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Nachspiel | Beitrag vom 20.05.2018

Die Geschichte der WM-LiederAm Anfang war "Fußball ist unser Leben"

Von Frank Ulbricht

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Im Tonstudio 1973: Hintere Reihe (v.l.): Bernd Franke, Gerd Müller, Uli Hoeneß; Vordere Reihe (v.l.): Jupp Heynckes, Josef Kapellmann, Franz Beckenbauer (dpa picture alliance/ Sportreport)
Nationalspieler Franke, Müller, Hoeneß (hinten); Heynckes, Kapellmann, Beckenbauer im Tonstudio. (dpa picture alliance/ Sportreport)

Die Generation Beckenbauer, Netzer, Hoeneß war die erste, die als Nationalteam ins Tonstudio ging. Ihr Lied bekam fast eine Goldene Schallplatte, selbst in Polen und in den Niederlanden war es ein Hit. Jetzt schwemmt die Fifa den Markt.

1974 - die Weltmeisterschaft im eigenen Land. Das erste Mal darf die Bundesrepublik ein großes Fußballturnier ausrichten. Da soll es schon etwas Besonderes geben. Das Sommermärchen und Public Viewing sind noch nicht erfunden, also lässt der DFB singen. Franz Beckenbauer hat es 1966 mit seinem Lied: "Gute Freunde kann niemand trennen" vorgemacht. Auch mit nur mäßigen Gesangstalent ist Geld zu verdienen.

Also, wird die Nationalmannschaft ins Tonstudio geschickt. Korrekt gescheitelt singen und schunkeln Gerd Müller, Günter Netzer und Co.: "Fußball ist unser Leben". Qualifiziert ist man als Gastgeber ohnehin, also hat die DFB-Elf auch Zeit für TV-Auftritte. Moderator Wim Thoelke kündigt die singenden Fußballspieler so an:

"Wir, meine Damen und Herren, hören jetzt eines der bedeutendsten Chorwerke der modernen profanen Chorliteratur. Das Schicksalslied der Profis: 'Fußball ist unser Leben'."

In der 1. Reihe v.l. Herbert Wimmer Jupp Heynckes, Jupp Kapellmann, Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Georg Schwarzenbeck, Rainer Flohe, Rainer Cullmann, Erwin Kremers, Paul Breitner. In der 2. Reihe v.l. Koppel, Helmut Schön, Wolfgang Kleff (vorn), Bernd Franke (dahinter), Gerd Müller, Ulli Hoeness, Wunder, Horst Höttges, Wolfgang Overath, Berti Vogts und Jürgen Grabowski. (dpa picture alliance/ Sportreport)Als "Fußball-Nationalchor" war die Nationalmannschaft 1973 sogar in den Charts. (dpa picture alliance/ Sportreport)

Die Idee, die Nationalmannschaft singen zu lassen, kommt vom Musikmanager Hans Beierlein. Nach anfänglichem Zögern beim Fußballband kann er den DFB überzeugen. Finanziell wird es für beide Seiten ein lohnendes Geschäft, denn der Song schrammt nur knapp an der Goldenen Schallplatte vorbei.

Selbst in Polen oder den Niederlanden ist der Titel ein Erfolg. Geschrieben hat "Fußball ist unser Leben" der Schlagerproduzent und Ex-Fußballprofi Jack White. Über die Aufnahmen mit den Spielern, die eigentlich nicht singen können, will er heute nicht mehr sprechen. In einem Zeitungsinterview von 2002 hat White noch davon erzählt:

"Ich wollte unbedingt etwas Volkstümliches schreiben, denn der Fußball ist nun mal volkstümlich. Die ganze Platte wurde an einem Nachmittag eingesungen, die Spieler brauchten ja nur auf ein vorproduziertes Band mit einem Profi-Chor singen. Manche Spieler fühlten sich nicht sehr wohl. Wolfgang Overath versteckte sich zum Beispiel immer ganz hinten, während sich der Franz und auch Paul Breitner vorn voll einsetzten."

Die DDR wollte unbedingt nachziehen

Für die erste und einzige WM-Teilnahme einer DDR-Mannschaft 1974 darf Schlagersänger Frank Schöbel ein Lied einsingen. Er ist jung und auch im Westen bekannt. Schöbel liefert zwei Titel ab. Hat aber mit "Ja, der Fußball ist rund wie die Welt" ein klaren Favoriten. Doch die Wahl fällt auf: "Freunde gibt es überall":

"Ich dachte an 'Freude schöner Götterfunken' und habe ein bisschen kräftig die Musik gemacht, wenn man sich das Lied anhört. Ich denke mal, die Genossen haben sich gedacht, die uns geschickt haben, in Klammern, wir haben einen politischen Auftrag, haben sie auch gesagt: Wir haben überall Freude, die DDR. Egal ob wir welche haben oder nicht, aber wir haben welche zu haben. Und dann habe ich das Lied singen müssen, sag ich jetzt mal. Weil, ich hätte lieber den 'Fußball' gesungen. Aber mir war es egal. Ich wollte zur Fußball-WM."

Auch der Fußball-Weltverband, die Fifa, erkennt bereits in den 60er Jahren das Potential von Fußball-Liedern. Seit 1962 bestimmt die Fifa offizielle WM-Songs. Aber erst ab den 90er Jahren werden Titel gezielt in Auftrag gegeben und bekannte Künstler engagiert. Millionenfach verkauft sich zur WM 1998 "The Cup of Live" von Sänger Ricky Martin.

Wie viel verdienen FIFA und Sänger an WM-Titeln?

Seit 2006 überschwemmt die Fifa den Markt regelrecht mit WM-Songs. Statt einem, gibt es gleich mehrere, auch Herbert Grönemeyer mischt beim sogenannten Sommermärchen musikalisch mit. Das spült ordentlich Geld in die Kasse. Wieviel? Darüber redet die Fifa offensichtlich nicht, unsere Anfrage bleibt bis heute unbeantwortet. Für Frank Schöbel hat sich sein WM-Lied für die DDR-Mannschaft finanziell auf jeden Fall nicht gelohnt: "Es gab am Anfang 100, am Ende 400 Mark der Deutschen Notenbank. Das war eigentlich alles."

Die DFB-Elf hat bis 1994 WM-Lieder eingespielt. Peter Alexander oder auch Udo Jürgens sind dabei die prominenten Vorsänger. Gilt "Fußball ist unser Leben" heute als Kult, darf der deutsche WM-Song von 1990 besser im Archiv bleiben. Allein die Textzeile: "Wir sind schon auf dem Brenner, wir brennen schon darauf", macht deutlich warum.

Auch den offiziellen Fifa-Titel für die WM in Russland – von Jason Derulo – muss man nicht hören. Dann schon lieber die Hymne von 1990 mit Gianna Nannini und Edoardo Bennato. Für viele noch heute einer der besten WM-Songs.


Ein Interview zu diesem Thema mit unserem Leiter der Musikredaktion Holger Hettinger:
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