Seit 01:05 Uhr Tonart
Montag, 18.01.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Zeitfragen | Beitrag vom 29.12.2020

Die große Toilettenpapierkrise Hamsterkäufe und Lieferketten im Kapitalismus

Von Florian Felix Weyh

Beitrag hören Podcast abonnieren
Corona-Hamsterkäufe: Klopapier-Graffiti in Hamburg (picture alliance / Bildagentur-online / Ohde)
Nebeneffekt: Die Corona-Hamsterkäufe setzten Kreativität frei. Klopapier-Graffiti, Klopapier-Lieder und Klopapier-Witze entstanden. (picture alliance / Bildagentur-online / Ohde)

Warum ist ausgerechnet Toilettenpapier zu Beginn der Coronakrise knapp geworden? Aus den vielfach belächelten Hamsterkäufen lässt sich in ökonomischer Hinsicht einiges lernen. Schließlich gab es schon vor 2020 Klopapierkrisen im Kapitalismus.

Deutschland im Jahr 2020: eine Bevölkerung im Pandemie-Modus. Es herrscht katastropheninduzierter Mangel: Die große Klopapierkrise von 2020. Klopapieralarm aufgrund von Nachfragespitzen, die es so schon lange nicht mehr gegeben hat.

"Toilettenpapier ist eines dieser Produkte, die ganz spannend sind! Toilettenpapier hat einen regelmäßigen Verbrauch. Es ist ein Low Involvement Product. Es ist ein Produkt, das Sie jetzt auch, glaub ich, nicht gerne einkaufen. Sie ge­hen nicht in den Supermarkt und freuen sich, Toilettenpapier zu kaufen. Sondern es ist eben etwas, was man irgendwo tun muss", sagt Stefan Koch, Betriebswirtschaftler an der Leuphana Universität Lüneburg und Experte für Lieferketten. 

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)
"Und das Spannende mit dieser Spitze, die wir jetzt gerade erlebt haben, ist eben, dass die Gründe, warum die ja aufgetreten ist, sehr stark von begrenzt rationalem Verhalten getrieben ist. Wir finden ja jetzt kein Anzeichen dafür, dass die Leute häufiger auf die Toilette gegangen sind oder häufiger einen Bedarf für Toilettenpapier haben, sondern es eher mit einer Unsicherheit über die Zukunft verbinden."

Kaufen alle Klopapier, kaufe ich auch. Solches Herdenverhalten könne richtig sein, meint Marco Lehmann-Waffenschmidt. Professor für Volkswirtschaftslehre an der TU Dresden, Spezialgebiet Micro- und Verhaltensökonomie. "Es kann ja so sein, dass man Akteure beobachtet, die mehr wissen als man selbst. Es gibt eine Informationsasymmetrie, und die kann eben tatsächlich zu meinen Ungun­sten ausfallen. Und dann ist es ja sinnvoll und rational für mich, wenn ich mich an Ak­teuren orientiere, die mir etwas voraushaben und mich von deren Verhalten anstecken lasse."

Wenn man sie analytisch betrachtet, lässt sich aus der großen Toilettenpapierkrise von 2020 durchaus etwas lernen.

Der Unterschied zwischen Schokolade und Toilettenpapier

"Im Augenblick spüren wir aber ein bisschen mehr Frankreich, nämlich mehr Lust auf Schokolade oder Champagner als vielleicht auf Klopapier", sagt Benno Hübel, Inhaber der Pralinenmanufaktur Sawade aus Berlin, coronabedingt insolvent in Eigenverwaltung seit August.

Klopapier und Pralinen, zwei Konsumgüter, an denen sich wirtschaftliche Anomalien der Covid-19-Pandemie demonstrieren lassen: Marktverstopfung, gefühlter Mangel, Hamsterdrang und Lieferkettenbruch im Kapitalismus.

Lektion 1: Warum wir alles kriegen, sobald wir es wollen

Das liegt am Lager und an der Lieferkette. "Eine Lieferkette besteht aus unabhängigen Unternehmen, die miteinander kooperieren in einem relationalen Vertragsverhältnis", sagt der Ökonom Stefan Koch. "Ein gutes Beispiel ist eben, wenn wir bei dem Thema Toilettenpapier bleiben: Sie haben einen Hersteller, Sie haben dann vielleicht einen Großhändler und Sie haben dann einen Einzelhändler, und Sie haben dann einen Einzelhändler. Und die sind miteinander verbunden in einer Wertschöpfungskette. Sie sind aber rechtlich unabhängig. Und das führt zu einer relationalen Vertragsbeziehung. Will heißen: nicht wie im klassischen Marktverhältnis, dass Sie sagen: Ich biete ein Produkt an, da gibt es einen Preis. Es gibt ganz viele verschiedene Produkte, und ich entscheide jedes Mal neu! Sondern Sie arbeiten über eine längere Zeit zusammen."

Eine funktionierende Lieferkette ist wie eine Versorgungsehe, die mit einer weiteren Versorgungsehe kooperiert: Immer zwei versprechen sich etwas und verlassen sich darauf, dass ein Dritter oder Vier­ter, wiederum in einer Zweierbeziehung, sein Versprechen hält: Ich produziere etwas – du nimmst es mir ab. Hersteller und Großhändler. Ich bewahre es in großen Mengen auf – du befreist mich davon in einem überschaubaren Zeitraum.

Lagerhaltung ist teuer

Der eine hat die Fabrik, der andere das Geschäft vor Ort. Dazwischen besitzt jemand LKW und Lagerhallen zur Verteilung und Aufbewahrung. Letzteres ist vor allem: teuer.

"Sie binden natürlich – also jetzt nicht im Beispiel von Toilettenpapier – sehr viel Kapital!", so Koch. "Das ist ja der typische Kampf, sag ich mal. Die eine Seite sagt: Fahrt das Lager so stark wie möglich runter! Die andere Seite sagt: Fahrt es so stark wie möglich hoch! Also ein Logistiker hat natürlich immer ein Interesse, eine hohe Liefertreue zu gewährleisten. Da ist ein Lager schön. Aus Sicht der Kapitalbindung oder aus der Finanzsicht sagt man natürlich: Ja, das ist ja eine Katastrophe! Also im schlimmsten Fall müssen wir das dann abschreiben!"

Toilettenpapier auf einer Palette im Metro Großmarkt in Düsseldorf  (picture alliance / Norbert Schmidt)Nimmt viel Platz weg, ist billig: Große Mengen an Toilettenpapier zu lagern, macht aus wirtschaftlichem Blickwinkel wenig Sinn. (picture alliance / Norbert Schmidt)
Aber wieso gilt diese hohe Kapitalbindung nicht bei Toilettenpapier? Weil ein ganzer LKW voll damit weniger als 10.000 Euro Umsatz einbringt. Toilettenpapier ist billig und leicht, aber voluminös. Wer es hortet, bindet zwar nicht viel Kapital in der Ware, aber er muss überproportional viel Kapital für den umgebauten Raum aufbringen, um ein geringwertiges Produkt mit niedrigem Endverkaufspreis zu lagern. Das widerspricht dem wirtschaftlichen Drang nach Effizienz.

Wenig Nachfrageschwankungen bei Toilettenpapier

"Effizienz ist ja jetzt erst einmal nichts Schlechtes. Es bedeutet ja, dass man nicht verschwen­det!", sagt der Volkswirtschaftler Marco Lehmann-Waffenschmidt. "Es heißt jetzt erst einmal noch nicht, dass irgendwo Profite aufgetürmt werden und so weiter, sondern: Es wird nicht verschwendet! Und in dem Sinne ist es richtig, dass man keine großen Lager aufbaut, sondern zum Beispiel – und das ist dann wieder nicht so gut – die Lager auf die Straße bringt, also auf die Transportwege. Auf den Transportwegen sind die Lager praktisch ausgelagert und schon auf dem Weg dahin, wo sie hinsollen."
 
Bei Toilettenpapier lohnt es sich einerseits nicht, es weit zu transportieren, da die Transportkosten die Gewinnmarge verzehren würden. Genauso wenig lohnt es sich, es in großen Mengen zwischen­zulagern. Als Wirtschaftsgut funktioniert Toilettenpapier demnach nur, wenn es in einem Fließ­gleichgewicht von Nachfrage und Produktion kontinuierlich hergestellt und ausgeliefert wird.  

Wo ist das Problem? Es gibt ja kaum ein Produkt, das weniger Nachfrageschwankungen unterliegt. "In Deutschland werden jedes Jahr rund 750.000 Tonnen Toilettenpapier produziert und auch verbraucht. Herstellung und auch Vertrieb von Toilettenpapier über den Handel ist auf diesen gleichmäßigen Verbrauch ausgerichtet", heißt es in einer Pressemitteilung des Verbands der Deutschen Papierfabriken vom 22. Oktober, als die zweite Toilettenpapierknappheitsvermutungswelle anzurollen begann.

"Wartungsintervalle bei den Maschinen wurden gestreckt und die Anzahl der Sor­ten wurde verringert, um die Logistik zu entlasten. Auch wurde Ware, die wegen des Lockdowns in Gastronomie und Gewerbe nicht abgerufen wurde, in den Endverbraucher-Bereich geliefert. Dort fanden die Verbraucher daher zum Teil unbekannte Marken vor. Insgesamt mehr Toilettenpapier zu produzieren, ist bei den modernen Anlagen nur sehr begrenzt möglich." – weil die Maschinen auch im Normalfall rund um die Uhr laufen.

Der Engpasspoker

Doch wenn sich Menschen zur Lagerung im eigenen Heim entscheiden, ändert sich das Fließgleichgewicht: Überall kam es im Frühjahr 2020 zu irrationalen Nachfragespitzen. Solch ein Phänomen, das niemand voraussehen kann, verändert auch das eingespielte Verhalten im Beziehungs­­le­ben einer Lieferkette. Statt sich – wie bisher – zu vertrauen, beginnen die Teilnehmer zu zocken: beim Engpasspoker.

"Einen Engpasspoker haben Sie dann, wenn Sie wissen: Okay, es gibt relativ wenig Toiletten­papier noch, und mein Lieferant verteilt quasi anteilig", erklärt Logistikexperte Stefan Koch von der Leuphana Universität Lüneburg. "Wenn Sie sagen: Okay, es sind also noch 100 Stück da, dann bestellen Sie viel mehr, in der Hoffnung, dass Ihre größere Bestellung dazu führt, dass Sie einen größeren Anteil von diesen 100 Paketen be­­kommen. Warum ist das schlecht? Weil eine völlig falsche Information entsteht! Wenn Sie sagen, ich pokere etwas höher, damit ich einen höheren Anteil kriege, dann ist ja die Information völlig verzerrt.

Eine Frau trägt Toilettenpapier. (picture alliance / dpa / Andreas Arnold)Konstante Nachfrage, konstante Produktion: Das gilt für das Wirtschaftsgut Toilettenpapier, eigentlich. (picture alliance / dpa / Andreas Arnold)

Die Papierindustrie würde also mehr Toi­lettenpapier herstellen, als in absehbarer Zeit verbraucht werden kann. Automatisch sinkt damit die spätere Nachfrage, und die teuren Maschinen stünden still, nachdem sie zuvor heißgelaufen sind.

Lektion 2: Konsumstillstand

"Wir haben nicht abgesehen, dass das auf uns zukommen würde! Wir waren hervorragend verfügbar. Ich würde sagen, so gut wie noch nie zuvor! Wir hatten alles vorrätig, wir hätten ein tolles Ostern abwickeln können", sagt Melanie Hübel von der Konfiserie Sawade in Berlin. "Und dann kam der Lockdown!"

Aber sind denn Pralinen überhaupt ge­hamstert worden? Ganz und gar nicht. Sie bilden das Spiegelbild zur großen Toilettenpapierkrise von 2020.

"Ich weiß noch, dass ich mit unserem Vertriebsleiter auf dem LKW stand: Wir haben Stunden da gestanden und haben die Arti­kel auseinanderklamüsert. Es war unfassbar aufwendig! Einen Laden leerzuräumen, das möchte ich kein zweites Mal mehr machen!"

Keine Pralinen im Lockdown

Nein, keiner wollte Schokolade. Niemand. Schokolade blieb liegen. Pralinen, Ostereier – alles blieb liegen. Sawade schloss einen seiner Berliner Läden und räumte ihn aus.

Eine Auswertung des Statistisches Bundesamtes zeigt in den entscheidenden Aprilwochen einen Anstieg von mehr als 100 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bei folgenden Produkten: passierte Tomaten, Mehl, Hefe, Reis, Teigwaren, Zucker, Obst- und Gemüsekonserven – und natürlich bei Seife, Desinfektionsmitteln und Toilettenpapier. Deutlich weniger gekauft wurden dagegen alkoholische Getränke wie Bier, Wein und Spirituosen.

Weil wir in der Krise beim Saufen Maß und Vernunft beweisen? Na ja, die Daten sind nicht repräsentativ. Sie stammen nur von relativ wenigen Scannerkassen großer Supermarktketten. Weswegen auch die Sawade-Pralinen so oder so nicht in diesem Datensatz enthalten wären, denn die Konfiserie ist nur mit eigenen Läden in Berlin, im Fachhandel bundesweit und online vertreten, womit auch keine Anomalie in der Lieferkette auftreten konnte. "Wir liefern immer direkt in den Handel! Wir machen ausschließlich direkt und ohne Zwischenhändler", sagt Benno Hübel.

Wenn das Ostergeschäft ausfällt

Und das – ganz anders als beim Toilettenpapier – nicht gleichmäßig übers Jahr verteilt, sondern mit Gipfeln und Tälern. Für derartige Saisonware wie Pralinen, Ostereier, wärmeempfindliche Schokoladenprodukte heißt das in einem Maussatz zusammengefasst:

Nachfragespitzen sind kein Problem, sondern der Alltag. Das Pro­blem entsteht – im Gegenteil – wenn die Nachfragespitze abbricht. Denn dann lässt sich der verlorengegangene Teil des Geschäfts, auf dem die ausgeglichene Jahreskalkulation beruht, nicht wieder hereinholen. Nicht einmal bei gutwilligen und treuen Kunden. "Ein gesamtes Ostergeschäft kann dann eben auch nicht wieder kompensiert werden! Wenn das wegbricht, dann schneiden Sie einfach die Hauptschlagader ab", so  Melanie Hübel.
 
Der rote Faden sind die ökonomischen Anomalien, die Covid-19 hervorgerufen hat, und die für die betroffenen Firmen nicht vorhersehbar waren: Wann ist je nach dem Zweiten Weltkrieg Ostern mal praktisch ausgefallen? Wann zugleich ein Ne­ben­aspekt aufgetaucht, den man in dieser Schärfe im eigenen Geschäftsmodell selbst gar nicht gesehen hat: etwa die Tourismusabhängigkeit von Naschkonfekt.
 
"Das bezieht sich ja gar nicht nur bei uns auf Berlin-Tou­ris­mus. Wir haben ja in der ganzen Bundesrepublik Wiederverkäufer, also Fach­händ­ler", sagt Benno Hübel. "Um ein Beispiel zu nennen, an der Porta Nigra in Trier. Und da sind halt auch keine Touristen! Das heißt, auch diese Händler verkaufen unsere Waren nicht weiter, weil auch in Trier, in Heidelberg, aber auch zum Beispiel in Flensburg, wo viele dänische Touristen hinfahren, halt niemand kauft." Weil er nicht da ist.

Schokoladenproduktion zum Osterfest (2011) (dpa / Martin Schutt )Schokoladenproduktion zum Osterfest. In diesem Jahr war die Nachfrage nach Schokohasen und -eiern aufgrund von Corona allerdings gering. (dpa / Martin Schutt )
Aber hat der Staat solche Firmen nicht mit den Coronahilfen durch die tiefen Täler großzügig hindurchgelotst? Viele, ja. Sawade allerdings nicht. Zwar hatte die Berliner Wirtschaftssenatorin das Unternehmen noch Ende Januar öffentlich als Erfolgsbeispiel herausgestellt, weil Benno Hübel die Traditionsfirma 2013 aus einem Vorgängerkonkurs heraus übernommen, modernisiert und Arbeitsplätze geschaffen hatte. Also genau das, was eine Politikerin schätzt.

Doch seine erfolgreiche Expansion führte zu einer finanziellen Lage, in der dann die Richtlinien für Coronahilfen 2020 nicht griffen. Das noch im Januar hochgelobte Unternehmen war im Sommer reif für einen Nachruf. Es hat nun bloß noch wenig Zeit – und das im nächsten Lockdown –, sich aus der "Insolvenz in Eigenverwaltung" wieder herauszustrampeln.

"Fühlen wir uns fallengelassen? Ich glaube, in der Kategorie denken wir beide nicht", so Melanie Hübel. "Natürlich wäre es wünschenswert gewesen, auch eine finanzielle Unterstützung in unserem Fall zu bekommen. Ich glaube aber, dass in dem Fall auch die Politik auf eine solche Situation nicht vorbereitet war. Und wir sind eben dann auch nicht die Lufthansa. Da mach ich mir dann auch nichts vor." Nicht systemrelevant. Dazu viel zu klein für eine Staatsbeteiligung.

Der Staat als Wirtschaftsakteur in der Krise

Und zielsicher wären wir wieder beim Ausgangspunkt angelangt. Denn hat der Staat überhaupt eine glückliche Hand als Wirtschaftsakteur?

Ein Blick zurück: "1990 besuchte ich eine Konferenz des Cato-Instituts in der damaligen Sowjetunion. Wir sollten unser eigenes Toilettenpapier mitbringen, was tatsächlich ein nützlicher Rat war." David Boaz, amerikanischer Journalist, in einem Artikel anlässlich der Toilettenpapierkrise im sozialistischen Venezuela 2015. "Aber was ich nie verstanden habe: warum Toilettenpapier? Wie schwer ist es, Toilettenpapier herzustellen? Ich begreife, dass eine sozialistische Wirtschaft Pro­bleme hat, anständige Autos oder Computer zu produzieren. Aber Toilettenpapier und Seife und Streichhölzer?"

Allerdings ist der Mann ist ein libertärer Ultrakapitalist, der sogar noch rumstänkern würde, wenn sich die Kommunisten eine flauschige sechslagige Abwischtechnik gegönnt hätten. Notabene: Die größ­te Toilettenpapierkrise des 20. Jahr­hunderts ereignete sich im Stammland des Kapitalismus.

Dritte Lektion: Verknappung als Missverständnis

Solche Panikkäufe gibt es ja immer schon! Und wenn man im Netz mal nachschaut, es gibt Beispiele aus den 70er-Jahren in den USA. Irgendwelche Gerüchte werden gestreut, dann werden sie durch Multiplikatoren in die breite Menge getragen, und dann passiert es tatsächlich, in einer selbsterfüllenden Prophezeiung. 

"Die Grundannahme lautet: Knappheit ist eine Form entfalteter Selbstreferenz. Der Zugriff erzeugt Knappheit, während zugleich Knappheit als Motiv für den Zu­­griff fungiert", so der Erfinder der Systemtheorie, der Soziologe Niklas Luhmann. "Knappheit ist ein paradoxes Problem. Der Zugriff schafft das, was er be­sei­ti­gen will. Er will sich eine zureichende Men­ge si­chern und schafft dadurch die Knapp­­heit, die es erst sinnvoll macht, sich eine zu­rei­chen­de Menge zu sichern."

"Also die selbsterfüllende Prophezeiung, die eben dadurch wahr wird, dass die Leute die Prophezeiung glauben, obwohl sie gar nicht stimmt", erläutert Marco Lehmann-Waffenschmidt. Micro- und Verhaltensökonom an der TU Dresden. "Das Standardbeispiel ist ein Bank Run: Leute stürmen eine Bank, wollen ihre Konten leeren, weil sie gehört haben, dass die Bank illiquide und dann insolvent wird, und deswegen muss man sein Geld schnell holen. Und die Bank wird wirklich illiquide, wenn alle Kunden ihre Einlagen abziehen." Man könne vom System auch nicht erwarten, dass es jede Hamsterkaufattacke sofort überstehe. "Das wäre wirklich unsinnig, Produktionskapazität und Logistik so vorzu­halten, dass jede Panikattacke abgefedert werden kann."

Die Toilettenpapierkrise von 1973 in den USA

In den USA erwies sich 1973 die Papierindustrie als nicht besonders widerstandsfähig gegen – im Grunde – nur ein Gerücht. Aber eines mit Durchschlagskraft!

Der republikanische Kongress-Hinterbänkler Harold Vernon Froehlich aus Wiscon­sin hatte November 1973 in einer Pressemitteilung vor einer bevorstehenden Toilettenpapierkrise gewarnt. Basis war die Vermutung, die Pulpe – der Papierrohstoff – könne knapp werden. Es war das Jahr der Ölkrise, jener willkürlichen Rohstoffverknappung durch die OPEC, um den Ölpreis anzuheben. Die verunsicherte US-Bevölkerung hielt in dieser Zeit vieles für denkbar.

Zur realen Krise wuchs sich das Gerücht aber erst aus, nachdem der TV-Comedian Johnny Carson in seiner "Tonight-Show" einen Witz darüber mach­te. Der Witz wurde nicht als solcher verstanden, sondern als Handlungsanweisung. Und zwar an alle.

Ein Graffito mit Gollum, einer Figur aus dem Film "Herr der Ringe" und Scrat, ein Säbelzahn-Eichhörnchen aus dem Film "Ice Age", ist an einer Wand im Mauerpark mit einer Toilettenpapierrolle zu sehen. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)Eifersüchtig als Schatz bewacht: die Toilettenpapierrolle. Bei Hamsterkäufen werden elementare Gefühle wachgerufen. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
"Das sind einfach impulsive Herdenverhaltensweisen, die eigentlich nicht stattfinden sollten, aber uns natürlich, wie anderen Organismen, irgendwie angeboren sind", so Lehmann-Waffenschmidt. "Das kann man echt keinem vorwerfen! Ich guck im Laden ja auch erstmal – wie alle anderen –, ob noch genug Toilettenpapier da ist. Ist genug da, nehme ich nichts. Ist nur noch wenig da, nehme ich – lieber ein bisschen mehr."

Der Bullwhip-Effekt

Und genau solche Mechanismen stecken tief im menschlichen Verhalten, sodass sie ökonomische Gesetze begründen, zum Beispiel den Bullwhip-Effekt innerhalb von Lieferketten.

"Der Bullwhip-Effekt wurde im Kontext identifiziert von Sterman in einer Forschungs­ar­beit, die eben in Kooperation mit Procter & Gamble entstand", sagt Koch. "Die Fragestellung – oder was man sich nicht erklären konnte – war, warum bei einem Produkt wie Windeln die Schwankung der Bestellmenge so groß ist." Windeln seien ja recht regelmäßig im Konsum. "Sie wissen, wie viel in so einer Packung drin ist. Die Markentreue ist recht hoch bei Windeln. Also, warum sollte das so schwan­ken? Und was man dann eben gefunden hat, ist eben dieser Bullwhip-Effekt, also dass alleine ein einmaliger Nachfrageschock ausreicht, um das ganze System wirklich in Un­gleichgewicht zu bringen."

Bullwhip – englisch: Peitsche – steht sinnbildlich für eine ökonomische Gesetzmäßigkeit innerhalb von Lieferketten: Knallt man mit einer Peitsche, dann wird der Ausschlag der Peitschenschnur zu ihrem Ende hin immer größer. Genau das passiert beim Bullwhip-Effekt.

Stellen wir es uns ganz simpel vor: Fünf Kunden eines Drogeriemarkts nehmen zwei statt der üblichen einen Packung Toilettenpapier – oder Windeln – mit nach Hause. Der Filialleiter erhöht seine Bestellmenge beim Lageristen mit einer Sicherheitsmarge: Vielleicht kommen ja noch mal fünf solcher Kunden! Diese fiktive Absatzerwartung wird vom Lageristen bei der Weitergabe der Bestellung noch mal verdoppelt. Und je mehr Stufen die Lieferkette enthält, desto öfter legt einer noch eine Schippe drauf. Sicher ist sicher!

Genau, so denken alle: Sicher ist sicher! Viel hilft viel! Und schon beginnt das System zu oszillieren, bis es in eine Unwucht gerät.
 
Eine richtige Unwucht erzeuge natürlich auch irreversible Schäden. "Also es fallen Lieferanten und Produzenten vielleicht aus", meint Lehmann-Waffenschmidt. "Beziehungsweise wenn sie überfragt werden, kann es sein, dass die Kunden wegfallen. Wenn man Kunden nicht bedient, dann suchen die sich andere Lieferanten, und dann verliert man Marktanteile, obwohl es eigent­lich eine Übernachfrage gibt."

Ohnmachtsgefühl als Ursache für Hamsterkäufe

"Auslöser der Hamsterkäufe ist ein großes Ohnmachtsgefühl. Wir sind einer Be­drohung ausgesetzt, die wir nicht sehen oder fühlen können, und gegen die wir nur wenig tun können. Das halten wir Menschen am schlechtesten aus", konstatierte der Kölner Tiefenpsychologe Stephan Grünewald im Oktober. "Mit den Hamsterkäufen rüsten wir auf gegen unsere Ohnmacht: die Amerikaner mit Waffen, wir mit Reinigungsmitteln und Toilettenpapier."

Dieser kulturelle Unterschied ist allerdings empirisch gar nicht belegbar. Eine internationale Studie vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, durchgeführt im Hortungshochmonat März, erbrachte ein ziemlich naheliegendes Ergebnis:

"Der zuverlässigste Indikator für eine Toilettenpapierbevorratung war, wie stark sich jemand durch die Pandemie bedroht fühlte. Menschen, die im Allgemeinen besonders besorgt und ängstlich sind, fühlen sich auch durch Covid-19 bedrohter und bevorraten sich eher mit Toilettenpapier."

Man könnte also sagen: Toilettenpapier hüllt unsere verletzlichen Körper in weichen Tüll und schützt sie so. Schön ausgedrückt! Und man könnte meinen, dass den Amerikanern das zu metaphorisch ist und sie deswegen zur Waffe greifen. Aber die Studie ergab: "Amerikaner horten mehr Toilettenpapier als Europäer" – und ältere Menschen, um das abzuschließen, mehr als jüngere.
 

Zeitfragen

Literatur in Zeiten der KrisePest Reset
Seuchenmasken aus Papier sind an einer Wand befestigt. Eine Sonderausstellung in Herne zeigte die Geschichte der Pest und ihre globalen Auswirkungen Ende 2019.  (dpa/Fabian Strauch)

Der Klassiker "Die Pest" von Albert Camus erfährt mit der Coronapandemie eine Renaissance. Denn es steckt offenbar vieles drin von dem, was wir zur Zeit erleben. Auch Dystopien wie "1984" von George Orwell erzählen von Ohnmacht und Katastrophen. Mehr

Jugendliche StraftäterDas Ende der Unschuld
Vermummter Jugendlicher mit Schirmmütze und Sonnenbrille hält ein Butterflymesser in die Höhe. (imago / Steffen Schellhorn )

Aufsehenerregende Fälle von Körperverletzung und Totschlag, gewaltverherrlichende Videos - wird die Jugend immer krimineller? Und was passiert mit jungen Tätern? Experten und Statistiken verraten, wie es um die Jugendkriminalität steht.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur