkömmlich bezeichnet worden…?"

Häufung antisemitischer Umtriebe

Es ist das erste Mal, dass eine preußische Behörde einem aggressiven Antisemitismus in der Bevölkerung nachgibt:

"Da wurde von der preußischen Armee angeordnet, dass alle jüdischen Soldaten gezählt werden sollten… Das alleine war für diese jüdischen Soldaten schon eine Demütigung. Warum wurden sie jetzt wieder ausgesondert? Man fragt ja auch nicht: wer war katholisch und wer evangelisch. Der Grund, den man angab für diese sogenannte 'Judenzählung': dass man nachweisen wollte, dass die Juden in gleichem Ausmaße dienten wie die nichtjüdischen Deutschen. Das war der offizielle Grund…"

Den natürlich niemand glaubt! Gleich am 1. November, dem Stichtag der Zählung kommt es zu einer Häufung antisemitischer Umtriebe: so werden jüdische Soldaten kurzzeitig von der Front entfernt, da man ihre Zahl möglichst niedrig halten will, um die Statistik zu "frisieren".

Die "Judenzählung" - schon die Art ihrer Erhebung offenbart ihre antisemitischen Beweggründe - fällt jedoch anders aus als erwartet: Für "jüdische Drückebergerei" gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Tatsächlich liegt der Prozentsatz der jüdischen Freiwilligen über dem Gesamtdurchschnitt der deutschen Bevölkerung. Weshalb die Ergebnisse der Zählaktion denn auch tunlichst geheim gehalten werden und die Papiere in der Schublade verschwinden.

Erst 1922 werden sie veröffentlicht.

"Als wir nach Frankreich zogen."

Als der Krieg für Deutschland verloren ist, die Waffen endlich schweigen und am 11. November 1918 im Wald von Compiègne der Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Reich und den Westmächten Frankreich und Großbritannien geschlossen wird, kehren 35 000 jüdische Soldaten mit Orden und militärischen Auszeichnungen zurück. 12 000 sind gefallen.

Doch der "Dank des Vaterlandes" bleibt aus.

"Als der Krieg verlorenging, hat man ja mit der Dolchstoßlegende nicht nur die Juden beschuldigt, sondern auch die Sozialisten, die Linken, sie hätten sozusagen von innen dafür gesorgt, dass der Krieg verlorenging. Dieses Stereotyp der Dolchstoßlegende hat dann natürlich beigetragen zum zunehmend zerrütteten politischen Klima in den ersten Jahren der Weimarer Republik."

 

Mehr zum Thema:

Michael Berger: "Für Kaiser, Reich und Vaterland" - Geschichte enttäuschter Hoffnung auf Bürgerrechte
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 7.11.2015)

Erster Weltkrieg - Stolz und Vorurteil
(Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 8.8.2014)

100 Jahre Erster Weltkrieg - "Jüdische Herkunft spielte nur sekundäre Rolle"
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 13.7.2014)

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