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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.03.2011

Die Hilflosigkeit der Medien

Risikoforscher: Journalisten sollten zugeben, dass die Fakten aus Japan widersprüchlich sind

Jörg Bergmann im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

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Bergmann: "Man starrt fasziniert darauf, ist eigentlich hilflos, kann nichts Neues entdecken." (picture alliance / dpa)
Bergmann: "Man starrt fasziniert darauf, ist eigentlich hilflos, kann nichts Neues entdecken." (picture alliance / dpa)

Die Bilder von der drohenden atomaren Katastrophe in Japan erzeugen nach Ansicht des Risikoforschers Jörg Bergmann von der Universität Bielefeld durch ihre ewigen Wiederholungen im Fernsehen eine Taubheit beim Zuschauer.

Jan-Christoph Kitzler: Irgendwie sind es immer die gleichen Bilder, die man so sieht, die uns aus Japan herüberflimmern. Weil die Informationen nur spärlich fließen, laufen die wenigen Bilder, die es gibt, in einer Endlosschleife auf den Nachrichtenkanälen. Gleichzeitig irritiert das, was die japanischen Behörden an Informationen veröffentlichen, ungemein. Ist die Kernschmelze in den betroffenen Reaktoren schon im Gange? Wie groß ist die Gefahr eines Gaus? Das würde man gerne wissen, aber irgendwie erfährt man es nicht. – Darüber spreche ich jetzt mit dem Risikoforscher Jörg Bergmann. Er leitet an der Universität Bielefeld eine Forschungsgruppe, die eben erforscht, wie Katastrophen kommuniziert werden. Schönen guten Morgen!

Jörg Bergmann: Guten Morgen, Herr Kitzler.

Kitzler: Es werden jetzt ja immer Parallelen beschworen zu dem Unglück von Tschernobyl 1986. Das war natürlich eine andere Zeit, damals war Kalter Krieg. Aber was haben Sie herausgefunden? Gibt es eigentlich ein typisches Schema, wie Katastrophenfälle kommuniziert werden?

Bergmann: Ja, da lassen sich durchaus Parallelen feststellen. Das fängt ja damit an, dass wir ja nicht direkt, also jetzt in Deutschland direkt, von diesen Katastrophen mitbekommen. Wir bekommen ja nur über die Massenmedien über diese Katastrophe etwas mit. Und wenn man anschaut, wie Medien über diese Katastrophen berichten, zeigen sich eben gewisse Gleichförmigkeiten.

Das fängt damit an, dass eine Katastrophe erst einmal gewissermaßen in das Augenmerk, in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt werden muss. Es findet so etwas wie Alarmierungskommunikation statt. Dann steht die Bekämpfung der Katastrophe im Mittelpunkt, dort muss dann kooperiert werden, dort finden dann erste Bilder den Weg zu den Zuschauern. Und im Rahmen dieser Kooperation finden dann auch Aktivierungen der eigenen Hilfsdienste statt, Politiker werden aufmerksam, man befindet sich dann mitten in der Katastrophe. Und wenn man die Zeit dann weiter verfolgt, kann man beobachten, dass nach der Katastrophe das stattfindet, was wir Verantwortungsdiskurs nennen. Also man redet darüber, wer hat eigentlich Schuld, wie hätte sich das vermeiden lassen, was sind die Ursachen und Gründe dafür. Und man befindet sich dann in der Diskussion, wie lässt sich das nächste Disaster vermeiden, man ist sozusagen dann wieder vor der nächsten Katastrophe, und damit hat sich eine Schleife ergeben.

Kitzler: Das ist das Schema, was Sie festgestellt haben. Täuscht mich mein Eindruck, dass in dieser beschleunigten Medienwelt, in der Informationen ganz schnell erreichbar sein müssen, dass hier diese Ebenen auch ein bisschen durcheinander geraten?

Bergmann: Ja, ganz stark sogar, weil das kann man am Beispiel jetzt der Katastrophe in Japan ja erkennen, dass unmittelbar die politische Diskussion einsetzt, also das Ereignis, das Tausende Kilometer entfernt stattfindet, für uns jetzt gleich heißt, wie können wir denn Vorsorge treffen, dass bei uns nicht ein ähnliches Unglück passiert. Also man ist noch gar nicht aus der Katastrophe heraus und fängt schon an, über folgende nachzudenken, und das betrifft genau diesen Punkt der Beschleunigung, den Sie angesprochen haben.

Kitzler: Manche Bilder brennen sich regelrecht ein, wenn ich an diese Bilder denke zum Beispiel von den Flugzeugen, die in dieses World Trade Center geflogen sind, oder jetzt eben auch dieses Bild von dem explodierenden Reaktorgebäude. Welche Wirkung haben solche Bilder beim Zuschauer, beim Publikum?

Bergmann: Ja, das fand ich auch. Ich habe jetzt auch die Berichte zum Teil verfolgt und mir ist das auch aufgefallen, dass diese Bilder ja eine merkwürdige Wiederholung haben. Man hat offensichtlich von Seiten der Medienanstalten zu wenig Material, zeigt deshalb die gleichen Bilder immer und immer wieder, in unterschiedlicher Zusammensetzung, und damit passiert etwas Merkwürdiges.

Auf der einen Seite verliert man irgendwie die Chronologie der Ereignisse aus dem Blick, obwohl es ja eigentlich um Aktuelles geht, also hat jetzt nun eine Kernschmelze stattgefunden oder nicht. Man ist ja eigentlich interessiert an Aktuellem. Auf der anderen Seite gerät die Zeitschiene, also die Chronologie, gerade durch diese Wiederholung der Bilder immer wieder durcheinander, und diese Wiederholung erzeugt so etwas wie eine Taubheit, glaube ich, beim Zuschauer.

Man starrt fasziniert darauf, ist eigentlich hilflos, kann nichts Neues entdecken, und das wird mit den immer gleichen Bildern erzeugt. Es ist fast so eine Art Blockade, die dadurch erzeugt wird, so ähnlich vielleicht sogar wie es den Opfern selbst geht, die angesichts der Situation handlungsunfähig werden. zum Teil.

Kitzler: Noch mal ganz kurz zur japanischen Seite. Man hat so ein bisschen den Eindruck, dass die Behörden nicht so richtig souverän die wichtigen Informationen, die es nun zu veröffentlichen gäbe, veröffentlichen, zum Beispiel bei der Frage der Kernschmelze. Kann man eigentlich von Regierungsseite in Katastrophenfällen viel falsch machen?

Bergmann: Ja, sehr viel, glaube ich. Ich meine, weil eben Katastrophen für viele Menschen eben nicht unmittelbar zu sehen und zu erfahren sind, sondern natürlich gibt es die Opfer, die unmittelbar in der Katastrophe sind, aber der Großteil der Menschen erfährt ja nur über die Medien, und das aber heißt über die Pressesprecher, über die autorisierten Auskünfte über die Katastrophe, und da kann man natürlich sehr viel falsch machen.

Also auch mich hat irritiert, dass über diese japanischen Ereignisse nur Widersprüchliches zu hören ist. Das ist, glaube ich, nicht für sich selbst das Problem, aber man sollte, glaube ich, wenn man über eine Katastrophe Auskunft gibt, auch darüber Auskunft geben, dass es eben widersprüchliche Informationen gibt. Also man darf nicht die Widersprüchlichkeit beim Zuschauer entstehen lassen, sondern man muss die Widersprüchlichkeit selbst thematisieren, glaube ich jedenfalls. Und das müssten eigentlich geschulte Personen sein, die mit der entsprechenden Autorisierung ausgestattet sind.

Also es darf eben nicht irgendjemand erzählen, sondern es muss gewissermaßen mit einem gewissen Sachverstand und mit einer gewissen Autorität Auskunft gegeben werden, auch eben darüber, dass eben keine Auskunft gegeben werden kann. Auch das scheint mir eine wichtige Information zu sein.

Kitzler: Der Risikoforscher Jörg Bergmann. Er leitet an der Universität Bielefeld eine Forschungsgruppe, die erforscht, wie Katastrophen kommuniziert werden. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Bergmann: Bitte schön. Auf Wiederhören!

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