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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.03.2006

Die Geschichte der lautlosen Kämpfer

Joseph Boyden: "Der lange Weg".

Rezensiert von Lutz Bunk

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Soldaten an der Front im I. Weltkrieg (AP Archiv)
Soldaten an der Front im I. Weltkrieg (AP Archiv)

Der Antikriegsroman "Der lange Weg" ist auf dem besten Weg ein Weltbestseller zu werden. Das Debüt des kanadischen Autors Joseph Boyden erzählt die Geschichte von zwei "Gespenstersoldaten", zwei Cree-Indianern, die im ersten Weltkrieg als lautlose Kämpfer in Mokassins in den deutschen Schützengräben Angst und Schrecken verbreitet haben.

"Der lange Weg", so heißt der Debütroman des kanadischen Schriftstellers Joseph Boyden, dessen Großmutter Indianerin war und zum Stamm der Cree gehörte. Zur Legende wurde dieser Stamm in Kanada durch die Einsätze der Cree-Krieger im ersten Weltkrieg, die in den Schützengräben Frankreichs unter den deutschen Soldaten für Angst und Schrecken sorgten und zu hoch dekorierten Kriegshelden in Kanada wurden.

In seinem Debütroman nun zeichnet Boyden das Leben und die Kriegseinsätze zweier indianischer Kriegsfreiwilliger in den Schlachten der Jahre 1916 bis 1918 nach.

Die kanadische Armee-Führung ließ die indianischen Soldaten den Krieg auf deren eigene, traditionelle Weise führen, d.h. als Einzelkämpfer mit Mokassins statt mit schweren Stiefeln, mit dem blanken Messer, mit traditionellen Kriegskeulen, und eben als phänomenale Scharfschützen - wie auch die beiden Hauptprotagonisten des Romans. Bei den deutschen Soldaten lösten diese, wie sie sie nannten, Gespenster-Soldaten, die nachts durch das Niemandsland schlichen, regelmäßig Panik aus.

"Der lange Weg" ist ein großer Antikriegsroman – vergleichbar mit Erich Marie Remarques "Im Westen nichts Neues", obwohl das Töten hier immer aus der Perspektive indianischer Jäger beschrieben wird.

Daneben gibt es noch zwei andere Handlungsstränge: einmal wird die Kindheit der beiden Indianer-Soldaten um 1900 erzählt, zum anderen - nach dem Krieg - die Rückkehr des einen der beiden, der überlebt hat, wenn auch beinamputiert und morphiumsüchtig. Er wird von seiner Tante Niska, einer traditionellen Schamanin, in Empfang genommen, die neben den beiden Soldaten die Haupt-Erzählerin des Romans ist.

Durch diese weibliche Figur, die den Irrsinn des Krieges und der westlichen Zivilisation infrage stellt, bekommt der Roman etwas Vollständiges, tief Berührendes. Boydens Sprache kennzeichnet etwas typisch Indianisches: Boyden benutzt zu 99 Prozent das Präsens, was für den Leser eine enorme Nähe und Präsenz schäfft.

Auffällig ist auch, dass die Syntax bewusst einfach bleibt; lange und komplizierte Sätze werden vermieden: Die Beschreibung der Realität und die Handlung stehen im Vordergrund. Da wird also nicht mit sprachlichem Können brilliert sondern schlicht erzählt, und gerade das schafft eine ganz eigene Poesie der Schlichtheit: Der Leser verfällt in eine Art Trance.

Joseph Boyden ist 38 Jahre jung, er hat 7 Geschwister, sein Vater war Arzt; Boyden ist Dozent für kanadische Literatur an der Universität von New Orleans, verheiratet, ein Kind; bisher war er nur durch einen Band mit Kurzgeschichten aufgefallen.
Als nun Boydens Agent das Roman-Manuskript den Buchverlagen für einen üblichen Newcomer-Preis anbot, überboten sich die Buchverlage gegenseitig und steigerten den Preis um das Fünffache.

Der Roman wurde mittlerweile in zwölf weitere Länder verkauft. Es scheint so, als ob sich "Der lange Weg" in kürzester Zeit zu einem Weltbestseller entwickeln würde. Und das hat der Roman auch verdient, er ist ein Meisterwerk. Und es ist ein Triumph für Joseph Boyden, der mit zwölf Jahren von der Schule flog, weil er mit einem punkigen Irokesen-Schnitt herumlief.

Joseph Boyden, Der lange Weg.
Übersetzt von Bettina Münch und Kathrin Razum.
Roman. Knaus Verlag 2006
448 Seiten, 19,95 Euro.

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