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Thema / Archiv | Beitrag vom 19.11.2010

"Die finden, es passiert total viel"

Drei Monate in der Kleinstadt: Was ein "teilnehmender Beobachter" in Brandenburg erlebte

Moritz von Uslar im Gespräch mit Ulrike Timm

Die örtliche Tankstelle ist mancherorts der wichtigste Treffpunkt (AP)
Die örtliche Tankstelle ist mancherorts der wichtigste Treffpunkt (AP)

Statt stillen Tagen im Klischee verbrachte Moritz von Uslar eine sehr spannende Zeit in Zehdenick, die ihm überraschende Einsichten in die robuste Seele des Kleinstadtbewohners brachte. Sein Fazit: "Den Arschgeigen geht es gut."

Ulrike Timm: Janz weit draußen hat sich Moritz von Uslar aufgehalten, eine Stunde von Berlin in einer brandenburgischen Kleinstadt, 15.000 Einwohner, eine völlig fremde Welt für den Autor der "Zeit" und langjährigen Journalisten der "Süddeutschen Zeitung", der sich sonst eher im schicken Berlin-Mitte auskennt, zwischen gut gestylten und Champagner schlürfenden Menschen. Aber genau diese andere Welt hat ihn gereizt zu erkunden, und zwar nicht im Schnelldurchlauf – deshalb hat er sich auch drei Monate Zeit genommen für Oberhavel. So nennt der Autor das Nest in seinem Buch "Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung", und jetzt erzählt er uns davon. Schönen guten Tag, Moritz von Uslar!

Moritz von Uslar: Guten Tag!

Timm: Sie waren auf der Suche nach des Prolls reiner Seele, haben Sie die gefunden?

von Uslar: Ja, das ist halt vor allen Dingen erst mal eine schöne Formulierung oder zumindest eine, die ich schön finde. Es geht ja bei vielem in dem Buch eben darum, was aufzubauen. Das ist jetzt ein sprachliches Aufbauen einer Figur, die ich mag – des Prolls, rein äußerlich. Genauso der von Ihnen soeben geschilderte Gegensatz zwischen Champagner trinkend und Provinz, den gibt es natürlich gar nicht. Was für ein Quatsch! Ich trinke nie Champagner.

Timm: Sie sind schon ziemlich klischeebeladen eigentlich hingefahren, auf der Suche nach Hartz IV, nach Nazis, nach Tristesse – was genau haben Sie erwartet?

von Uslar: Das ist das Schöne, dass ich gar nichts erwartet habe, außer dass ich runterfahre, dass ich Ruhe gebe und dass ich Zeit habe. Das Zeithaben war das Beste an dieser Reportage. Normalerweise muss man in ein, zwei Tagen eine Geschichte aufstellen, und ich hab' mir halt länger genommen, ich hab mir diese drei Monate genommen.

Timm: Sie haben den Leuten dann auch ganz offen gesagt, ich schreibe ein Buch über das Leben in der Kleinstadt, haben ziemlich viel Bier mit ihnen getrunken, sind im Boxverein gewesen, haben Ihr Leben ganz bewusst geteilt, aber sie haben mit Leuten zu tun gehabt, die meistens den ganzen Tag über keine wirkliche Beschäftigung hatten. Was passiert denn, wenn nichts passiert?

von Uslar: Das ist eine der Fragen des Buches, und die finde ich wirklich toll. Es passiert natürlich ganz viel. Die Leute können ziemlich gut daherreden. Das fällt einem wirklich auf. Also die haben eine ziemlich ironische, doppelbödige, ja, gute Sprache, und das Nichtstun, das Wenigtun bildet so eine eigene Art von kreativem Sprechen, könnte man was denken. Also der Mensch da, der da vorne mit seinem Bierglas steht und ein bisschen stumpf aussieht, ist nicht stumpf. Das war eine tolle Nachricht für mich.

Timm: Was haben Sie gelernt von ihm?

von Uslar: Lernen tut man ja irgendwie nichts mehr in dem engeren Sinne. Ich hab, was mich wirklich froh gemacht hat, ich habe geredet, ich hab rumgeplappert, rumgeplaudert. Und ganz viel von dem Buch beschäftigt sich mit der Dokumentation dieser tollen Plaudereien, Plappereien.

Timm: Man hat ja schon so ein Bild von so einer brandenburgischen Kleinstadt. Man erwartet Rechte, man erwartet viel Hartz-IV-Empfänger, man erwartet so ein Häkeldeckchen unterm Telefon, und Sie haben auch eine Menge davon vorgefunden. Haben sich alle Klischees bestätigt?

von Uslar: Überhaupt nicht – ich gebe ja auch eine gewisse Dummheit vor in dem Buch. Ich war ja oft in Brandenburg, ich hab so wie viele Berliner, aus dem Westen kommend, die Wochenenden in den 90er-Jahren in Brandenburg verbracht. Ich hab dazu einen Teil meiner Kindheit in den 80er-Jahren immer wieder in der damaligen DDR verbracht. Das heißt, ich hatte eh mehr als eine Ahnung, was da kommt. Und tatsächlich, es gibt diese Klischees, und die Überraschung sind zwei Dinge: Erstens stimmen sie, zweitens lösen sich die Klischees natürlich auf, wenn man ein bisschen bleibt. Also Nazis hab ich nicht gefunden, dies ist eher eine Geschichte der 90er-Jahre, was Brandenburg angeht. Ich will nicht sagen, dass es keine gibt, aber ich stand zumindest mit keinen zusammen. Und Arbeitslosigkeit hab ich gefunden, auch eine hohe Arbeitslosigkeit. Die Leute, mit denen man da rumredet, sind oft auf Hartz IV. Das sind sozusagen die Klischees, die ich gefunden habe, und gleichzeitig gehen die halt weg, wenn man selber bleibt.

Timm: Nun ist der Brandenburger, um noch ein Klischee zu bemühen, per se ja nicht unbedingt gesprächig. Sind Sie auch auf Ablehnung gestoßen?

von Uslar: Das Gegenteil ist das Klischee, das er sehr gesprächig ist, also dass der gerne rumplappert und rumschnauzt und ziemlich schnell mit der Schnauze ist der sogenannten Berliner oder brandenburgischen in dem Fall. Und das ist auch wahr. Es ist ja immer so, man spricht mit denen, die halt sprechen wollen. Ich bin ja auf keine Leute draufgegangen und hab gesagt "können Sie mir mal Fragen beantworten?", sondern ich hab mich einfach hingestellt. Ich hab mich sozusagen saufend zur Verfügung gestellt und gewartet, wer dann kommt. Da kommt natürlich immer nur ein bestimmter Typ, Einwohner auf einen zu, nämlich der, der reden will. Der Teil, der rummuffen und schweigen will, tut dies weiter.

Timm: Sich an einen Stammtisch zu setzen, wo Leute, die sich seit Jahren, seit Jahrzehnten kennen, ihr Bier zusammen trinken, ist ja für einen Außenstehenden fast eine Mutprobe. Haben Sie ein bisschen Schiss gehabt?

von Uslar: Das hätte ich auch respektlos gefunden, mich an einen Stammtisch zu setzen, da hätte ich dann vielleicht doch einen Ellbogen ins Gesicht bekommen. Das hab ich natürlich nicht gemacht, sondern ich hab mich – wie man das vielleicht als Fremder dann tut – an den Tresen gestellt und auf den Stammtisch draufgeguckt. Und natürlich hat man Schiss, aber ich finde das gar nicht so besonders, ich finde das normal. Natürlich hat man Respekt vor einem Lokal, in dem man niemanden kennt in einer Kleinstadt. Das dunkle, deutsche Lokal ist eins, vor dem man Respekt hat. Und ich hab auch Respekt vor einer Aral-Tankstelle, auf der 20 Jungs rumstehen, da Guten Tag zu sagen.

Timm: Boxklub und Aral-Tankstelle sind in einer brandenburgischen Kleinstadt das, was früher die Kirche im Dorf war, oder?

von Uslar: Ich glaube auch, die Tankstelle ist … eben in dem Fall die Aral-Tankstelle, ist wirklich sozusagen der Brennpunkt, der Ort, an dem man sich sieht. Also die Bushaltestelle, da gibt es halt keinen Bus, oder die Aral-Tankstelle, und da stehen die rum, zumindest über die Sommermonate, und das ergibt eine ganz eigene tolle und hochinteressante Art von Gesellschaft und Gemeinschaft und sozialen Regeln. Und das war eine Riesenfreude, das alles zu dokumentieren und aufzuschreiben. Und ich fand es im engsten Sinne aufregend.

Timm: Für den Autor heißt es auch Leben entdecken in der Langeweile, für die Leute, die die Hauptfiguren in Ihrem Buch sind, heißt es das nicht. Wie gehen die damit um, dass nichts passiert?

von Uslar: Die haben eine ganz andere Wahrnehmung als ich, die finden, es passiert total viel. Die sind auch total ausgelastet mit den ganzen Videospielen und den ganzen Sprüchen und den Ratschereien über die Autos und den jeweils neuen Angeboten vom Arbeitsamt, die man absagen muss, und all diesen Dingen. Die haben das Gefühl, dass sie – und das kann ich auch nachvollziehen – ein volles und reiches Leben haben. Logisch, es gibt halt verschiedene reiche Leben, das ist eins der reichen Leben da draußen.

Timm: Deutschlandradio Kultur, wir sprechen mit Moritz von Uslar über sein Buch "Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung". Ihr Fazit ganz kurz vor Schluss des Buches heißt: "Das sind Arschgeigen, aber großartige Arschgeigen." Ich hab mich gefragt, wie geht es denn den Arschgeigen mit dieser Beschreibung?

von Uslar: Ja, das ist für mich irgendwie ein tolles Fazit: Gut, den Arschgeigen geht es gut. Die verstehen, im Gegensatz zu einigen Rezensenten, wenn dann das Wort Arschgeigen auf Seite 480 oder so ähnlich, 380, fällt, dass das ein liebevolles Wort ist. Dazu muss man aber ein paar Seiten erst mal gelesen haben. Ja klar, Arschgeigen, das ist lächelnd gesagt. Großartige Arschgeigen! Und die haben ziemlich lässig da mal gesagt: Wir haben ihn ja auch Arschgeige genannt. Ja, so kann man doch reden, so ist man doch im Gespräch. Und tollerweise mag diese Stadt das Buch. Der Herr Bürgermeister äußerte sich kürzlich sehr wohlwollend: Ein gelungenes Buch, ein sehr gelungenes Buch. Und die beschriebene Band und die anderen Leute sind mit mir im Kontakt, und wir freuen uns, dass wir uns kennen. Und heute wird die Band mit mir zusammen da in dem Ort auftreten, das wird sehr aufregend.

Timm: Nun ist Oberhavel oder Hardrockhausen, was ich eigentlich noch schöner fand, enttarnt, es ist Zehdenick in Brandenburg. Hat Sie das geärgert, dass das Pseudonym gelüftet wurde?

von Uslar: Überhaupt nicht, es war bloß ein Unterschied, ob ich das selber hinschreibe oder ob der kluge Leser das dann doch relativ umstandslos sehr schnell rausbekommen kann. Ich bin völlig einverstanden damit, dass Leute wissen, welche Stadt das ist. Ich kann nur sagen, es geht mir um den Typ Kleinstadt, nicht um diese Kleinstadt. Es geht mir nicht um eine präzise Beschreibung dieser Kleinstadt – ganz egal –, sondern um die präzise Beschreibung einer Kleinstadt. Das ist ein Unterschied.

Timm: Nun haben Sie uns gesagt, vielen hat das Buch gefallen, wird auch deutlich, wenn man ein bisschen drüber liest, und einige Zehdenicker fühlen sich auch vor den Kopf gestoßen, weil sie sich als Oberhaveler doch ein bisschen tumb beschrieben finden. Beschäftigt Sie das?

von Uslar: Das beschäftigt mich sehr. Mir ist persönlich – obwohl ich eben sehr viel in der Kleinstadt bin und in den letzten Wochen war und da auch in Zukunft viel sein will – nur von einer Person der Fall bekannt, dass sie das Buch nicht mag und sich darin nicht gut behandelt vorkommt. Ich weiß gleichzeitig von der Person, dass sie das Buch nicht gelesen hat. Die anderen, die es gelesen haben, mögen es, das ist irgendwie ein toller Erfolg. Ich muss sagen, mein erstes Ziel war natürlich, ein gutes Buch zu schreiben, und das zweite Ziel und die zweite Verantwortung, die ich spüre und gespürt habe, gilt den Leuten, über die ich da geschrieben habe. Und wenn die dann am Ende sagen, ist hart für uns, wie du uns beschreibst, aber ist auch gerecht und wir fühlen uns wohl, dann ist das für den Reporter großartig.

Timm: Ihnen ist das so wichtig rauszustellen, dass die Leute sich von Ihnen verstanden fühlen, dass ich da auch ein bisschen Verletztheit fühle, dass andere – also es gibt Rezensionen, die haben gesagt, er hat die Ostdeutschen beleidigt, er hat sie an den Pranger gestellt, er hat ihre Würde nicht gewahrt. Ich vermute, dass Sie das aufgeregt hat, sonst würden Sie das Gegenteil nicht so häufig bekräftigen jetzt bei uns im Gespräch.

von Uslar: Nein, gar nicht. Es ist bloß so, dass ich tatsächlich eine Verantwortung spüre, und die spüre ich bis jetzt, obwohl das Buch jetzt schon länger draußen ist, den Leuten gegenüber, die ich da beschreibe. Und es gibt da keine Verletztheit, sondern es gibt im Gegenteil eine große Freude darüber, wie gut das Buch ankommt.

Timm: Sie lesen in Zehdenick, ist das ein Heimspiel oder ist das ein Gastspiel?

von Uslar: Das ist eine gute Frage. Ich finde es sicherlich kein Heimspiel, und es ist auch noch mal was anderes als ein Gastspiel. Ich lese da ja nicht vor Fans, sondern vor den Leuten, die dort eben wohnen. Und mittlerweile haben es dann doch sehr viele gelesen und in der Hand gehalten, insofern wird es in jeder Beziehung oberinteressant, weil sich verschiedene Ebenen treffen – also die Ebene meines Buches, die, die beschrieben werden, und dann ich als Autor oder als der Reporter in dem Buch. Und dann wird man gucken, wie sich diese Seiten miteinander verstehen.

Und es wird auch Fragen geben. Ich werde zum Beispiel erklären müssen, dass es mir tatsächlich, auch wenn sie schwer zu verstehen ist, nicht darum ging, diese Stadt zu beschreiben, sondern eine Kleinstadt zu beschreiben. Und ich finde das ganz normal, dass man das zum Teil durcheinanderkriegt oder auch missversteht. Also ich kann auch nicht alles erklären, und ich werde zum Teil das Buch ja auch anschauen wie ein Leser, ich bin ja mittlerweile auch Leser. Ich schau es mir an und denke – muss selber nachdenken, wie meint der Autor das wohl, was da drin steht.

Timm: Heute Abend wird Moritz von Uslar in Zehdenick aus seinem Buch "Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung" lesen. Und weil jetzt schon klar ist, dass der Platz in der Klosterscheune nicht reicht, wird die Lesung im Bowlingcenter stattfinden. Und wie es war, das erfahren Sie dann heute Abend in unserem Kulturmagazin "Fazit". Ich danke Ihnen für Ihren Besuch im Studio!

von Uslar: Danke Ihnen auch!

Informationen des Verlags Kiepenheuer & Witsch zu Moritz von Uslars Buch "Deutschboden - eine teilnehmende Beobachtung"

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