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Lange Nacht | Beitrag vom 13.02.2021

Die Hand Das Werkzeug der Werkzeuge

Von Michael Opitz

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Ein Foto der Skulptur „Hand of Rodin with a Female Figure”. (IMAGO / Artokoloro)
Die Hand als Objekt: Skulptur von Rodin mit einem Frauenkörper. (IMAGO / Artokoloro)

Die Hand ist ein Geniestreich der Evolution mit bemerkenswerter kulturgeschichtlicher Bedeutung. Diese menschliche Extremität hat Spuren nicht nur in Kunst, Religion und Politik hinterlassen.

In alltäglichen Situationen gebraucht der Mensch seine Hände ganz selbstverständlich. Leicht geht ihm von der Hand, wenn zugegriffen, festgehalten, geschoben oder geknetet werden muss. Hände sind sogar in der Lage zu sprechen.

Auch die Musik erfordert geschickte Hände. Wenn komplizierte Hand- und Fingerbewegungen wie selbstverständlich beherrscht werden, können die Hände von Musikern ihren Instrumenten die unglaublichsten Töne entlocken. Treffen die Hände eines Pianisten auf der Klaviatur den richtigen Ton, setzt dies voraus, dass die Finger im entscheidenden Augenblick mit dem richtigen Druck die Tasten treffen.

Hände mit bemalten Fingernägeln spielen am Klavier. (IMAGO / Stefan Rotter)Im richtigen Moment die richtige Taste treffen: handgemachte Klaviermusik. (IMAGO / Stefan Rotter)

Musizieren stellt für die Hände eine der größten Herausforderungen dar. Auf höchstem Niveau müssen Handbewegungen, Tastsinn, Kreativität und Gefühlsausdruck miteinander koordiniert werden.

Die Darstellung der Hand im religiösen Kontext

Kunsthistorisch ist mit dem Zeigefinger von Gottvaters rechter Hand eine enorme symbolische Bedeutung verknüpft, wie in dem Deckengemälde Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle zu sehen ist. Auf den drei davorliegenden Deckenbildern sind Gottes Hände damit beschäftigt, das Licht von der Finsternis zu trennen. Im zweiten Feld weist er den Planeten ihren Platz im Universum zu. Und im dritten Deckenfeld trennt er das Wasser von Himmel und Erde.

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In der Tat stockt einem der Atem, wenn man die Sixtinische Kapelle betritt. Staunend erblickt man das Werk Michelangelos mit jener berühmten Szene, in der Gott sich dem von ihm geschaffenen ersten Menschen nähert, um ihn durch die entscheidende Berührung seiner Hand zum Leben zu erwecken.

Im Jahr 1564, als Michelangelo in Rom starb, kam in Pisa Galileo Galilei zur Welt. Beide galten in ihrer Zeit als geniale Ausnahmeerscheinungen. Weit weniger bekannt ist, dass der Naturwissenschaftler Galileo Galilei Zeit seines Lebens bedauerte, nicht Maler geworden zu sein. Für Galilei war die Zeichnung "ein dialektischer Vorgang", ein kontinuierlicher, wechselseitiger Prozess zwischen der Fähigkeit der Hand und der Reflexion im Kopf.

Horst Bredekamp: "Galileis denkende Hand. Form und Forschung um 1600." Berlin/München/Boston 2015.

Die Hand in der philosophischen Betrachtung

Immer wieder haben sich Philosophen für die Hand interessiert. An filigrane Objekte, in Handarbeit hergestellt, war noch nicht zu denken, als unsere Vorfahren vor Millionen Jahren begannen, ihre Hände zur Verständigung einzusetzen, – oder wie es Montaigne formuliert – "um mit ihren Händen zu sprechen". Selbst heute wird noch mit den Händen kommuniziert, z. B. in der Gebärdensprache, wo Handzeichen Worte ersetzen.

Für die antiken Philosophen Aristoteles, Anaxagoras, Platon und Xenophon diente die Hand als Unterscheidungsmerkmal, um auf die besondere Stellung des Menschen in der Natur zu verweisen. "Indem die Hand berührt und zugreift, begreift sie zugleich."

Descartes Weltbild ist ein rein kognitives. Wittgenstein dagegen geht von unanzweifelbaren Gewissheiten aus und verankert die Grundgewissheit in der körperlichen Erfahrung:

"Wir haben eine Fülle von körperlichen Erfahrungen unseres In-der-Welt-Seins – die sind indiskutabel, die kann man nicht wegdiskutieren, die sind einfach da. (…) Das sind keine Fragen nach dem Wissen. Ich weiß nicht, dass ich eine Hand habe – ich habe eine Hand. Die Gewissheit wie die, eine Hand zu haben, muss und kann nicht mehr überprüft werden. Ebenso wie jene Gewissheit, von den eigenen Füßen getragen zu sein."

Und erst diese Gewissheit ermöglicht es, mit der Sprache zu spielen.

"Die Hand dient und gehorcht – sie erkundet aber auch. Als große Neugierige untersucht sie unbekannte Gegenstände, die sie im Begreifen zu erkennen versucht. Die Hand ist mit dem Auge vergleichbar. Im Ertasten nimmt sie die Welt in Augenschein."

Ludwig Wittgenstein: "Über Gewißheit." Werkausgabe Band 8. Frankfurt am Main 1984.

Aufrechter Gang und Evolution

Evolutionsgeschichtlich war der aufrechte Gang die Voraussetzung dafür, dass die Hände nicht mehr für die Fortbewegung benötigt wurden. Erst als sie keine Stütz- und Bewegungsaufgaben mehr zu erfüllen hatten, konnten sie sich frei entwickeln. Darwin postulierte, dass die Hand alle Instrumente ersetzte, und durch ihr Zusammenwirken mit dem Intellekt dem Menschen universelle Herrschaft verlieh.

Zwanzig Jahre nach Darwins epochalen Buch betonte Friedrich Engels: "Die Hand war frei geworden und konnte sich nun immer neue Geschicklichkeiten erwerben. So ist die Hand nicht nur das Organ der Arbeit, sie ist auch ihr Produkt."

Die Hände lernten bei der Herstellung von Werkzeugen, also bei der Arbeit, stets hinzu. Parallel zu den Fertigkeiten der Hand entwickelte sich auch das Gehirn. Schließlich waren die Voraussetzungen dafür gegeben, dass sich unsere Vorfahren zur Verständigung untereinander einer von ihnen entwickelten Sprache bedienten.

Noch bevor der Mensch dazu in der Lage war, mittels der Sprache die Welt zu beschreiben, hatte er sie bereits begreifend erkundet. Erst danach benennt er sie. "Sprachliches Benennen ist eine Art Zugreifen auf Dinge. Bedeutung entsteht dadurch, dass wir Dinge gebrauchen und die Bedeutung von Worten entsteht dadurch, dass wir Worte gebrauchen."

Charles Darwin: "Die Abstammung des Menschen." Übersetzt von Heinrich Schmidt (Jena). Stuttgart 1982.

Hand versus Maschine

Neben Fleiß und Können brauchen Handwerker Geduld. Im Mittelalter vergingen Jahre, bis man sich Meister nennen durften. Eine sieben Jahre dauernde Lehre wurde mit dem "Gesellenstück" abgeschlossen. Im ständigen Tätigsein wurde die Hand immer perfekter. Doch geschickte Hände allein reichten im Handwerk nicht aus. Ein Handwerker brauchte ein gutes Auge und musste vor allem kreativ sein.

Im Verlaufe der Evolutionsgeschichte wurden die Menschen immer einfallsreicher, bis sie in der Lage waren, mit ihren Händen Maschinen zu bauen, durch welche die Handarbeit erleichtert wurde. 

So wurden auch neue Maßstäbe gesetzt. Die Handarbeit konnte mit der Präzision von Maschinen nicht konkurrieren. Auch in künstlerisch-ästhetischer Hinsicht wurden an die Hand immer weniger Ansprüche gestellt. Schlosser zählten in der Gotik zu den gefragtesten Handwerkern, aber im 20. Jahrhundert waren künstlerisch wertvolle Schlosserarbeiten weniger gefragt.

Glühendes Eisen in glühender Kohle in einer Schmiede. (IMAGO / alimdi)Was früher begehrt war, gehört nun zum alten Eisen, weswegen es immer weniger Schmiede gibt. (IMAGO / alimdi)

Das Kunsthandwerk war zwar aus dem Handwerk hervorgegangen, doch das beginnende Industriezeitalter beendete diese Entwicklung. Handgeschmiedete Eisengitter wurden durch Gitter aus Gusseisen ersetzt.

Laut Walter Benjamin führte die technische Reproduzierbarkeit von Kunstwerken zum Verlust ihrer Aura. Massenhaft hergestellt und unzählige Male kopiert, büßten sie ihren Status der Einmaligkeit ein. Sie waren nicht mehr an einen bestimmten Ort gebunden, beispielsweise in einer Kirche oder einem Museum.

Handskulpturen bei Rodin und Giacometti

Überraschend sind die zahlreichen Handskulpturen von Auguste Rodin. Betrachtet man seine Handmodelle wie die "Hand Gottes", "Das Geheimnis" oder "Die Kathedrale", so entsteht der Eindruck, als wäre es Rodins Ziel gewesen, auf der Oberfläche der Handobjekte abzubilden, was unter der Haut verborgen liegt.

Für die Modellierung einer Hand wendete Rodin ebenso viel Zeit auf wie für die Gestaltung eines Gesichts. Seine Handskulpturen besitzen einen eigenen ästhetischen Wert. Sie entsprechen den höchsten künstlerischen Ansprüchen und verweisen gleichzeitig auf die formende und gestaltende Künstlerhand.

Bronze Skulptur von Alberto Giacometti ausgestellt in Sankt Petersburg. (IMAGO / ZUMA Wire)Weggucken gilt nicht: Die Bronzehänge von Alberto Giacometti wollen - wie hier in Sankt Petersburg - betrachtet werden. Aber auch angefasst? (IMAGO / ZUMA Wire)

30 Jahre nachdem Rodin mit seinen Handdarstellungen die Kunstwelt faszinierte, verblüffte Alberto Giacometti das Publikum mit seinen äußerst eigenwilligen Handskulpturen. Giacometti beließ das Material in seiner groben Porosität. Seine Hand stellte kein naturalistisches Handabbild dar. Vielmehr besaß die in den Raum hineinragende Hand Symbolcharakter und fordert vom Betrachter volle Aufmerksamkeit.

Die Geste als Symbol politischer Gesinnung

Im politischen Diskurs war es in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts die rechte Hand, auf die sich die Aufmerksamkeit konzentrierte. Mit ihr wurde signalisiert, wohin man parteipolitisch gehörte. Anhänger der kommunistischen Partei grüßten, indem sie den erhobenen rechten Arm anwinkelten und die Hand zur Faust ballten. Die geballte Faust wurde zum Symbol des Roten Frontkämpferbundes.

Mit der erhobenen Faust machten die Arbeiter deutlich, dass sie entschlossen waren, für ihre Rechte zu kämpfen, notfalls auch mit Gewalt. Die erhobene Faust ist ein politisches Bekenntnis und ein Symbol des Widerstands.

Um sich von den Kommunisten abzugrenzen, begrüßten sich die Nationalsozialisten mit dem sogenannten Deutschen Gruß. Seit 1925 gaben sich Hitlers Gefolgsleute zu erkennen, indem sie den rechten Arm erhoben und ihn ausgestreckt so nach vorn hielten, dass Arm und Hand eine gerade Linie bildeten. Für Beamte wurde der "Deutsche Gruß" nach einer im Januar 1935 vom Reichsinnenministerium erlassenen Anordnung sogar zur Pflicht erhoben.

Peter Springer: "Hand." In: Handbuch der politischen Ikonographie. Hrsg. v. Uwe Fleckner, Martin Warnke, Hendrik Ziegler. Band I. München 2011, S. 443-450.

Zwei zum Handschlag vereinte Hände stellten das Symbol der SED dar, als diese in der DDR noch regierende Staatspartei war. Aus der Zwangsvereinigung zwischen SPD und KPD war 1946 die SED hervorgegangen. Wer sich parteipolitisch einreihte in die sozialistische Bewegung, dem wurde als Zeichen der Zugehörigkeit das SED-Parteiabzeichen überreicht, das zwei im Handschlag vereinte Hände zeigt.

Handgesten haben eine starke Ausdruckskraft. Es gibt Momente, in denen eine Geste mehr sagt als alle Worte.

Literaturtipps:
Chip Walter: "Hand & Fuß. Wie die Evolution uns zu Menschen machte." Aus dem Englischen von Gabriele Herbst. Frankfurt/New York 2008
Xenophon: "Memorabilien. Erinnerungen an Sokrates." Übertragen und erläutert von Paul M. Laskowsky. München 1960
Walter Benjamin: "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit." Werke und Nachlaß. Kritische Gesamtausgabe. Band 16. Hrsg. v. Burghardt Lindner unter Mitarbeit von Simon Broll und Jessica Nitsche. Berlin 2012

Eine Produktion von Deutschlandfunk Kultur von 2021. Das Skript zur Sendung finden sie hier.

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