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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 21.11.2007

Die Geschichte einer Abtreibung

Neu im Kino: "Vier Monate, drei Wochen, zwei Tage", "Persepolis"

Von Hannelore Heider

Der Regisseur von "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage", Cristian Mungiu, und die Hauptdarstellerinnen Anamaria Marinca (l.) und Laura Vasiliu (AP Archiv)
Der Regisseur von "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage", Cristian Mungiu, und die Hauptdarstellerinnen Anamaria Marinca (l.) und Laura Vasiliu (AP Archiv)

Eine Studentin ist im Rumänien Ceausescus schwanger und möchte das Kind nicht behalten. Unter größten Schwierigkeiten lässt sie den Fötus abtreiben. Der Film "Vier Monate, drei Wochen, zwei Tage" gewann die Goldene Palme von Cannes. "Persepolis" ist ein Animationsfilm, der auf den Comic-Büchern der Iranerin Marijane Satrapi basiert.

"Vier Monate, drei Wochen, zwei Tage"
Rumänien 2007, Regie: Cristian Mungiu, Hauptdarsteller: Anamaria Marinca, Laura Vasiliu, ab zwölf Jahren

Im Rumänien Ceausescus waren Abtreibungen verboten. Was passiert, wenn eine junge Frau ungewollt schwanger wird und trotzdem eine Abtreibung vornehmen lässt, erzählt der Film, der in Cannes mit der Goldenen Palme geehrt wurde, gradlinig und ohne melodramatische Akzente. Er räumt damit unerbittlich mit einem Mythos auf – dem der sozialistischen Menschengemeinschaft. Denn alles, was die schwangere Gabita und ihre patente Freundin Otilia (Anamaria Marinca) tun, ist mit Angst und Demütigung verbunden.

Sie leben als Studentinnen in einem Studentenwohnheim. Also müssen sie ein Hotel finden, wo der Eingriff stattfinden kann, was mit unsäglichen Mühen verbunden ist. Für sie unvorstellbar große Summen Geldes sind aufzutreiben und ein Arzt, der bereit ist zum illegalen Eingriff. Der entpuppt sich als fieser Verbrecher in der Maske eines Menschenfreundes, zumal als er erfährt, dass die Schwangere ein falsches Empfängnisdatum angegeben hat.

Jetzt wird der Eingriff, der unter primitivsten Umständen durchgeführt wird, noch lebensgefährlicher und nur durchgeführt, als sich die jungen Frauen der Erpressung beugen. Es ist ein einziger Angst erfüllter Leidensweg, den der Film in grauen Gemäuern und exakten Abläufen begleitet. Die statische Kamera rückt ihnen dabei nie zu nahe, sondern beobachtet meist aus der Halbtotale das Schreckliche, selbst der Akt der Beseitigung des Fötus durch Otilia wird dem Auge des Zuschauers nicht verborgen.

Trotzdem ist der Film ganz nah bei seinen Protagonistinnen. Er wahrt ihre Würde und ihr Menschenrecht, gerade weil er sich nicht in eine Diskussion der Umstände verliert, unter denen die Schwangerschaft eingetreten und die Geburt eines Kindes unmöglich ist. Er setzt einfach das Recht auf ein selbst bestimmtes Leben voraus und die Unmöglichkeit, dass in dieser Gesellschaft zu wahren. Die großartigen Darstellerinnen machen aus dieser Anklage ein sehr menschliches, intimes Kammerspiel.

Die Comic-Autorin Marjane Satrapi vor der Premiere von "Persepolis" beim New York Film Festival. (AP Archiv)Die Comic-Autorin Marjane Satrapi vor der Premiere von "Persepolis" beim New York Film Festival. (AP Archiv)"Persepolis"
Frankreich 2007, Regie: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud, Animationsfilm, ohne Altersbeschränkung

Dieser ganz ungewöhnliche Zeichentrickfilm entstand aus den vier Comic-Büchern der in Frankreich lebenden Iranerin Marijane Satrapi, in denen sie ihre Kindheitserlebnisse in ihrer Heimat in Teheran und ihre Jahre als junges Mädchen im französischen Exil verarbeitet. Dass ist ein sehr politischer Stoff, der trotzdem aus der Sicht des Kindes und des jungen, im Exil immer fremd bleibenden Mädchens viele komische Momente hat. Denn immer sind es die Gefühle und Gedanken ihrer "Marji" genannten Heldin, die in expressiven Schwarz-Weiß-Zeichnungen auf die Leinwand kommen. Der Kosmos des Erlebens wird so direkt auf den Zuschauer übertragen, im Moment, als es geschah. Und die notwendigen, vor allem politischen Informationen sind dem Lebensbericht in einer Art Kasperlespiel vorangesetzt.

So erlebt Marji den Sturz des Schahs, die islamische Revolution, die Kriege in einer aufgeklärt und politisch engagierten Familie, die vielfältig betroffen und von einer resoluten Großmutter dominiert ist. Als es auch für das junge Mädchen gefährlich wird, weil sie gegen die Restriktionen aufbegehrt, wird Marji von ihrer Familie ins Exil geschickt, erst nach Wien, dann nach Paris.

Die so fremde westliche Welt, die ersten Liebesgeschichten werden ebenso lebhaft und zugespitzt erlebt und damit gezeichnet, wie die grausame Diktatur zu Hause. Alles in entschiedenen schwarz-weißen Strichen und Flächen, die ganz unaufwändig auf der Leinwand zum laufen gebracht werden. Nur der Anfang und das Ende der vorläufigen Lebensgeschichte Marjis ist farbig, dann sitzt sie auf dem Flugplatz in Paris und sieht den Maschinen nach Teheran nach.

"Persepolis" ist sicher kein ausgesprochener Zeichentrickfilm für Kinder, aber Schulkindern könnte man dieses spannende und lehrreiche Erlebnis vielleicht doch zumuten.

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