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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.04.2013

"Die industrielle Tierhaltung ist auf dem Vormarsch"

BUND-Agrarexpertin fordert eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht für die Herkunft von Fleisch

Reinhild Benning im Gespräch mit Jörg Degenhardt

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Lasagne im Labor: Fleischprobe im Veterinäruntersuchungsamt Rhein-Ruhr-Wupper, Krefeld (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
Lasagne im Labor: Fleischprobe im Veterinäruntersuchungsamt Rhein-Ruhr-Wupper, Krefeld (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)

Beim Gemüse haben wir eine Herkunftskennzeichnung, nicht aber beim Fleisch, sagt die Agrarexpertin des Umweltverbandes BUND, Reinhild Benning. Hier klaffe eine riesige Lücke, bei der Agrar- und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) längst hätte nachlegen können.

Jörg Degenhardt: Der Pferdefleischskandal zieht Kreise: In Deutschland könnten weit mehr als die bislang bekannten 124 Betriebe undeklariertes Pferdefleisch aus den Niederlanden erhalten haben. Das teilte die Bundesagrarministerin, das teilte Frau Aigner gestern zum Abschluss der Agrarministerkonferenz in Berchtesgaden mit.

Die niederländische Lebensmittelaufsicht hatte 50.000 Rindfleisch zurückgerufen, weil es Pferdefleisch enthalten könnte. Da es sich aber um Lieferungen seit Anfang 2011 handelt, gehen die Behörden in unserem Nachbarland davon aus, dass ein großer Teil des möglicherweise mit Pferdefleisch versetzten Rindfleisches bereits konsumiert, sprich, gegessen wurde. Am Telefon begrüße ich Reinhild Benning, sie ist Agrarexpertin beim BUND, beim Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland. Guten Morgen, Frau Benning!

Reinhild Benning: Guten Morgen!

Degenhardt: Ist der vorliegende Fall einer für Kriminalisten oder eher einer für Lebensmittelrechtler und Politiker?

Benning: Er ist auf jeden Fall ein Fall für Lebensmittelrechtler und Politiker, denn wir haben es ja zum wiederholten Mal mit der Einmischung von nicht deklariertem Fleisch zu tun. Und wenn man die Aussage des Unternehmers hört, der dafür verantwortlich ist, der nämlich sagt, der Verkauf wurde doch kontrolliert, die Behörden haben nun mal nichts gemerkt und er wisse gar nicht, weshalb er angeklagt werde – dann hört man doch heraus, dass die Lebensmittelindustrie möglicherweise mit dem Ansatz startet: Wenn wir nicht erwischt werden, dann machen wir auch weiter so. Wir müssen also eine Systemänderung herbeiführen, um solchen Fällen vorzubeugen.

Degenhardt: Das heißt, es liegt kein kriminelles Handeln Einzelner vor, sondern wirklich ein Fehler im System?

Benning: Das ist unsere Auffassung, denn: Wir gehen immer mehr außerhalb essen. Je niedriger die Arbeitslosenquote ist, desto mehr sind Menschen außerhalb beim Essen darauf angewiesen, dass sie gut versorgt werden. Da geht es um unsere Kinder, die zunehmend in der Schulverpflegung versorgt werden, es geht auch darum, dass wir alle Fertigprodukte zu uns nehmen, wenn wir etwa außerhalb essen gehen. Das ist zumindest sehr häufig der Fall. Hier haben wir es jetzt mit einem Fertigprodukt zu tun, das nicht hält, was es verspricht: Hier ist Pferd drin, obwohl Rind draufsteht. Und dabei können wir noch von Glück sagen: Wir haben sozusagen Schwein gehabt, wenn nur Pferd und nicht etwas anderes im Rind war, denn der Kern bleibt gammelig. Es sind die Kontrollen, die nicht hervorbringen, wenn Agrarindustrie Billigprodukte untermischt. Und wir brauchen daher etwas ganz anderes.

Degenhardt: Nämlich? Brauchen wir zusätzliche Kontrollen? Brauchen wir zum Beispiel – das ist der Vorschlag von Sigmar Gabriel, dem Vorsitzenden der SPD – vielleicht eine europäische Lebensmittelpolizei?

Benning: Den Vorschlag halte ich für nicht verkehrt, aber auf der anderen Seite wird hiermit das Pferd von der falschen Seite aufgezäumt. Wir brauchen zunächst, dass Ross und Reiter benannt werden. Das kann schon jetzt schneller und sofort geschehen, damit Verarbeiter mit schlechtem Ruf auch tatsächlich bekannt werden. Wir brauchen die Herkunftskennzeichnung von Fleisch. Warum wissen wir bei Gemüse, wo es herkommt, nicht aber beim Fleisch. Wir brauchen diese auch auf verarbeiteten Produkten. Wir möchten als Verbraucher wissen, wie die Tiere gehalten wurden – auch das eine riesige Lücke, wo Agrarministerin Aigner längst nachlegen könnte.

In solchen Fällen wird immer gern auf die EU verwiesen, auch Frau Aigner sagt, Kennzeichnung sei EU-Sache: Und ich empfehle auch der SPD, einfach selbst anzufangen, insbesondere in den Bundesländern, wo sie schon an der Regierung ist, hier nachzubessern mit sehr strengen Kontrollen und an einer besseren Kennzeichnung zu arbeiten. Die Wahlen stehen ja vor der Tür.

Degenhardt: Sie sprachen von Ross und Reiter, die man nennen müsse – ein schönes Bild in Zusammenhang mit dem Pferdefleischskandal. Ich möchte da noch mal nachfragen, Frau Benning, was meinen sie hier? Wo müsste die Verbraucherschutzministerin mehr Verantwortung wahrnehmen, was müsste sie konkret veranlassen?

Benning: Wir haben seit Jahren unter der Regie des CSU-geführten Agrarministeriums die Konditionen für die Tierhaltung und die Fleischproduktion so verändert, dass industrielle Tierhaltung auf dem Vormarsch ist. Auch Schlachthöfe werden jährlich nach unseren eigenen Untersuchungen im Umfang von über 20 Millionen Euro gefördert. Damit wurde die Industrialisierung unserer Lebensmittelerzeugung massiv nach vorne getrieben. Wir haben allein im Umweltbereich mehrere Gesetze, die seit 2006 so aufgeweicht wurden, dass der industriellen Tierhaltung der rote Teppich ausgerollt wurde. Auch der Tierschutz wurde abgebaut, während umgekehrt der versprochene Tierschutz-TÜV, sozusagen eine Prüfung, ob die Tiere artgerecht gehalten werden, nicht eingeführt wurde.

Degenhardt: Wurde vielleicht auch zu sehr auf Quantität geachtet statt auf Qualität?

Benning: Sie haben vollkommen recht, und dies mit einem ganz bestimmten Ziel: Die Bundesregierung wollte, dass die deutsche Agrarindustrie fähig wird, auf den Weltmarkt zu exportieren. Dort aber werden so niedrige Preise gezahlt, dass eine Haltung der Tiere zu artgerechten Bedingungen und ein gut kontrollierter Schlachtvorgang kaum möglich sind.

Degenhardt: Frau Benning, die Telefonleitung ist leider nicht so die allerbeste, deswegen erlauben Sie mir zum Schluss vielleicht noch eine Frage mit Blick auf das Wochenende und den anstehenden Einkauf, mit Blick auf die Verbraucher: Wie sollen die sich jetzt verhalten? Die sind ja nach den wiederholten Lebensmittelskandalen verunsicherter denn je.

Benning: Die Verbraucher verhalten sich laut GfK schon sozusagen sehr nachvollziehbar, denn die fleischhaltigen Tiefkühlprodukte und Fertiggerichte werden derzeit im Regal liegengelassen, sie gelten als praktisch unverkäuflich. Das kann ich gut nachvollziehen. Ich würde im Moment auch nicht zu Produkten greifen, wo man nicht weiß, wo sie herkommen. Wir empfehlen eher, wenn es schon Fleisch sein soll, dann zum Schlachthof des Vertrauens zu gehen, um die Ecke, Neuland- oder Biolebensmittel zu kaufen, denn hier lohnt es sich, mehr Geld auf den Tisch zu legen. Während die Preise für Fleisch im Moment vom Pferd etwa bei 30 bis 60 Cent je Kilo Lebendgewicht sind, sind sie bei anspruchsvollem Fleisch, bei richtigem Rindfleisch etwa beim Zehnfachen. Und das sollten wir uns trauen, auf den Tisch zu legen, denn damit können wir auch bessere Qualität erzielen. Und schauen Sie: Wir haben auf www.wir-haben-es-satt.de eine Internetseite, die – wie der Name schon sagt, wir haben es satt – einer Bewegung entspricht, die für eine bessere Lebensmittel- und Agrarpolitik auf die Straße geht.

Degenhardt: Sagt Reinhild Benning, sie ist Agrarexpertin beim BUND, beim Bund für Umweltschutz und Naturschutz Deutschland. Frau Benning, vielen Dank für das Gespräch!

Benning: Vielen Dank ebenfalls!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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