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Interpretationen | Beitrag vom 20.09.2020

Die Geigerin Alice HarnoncourtMutter und Herz des Orchesters

Moderation: Margarete Zander

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Der Dirigent und Cellist Nikolaus Harnoncourt und die Geigerin Alice Harnoncourt in einer frühen Aufnahme (Privat / Residenz-Verlag)
Power-Paar der Alten Musik: Alice und Nikolaus Harnoncourt, hier 1966 in den USA mit historischen Instrumenten aus der Gamben-Familie (Privat / Residenz-Verlag)

Ein Orchester als Lebenswerk und weit mehr als das: Gemeinsam mit ihrem Mann Nikolaus Harnoncourt hat die Geigerin Alice Harnoncourt die Beschäftigung mit Musik in Theorie und Praxis verändert.

Alte Musik auf Instrumenten der Vergangenheit, gespielt für Menschen der Gegenwart: Um 1970 traten nach diesem Prinzip immer mehr Musiker an die Öffentlichkeit, das eher irreführende Schlagwort "Historische Aufführungspraxis" begann sich durchzusetzen. Von einigen wenigen Vorläufern abgesehen, gehört das Wiener Ensemble Concentus musicus zu den ersten Pionieren dieser weit verzweigten Interpretationsschule, die das Denken über und das Spielen von Musik in unvergleichlicher Weise beeinflusst hat.

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Stets wird der Concentus musicus mit Nikolaus Harnoncourt in Verbindung gebracht, jenem vor vier Jahren verstorbenen Feuerkopf und unbedingten Wahrheitssucher unter den Dirigenten. Doch das fabelhafte Alte-Musik-Orchester ist ebenso das Werk von Alice Harnoncourt, der Frau des Dirigenten. Geboren vor 90 Jahren, am 26. September 1930, fand die Geigerin schnell zur Alten Musik und gründete mit ihrem Mann das Ensemble zunächst zum privaten Experimentieren.

Die Geigerin Alice Harnoncourt beim Geigespiel. (Privat / Residenz-Verlag)Alice Harnoncourt: Konzertmeisterin, Organisationstalent und Mutter (Privat / Residenz-Verlag)

1954 wirkten die jungen Musiker in einer von Paul Hindemith geleiteten Monteverdi-Aufführung mit, 1957 feierten sie das offizielle Debüt des Concentus musicus im Wiener Palais Schwarzenberg. Von da an ging es stetig bergauf; zuletzt gestaltete das Ensemble eine eigene Konzertreihe im Wiener Musikverein und war Hausorchester des Festivals styriarte. Parallel dazu wurde Harnoncourt als Dirigent zum wichtigen Impulsgeber der Orchester von Wien, Berlin und Amsterdam.

Eine musikalische Familie

Alice Harnoncourt scheint mit ihrem Mann geradezu symbiotisch verbunden gewesen zu sein. Dessen Wirken jedenfalls hat sie von den Anfängen bis zum Abschluss nicht nur begleitet, sondern entscheidend geprägt: Als Ansprechpartnerin in Aufführungs-Fragen, als Konzertmeisterin, als Bearbeiterin ungezählter Notentexte und als stets präsente Assistentin in allen Belangen.

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Aber sie kümmerte sich nicht nur um ihre musikalische "Familie", sondern wurde auch Mutter von vier Kindern – eine Lebensleistung, die man nur bewundern kann.

Abschied mit Beethoven

Nach dem letzten Konzert ihres Mannes, einer tief bewegenden Aufführung von Beethovens "Missa solemnis" im Sommer 2015, legte auch Alice Harnoncourt ihre Geige in den Kasten. Seitdem widmet sie sich der Aufarbeitung des Nachlasses von Nikolaus Harnoncourt.

"Wir sind eine Entdeckergemeinschaft", heißt ein Buch, das sie 2018 über die Anfänge des Concentus musicus im Residenz Verlag herausgegeben hat. Eine weitere Veröffentlichung ist dort ebenfalls 2018 erschienen: In "Meine Familie" wird die kuriose Familiengeschichte der Harnoncourts ebenso dokumentiert wie das nebenbei auch vorhandene zeichnerische Talent ihres berühmtesten Mitglieds. In diesem Jahr folgte der Band "Über Musik. Mozart und die Werkzeuge des Affen" mit ausgewählten Essays und Reden Nikolaus Harnoncourts.

Gemeinsame Sichtung

Margarete Zander hat mit Alice Harnoncourt mehrfach gesprochen, sie in ihrem Haus im Attergau besucht und sie bei der Sichtung der spannenden Concentus-Geschichte begleitet – eine Einladung, der "Entdeckergemeinschaft" beizutreten.

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