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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 26.02.2019

Die Geschichte der südkoreanischen EinwandererDie stillen "Mustermigranten"

Von Jenni Roth und Martin Hyun

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Krankenschwestern aus Südkorea beim Deutschunterricht in Frankfurt am Main. (picture alliance/dpa/Foto: UPI)
Krankenschwestern aus Südkorea beim Deutschunterricht in Frankfurt am Main am 29.04.1966. (picture alliance/dpa/Foto: UPI)

In den 60er-Jahren fehlten in der Bundesrepublik Krankenschwestern und Bergleute – viele kamen deshalb aus Südkorea. Rund 50.000 Menschen mit südkoreanischen Wurzeln leben heute in Deutschland, nur auffallen tun sie nicht.

Martin Hyun: "Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich meine schwarzen naturlockigen dicken Haare, die ich von meinem Vater geerbt habe. Ich sehe die Konturen meines oval förmigen Gesichtes und meine dunkelbraunen, hierzulande auffälligen asiatischen Augen." 

Ich bin der Sohn eines koreanischen Bergarbeiters und einer koreanischen Krankenschwester, in Krefeld geboren. Ein Deutscher mit koreanischen Wurzeln, Papierdeutscher, Neudeutsch, Deutscher im Sinne des Grundgesetzes Artikel 116, Mensch mit Migrationshintergrund oder der ewige Ausländer. Ich bin das Produkt deutsch-koreanischer Migrationsgeschichte. Und meinen koreanischen Migrationshintergrund kann ich nicht ablegen – ich gehe damit schlafen und wache morgens damit auf."

In Westdeutschland herrschte akuter Arbeitskräftemangel

Pünktlich im Dezember 1963 läuft es an, das "Programm zur vorübergehenden Beschäftigung von koreanischen Bergarbeitern im westdeutschen Steinkohlenbergbau". Die ersten Arbeiter besteigen am 21. Dezember ein Flugzeug am koreanischen Flughafen Gimpo und machen sich auf in die Bundesrepublik Deutschland: In Westdeutschland herrscht akuter Arbeitskräftemangel, Arbeitslosigkeit in Korea – eine Win-Win-Situation? Zumindest es ist der Beginn der deutsch-koreanischen Migrationsgeschichte.  

Hyun: "Eigentlich wollte mein Vater nach seinem High-School Abschluss studieren und er bestand auch die Eingangsprüfung. Doch ohne elterliche Hilfe – sein Vater war im Krieg gestorben und seine Mutter lebte vom Verkauf von Gemüse lebte, konnte er die Studiengebühren nicht aufbringen. So entschloss er sich, in einer Nacht- und Nebelaktion die Familie zu verlassen und zur Armee zu gehen. Am 5. April 1962 endete die dreijährige Wehrdienstpflicht für meinen Vater."

Vater: "In Daegu gab es keine Arbeit, um zu überleben. Es war eine aussichtslose Situation. Deshalb bin ich nach Busan gegangen in der Hoffnung auf einen Job. Tatsächlich konnte ich dort auf dem Gukje-Markt als Transporthelfer arbeiten." 

Hyun: "Aber die Arbeit im Gukje-Markt, einen der größten Straßenmärkte in Korea, reichte gerade so zum Überleben. Seine Familie konnte er damit nicht unterstützen. Er beschloss, seine Heimat zu verlassen. Das war 1970. Im koreanischen Reisepass meines Vaters steht vermerkt: "Purpose of Journey: Employment". Ich frage meinen Vater nach der Ankunft in Deutschland und nach seiner ersten Schicht."

Vater: "Ein Deutscher und ein Übersetzer haben uns am Flughafen abgeholt und uns in unser Heim in Dinslaken-Hiesfeld gebracht. Gearbeitet habe ich dann in Oberhausen-Osterfeld. Ein Bus hat uns jeden Morgen abgeholt und abends wieder zurück ins Heim gebracht. Als es das erste Mal Untertage ging – ging es 800 Meter in die Tiefe. Es war furchtbar. Aber ich sagte mir, selbst, wenn ich hier sterben sollte, ich bringe das hier zu Ende. Ich hatte ja nie etwas Vergleichbares gemacht. Aber um zu überleben, war ich bereit, diese Arbeit zu erdulden."

Der Vater von Publizist Martin Hyun liegt mit Anzug und Krawatte auf einem schmalen Bett. (Hyun)Angekommen in Deutschland: der Vater von Publizist Martin Hyun. (Hyun)
Hyun: "Heute kann mein Vater einfach nicht mehr: Er leidet unter einer chronischen Lungenkrankheit – eine Spätfolge der Arbeit im Kohlebergwerk. Immer wieder muss er ins Krankenhaus, wegen akuter Atemnot. Aber es sind nicht nur die Folgen der harten Arbeit, die meinem Vater zu schaffen machen. Er ist nie wirklich heimisch geworden im neuen Land."

Vater: "Natürlich hatte ich Heimweh und habe heimlich geweint. Aber ich habe unsere koreanische Flagge, die ´Taeguki`, immer in meinem Herzen getragen."

Hyun: "Immer, wenn mein Vater schwermütig wurde, schaltete er die Karaoke-Maschine im Wohnzimmer an und sang sein Lieblingslied ´Man-nam` von Roh Sa-jeon. ´Schau nicht zurück, habe kein Bedauern und vergieße keine Träne`, heißt es im Text. Wenn Vater dieses Lied sang, wusste ich, dass er an Korea dachte, an die alten Zeiten. Und wie schön es doch wäre, wenn er wieder die Luft seiner alten Heimat atmen könnte. Am Ende blieb mein Vater doch. Obwohl viele seiner Freunde nach Korea zurückkehrten. Vor allem eines hielt ihn meine Mutter, die er kennenlernte: 1971, eine Krankenschwester aus Korea, die es ihm besonders angetan hat. Meine Mutter war eine von rund 10.000 Krankenschwestern, die in den 60er- und 70er-Jahren kamen: Genau wie die Bergarbeiter sollten sie passgenau eine Lücke auf dem deutschen Arbeitsmarkt schließen." 

Erster und akuter Pflegenotstand in der Bundesrepublik

Damals erlebt die Bundesrepublik einen ersten und akuten Pflegenotstand: 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs fehlen an westdeutschen Kliniken schätzungsweise 30.000 Krankenschwestern. Ein junger koreanische Arzt, Stipendiat an der Uniklinik Mainz, ergreift die Initiative: In seiner Heimat gibt es Tausende bestens ausgebildeter Krankenschwestern, die dringend Arbeit suchen. Die Klinik ist einverstanden, und auch andere Krankenhäuser bekunden Interesse. Also bietet Lee Kliniken in Südkorea die unentgeltliche Vermittlung von Krankenschwestern nach Deutschland. Auf die geschalteten Anzeigen bewerben sich landesweit zunächst etwa 600 gut ausgebildete, ledige und kinderlose Krankenschwestern.

Hyun: "Meine Mutter wollte anfänglich nichts von meinem Vater wissen. Doch seine Hartnäckigkeit erweichte sie. Zudem war der Heiratsmarkt für Koreaner dieser Tage noch sehr begrenzt. Andere Bergarbeiter, die bleiben und in Deutschland eine Familie gründen wollten, organisierten deshalb gesellige Tagesausflüge mit dem Bus. In den Zweierreihen wurden – ganz strategisch – je ein koreanischer Bergmann und eine koreanische Krankenschwester platziert. So entstanden Liebesbeziehungen, Ehen, Kinder und dann doch ein ganzes Leben in Deutschland."

Die südkoreanische Krankenschwester Ok Hi am 29.04.1966 bei ihrer Arbeit in einem Krankenhaus in Frankfurt am Main. (picture alliance/dpa/Foto: UPI)Die südkoreanische Krankenschwester Ok Hi am 29.04.1966 bei ihrer Arbeit in einem Krankenhaus in Frankfurt am Main. (picture alliance/dpa/Foto: UPI)

Der WDR berichete von der Ankunft der jungen Frauen aus Korea:

Es ist ein zauberhaftes Bild, das sich uns bietet. Aber das Lächeln galt wohl nur den Kameras. So flossen vor allem anfangs Tränen.
Frau 1: "Heimweh geht Leben lang nicht weg, hab ich immer noch."
Frau 2: "Wir mussten Frühstück mit dem Messer Butterbrot beschmieren. Erste Mal sah ich Messer mit Butter. Wir konnte auch nicht verdauen das Essen."
 
Hyun: "Meine Mutter war das älteste von sieben Kindern. Sie wuchs in der ländlichen Kleinstadt Hadong auf: die Stadt der Blumen und Wasserwege. Hadong gilt heute als Slow-City. Sie ist berühmt für ihre Grünteeplantagen und die malerische Natur in der Umgebung. Meine Mutter war 22, als sie ihre Koffer packte, um nach Deutschland zu ziehen und so ihre Familie zu unterstützen. Am 23. Januar 1971 landete sie in Frankfurt."

Mutter: "Wollte ich meine Geschwister auch helfen zur Schule und so weil wegen finanzielle Probleme hat. Ich habe gesagt, wir sehen drei Jahre nichts. Wenn ich ein Mann wäre, dann wäre ich drei Jahre als Soldat gegangen. Dann sage ich das meiner Mama und Verwandte: Weine nicht – ich komme in drei Jahren wieder. Dann bin ich mehrmals drei Jahre geworden – fast 15 mal drei."

Hyun: "Ich erinnere mich gut, wie wir Ende der 80er aus unserer kleinen Drei-Zimmer Wohnung in einer Migrantenhochburg – einem multikulturell geprägten Stadtteils Krefeld in der Innenstadt, in ein idyllisches 150-Quadratmeter-Reihenhaus in einem Vorort von Krefeld zogen. Wer es sich leisten konnte, zog aus der Innenstadt weg. In der ersten Nacht im neuen Haus machte ich kaum ein Auge zu. Es war ungewohnt für mich in der neuen Umgebung. Das Haus kam mir riesig vor. Bis dahin war es ein langer und beschwerlicher Weg. Hauptziel: Die Kinder sollen es einmal besser haben und so ist es ja dann auch gekommen."

"Wir bewunderten sie"

Hyun: "Januar 2019. Auf dem Küchentisch in dem Reihenhaus meiner Eltern dampft der Reis, es gibt Deon-jang-guk – Sojabohnenpaste-Suppe. Auch wenn sie seit 50 Jahren in Deutschland sind – das koreanische Essen ist geblieben. Und auch im Wohnzimmer hängt eine Kalligrafie des berühmten koreanischen Malers Jeong Dong-jun mit der Botschaft: ´Na-ra Sa-rang Bu-mo Gong-gyeung`was soviel bedeutet: ´Liebe Dein Land und ehre Deine Eltern!` Zuhause ist Korea. Und wie immer, wenn meine Tante aus Incheon zu Besuch ist, sprechen sie über die alten Zeiten. Über die Nachtschichten, bei der meine Mutter 450 DM netto verdiente – wovon sie einen Großteil nach Korea zu ihrer Familie schickte. Mit einem kleinen Rest lebte sie sparsam: Sie gönnte sich kaum etwas, höchstens ging sie mal mit einer Arbeitskollegin in die Stadt zum Kaffee trinken."

Tante: "Ihre Arbeit hat uns quasi das Leben gerettet. Und eigentlich wollte ich meiner Schwester nacheifern. Wir wussten nicht, wie schwer es für sie in Deutschland war. Wir haben immer gedacht, dass unsere Schwester eine wichtige und tolle Arbeit leistet. Wir bewunderten sie und sie war immer ein Vorbild für uns."

Hyun: "Als ich mein erstes Buch ´Lautlos-Ja Sprachlos-Nein` schrieb habe ich persönliche Briefe aus Korea entdeckt, die meine Mutter sorgfältig in Klarsichtfolien eingepackt hatte. Die Briefe waren vergilbt und hatten Eselsohren. Meine Mutter hütet sie wie einen Schatz, aber immerhin liest sie einen Brief vom 30. November 1982."

Sehnsüchtig an meinem Schwiegersohn, meine liebe Tochter,

Liebe Tochter,
mach Dir keine Sorgen. Hael-jong muss noch sechs Monate Wehrdienst leisten. Wir können irgendwie überleben. Dong-jong wird im März zur Armee gehen müssen. Mach dir keine Sorgen um Gee. Auch Gee muss einmal erfahren, wie es ist ohne Mutter zu leben.

Lieber Schwiegersohn,
bitte rauche weniger. Bitte höre auf meine Worte.

Liebe Tochter,
bitte ernähre dich vernünftig und bleibe gesund. Habt Geduld für einander und Verständnis. Behandelt euch mit gegenseitigem Respekt. Macht das Beste für die Kinder. Mach dir keine Sorgen, liebe Tochter. Ich werde dich über die Fortschritte von Onkel informieren. Um die Armut zu überwinden und für eine gute Zukunft sollten wir dem mit Stolz begegnen. Ich hoffe auf eure Rückmeldung. Ich bin stolz auf euch und aus dem schöpfe ich Kraft. Wir schaffen alles.

Mutter: "Ich habe an meine Mama und an meine Geschwister gedacht und nachts immer heimlich geweint. Aber dann habe ich meinen Mann kennengelernt und Einsamkeit und Traurigkeit vergessen."

Hyun: "Nur mit der Sprache tat sie sich schwer, setzte aber alles daran, diese so fremde Sprache zu lernen. Einen begleitenden Deutschkurs gab es nicht. Es galt ´learning by talking`. Immerhin: Ein Grund mehr, um sich noch besser mit deutschen Kolleginnen anzufreunden."

Mutter: "Ich wollte keine Fehler machen. Ich hatte nette Kollegen, die haben mir Deutsch beigebracht. Von einer Schwester habe sehr viel gelernt. Die hat mich immer mitgenommen und hat mir alles gezeigt, sie hat sogar Bilder gemacht und dazu was geschrieben."

Musterbeispiel gelungener Integration

Koreaner gelten als Musterbeispiel gelungener Integration: Sie sind in Arbeit, gebildet, kaum kriminell, fallen nicht negativ auf, stellen keine politischen Anforderungen, keine Diskussionen um Parallelgesellschaften. Das liegt natürlich auch daran, dass es nur etwa 50.000 Menschen mit koreanischen Wurzeln in Deutschland gibt. Zum Vergleich: Bei den türkischstämmigen Einwohnern sind es rund 1,5 Millionen. Einer wichtigsten Unterschiede zu Ihnen war, dass die Koreaner – Männer und Frauen – schon bei der Ankunft einen Arbeitsvertrag in der Tasche hatten, sagt You Jae Lee, Koreanistik-Professor an der Universität Tübingen.

Lee: "Weil sie aber in Arbeitsvertrag drin sind, haben sie acht Stunden am Tag mit deutschen Kollegen und Kumpeln zu tun. Da ist die Rate der binationalen Ehen hoch, das hat mit dem Arbeitsumfeld zu tun, weil sie mit deutschen Patienten in Kontakt kommen, mit Ärzten. Da beobachten wir, dass sie eher Ehe eingehen mit deutschen Männern. Also daher sind sie nicht in Parallelgesellschaften, wo sie von der Mehrheitsgesellschaft abgeschnitten wären. In der Arbeitswelt sind sie integriert. Das ist anders als bei den Migranten aus Anwerbeländern. Insgesamt kann ich sagen, dass die Koreaner in den 60ern, 70ern unter widrigeren Umständen nach Deutschland gekommen sind als andere Gastarbeiter, sich aber im Vergleich zu denen viel besser integriert haben. Auch transgenerationell, wenn man die zweite Generation ansieht."

Aber was heißt das eigentlich, "gut integriert" sein? Unauffällig sein, nicht aufbegehren, keine Ansprüche stellen?

In der Wissenschaft werden Kategorien herangezogen wie Anzahl binationaler Ehen, der Bildungsgrad der zweiten Generation, oder eine niedrige Kriminalitätsrate. Vor allem aber hat erfolgreiche Integration mit Bildung zu tun. Hier hatten die Koreaner einen Startvorteil, denn sie brachten schon ein hohes Bildungsniveau mit: Fast ein Drittel hatte Abitur oder einen Hochschulabschluss. Ein Erfolg, der seinen Preis hat:

Hyun: "Es gibt die Vorstellung des asiatischen Musterschülers. Die angeblich so gelungene Integration ist eng verknüpft mit positiven Stereotypen wie fleißig, diszipliniert und hochgebildet. Was natürlich den Vorteil hat, wird das Asiaten bei Hassdiskussionen außen vor sind, und nicht wie türkischstämmige Deutsche angegriffen werden. Allerdings müssen wir immer noch mit diesem lakaienhaften Stereotyp umgehen."

Schätzungsweise 80 Prozent der Koreaner machen Abitur

Der starke Zug zum Aufstieg durch Bildung präge die Familien bis heute, sagt Andreas Germershausen, Integrationsbeauftragter des Berliner Senats. Bildung-, nicht Ethnie, ist ihm zufolge dann auch die Schlüsselkategorie der Integrationsfrage. 

"Wenn wir an Iraner denken in Berlin, das sind alles Ärzte oder Diplomaten. Türken? Nicht so. Aber wenn sie mit Leuten in Amerika reden: Da haben die Türken, alles Intellektuelle. Das ist ein Beispiel, warum ich das weniger ethnisch sehe, als aus dem Kontext, aus dem heraus Migration geschieht."

Germershausen betont, dass der Bildungsanreiz koreanischer Eltern enorm hoch ist und die Kinder dadurch geprägt werden. Schätzungsweise 80 Prozent der Koreaner machen Abitur – doppelt so viel wie in der Mehrheitsgesellschaft – was besonders heute entscheidend ist für eine erfolgreiche Integration.

"Das ist auch ein historischer Ablauf. Als Merkel die Süßmuth-Kommission vorbereitet hat, 2005, war klar, da erschien deutsche Sprachkompetenz als das Entscheidende. 2007/08 kommt eine Diskussion über ´Brainwaste` auf, da hat man gesagt, der Arbeitsmarkt ist der Integrationsmotor. Jetzt scheint die eigene Wohnung das Integrationsinstrument zu sein. Das kann man nicht auseinander dividieren. Ich glaube, dass man alles braucht: ein selbstbestimmtes Leben, gute Nachbarschaften, Freiheit von Diskriminierung und Rassismus, und Qualifikation für Arbeitsmarkt. Bildung ist für den sozialen Aufstieg in einer Gesellschaft wie der unseren, anders als in zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, die im hohen Maß nicht mehr auf Hilfsarbeiter abhebt, sehr wichtig."
 
Hyun: "Mein Vater schuftete nebenbei noch in einem Waschsalon, um das Geld in unsere Bildung zu investieren. Damit wir unsere teuren Lehrbücher kaufen und Studiengebühren bezahlen konnten, lösten sie ihre Lebensversicherung auf, verkauften ihr Auto. Meine Eltern haben nie Urlaub gemacht und auf jeden Luxus verzichtet. Von Montag bis Freitag arbeitete meine Mutter als Krankenschwester und an den Wochenenden in einem Seniorenwohnheim. Ich erinnere mich, dass sie uns Kindern immer den frischen Reis zum Essen gab und selbst den Reis vom Vortag aß."

In den 60-Jahren nach Deutschland gekommen

Young-Mi: "Meine Eltern wollten mich auch immer in einem akademischen Beruf sehen, das ist wohl bei allen koreanischen Eltern so. Für meine Eltern wars total schlimm, dass ich Schauspielerin werden wollte. Als die Idee mit dem Restaurant kam, waren sie auch total dagegen. Als Frau ist das ein Beruf, den die Koreaner sich nicht für ihre Tochter wünschen."

Young-Mi Park-Snowden ist 39 Jahre alt, sie öffnet gerade ihren kleinen Kiosk mit koreanischen Spezialitäten in Berlin-Kreuzberg. Gegenüber ihr Restaurant "Kimchi Princess": Mittlerweile ist das Lokal mit dem roten Neonlicht und den Barbecue-Spezialitäten stadtbekannt.

Auch Young-Mis Eltern kamen in den 60er-Jahren als Bergarbeiter und Krankenschwester nach Deutschland – und blieben.

Young-Mi: "Meine Mutter war ganz glücklich in Deutschland. Zu der Zeit war das Leben der Frau in Korea nicht so gleichberechtigt wie jetzt, die Frauen hatten weniger Rechte, wurden nicht als vollwertiger Mensch anerkannt. Meine Mutter hat elf Geschwister, zwei Brüder. Für die Koreaner war es immer wichtig, einen Sohn zu gebären, weil er der Stammhalter ist. Meine Mutter hat das in ihrer Kindheit schon erlebt, dass sie nicht als vollwertig angesehen wird. Das in Deutschland war eine ganz andere Freiheit und Bewusstsein. Das war im Gegensatz zu Korea ein Paradies."

Regelmäßiges Treffen mit Landsleuten

Jeden Dienstag trifft sich der "Koreanische Chor" in Berlin, ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Ensemble. Alle Sängerinnen sind ehemalige Krankenschwestern.

Koreaner sind gut in der migrantischen Selbstorganisation, wie das in der Fachsprache heißt. Es gibt Organisationen, Vereine und Verbände auf regionaler Ebene, auf städtischer Ebene, auf Bundesebene, sagt Migrationsexperte Lee:

"Es ist für die ersten Migranten ganz natürlich, dass die nach Landsleuten suchen, mit denen die sich austauschen können, und auch sprachlich, kulturell, sozial und emotional auch aufgefangen werden. Ein soziales Netzwerk aufbauen. Wenn sie mal ganz ohne Stress, ohne Grammatikfehler zu machen, sich in ihrer Heimatsprache austauschen wollen, das können sie in der Mehrheitsgesellschaft nicht. Oder wenn sie Kimchi essen wollen und keine Angst haben, nach Knoblauch zu riechen. Diese migrantische Selbstorganisation würde ich nicht gleich mit der Kategorie der Parallelgesellschaft beurteilen."

Vielleicht liegt das auch daran, dass die Koreaner immer schon auch mit Nicht-Koreanerin in Kontakt waren. Am Anfang mit KollegInnen im Krankenhaus oder im Bergwerk. Und später mit Schulfreunden oder Nachbarn.

Hyun: "Die Koreaner sind seit 55 Jahren Teil der deutschen Gesellschaft, und sind gut integriert, heißt es immer und dennoch spielen sie kulturell und gesellschaftlich keine Rolle. Doch die ´gute Integration` wird darüber definiert, dass die Koreaner ´laut- und teilnahmslos` in der Gesellschaft agieren und nicht konsequent ihre Rechte einfordern wie z.B. die Türken in Deutschland. Ich finde, die Koreaner in Deutschland haben sich zu gut integriert. Wir sind unauffällig, heben uns von der Masse mit unserem Aussehen ab und dennoch sind wir frei von Individualität, unsichtbar, wie eine Aspirintablette, die sich in Wasser aufgelöst hat."

Young-Mi: "Aber was ist gut integriert? Das heißt ja nicht nur, dass man erwerbstätig ist, sondern dass man sich in eine Gesellschaft gut eingliedert oder sich im Idealfall mit seinen kulturellen Einflüssen bereichert. Und da finde ich, wenn ich Koreaner in Deutschland oder Berlin anschaue – ich finde, das zeigt schon, dass sie gut integriert sind in Deutschland."

Gibt es eine gläserne Decke für die zweite Generation?

Aber, sagen viele Koreaner, und ABER sagt auch der Forscher Lee: Viele Koreaner seien gut in der Schule, machten einen guten Hochschulabschluss. ABER an irgendeinem Punkt breche die Karriere oft ab.

"Bei der zweiten Generation beobachten wir, dass sie eine Art gläserne Decke erfahren, je höher sie steigen. Es gibt so ein Bild von Asiaten in der deutschen Mehrheitsgesellschaft: Entweder sie sind nicht sichtbar oder sie werden mit bestimmten Stereotypen belegt."

Hyun: "Aufstieg durch Bildung? Sprache ist der Schlüssel zur Integration? Ich glaube, das ist eine Illusion. Nepotismus über Meritokratie. In Deutschland ist Vielfalt in den Führungspositionen ein Lippenbekenntnis. Die meisten Führungspositionen werden nicht anhand der Leistung vergeben, sondern nachdem Kennen. Die Wahrheit ist: die gut ausgebildeten Vietnamesen und Koreaner schaffen es im deutschen Arbeitsmarkt, gemessen nach ihren Qualifikationen, nicht bis ganz nach oben, in die Führungsetagen deutscher Unternehmen: Asiaten sind keine Abteilungsleiter, Geschäftsführer, Vorstandsvorsitzende, oder Marketingdirektoren. Oft enden sie bei koreanischen Unternehmen in Deutschland, oder gehen doch zurück ins Land der Eltern. Und die Diskriminierung fängt schon sehr früh an."

Lee: "Ein Beispiel: Ein koreanisches Kind wird in Deutschland geboren und geht in den Kindergarten, durchläuft die Schule, macht ein gutes Abi, studiert Medizin, Jura, BWL – die typischen Fächer, die Koreaner bevorzugen – und kommt in ein gutes Krankenhaus oder werden Anwälte und steigen auf. Aber je höher sie steigen und je mehr sie mit anderen konkurrieren auch um bessere Posten, desto mehr merken sie, dass sie plötzlich zu Koreanern werden."

Die Unternehmerin Young-Mi Park-Snowden  (picture alliance/dpa/Foto: Steffen Trumpf)Die Unternehmerin Young-Mi Park-Snowden (picture alliance/dpa/Foto: Steffen Trumpf)
Young-Mi: Ich hab auch eine Weile als Schauspielerin gearbeitet in Deutschland, und da muss ich sagen, dass die Asiaten schon immer als Stereotype gecastet werden. Und es glaube ich immer noch so ist, dass man in der deutschen Gesellschaft oder im Film als Exot betrachtet wird. Ich hatte auch immer Rollen, wo ich gebrochen Deutsch sprechen musste. Es ist leider so, dass entweder die thailändische Prostituierte oder die eingekaufte Frau aus Asien oder das Fashion Victim meine große Rolle war.

Aber die Unternehmerin Young-Mi findet auch, dass sich etwas bewegt, dass die Vorurteile kleiner werden – selbst im Schauspielbusiness. Und vor allem glaubt sie, dass keine gläserne Decke die Koreaner am Erfolg hindert.

"Ich glaube, dass es sowas wie eine gläserne Decke nicht gibt, sondern dass man in Deutschland schon die Chance hat, wenn man hart arbeitet und etwas mit Leidenschaft tut, dass da jeder Erfolg haben kann."

Hyun: Ich denke, es ist an der Zeit laut und unangenehm zu werden, Probleme zu machen, sich Gehör zu verschaffen, Forderungen auf Führungspositionen zu stellen, eine sichtbare Gruppe zu werden, die sich nicht so leicht herumschubsen lässt, sich wagen ins Rampenlicht zu stellen, und auf das Recht auf Chancengleichheit und Partizipation zu bestehen. Nur so werden wir in Deutschland eines Tages nicht mehr als Frühlingsrollen, Witzfiguren und Reisfresser angesehen."

Im Herzen Koreanisch

Aber trotz aller Probleme: Deutschland bedeutet nicht nur für die zweite Generation Heimat, sondern inzwischen auch für deren Eltern.

Mutter: "Korea ist meine Geburtsheimat und Deutschland ist auch Heimat. Beide sind Heimat geworden. Ich habe viel länger hier Deutschland gelebt. Und meine drei Kinder sind hier und Enkelkinder. Deren Herzen sind Koreanisch. Das andere ist Deutsch geprägt, aber die Herzen bleiben das Koreanisch."

Sie ist auch koreanisch geblieben – und auch ihre Kinder fühlen sich, obwohl in Deutschland geboren, auch koreanisch. Das liegt sicher auch an der Sprache, die bei den meisten Koreanern gepflegt wird und der vielen Traditionen, die den Alltag von Koreanern – und die Identitäten ihrer Kinder und Kindeskinder – prägen.

Young-Mi: "Wir hatten immer Kimchi im Kühlschrank, den fermentierten Chinakohl. Wir haben zu 80 Prozent Reis gegessen, für Vater war es immer so, für Koreaner ist es keine vollwertige Mahlzeit, wenn es kein Kimchi gibt oder Reis. In meiner Erziehung hab ich erlebt, dass die Werte des Konfuzianismus sehr wichtig sind. Man sagt zu Älteren nicht den Namen, sondern da gibt es Formen, wie man sie anreden kann oder muss. Jetzt, wo ich erwachsen bin und eine Tochter habe, sehe ich, dass es auch für mich wichtig ist, dass meine Tochter die Werte versteht und erlebt."

Hyun: "Die Koreaner in Deutschland verkörpern eine Migrantengruppe, die am wenigsten öffentliche Anerkennung oder Beachtung erhalten und die am leichtesten mit ironischem Spott behandelt wird. Am Anfang der deutsch-koreanischen Migrationsgeschichte stand eine fromme Heuchelei. Der passgenaue Import von Gastarbeitern wurde als ´technische Entwicklungshilfe` ausgegeben mit dem ausdrücklichen Ziel, die ´beruflichen Kenntnisse der koreanischen Bergarbeiter zu erweitern und zu vervollkommnen´. Dieses Ziel wurde verfehlt. Kaum einer der Rückkehrer arbeitete weiter im Bergbau. Die meisten wurden Taxifahrer oder eröffneten ein Geschäft. Genauso viele blieben allerdings in Deutschland. Sie erweiterten und vervollkommneten ihre beruflichen Kenntnisse. Schon vor langer Zeit haben sie die Schächte und Gruben verlassen. Eigentlich müssten sie gut sichtbar sein."

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