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Im Gespräch | Beitrag vom 03.12.2019

Die Fotokünstlerin Johanna Diehl"Man muss einen Raum begreifen"

Moderation: Britta Bürger

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Die Fotokünstlerin Johanna Diehl. (Raphael Sbrzesny)
Für ihre Bilder reist sie viel: die Fotokünstlerin Johanna Diehl. (Raphael Sbrzesny)

Bekannt geworden ist sie durch das Fotografieren verlassener Räume in Zypern, der Ukraine und Italien. Es ist die Leere und das Beschweigen der Vergangenheit, die Johanna Diehl visuell interessiert. Dabei schöpft sie auch aus der eigenen Familiengeschichte.

Während heutzutage jeder mühelos mit dem Smartphone Fotos knipsen kann, reist die Fotografin Johanna Diehl mit einer klassischen Plattenkamera durch Europa. Man muss kein Experte sein, um zu erahnen, das ist ein ziemlicher Aufwand. Warum tut sie sich das an?

"Die Plattenkamera ist für mich ein wichtiges Mittel, wenn ich fotografiere, zu einer gewissen Konzentration zu finden. Man muss sich vorstellen, dass man tatsächlich mit einer großen Kamera unterwegs ist, mit einem Tuch die Mattscheibe abdunkeln muss. Es hilft vor Ort, wenn man weiß, man kann jetzt nur ein oder zwei Bilder machen und muss sich entscheiden."

Fotografieren ist für Johanna Diehl mehr, als nur auf den Auslöser zu drücken. Es ist ein Prozess, der lange vor dem Bild beginnt. Erst kommen die  Recherchen, später die Reisen, dann der Kontakt "mit Menschen vor Ort. Und dann letztendlich in dem Ort seien und diesen Ort und Raum begreifen, wie er mal funktioniert hat und wie er vielleicht jetzt genutzt wird. Und all dieses Begreifen ist wichtig, um zu wissen, welches Bild man macht."

Die Schatten der Vergangenheit

Fotos von Johanna Diehl werden gerade im Berliner Haus am Waldsee gezeigt, dort hat die Künstlerin ihre erste große Einzelausstellung. Wie schon in anderen Projekten geht es hier um die Schatten der Vergangenheit. Die 42-Jährige beschäftigt sich diesmal mit der eigenen Familiengeschichte. Johanna Diehl hat den Nachlass ihrer 2010 verstorbenen Großmutter übernommen und darunter Notizbücher aus mehreren Jahrzehnten gefunden. Kisten voller Fotos und Dias, Hausrat und Möbel.

"Ich hatte diese ganze Kisten und Alben und Gegenstände übernommen und hatte das Gefühl, die müssen irgendwie bearbeitet werden, da warten Dinge. Ich hatte auch viele Fragen, vor allem auch an die Tagebücher meiner Großmutter, auch bezüglich des Todes meines Vaters. Ich habe aber in diesen Büchern keine Antworten gefunden. Im Gegenteil. Ich hab gemerkt, je mehr ich mich damit beschäftige, umso mehr geht es eigentlich um das zwischen den Zeilen, was nicht angesprochen wird."

Nur wenig hat sie über den Großvater erfahren, der als NS-Unterstützer in der Ukraine fiel. Auch kaum etwas über den Vater, der sich 1983 umbrachte, da war Johanna Diehl fünf Jahre alt.

So kombiniert die Künstlerin in ihrer Ausstellung zum Beispiel die Fotos ihrer Großmutter, mit Prothesen und Apparaturen.

"Diese Requisiten sind für mich so Metaphern für die Verwundungen einer Seele. Wichtig ist, dass es nur um die Großeltern geht, sondern dass sie eigentlich exemplarisch für eine Zeit stehen. Und ich untersuche so ein Klima der Nachkriegszeit in der BRD, das sich immer zwischen Aufbruch, schweigen und verdrängen befindet."

(bri/ful)

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