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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 27.09.2013

Die geballte Faust des Narzissten

Das Phänomen Fremdenhass aus psychologischer Sicht

Von Astrid von Friesen

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Faust im Dunkeln (picture alliance / Romain Fellens)
Faust im Dunkeln (picture alliance / Romain Fellens)

Die psychologische Logik von Fremdenhass ist immer die gleiche: Der Andere wird als "böse" heruntergemacht, um das eigene, schwache Ego zu stabilisieren, sagt die Therapeutin Astrid von Friesen. Sie kritisiert, dass die Politik diese Dynamik oft noch anstachele.

Wie entsteht Fremdenangst bis hin zum Fremdenhass? Auf der individuellen Ebene ist es eine narzisstische, chronische Wut oftmals aufgrund von eisiger Kälte in der eigenen Familie, wo sich erstens kein Urvertrauen bilden konnte und Hass gegen die eigenen Eltern entstand, der nicht gefühlt werden darf. Zweitens, wo in der Trotzphase das Kind nicht zivilisiert, das heißt adäquat mit seinen Wutanfällen umzugehen lernte. Drittens, wenn bis zur Pubertät sich das Selbstwertgefühl nicht stabilisiert hat, so dass es durch die Abwertungen, Entwürdigung, Verachtung von anderen hochgehalten werden muss. Der Narziss wartet sozusagen mit geballter Faust in der Tasche, um sein brüchiges ICH zu verteidigen. Dahinter steht also die Angst vor dem Zerfallen dieses ICHs.

Außer der individuellen Ebene gibt es die Gruppenebene. Ethnologen würden fragen: Wer sind WIR und wer sind die ANDEREN? Evolutionär sind wir geprägt als Jäger und Sammler unsere eigene kleine Gruppe gegen Fremde und unser Territorium zu verteidigen. Die Neurophysiologie hat es ebenfalls bewiesen: Wir neigen spontan dazu Fremde abzulehnen, um unser Gruppen-WIR-Gefühl zu stärken.

Doch wird dieser Reflex nicht durch die Vernunft und kraft unserer in der Kindheit erfahrenen Zivilisierung gebremst, kommt es zu dem Gefühl, dass die eigene Gruppe bedroht ist, woraufhin wir das ICH aufgeben und uns sozusagen unter das Dach des Gruppen-WIR stellen.

Um sich selbst als zivilisiert zu empfinden, wird der andere abgewertet

Springerstiefel des Teilnehmers einer Demonstration der Rechten Szene (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)Springerstiefel: Zeichen der Zugehörigkeit zur rechten Szene (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)Wir identifizieren uns dann mit dem jeweiligen Führer und seinen Parolen und geben unsere Vernunft an die Gruppe ab, verschmelzen mit ihr. Um uns selbst als zivilisiert, domestiziert, also überlegener empfinden zu können, müssen wir die anderen als wild, unzivilisiert und barbarisch abtun. Der Soziologe Norbert Elias beschreibt diesen komplizierten Mechanismus als Projektion: Wir projizieren unsere eigenen sogenannten "bösen" Anteile, also unsere Wut auf die Eltern und die Gesellschaft, auf die Fremden.

Hinzu kommen, wie der berühmte Gruppenanalytiker Vamik Volkan schreibt "auserwählte Traumata", das heißt tradierte Erzählungen, Klischees und Vorurteile gegenüber die Fremden wie zum Beispiel: "Die dealen doch alle …", "Die gehen auf den Strich …", "Sie belästigen unsere Kinder …".

Das Gleiche passiert natürlich auch auf der Seite zum Beispiel der türkischen Einwanderer: Sie haben sich zum Teil bereits vor 50 Jahren in bestimmten Stadtteilen zusammengeschlossen, um ihr brüchiges Selbstwertgefühl in der Fremde zu stabilisieren oder scharen sich um muslimische Führer. Sie lehnen die deutsche Gesellschaft teilweise als unzivilisiert, halbnackt, unmoralisch und gottlos ab, entwerten sie also, um sich selbst aufzuwerten und sich durch Sitten und Gebräuche, ihre Sprache und die sichtbaren Kopftücher abzugrenzen.

Die Politik stachelt diese Gruppendynamik auf beiden Seiten extrem an, wenn sie zum Beispiel Asylsuchende in großen Wohnanlagen unterbringt. So nach dem Motto: Diese Kaserne, dieses Lehrlingswohnheim steht gerade leer und muss genutzt werden: In der Logik und Aggressivität des Verwaltungsdenkens!

Doch es gibt auch Gemeinden, die einfühlsam und klug diese Menschen in einzelnen Wohnungen über die Stadt verteilt wohnen lassen, weil dann die Integration besser voranschreitet, da keine Seite sich bedroht fühlen muss und die eigene Vernunft und eigene Einfühlung in das Schicksal der Anderen walten lassen kann.

Astrid von Friesen (privat)Astrid von Friesen (privat)Astrid von Friesen, Jahrgang 1953, ist Journalistin, Erziehungswissenschaftlerin sowie Gestalt- und Trauma-Therapeutin in Dresden. Sie unterrichtet an der Universität in Freiberg, arbeitet in der Lehrerfortbildung und Supervision. Außerdem schreibt sie Bücher, zuletzt: "Schuld sind immer die anderen! Die Nachwehen des Feminismus: frustrierte Frauen und schweigende Männer" (Ellert & Richter Verlag Hamburg).

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