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Religionen / Archiv | Beitrag vom 03.01.2009

Die Hände zum Himmel

Zu den verschiedenen Körperhaltungen und Gesten im jüdischen, christlichen und muslimischen Gebet

Von Stephanie Jaeckel

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Betende Muslime (AP)
Betende Muslime (AP)

Manchen Gläubigen ist es nicht erlaubt, im Liegen zu beten, manche sollen am besten völlig bekleidet, also auch mit Schuhen, im Stehen beten, andere dagegen die Schuhe ausziehen, und sich niederwerfen. Doch gibt es auch viele grundsätzliche Ähnlichkeiten, denn, kulturgeschichtlich betrachtet, stammt der Grundschatz der Gebetshaltungen aus dem höfischen Zeremoniell des antiken Orients.

"In allen Religionen gibt es Gesten, die auf das Gebet vorbereiten. So hebt ein Muslim, nachdem er sich zum rituellen Tagesgebet Richtung Mekka gestellt hat, beide Hände an die Ohren. Jemand, der zum Beten in eine christliche Kirche gekommen ist, mag sich vielleicht erst einmal hinsetzen."

"Also, diese Meditation beginnt (...), indem er die Handflächen (...) bis zu den Ohrläppchen bringt und eben so eine Bewegung macht, als ob er etwas von seinen Schultern ablegen würde, das wäre sozusagen die Öffnung zum Einen zum Schöpfer hin – aber auch das Weltliche wird nach hinten abgelegt, also das Ego und mein Job und mein Stress zu Hause, in der Familie, und so weiter, und dabei sagt man 'Allah ...' und das ist auch diese Lobpreisung, die man immer wieder macht, 'Allah ...' bedeutet 'Nur Gott ist größer'."

"Ich setze mich einfach hin, und lass alles, was in meinem Kopf ist – (...) der Kopf ist ja voller Bilder – (...) da lasse ich alles zu und es läuft wie ein Film ab (...) und irgendwann kommt dann der Eindruck "jetzt hörst du auf!" Und wenn ich dann sitzen bleibe, und dann ist dieser Film abgelaufen und ich bin einfach nur da. Und das ist der Moment, wo es möglich ist. Dann (...) kommen Einsichten, die ich vorher nicht hatte. (...)"

Stehen gilt Juden, Christen und Muslimen als angemessene Haltung für eine Begegnung mit Gott. Sitzen dagegen ist in rituell festgelegten Gebeten nicht vorgesehen, es ist jedoch schon Bestandteil früher christlicher Liturgie und lädt hier zum meditativen Gebet ein oder zur Einstimmung auf die Gemeinschaft. Wochentags legen orthodoxe Juden vor dem Morgengebet ihre Tefillin an, zwei lederne Riemen mit je einer Kapsel, in denen kleine Pergamentstreifen mit Torazitaten aufgerollt sind.

"(...) das ist ja hergeleitet auch aus Bibelstellen, (...) wo eben gesagt wird, (...) von Gott, du sollst meinen Namen zwischen deinen Augen, auf deine Stirn, auf deinen Arm oder deine Hand schreiben, es gibt da verschiedene Übersetzungen, und da hat man das hergeleitet. (…) gerade diese Armwicklung ist sehr komplex und geht ja dann runter bis in die Hand, da gibt es auch verschiedene Sorten bei der Handwicklung, da entsteht dann auf der Hand, ein Buchstabe, ein hebräischer Buchstabe, für den Gottesnamen, am Kopf ist es ja nur einmal um die Stirn gelegt, das geht relativ schnell, aber es ist immer eine Konzentration."

Aus den über die Jahrhunderte tradierten Gebetsgesten und –texten eine eigene, stimmige Form zu finden, fällt nicht immer leicht. Esther, die vor kurzem zum katholischen Glauben konvertiert ist, fühlt sich noch unsicher in der Gebetspraxis:

"Vorgestern hatten wir (...) einen Schrein von der Heiligen Therese bei uns in der Kirche, (…) die ganze Nacht, bis morgens,(…) - das war so ein starkes Erlebnis auch (...), dass es dann schwierig ist, dann wieder so diese Umstellung (...) auf das normale Beten in Anführungsstrichen, weil, man hat ja da diese Präsenz im Reliquienschrein und dann noch die Monstranz, und (...) da fragt man sich so danach, im ersten Augenblick, so, (...) wie ist jetzt wieder der normale Weg, wenn ich jetzt normal bete – und ganz direkt mit Gott spreche (...) da war dann zum ersten Mal, dass ich so Probleme hatte, so bei dieser Umstellung von dieser ganz starken Erfahrung auf dieses Normaltempo, auf diesen Normalzustand."

"(...) meine Seele klebt am Boden.
Durch dein Wort belebe mich!
(...) ich erhebe meine Hände zu deinen Geboten;
nachsinnen will ich über deine Gesetze
(...) Herr, ganz tief bin ich gebeugt.
Durch dein Wort belebe mich!
(...) Aus Erfurcht vor dir erschauert mein Leib,
vor deinen Urteilen empfinde ich heilige Scheu."

Jammern, Murmeln, Weinen gehört zum biblischen Gebet ebenso wie große Gesten der Unterwerfung. "Meine Seele klebt am Boden" heißt es in Psalm 120 und selbst Jesus hat, so überliefert es das Neue Testament, mit lautem Schreien und unter Tränen gebetet. Aus dem christlichen Gebet ist dieses sich Niederwerfen weit gehend verschwunden. Es hat jedoch seinen festen Platz in der katholischen Karfreitagsliturgie und bei der Priesterweihe. Monsignore Alfons Kluck, Pfarrer der Sankt Hedwigs Kathedrale in Berlin erinnert sich:

"(...) für mich war das damals (...) die Haltung der Verfügbarkeit. Ich stehe nicht auf, ich behaupte mich jetzt nicht in diesem Moment, ich gehe nicht los, und renn auch nicht weg, ich leg mich auf den Boden, ich bin da. Das ist meine Haltung gewesen bei der Priesterweihe – ich kann mich gut daran erinnern. Es hat uns allerdings niemand (...) damals gesagt, was es bedeutet, und warum wir es tun. Aber ich denke, wir wussten es alle."

Im Islam dagegen ist die alte orientalische Unterwerfungsgeste bis heute üblich. Bei Führungen durch die Berliner Sehitlik-Moschee erklärt Ender Cetin, ein in Deutschland aufgewachsener Türke, die verschiedenen Stationen des muslimischen Ritualgebets:

"Die beugende Haltung symbolisiert Dankbarkeit, dass der Mensch auch seinen Stolz brechen soll, und eben bescheiden sein soll (...), sich bewusst machen soll, dass die Dinge Gnadengaben des Schöpfers sind. Man sagt auch, die beugende Haltung ist ein Symbol, dass man auch im Namen der gesamten Tierwelt, die ja meistens Vierbeiner sind, betet. (...) Und die niederwerfende Haltung, heißt es, ist die absolute Begeisterung und auch die Demut und die absolute Hingabe, wo ich auch eben als Mensch spüren soll, ich bin schwach, ich kann selber nichts erschaffen, das Vertrauen liegt bei Gott (…), und wenn man die (...) Haltungen als Zeichen mit einem Stift auf ein Blatt zeichnen würde, dann sehen die ähnlich aus wie die Buchstaben von A, D und M im Arabischen, (...) das bedeutet Adam, Adam ist der erste Prophet, und der erste Mensch (...), das heißt, der Mensch ist in der Lage, sich zu beugen und zu bücken und demütig auch durch die Welt zu gehen, nicht wie ein A ein Aleph sage ich mal, im Arabischen, sehr (...) hochnäsig oder hochmütig."

Die meisten Anbetungsgesten sind höfischen Ursprungs. Im Laufe der Zeit verloren sie jedoch ihren weltlichen Aspekt. Monsignore Alfons Kluck:

"Wenn ich knie, dann ist es (...) ja ein bewusstes sich Kleinmachen vor Gott, und dahinter steht, (...) indem ich an Gott glaube, bekomme ich eine neue Freiheit, ich knie nur vor Gott und nicht vor Menschen. Oder: ich buckle nicht vor Menschen. Das ist die Freiheit der Kinder Gottes, wie ich sie verstehe. Und wenn ich mich hinknie, bedeutet das für mich (...) jetzt knie ich vor Gott, und befreie mich von allen Zwängen, die Menschen mir auferlegen wollen oder unbewusst auferlegen. Und (...) das ist etwas, was dann auch mit Anbetung zu tun hat. Ich bete Gott an. (...) und nicht Menschen."

In Synagoge, Kirche und Moschee werden die Gebete während der Gottesdienste von festgeschriebenen Gesten und Körperhaltungen begleitet. Wer unsicher ist, schaut vorher ins Gebetbuch, fragt einen Imam, oder orientiert sich an den Mitbetenden. Dazu noch einmal Esther:

"(...) ich guck schon auch so, in der Messe, was machen denn jetzt die anderen, das ist schon sehr hilfreich (…) wenn die dann einfach so dasitzen, mit geschlossenen Augen, dann merkt man, ah ja, okay. ich kann jetzt einfach nur (...) hier sein, ich muss jetzt nicht denken, dass mich hier jemand beobachtet, (---) ich hab zum Beispiel auch, (...) dieses Vater Unser (...), so, mit diesen offenen Händen beten (…) und hab so ein bisschen geguckt, wie machen das jetzt die anderen, und wie halten die die Hände genau, und dann hält natürlich jeder unterschiedlich, der eine hält mehr so zusammen mit den Fingerspitzen, und das ist auch schon hilfreich, (...) wenn man dann so ein bisschen unsicher ist noch – und es bei anderen so sieht."

"Das persönliche Gebet ist etwas so, wie Liebende sich (...) unterhalten. Und die Sprache der Liebe ist leise (...) während das Gemeinschaftsgebet ein lautes ist, da wird die Verbindung miteinander sehr stark betont vor Gott."

"Judentum funktioniert ja eigentlich nur in der Gemeinschaft. Und daher gibt es ja auch dieses Quorum von zehn Männern, traditionell, was man braucht, für einen Gottesdienst, im liberalen sind es zehn Menschen, (...) insofern, es funktioniert schon besser, für mich auch, in der Gemeinschaft. (---) das kann man eben auch überall reproduzieren, wenn man einfach nur mit Gleichgesinnten zusammen ist, man braucht ja keine Synagoge, in dem Sinne."

Julia zählt sich zum liberalen Judentum. Den Gottesdienst beschreibt sie als eine Art Meditation, allein schon weil auf Hebräisch gebetet und gesungen wird. Auch hier gibt es verschiedene rituelle Bewegungen, die Betenden sitzen oder stehen, und am Freitags-Gottesdienst drehen sie sich an einer bestimmten Liedstelle zur Tür um, um die Braut Schabbat zu empfangen. Aber es gibt in der Synagoge noch eine Gebetshaltung, die – verglichen mit anderen Religionen – aus dem Rahmen fällt. Britta, die wie Julia am Jüdischen Museum Berlin arbeitet, erklärt:

"(...) also, ganz extrem nennt man das 'schockeln' - (...) das ist das Vor- und Zurückwippen (...) es fängt eigentlich damit an, dass man diesen Nachdruck (….) in der Körperhaltung, dass man den Oberkörper ein bisschen vorbeugt, so vor und zurück, und das ist dann so (...) die Hingabe zu Gott wirklich zu reden, und (...) da kann ich halt von mir sagen, dass ich das irgendwie angenehm finde, das ist nicht so richtig dieses Schockeln, (...) weil (...) man dann wirklich so aus dem Herzen spricht, obwohl man Worte sagt, die im Gebetbuch stehen und (...) das sind dann nicht die eigenen Worte unbedingt, aber trotzdem – (...)"

"(...) das sieht man auch in liberalen Synagogen, das ist jedem selbst überlassen, ich hab auch meist bei den leises Gebeten so ein leichtes Schunkeln drin, ganz automatisch.(...) - Ja, dass der ganze Mensch eben involviert ist, nicht nur das Gehirn, (...) oder der Geist, sondern eben der ganze Körper, weil ja auch der Körper gegeben ist, von Gott (...)"

"Beten", so formulierte vor gut 200 Jahren der Dichter Friedrich Novalis, "Beten ist das in der Religion, was Denken in der Philosophie ist." Tatsächlich gelingt ein Gebet – ähnlich wie das Philosophieren – meist nicht aus dem Stehgreif. Eine gewisse Sammlung ist nötig, ein Rückzug aus der Hektik des Alltags. In diesem Sinn ist Beten eine Disziplin – darin sind sich Juden, Christen und Moslems einig. Bleibt die Frage, ob man auch Fehler machen, also falsch beten kann. "Ja", ist die eine Antwort, denn wer sich keine Zeit nimmt, wer nur betet, um gesehen zu werden, spricht kein richtiges Gebet. Außerdem ist rituelles Beten oft kompliziert: die falsche Tageszeit, falsche Worte und Gesten können ein solches Gebet ungültig machen. "Nein", ist die andere Antwort, denn – und auch darin sind sich Juden, Christen und Moslems einig – Gott ist gnädig.

"Man kann das Gebet immer wieder optimieren, man kann immer wieder versuchen, das besser zu machen, es kann aber nie falsch sein, wenn da die Absicht rein ist. Da gibt es sogar einen Vergleich eines Propheten, der über den anderen irgendwie falsch gedacht hat, (...), wo der Schöpfer dann zu dem Propheten gesagt hat, ich nehme dieses Gebet (...) meines Dieners an, und er hat gefragt, wer ist dieser Diener? Und da war er neugierig und hat geschaut und hat gesehen, dass dieser Diener, also (...) sich einfach nur auf dem Boden rumrollt (lacht) und er meinte es irgendwie aufrichtig (lacht) und, die Aufrichtigkeit ist hier vielleicht das Wesentliche."

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