Hörspielmagazin, vom 30.06.2020, 20:10 Uhr

Die Geräuschemacherin AnniKa von TrierDas Leben - ein Seiltanz

Wie wird man eigentlich Tonkünstlerin und Geräuschemacherin? Es kann jedenfalls nicht schaden, Seiltanz zu lernen, Musikinstrumente aus Mülltonnen zu retten und sich brandenburgische Ortsnamen so richtig auf der Zunge zergehen zu lassen, wie das Beispiel AnniKa von Trier zeigt. Der Rest ist Balance.

Die Liedermacherin AnniKa von Trier mit ihrem Akkordeon (Felix Broede)
Die Liedermacherin AnniKa von Trier mit ihrem Akkordeon (Felix Broede)

Glockenschläge einer Kirchturmuhr, eine Pferdekutsche auf den nächtlichen Straßen Londons, knisterndes Feuer. Künstlich oder künstlerisch erzeugte Geräusche aus der Werkstatt von AnniKa von Trier, mit denen sie das Live-Hörspiel "Der Mieter" ausstattete.

"Eigentlich ist es eine Mischung aus Ausprobieren, einerseits wissen, mit welchem Material man welche Geräusche herstellen kann, aber dann auch selber welche erfinden. Also ich gehe dann, wenn ich den Auftrag habe, ein Stück zu bestücken mit Geräuschen, gehe ich durch meine Wohnung und gucke in den Werkzeugkasten, ich gucke in die Abstellkammer: Was gibt es da an Folien, an Ploppfolien? Wie klingen verschiedene Werkzeuge? Also man geht dann mit ganz offenen Ohren durch die Welt."

Erlernt hat AnniKa von Trier diesen Beruf autodidaktisch. Geräuschemacher ist kein klassischer Ausbildungsberuf.

"Normalerweise ist das ja so eine Beziehung Meister – Schüler, wenn man so was lernt. Und da hatte ich das große Glück, dass Max Bauer in Berlin war, und wir uns getroffen haben. Und er hat mir einige Tricks gezeigt und hat mich auch eingeführt in die Schrittführung - das ist ja das A und O des Geräuschemachers, dass man die Schritte gut machen kann, welche Schuhe man da benutzt, wie das mit dem Abrollen ist. Und dann war ich auf mich selbst gestellt und habe über ein halbes Jahr mich mit dieser Materie beschäftigt, habe recherchiert, habe selber ausprobiert."

Hollywood on Air

Anlass für diesen immensen Lern-Aufwand war ein Angebot der Hörspiel-Redakteurin des RBB Regine Ahrem, die für ihr Live-Hörspiel-Projekt "Hollywood on Air" eine Mitspielerin der besonderen Art suchte.

"2018 in Wien, das war das erste Stück, wo die Regisseurin mich eben fragte, ob ich mir vorstellen kann, diesen Beruf 'Geräuschemacherin' zu erlernen: Ich sitze auf der Bühne, da stehen vier Schauspieler, die lesen einen Text; dann gibt es einen Musiker, der die Musik zum Stück macht, also atmosphärisch begleitet, das ist auch so ein Zusammenspiel mit dem Musiker, und ich mache tatsächlich einfach nur die Geräusche, die sind alle analog, es gibt keinen Laptop auf der Bühne."

Das Format "Hollywood on Air" orientiert sich an den "Golden Days of Radio", jener Zeit, in der das Radio in Amerika und dann auch in Europa seine erste Blütezeit erlebte. Berühmte Hollywood-Stars - oder in Deutschland Ufa-Stars - standen auf der Bühne und lasen ein Hörspielskript vor Zuschauern, oder besser Zuhörern, live ein, während gleichzeitig Millionen Hörer an den Rundfunkgeräten lauschten. Regine Ahrem hat für dieses Radio-Format Drehbücher von Alfred Hitchock bearbeitet und live mit Schauspielern auf der Bühne des Konzerthauses Wien eingelesen. Auch im ZKM in Karlsruhe sind die Live-Hörspiele gelaufen. An zweien, "Der Mieter" und "Die Wendeltreppe" war dann AnniKa von Trier als Geräuschemacherin beteiligt.

"Manche Sachen sind natürlich so, wie sie sind. Also, wenn ich Schritte mache, da trage ich Tangoschuhe, weil ich festgestellt habe, die haben die besten Sohlen, und damit geht es. Oder wenn ich eine Tür mache, habe ich tatsächlich mir eine kleine Tür bauen lassen, die dann auf- und zugeht. Aber der Witz ist natürlich, all die Sachen, die nichts vom Aussehen mit dem zu tun haben, welches Geräusch sie dann machen: also Kokosschalen als Pferdehufe, oder eine Block-Folie als Kaminfeuer, oder ein Latte-Macchiato-Becher als Schreibmaschine. Also, das macht dann den Leuten Spaß, wenn sie das Geräusch eigentlich nicht mit dem Aussehen des Gegenstands zusammenbringen."

"Ich bin jetzt Akkordeon-Spielerin"

Grundsätzlich braucht man natürlich eine gewisse Experimentierfreude, um sich auf solche denkwürdigen Angebote des Lebens einzulassen. Schon immer hat sich AnniKa von Trier dabei von Zufällen leiten lassen.

"Ich habe 1993 tatsächlich in einem Container in einer Ostberliner Straße mein erstes Akkordeon gefunden, und dann habe ich das mitgenommen - und das war wirklich eine Initialzündung, dass ich dachte: Wow!, jetzt bin ich Akkordeon-Spielerin! Bin dann runter gegangen zum Alexanderplatz, da spielten immer Bands, und habe den Akkordeon-Spieler gefragt, ob er das mal testet, ob das überhaupt noch geht. Und dann hat er ein bisschen gespielt und hat gesagt, ja, er gibt mir 20 Mark. Und dann habe ich gesagt: 'Nee, das ist jetzt schon entschieden. Ich bin Akkordeon-Spielerin.'"

Auch dieses Instrument hat sie dann autodidaktisch erlernt.

"Dann hatte ich das Glück, damals war ich Dramaturgie-Assistentin, und da war der wunderbare Schauspieler-Musiker Jürg Kienberger, der eben auch Akkordeon spielte. Und dann habe ich den gefragt, ob er mir mal erklärt, wie das alles funktioniert, wo die Bässe sind, und wie man das spielt. Es hat aber dann auch noch bis 2007 gedauert, bis ich tatsächlich auch mit dem Akkordeon aufgetreten bin."

"Wer Wagenitz, der nichts gewinnt"

Aus der intensiven Beschäftigung mit diesem Instrument entwickelte sich ein Solo-
Programm mit Liedern. Auch ein eigenes Hörspiel entstand aus dieser neuen Aufgabe: "Wer Wagenitz, der nichts gewinnt".

"Das kam da zustande, dass ich ein Konzert in Finsterwalde hatte und durch den Ort Pitschen-Pickel fuhr, und irgendwie dachte: Hey, das sind ja geniale Ortsnamen, da muss man doch was draus machen!"

Auch durch Wagenitz ging die Fahrt, einen Ortsteil der Gemeinde Mühlenberge in Brandenburg.

"Für das Radio-Stück bin ich ja zum einen Autorin, spreche auch selber mit, als Figur, und habe die Komposition gemacht. Und innerhalb dieser Komposition gibt es natürlich auch Geräusche."

Hörbeispiel

"Ich hatte das so konzipiert, – das Stück handelt ja von Bettina von Arnim, Hannah Höch und Jenny Marx – diese Dialoge von drei Künstler-Persönlichkeiten, drei Frauen, die sich eben austauschen über das Künstler-Sein, über das Frau-Sein und das über verschiedene Jahrhunderte hinweg. Und jeder dieser Geister-Figuren war ein Instrument zugeordnet. Und dafür habe ich mir verschiedene Patterns ausgedacht, Melodien ausgedacht, teilweise improvisiert."

"Mein Leben ist ein Seiltanz geblieben"

Die Geschichte ist eine Überlagerung aus verschiedenen Stimmen und Lebens-Positionen. Was ist Kunst? Was ist Erfolg? Braucht eine Frau einen Mann zum Glück in ihrem Leben? AnniKa von Trier spielt auch als Figur selbst mit, die von den anderen drei Frauen im Traum besucht wird. Zwischen die einzelnen Szenen stellt AnniKa von Trier ihre selbstgeschriebenen Lieder oder Chansons. Die Ausstrahlung erfolgte auf RBB Kultur 2019.

Schon in ihrer Jugend war es AnniKa von Trier, die ihren Herkunftsort zu ihrem Namen verwandelte, klar, dass sie niemals einen sogenannten "Nine-to-five-Job" ausüben würde. Als 17-Jährige absolvierte sie ein Praktikum bei einer Straßentheatergruppe: "Karls Kühne Gassenschau". Dort lernte sie das Seiltanzen.

"Also, ich könnte sagen, mein ganzes Leben ist ein Seiltanz geblieben. Und das hat mir vielleicht den Mut gegeben, ein freies Künstlerleben zu führen. Diese Truppe, 'Karls Kühne Gassenschau', das war für mich eine Initialzündung, weil ich gesehen habe, also, die haben so auf der Bühne auf dem Marktplatz von Trier gespielt, haben Musik gemacht, die hatten Katapulte, wo die sich in die Luft geschleudert haben, die haben Seiltanz gemacht, die hatten Instrumente. Das war komisch. Und ich habe gedacht: Wow, das ist ein Beruf, davon kann man leben? Das ist ja super!"

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