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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 04.10.2006

Die Halbstarken kommen

Die Rebellen der fünfziger Jahre

Von Meinhard Stark

Die Halbstarken orientierten sich an Vorbildern aus US-Filmen, wie etwa James Dean. Hier eine Aufnahme von 1955. (AP)
Die Halbstarken orientierten sich an Vorbildern aus US-Filmen, wie etwa James Dean. Hier eine Aufnahme von 1955. (AP)

Haartolle, Jeans, kariertes Hemd, Lederjacke, die Zigarette im Mund, lässig neben ein Moped gelehnt: So sahen sie aus, die Rebellen der 1950er. Ihre Musik war der Rock 'n' Roll, ihre Helden James Dean und Marlon Brando. Allein: Sie passten nicht ins Bild der verstaubten Ära Adenauer. "Halbstarke" wurden sie genannt - eine Gruppe minderjähriger Verweigerer.

Wolf: "Also, da gab's in diesem Film 'Die Halbstarken' diese Tanzszene, wo die Karin Baal mit Horst Buchholz tanzt. Also, da fand ich das schon so die stärkste Szene"."

Dorit: ""Die Karin Baal, entsprach so ziemlich unserer Richtung als Mädchen. Die Haare, tolle Jeans an - hautenge Jeans"."

Karin Baal: ""Dann wurden aus 750 Mädchen drei rausgesucht, die machten Probeaufnahmen. Dann blieben zwei übrig und die Produktion und der Pressemanager, die waren sich uneins. Es blieben also zwei übrig - und sie wussten nicht, wenn sie nehmen sollten. Und dann haben sie ein Kino gemietet in Kreuzberg, und da durften alle Jugendlichen rein, ohne zu bezahlen. Am Ausgang standen zwei Wahlurnen. Auf der einen stand blond und auf der andern schwarz, und sie mussten also ihre Zettelchen da reinsetzen. Die wurden also öffentlich vorgeführt, diese zwei Probeaufnahmen. Ja, und irgendwie gab's dann großen Tumult, und alles war wunderbar. Und später erfuhr ich dann also, dass ich gewonnen hatte"."

Karin Baal begleitet 1955 eher zufällig eine Freundin zum 'Casting', wie man heute sagt. Dort trinkt sie zum ersten Mal Coca Cola und hört Rock 'n' Roll. Während die Freundin in der Schlange steht und auf das Vorsprechen wartet, kommt einer der Filmleute direkt auf Karin Baal zu und bittet sie gleich vor die Besetzungskommission. Die kesse Berlinerin beeindruckt und setzt sich schließlich durch. Am 27. September 1956 startet der Film 'Die Halbstarken'.

Karin Baal: ""Mir hat man mein Drehbuch nicht gegeben, weil sie gesagt haben, dann verlier' ich meine Spontanität. Aber ich habe natürlich mir das Drehbuch heimlich besorgt und hab' das durchgelesen"."

Die Story ist schnell erzählt: Berlin in den fünfziger Jahren. Um vor seiner Freundin anzugeben, begeht ein Heranwachsender mehrere Straftaten. Kleinen Diebstählen folgt schließlich ein Raubüberfall, der mit Schüssen endet. "Die Halbstarken" ist "weniger eine Jugendstudie als ein Film über kriminelle Jugendliche", urteilt ein Filmlexikon. Dennoch: "Trotz zu einfacher Erklärungsmuster: zerrüttetes Elternhaus, falsche Freunde" – biete der Streifen einen "interessanten Einblick in die Gefühlswelt der Jugendlichen zur Zeit des Wirtschaftswunders." Bei allen "vergröbernden Tendenzen" sei es "ein beachtenswerter Film mit ausgezeichneter Kameraarbeit, guten Darstellern und einer nicht zu unterschätzenden unterhaltenden Intensität."

Karin Baal: ""Und dann ging es auf Tournee, auf Verbeugungstournee. Wenn Premiere war in einem Kino, in einer Stadt, dann stellten sich die Schauspieler hinterher vor. Und wir sind rum gefahren - über einen Monat oder so - durch ganz Deutschland. Und es waren Menschenmassen"."

Zur Zeit der Dreharbeiten war Karin Baal 15 Jahre alt. Als der Film in die Kinos kommt, ist sie gerade 16 geworden. Erst ab diesem Alter dürfen "Die Halbstarken" von den jungen Leuten gesehen werden.

Karin Baal: ""Sie haben versucht, unseren Volkswagenbus, mit dem wir gefahren sind auf Tournee…Da haben wir alle reingepasst: fünf Leute. Und der Horst kam immer in den großen Städten dazu. Wir haben auch die kleinen mitgenommen. Die versuchten also, den Bus umzuhauen, weil hinten lagen die schon untergeschr…, wir mussten immer vorher Autogramme schreiben, damit wir auch durchkamen und die lagen hinten drin. Und die haben versucht - oder haben sogar den Bus umgestoßen - um an die Autogramme zu kommen"."

Obwohl der Film "Die Halbstarken" 1957 den Bundesfilmpreis erhält, beeindrucken amerikanische Filme die Jugendlichen stärker, vor allem die mit James Dean oder Marlon Brando.

Dorit, Wolf und Bernd sind Altersgefährten von Karin Baal. Sie erinnern sich:

Dorit: ""Wir haben die Filme aus Amerika drei vier mal geseh'n und haben uns da an diesen Symbolen hochgezogen"."

Wolf: ""Mit diesen Autos oder mit den Bars oder so diese Nierentischzeit. Aber das war so weit weg, dass wir das nicht in unserm Alltag... Es war immer komisch. Es war immer beides: Also einmal war es da und einmal war es auch nicht da"."

Bernd: ""In dem Vorspann von 'Saat der Gewalt' lief auch von Bill Haley 'Rock Around The Clock'. Diese Hymne. Das passte irgendwo alles zusammen. Und dieses Verhalten dieser Jugendlichen an dieser amerikanischen Schule, das war zwar kriminell, aber wir haben das Kriminelle ausgeblendet - sondern einfach gesagt: Die lassen sich nichts gefallen von diesen Lehrern. Und dann hat man irgendwo so'n Habitus angenommen, das heißt so'n Image, so um sich nichts gefallen zu lassen"."

Karin Baal: ""Also ich war ja sehr jung und hab mich überhaupt nicht da informiert oder drum gekümmert, was jetzt unser Film für'n Einfluss auf die Jugend genommen hatte. Aber ich hab das Gefühl, dass er einen Anstoß gegeben hat, sich zu befreien, also ein bisschen mehr Toleranz im Elternhaus zu verlangen, die Garderobe, den Lebensstil, das alles ein bisschen anders zu machen. Und leichter und offener"."

Mitte der fünfziger Jahre brechen Spannungen zwischen Heranwachsenden und Eltern, Lehrern, Polizisten - kurz den Ordnungshütern aller Couleur - auf, die sich seit dem Ende des Krieges aufgestaut hatten. Jugendliche artikulieren mit bisher nie da gewesener Intensität und Selbstsicherheit eigene kulturelle und gesellschaftliche Ansprüche und verweigern den Autoritäten die gewohnte Disziplin. Die Rebellen sind eine Minderheit und werden - da sie meist noch minderjährig sind - als "Halbstarke" diffamiert.

SWR-Reportage vom 08.12.1956: ""Einen Halbstarken kann man auf den ersten Blick erkennen: Die Bekleidung besteht meistens aus Texashose, schweren Schuhen, Buschhemd und Halstuch. In vielen Fällen sind es Jungens im Alter von 16 bis 20 Jahren. Nichtstuer, die zu faul zum Arbeiten sind und demnach viel Zeit und Langeweile haben"."

Das Klischee etabliert sich schnell. Auch Altersgefährten blicken skeptisch auf die aufmüpfigen Jugendlichen und denken wie ihre verständnislosen Eltern, Lehrer oder Politiker.

SWR-Umfrage, 1956 und Äußerungen des Bayerischen Innenministers August Geislhöringer:

August Geislhöringer: ""Das jugendliche Rowdytum hat sich bei uns besonders unangenehm bemerkbar gemacht, seit etwa zwei Monaten. Wir haben auch dann sofort durch unsere zuständige Abteilung die Organe unserer Polizei aufmerksam gemacht, dass sie diesen Dingen ihre besondere Aufmerksamkeit widmen muss und mit aller Entschiedenheit, und wenn es sein muss - wie ich gesagt habe - auch brutal vorzugehen"."

SWR-Reportage vom 08.12.1956: ""Halbstarke trifft man selten allein an. Sie treten meistens in Gruppen auf. Fahren abends oder auch am Tage wie die Wilden mit ihren Mopeds in der Stadt herum und vergnügen sich mit Mädchen"."

August Geislhöringer: ""Wenn man die mit Glacéhandschuhen anfasst, dann macht man sich ihnen gegenüber lächerlich"."

In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hieß es schon zum Jahreswechsel 1955/56, wenn die Tendenz der "Verwahrlosung und Verrohung" der Jugend anhalte, habe man mit einer Gefahr für die Gesellschaft zu rechnen, die - wörtlich: "schlimmer sei als die Atombombe".

SWR-Reportage vom 08.12.1956: ""Als Gegenmittel für diese Jugendlichen wüsste ich im Moment nur die Wehrpflicht, in der sie hoffentlich etwas Schliff bekommen würden"."

Die jugendlichen Rebellen kommen meist aus den großstädtischen Arbeiterbezirken. Nicht immer, aber oft fehlt ihnen der Vater. Ihre Kindheit verleben sie in den Nachkriegsjahren. Not bestimmt den Alltag, das Wirtschaftswunder erreicht sie erst spät. Dorit, Bernd und Wolf:

Dorit: ""Anschreiben beim Kaufmann war Realität, war Norm. Und dann gab's andere, die schon was hatten. Der Vater hatte 'n Auto, die hatten etwas bessere Sachen, die Eltern fuhr'n nach Italien schon, haben den Kindern schon Schuhe mitgebracht. Und wir warn die Armen"."

Bernd: ""Meine Mutter hat immer darauf geachtet: Was soll'n die Nachbarn sagen. Sie hat nicht aus sich selbst gelebt, sondern immer nur, was andere wohl denken könnten"."

Dorit: ""Bleib sauber und zieh dich anständig an! Und du bist um neun Uhr zu Hause! Und man küsst sich nicht auf der Straße!"

Wolf: "Meine Mutter war vielleicht in dieser Weise mindestens so überfordert, wie viele Leute damals eben auch war'n. Also, es gab eigentlich wenig Gelassenheit, wenig Ruhe, wenig Toleranz"."

Mit dem Aufkommen des Rock 'n' Roll haben die jungen Leute ihre Musik gefunden. Der Amerikaner Bill Haley experimentiert mit Rhythmen aus den schwarzen Gettos und schreibt den Song "Rock Around The Clock". Der Titel bricht schnell alle Umsatzrekorde und wird 1955 zur weltweit meistverkauften Schallplatte.

Wolf: ""Und dann kam Elvis dazu. Da gab's dieses 'Tutti Frutti', was von Pat Boon gesungen wurde. Also, der hat das'n bisschen langsamer gesungen und 'Tutti Frutti' von Elvis war enorm schnell. Also, der brachte dann so 'ne neue Dimension dazu. Und dann hörten wir alles, was so mit Little Richard oder mit Chuck Berry oder so war"."

Dorit: ""Meine erste Musikerinnerung war, bevor ich Elvis-Fan wurde, Bill Haley. Der hat ja uns den Rock 'n' Roll, wenn man so will, überhaupt erst mal aufgedeckt, aufgezeigt. Er hat den nach Deutschland gebracht"."

Wolf: ""Diese Musik zu hören, war, wenn man nicht total taub war, einfach so entflammend, dass man einfach in so 'ne Schwingung rein kam"."

Bernd: ""Der Jazz war das Erlaubte und dieser Rock 'n' Roll war ja für viele Jazzer mehr so 'ne Moderichtung. Oder dachten sie, es wäre eigentlich nur 'ne Moderichtung. Dass damit etwas aufgebrochen wurde, das haben die wahrscheinlich auch gar nicht gesehen oder sehen wollen. Ach, das war 'ne Musik. Das hör'n die Arbeiter zur Musikbox. Das ist 'ne Musik der Unterschicht gewesen"."

Dorit: ""Also, die Erwachsenen waren gegen diese Hottentotten-Negermusik - die wurde so betitelt"."

Wolf: ""Musik wurde plötzlich zum Widerstand. Nicht die Musik war der Widerstand, sondern die Gesellschaft hat sich diese Musik als Widerstand ausgedacht"."

Im Herbst 1958 tourt Bill Haley mit seiner Band durch Deutschland. Bernd ist in Berlin dabei, in Stuttgart ein Team des Süddeutschen Rundfunks.

SDR-Reporage vom 27.10.1958: ""Bill Haley: Idol einer Jugend oder Schreckgespenst einer Zeit. Zum Abschluss seiner viel diskutierten Deutschlandtournee hatte die Stuttgarter Polizei eine wahre Demonstration veranstaltet"."

Bernd: ""Bill Haley war mein erstes Konzert überhaupt. Auf einmal kommt der wirklich hierher. Kaum zu glauben. Det war für mich klar, da musst du hin irgendwo, nicht. Also, gestylt. Halbe Stunde oder 'ne Stunde vorm Spiegel gestanden, ne? Man hat sich in Schale geschmissen irgendwo. Man wollte gebührend seinem Image - sozusagen dem Affen Zucker geben"."

SDR-Reportage vom 27.10.1958: ""An langen Kraftfahrzeugreihen der Polizei entlang zogen die Besucher in die größte Halle im Stuttgarter Ausstellungspark Killesberg"."

Bernd: ""Und das war schon so eine Atmosphäre. Ein Gejohle - und so gewunken zu den Polizisten. Also, war alles irgendwie so. Ja, man merkte, jetzt kommen wir aus allen Bezirken. Sollt mal sehen, wenn hier 5000 Leute"."

SDR-Reporatge vom 27.10.1958: ""Bereitschaftspolizei machte ihrem Namen Ehre. Während drinnen die moderne Entfesselung über die Bühne ging"."

Bernd: ""Ich weiß nicht, wie lange Haley spielte. Also, lange nicht. Jedenfalls flog als erstes irgendwo 'n Stuhlbein, und 'n Glasscheibe ging kaputt. Das Konzert wurde abgebrochen. Oder beziehungsweise es war nicht klar: Hat der nun zu Ende gespielt oder ist es abgebrochen? Jedenfalls war mit einem Mal Schluss"."

SDR-Reportage vom 27.10.1958: ""Wer randalieren will, lässt sich die günstige Gelegenheit so leicht nicht nehmen. Im Endeffekt ist die Polizei natürlich stärker. Und gegen Pferde ist ohnedies nichts auszurichten. Nach Ende der Veranstaltung blieb ein verhältnismäßig kleines Häufchen von genau 53 zerbrochenen Stühlen"."

Die Gesellschaft ist verunsichert. Journalisten suchen nach Erklärungen. Kurze Zeit nach der Konzerttournee stellen sich Radiomacher des "Süddeutschen Rundfunks" dem rätselhaften Thema: "Das Problem Rock 'n' Roll - Über die körperliche Wirkung von Musik".

SWR-Interview mit Dr. Günter Clauser, 1958.

Reporter: ""Liebe Hörer, sie werden sich bestimmt wundern, dass unser Zeitfunk aus Forschung und Technik so völlig unprogrammgemäß mit Rock 'n' Roll beginnt. Aber das hat seinen besonderen Grund heute. Junge Leute im entsprechenden Alter fühlten sich anscheinend durch den Rock 'n' Roll angeregt zu wilden Taten. Und wir fragten uns: Sind sie eigentlich alle einfach bösartige Radaubrüder oder sind sie Neurotiker oder was ist eigentlich los mit ihnen? Wir gingen mit diesen Fragen zu einem Wissenschaftler, einem Mediziner und Psychologen. Es ist Dr. Clauser von der Nervenklinik der Universität Freiburg im Unkirch. Warum diese Wirkungen bei Rock 'n' Roll, die wir erlebt haben in den letzten Wochen?"

Dr. Clauser: "Ja, ich glaube, dabei wird einfach die Lust an einem Urrhythmus geweckt, dem sich dann eine ganze Masse von Menschen bedingungslos hingibt"."

Reporter: ""Aber wir sind ja heute keine Eingeborenen mehr. Wie also nun dieses Problem auf die Gegenwart und auf uns Europäer übertragen?"

Dr. Clauser: "Sie müssen bedenken, dass unsere europäische oder sprechen wir lieber von unserer deutschen Jugend in einem Schilderwald von Verbotstafeln groß wird. Und dass hier einfach ein Urphänomen auftaucht, aus einer fernen Welt, und uns vormacht, wie man sich bewegen kann, ganz nach seinem inneren Verlangen und ganz nach seiner Lust"."

Reporter: ""Sie sagen also, Rock 'n' Roll ist nichts anderes als eine Gelegenheit, sich so zu geben, wie einem zumute ist. Nun wird aber andererseits behauptet, diese Musik sei Gift. Es wird behauptet, diese Musik würde geradezu angetan sein, um sexuelle Anregungen zu geben"."

Dr. Clauser: ""Tja, also da muss ich doch betonen, dass es wohl keinen unsexuelleren Tanz gibt als Rock 'n' Roll. Die sexuelle Ansprechbarkeit und der erotische Reiz liegt vielmehr im langsamen Walzer und im Blues und in einem schwülen Tango etwa, als in dem urnatürlichen Bewegungstanz des Rock 'n' Roll. Hier sehe ich überhaupt keine Gefahr. Ich sehe die Gefahr nur dort, wo prüde Erwachsene sie an die Wand malen. Wenn wir die Konsequenz ziehen, dann müsste die etwa so lauten: Wir müssen das Bedürfnis dieser Menschen erkennen, dass hinter dem Tanz steckt. Es ist einfach das Bedürfnis, sich einmal so zu geben, wie es ihnen zumute ist. Ich denke dabei gerade daran, dass es auch in unserer ärztlichen Arbeit ja oft erforderlich ist, den Menschen wieder so weit zu führen, dass er den Mut hat, sich zu zeigen. Dass er den Mut hat, sich so zu geben, wie es ihm sein inneres Gefühl sagt und die Maske abzulegen, mit der er auf der Bühne der Welt sein Schauspiel über die Bretter bringt"."

Bernd: ""Der Wirt hat gesagt, Samstag ist Preistanz. Und dann hat sich der Wirt mit zwei Leuten vor die Jukebox gesetzt und 'n Zettel gehabt und hat Punkte verteilt. Meistens ging's dann irgendwie nach klatschen, ne. Sechs, sieben Pärchen warn's dann immer. Und so hab ich dann so in diesen kleinen Kneipen die ersten Preise abgebissen, sozusagen"."

1956 erscheint eine Untersuchung des Bielefelder EMNID-Instituts zur Situation der deutschen Jugend im Bundesgebiet und in Westberlin. Ihr Titel: "Wie stark sind die Halbstarken?". Danach befinden sich die Liebhaber moderner Tänze wie Rock 'n' Roll noch in der Minderheit. In den Großstädten sind es um die zehn Prozent. Tendenz steigend.

Dorit: ""Und als wir dann hörten, dort gibt's 'n Club, die spiel'n Rock 'n' Roll, und dann sind wir da hin. Ham uns älter gemacht. Haben an der Tür gesagt, wir sind älter. Und haben uns wild geschminkt und gingen dann auch so'n bisschen durch. So 18, 19"."

Zunächst tanzen die jungen Leute nach Schallplatten aus der Jukebox. 1957 stehen davon bereits 12.000 in Kneipen, Cafés und Milchbars. Drei Jahre später sind es schon 50.000. Bands, die den Rock 'n' Roll originalgetreu nachspielen können, sind noch rar. Auch manche Gastwirte behindern die Jugendlichen.

Wolf: ""In der Stadt gab es Tanzlokale, wo'n Schild hing 'Offen tanzen verboten'. Also, das heißt, man durfte seine Partnerin nicht mit einer Hand führen, sondern man musste sie immer mit beiden Händen berühren. Also war es eben so, dass man dann eben versucht hat, Lokale zu finden, wo'n Wirt war, der das 'n bisschen lockerer gesehen hat"."

Dorit: ""'Slupi', Lichterfelde. Uns war kein Weg zu weit - im tiefsten Winter, minus 20 Grad, um dahin zu fahren"."

Bernd: ""Das war das 'Tip-Top', 'Der gemütliche Paule', bei mir unten im Haus 'Die Mickeymaus', dann schräg rüber 'Lausitzer Eck'"."

Dorit: ""Ganz verrufen war in der Potsdamer Straße die 'Grüne Hölle'"."

Bernd: ""Erstmal hab ich so'n paar Tanzschritte zu Hause noch eingeübt. Platte aufgelegt. Und dann hab ich an der Tür - sozusagen, die Tür festgehalten, zu- und rangezogen wie den Arm der Frau und hab da'n bisschen meine Schritte eingeübt, um den Rhythmus zu spüren"."

Dorit: ""Wir haben mit 'n Besen getanzt. Alles, was nur tanzbar war. Ist unvorstellbar, ne? Vielleicht war das 'ne Flucht? "

Wolf: "Die Halbstarken sind ja die Generation, dieser Spießergesellschaft sich nicht hinzugeben, sondern so 'ne gewisse Opposition zu haben. Und dieses Tanzen als neues Lebensgefühl für sich zu begreifen. Und gegen alle Konventionen so 'n Lebensgefühl auszudrücken"."

Dazu gehört auch ein besonderes Outfit, für Jungen wie für Mädchen. Die Vorbilder stammen aus amerikanischen Jugendfilmen oder auch aus der deutschen Produktion "Die Halbstarken" von 1956. Vor allem in den großen Städten verbreitet sich der 'Dresscode' unter den jungen Leuten schnell. Die Modeindustrie macht gute Geschäfte.

Dorit: ""Wie kleidet man sich, um sich abzusetzen von der andern Gruppe der artigen Mädchen? Das war ganz gravierend"."

Bernd: ""Von meinem ersten Lehrgeld hab ich mir dann irgendwie 'n paar Jeans gekauft. Und dann hab ich, mit Scheuersand hab ich mir hier vorne die Jeans abgescheuert, hier wo die Schenkel sind und ganz wichtig immer hell gescheuert, wo der Hosenschlitz, nicht. Dass das irgendwie alt aussieht, oder so'n bisschen abgegriffen. Also furchtbar: neue Jeans, nicht"."

Wolf: ""Mein Lehrausbilder hat gesagt: Also, für die Jeans, die du da kaufst, hättest du dir doch drei Hosen kaufen können, die 'ne Bügelfalte haben. Also richtige Hosen! Und da hab ich gesagt: Trag du deine Bügelfaltenhosen, und ich trag' dies!"

Bernd: "'58 kam ich in die Lehre und von einem älteren Kollegen - also der war zwei Jahre älter - der hat mir dann, weil er gemerkt hat: Aha, ich bin der Musik zugetan, sagte er: 'Ich kauf mir 'ne neue Lederjacke, kannst meine alte Lederjacke haben'. Ich glaub, für zehn Mark oder zwanzig Mark so. Da hatte ich Lederjacke und Jeans. Und dann gehörte ich dazu"."

Wolf: ""Also, Frisur war auch noch mal ganz wichtig"."

Dorit: ""Und notfalls die Schwester musste hinten die Ente ziehen mit 'n Kamm, Stielkamm. Oder Mutter - wenn es 'ne moderne Mutter war - die hat dann hinten geholfen. Und dann wurde der Seitenspiegel genommen und geguckt, ob denn diese Ente auch hinten richtig übereinander geschlagen ist und die Linie hatte"."

Bernd: ""Und dass die hielt, die musste ja immer in Form bleiben. Entweder hat man Seife genommen - also ich habe immer Seife genommen. Und wenn das geregnet hat, dann lief mir die Seife hier runter. Und dann hing' die runter, die Haare. Dann bin ich aber gleich nach Hause gegangen. Meine Welle war weg, nicht"."

Dorit: ""Wir wollten uns einfach von dieser Armut, von dieser Einheit absetzen. Nicht mehr grau in grau und abgetragene Sachen. Fanden wir alles schrecklich. Wir wollten einfach anders sein"."

RIAS-Reportage vom 14.07.1956: ""Seit diesen neuerlichen Zusammenstößen zwischen Halbwüchsigen und der Polizei sind die Diskussionen nicht abgerissen. Hat die Polizei sich richtig verhalten? Ist sie überhaupt in der Lage, durch Großrazzien das Problem aus der Welt zu schaffen? Oder gibt es andere, ruhigere und wirkungsvollere Maßnahmen, um die Ordnung in der Afrikanischen Straße wieder herzustellen und die Wenigen, wirklich Schuldigen festzustellen? Wir befragten einige Bewohner dieser Straße, ob sie mit den Maßnahmen der Polizei einverstanden seien - mit dem rücksichtslosen Einsatz, in dessen Verlauf leider auch immer wieder zahlreiche harmlose und unschuldige Passanten den harten Griff und den Knüppel der Polizei zu spüren bekamen. Hier eine Weddingerin, deren Wohnung unmittelbar über dem Treffpunktlokal der Motorradfahrer liegt"."

Anwohnerin: ""Sehr richtig ist das"."

Reporter: ""Fanden das richtig von der Polizei?"

Anwohnerin: "Ja, ich fand das richtig. Dann brauchten wir ja keine Polizei, wenn nun keiner dagegen was machen sollte, nicht?"

Reporter: "Glauben Sie, dass es noch andere Maßnahmen gibt. Dass man mit den Jugendlichen mal sprechen und diskutieren sollte?"

Anwohnerin: "Die sind ja so frech. Man sieht das doch, nicht? Wir sind manchmal frühmorgens hier runtergekommen und haben gesagt: War das mal wieder eine fürchterliche Nacht!"

Reporter: "Sie haben auch schon mal die Polizei angerufen?"

Anwohnerin: "Ja, für's ganze Haus. Weil ich Telefon habe. Desto schlimmer wird es mit den Jugendlichen"."

Jugendlicher: ""Die war'n ja früher auch nicht alle…Die haben genauso Streiche gemacht. Aber heute ist das alles der Zeit entsprechend. Was ham die denn auch schon, wo könn' die denn hin? Wenn wir irgendwo hinwoll'n kostet's 'n Haufen Geld. Was soll'n wa denn jetzt machen?"

Älterer Anwohner: ""Wir arbeiten ja och 'n ganzen Tag schwer. Da sind wir och abends müde. Uns stört das sowieso nicht. Das sind eben die alten Tanten, die am Tage nichts zu tun haben. Ganzen Tag kalfaktern se rum, und nachts könn' se nich' schlafen. Det is' der Witz. Die stört natürlich jedes bisschen, wenn 'n junger Mensch 'n bisschen lustig ist, wa? Weil es zu laut is'. Soll'n se doch's Fenster zumachen! Dann is' jut! Man hätte das man wohl auch anders ausarten lassen können, nich'? Als wie gleich mit 'n Knüppel drauf zu schlagen. Das war wohl nicht das Richtige hier in Westberlin, hier"."

Die bürgerliche Mehrheit - vornehmlich durch Kaiserreich, Weimarer Republik oder Nationalsozialismus geprägt - ist von der Renitenz der Jugendlichen überrascht und lehnt sie kategorisch ab. Auf Kompromisse will man sich nicht einlassen. Verständnis für den rebellischen Teil der Jugend ist eher selten.

DRB-Reportage, 1956: ""Kofferradios, Motorknattern, Geschrei und Gesang - das alles gehört zu der Geräuschkulisse, mit der sich vor allem die jüngeren Bewohner der Zeltplätze gern umgeben. Ruhe und Erholung für die wirklichen Campingfreunde sind meist dahin. Von der Polizei, der Forstverwaltung und dem Deutschen Campingklub suchten wir zu erfahren, was sie gegen diese Auswüchse zu tun gedenken"."

Reporter: ""Als Halbstarkeneldorado und als ein Platz, auf dem es etwas wüst hergeht, ist der Zeltplatz am Heckes Horn in letzter Zeit bezeichnet worden. Und auch Anwohner haben sich über den starken Lärm beklagt, so dass wir jetzt einmal mit dem Reviervorsteher des Wannseer Polizeireviers, mit Herrn Schmidts, hier herausgegangen sind"."

Polizist: ""Das so genannte - wie Sie es bezeichnen - Halbstarkenproblem gibt es hier in unserer Zeltstadt am Heckes Horn in diesem Sinne nicht. Ordnungswidrigkeiten, die hier und da begangen werden, oder Handlungen, die den Charakter einer strafbaren Handlung tragen, die sind verschwinden gering"."

Reporter: ""Es wird immer wieder behauptet, dass Jugendliche, zum Teil auch noch Minderjährige - und zwar Jungen und Mädchen - unkontrolliert zusammen zelten und dass die Polizei hier zu wenig eingreift"."

Polizist: ""Wir als Polizei haben keine Befugnis, beispielsweise in - aus eigener Machtvollkommenheit - an ein geschlossenes Zelt heranzutreten, um, weil wir vielleicht die Annahme haben, da könnten Jugendliche beiderlei Geschlechts zelten und schlafen. Diese Befugnis steht uns nicht zu"."

Zwischen 1956 und 1958 registriert die Polizei in der Bundesrepublik 93 so genannte "Krawalle" mit mindestens 50 Beteiligten. In Dortmund sind im Herbst 1956 rund 2000 in Zusammenstöße mit der Polizei verwickelt. Die Aktivisten sind männliche Jugendliche zwischen 16 und 17. Bernd und Dorit erleben diese Jahre in Westberlin, Wolf in Ostberlin.

Bernd: ""Es gab da drunter welche - genau wie heute - die kriminell sind. Die gab's auch unter den Halbstarken. Und da gab es auch welche, die war'n die Friedlichsten der Friedlichsten. Die einfach auch Familie suchten. Also, es gab so viele Charaktere innerhalb der Gruppe. Aber, da sie sich irgendwo vom Äußeren 'n bisschen alle anglichen haben, hatte das den Eindruck, da kommt 'ne kriminelle Vereinigung, nicht"."

Dorit: ""Ständige Auseinandersetzungen. Du darfst nicht! Und wenn du nicht jetzt pünktlich kommst, dann kommst du in ein Erziehungsheim. Also, immer Androhung von irgendwelchen Strafen, ja"."

Bernd: ""Ich bekam eine Strafverfügung mit folgendem Sachverhalt: Herr Feuerhelm hat als Fußgänger beim Überqueren der Fahrbahn nicht wie vorgeschrieben, den kürzesten Weg quer zur Fahrtrichtung gewählt. In der Folge des Überquerens der Fahrbahn führte er in Begleitung einer weiteren männlichen Person auf der Fahrbahnmitte Tanzbewegungen aus, die den fließenden Kraftfahrzeugverkehr zur Berufszeit behinderten"."

Wolf: ""Wo ist das Problem, wenn wir hier stehen und 'Schlager der Woche' hören? Wo ist das Problem? Und da hat der Polizist dann gesagt: Auf ‘n Haufen steht die Frage nicht. Ja also, er hätte sagen können: Draußen ist es kälter als dunkel. Und dann wäre das genauso richtig oder genauso unsinnig gewesen. Und dann hat der, weil wir natürlich nicht auseinander gingen, an der nächsten Ecke diesen Notrufmelder der Volkspolizei benutzt, um 'n Funkwagen zu holen. Dann kam der Funkwagen"."

Bernd: ""Es ist nämlich Folgendes passiert dadurch: Als ich nachher dieses Image weg bekommen habe, habe ich das Image gepflegt. Da hab ich gesagt: Na, wenn ich's schon bin, na bitte, dann zeig' ich euch, dass ich jemand bin. Und dann hab' ich mich auch so benommen. Und das war dann 'n Stück Freiheit"."

In der DDR spielen verantwortliche Funktionäre den aufgebrochenen Konflikt mit Teilen der Jugend herunter. Gestrauchelten bietet der Staat - wie im Defa-Film "Berlin Ecke Schönhauser" gezeigt - eine neue Chance innerhalb der sozialistischen Gesellschaft. Unbelehrbare werden strafrechtlich verfolgt. Das Halbstarkenproblem in Westdeutschland versucht man dagegen, für eigene propagandistische Zwecke zu nutzen. Der damalige Ostberliner FDJ-Chef Hans Modrow, heute Ehrenvorsitzender der PDS, rät 1956 allerdings, die Bezeichnung "Halbstarke" selbst nicht zu verwenden.

Hans Modrow: ""Um so mehr deshalb nicht, weil sich doch eindeutig zeigt, dass dieser Begriff nicht nur zur schamlosen Beschimpfung genutzt wird, sondern dass man ihn auch nutzt, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Man nutzt ihn, um heute mit der Jugend und über die Jugend zu schimpfen und morgen dann in Westdeutschland die Jugend in die Kaserne zu holen"."

Dorit: ""Diese Art von Musik, die da zu uns rüber kam, dieser Rock 'n' Roll, der hat uns befreit. Ich denke, dem ham wir viel zu verdanken. Dass wir nicht irgendwelche Frustsachen nach Innen gekehrt haben. Sondern meine Gruppe, hier meine Clique, wir haben damit gut gelebt"."

Der Protest ist spontan und unstrukturiert. Die jugendlichen Gruppen aus dem großstädtischen Arbeitermilieu verstehen sich als Ersatzfamilie. Sie rebellieren gegen die normative Kultur und Lebensweise und definieren sich über Rock 'n' Roll und ihre Kleidung. Auch wenn einige der Jugendlichen ins kriminelle Milieu abdriften, wie der Hauptheld im Film "Die Halbstarken", kann nichts darüber hinweg täuschen, dass die übergroße Mehrheit friedvoll die Provokation lebt. "Die Rebellion der 68er - hier beginnt sie sich abzuzeichnen", heißt es im "Spiegel" im November 2005.

Wolf: ""Das Thema 'halbstark' ist eigentlich 'n Dauerthema seit schon immer. Also, ich glaube, es gab immer Leute, die diese Kategorie und diese jungen Leute versucht hat, abzudrängen oder klein zu reden oder schlecht zu machen. Und diese Angst von älteren Leuten vor 'Halbstarken' ist, glaube ich, genau das Thema von Alter. Es ist gar nicht das Thema der jungen Leute, sondern es ist 'n Thema von 'alt'"."

Bernd: ""Diese Frechheit, die ich mir damals raus genommen habe, diese Frechheit nehm' ich mir heute noch raus. Und zwar diese Frechheit, die auf mich bezogen ist und auch die Frechheit, die auf so bestimmte Strukturen, auf einengende Strukturen. Also, da hab ich immer noch so 'ne unheimlichen Sensoren für, wo ich merke, da engt mich irgendwas ein"."

Dorit: ""Wir waren eine neue Generation. Das kannten die nicht. Denn die Eltern in der Zeit, die haben ja noch gehört. Die haben ihren Eltern noch gehorcht, wie man so sagte. Total autoritär erzogen"."

Wolf: ""Und 'halbstark' war was Subversives, weil es der gelebte Widerspruch war"."

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