Die Grenzen des Gottvertrauens

10.12.2012
Ein angesehener Rechtsanwalt bricht seine Karriere ab und arbeitet als Fischer. Seine Frau hat ihre hochbezahlte Arbeit in einer Bank aufgegeben, um im Laden ihrer Eltern, Brot, Margarine und Oliven zu verkaufen. Mira Magén beschreibt den Untergang einer Familie und die verschlungenen Wege hin zu einer Versöhnung mit dem Leben.
"Auf dieser Welt braucht man Glück und Erbarmen. Wer keins von beidem hat, ist erledigt", glaubt Amia, eine junge Akademikerin, die den Lebensmittelladen ihrer verstorbenen Eltern weiterführt. Ihr Mann Gideon hat sie und den fünfjährigen Sohn auf befristete Zeit zurückgelassen, weil "Tonnen von Informationen seinen Schädel sprengten". Fraglos beugt sich Amia Gideons Wunsch, doch zeigt sich bald, dass sie es bloß vermeidet, zwingende Fragen zu stellen.

Unentschieden, ob es einen freien Willen gibt oder nicht, steht die Autorin stets auf Seiten derer, die verborgenen Kräften gehorchen. Magén stellt das Bedürfnis ihrer Figuren nach schmerzbedingter Heimlichkeit nie in Frage und wahrt so deren Integrität. Gideons Krise zeichnete sich ab, als er für einen Mandanten zu schwärmen begann, der allen Besitz abwarf, in einem Karton auf der Straße lebte und sich nicht mehr darum scherte, ob er im Bewusstsein der anderen existierte. Mit einem untrüglichen Gespür für feinste seelische Regungen schildert Magén Ambivalenzen. In radikalen Weigerungen entdeckt sie Spuren von Kummer, im erotischen Spiel manchmal nur eitle Selbstbespiegelung. Gerade weil ihre Protagonistin Amia ahnt, dass ihre Liebes- und Leidensfähigkeit geprüft wird, gestattet sie Fremden, in ihre Privatsphäre einzudringen - so dem obdachlosen Mädchen Madonna, das eines Abends betrunken vor der Tür steht, sie nach der Ausnüchterung beklaut und Amia als Wiedergutmachung den Schäferhund Wodka schenkt. Missgünstig belauert Amias Vermieter jeden Schritt, den sie und ihr Junge tun. Sie hingegen ist beseelt von der Idee, den Misanthropen zu läutern. Dabei stößt sie auf eine Wunde, die eigene Urängste wachruft.

Wie auch in früheren Romanen, lotet die in einer ultraorthodoxen Familie aufgewachsene Autorin die Grenzen des Gottvertrauens aus. Gemäß ihrer Überzeugung, dass jeder, der religiös erzogen wurde, Gott wie Kalzium in seinen Knochen trägt, sucht sie - eine "Abtrünnige" in den Augen der Ultraorthodoxen - stets nach Zeichen des Allmächtigen. Und sie tut dies unaufdringlich, denn Mira Magén schätzt als Autorin den Zweifel und den Zustand der Unwissenheit. Alles wird mitnichten gut in ihrer Geschichte, aber sie zeigt, dass es helfen kann, den Sinn des Lebens plötzlich in den leeren Schuppen eines Kieferzapfens zu entdecken, den ein alter Mann auf das Grab seines verunglückten Enkels legte oder die Sterne anzuschauen und in ihnen nicht nur Materie, sondern "Lichter Gottes" zu erblicken.
Mira Magén feiert die wachsende Hingabe ihrer Protagonistin an fremde Lebensgeschichten. Alle Weichenstellungen passieren im Monat August, den die frommen Juden Elul nennen oder "Monat der Gnade und des Vergebens". An den Tagen des Elul bereitet man sich auf das Neue vor. Für Amia bedeutet dies, sich mit wachsender Gelassenheit ihrem Alleinsein zu stellen. Man ahnt, dass sie, wie Madonna, eines Tages sagen kann: "Mein Leben wiegt so viel wie ein Koffer mit acht Unterhosen und sechs Kleidern. Ein Vergnügen."

Besprochen von Sigrid Brinkmann

Mira Magén: Wodka und Brot
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Deutscher Taschenbuch Verlag 2012
400 Seiten, 16,90 Euro