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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.08.2010

Die Faszination der Grausamkeit

Janne Teller: "NICHTS. Was im Leben wichtig ist", Carl Hanser Verlag, München 2010, 140 Seiten

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In Janne Tellers "Nichts" muss der geliebte Hamster einer Mitschülerin für die Gemeinschaft sterben. (Stock.XCHNG / Robbie Owen-Wahl)
In Janne Tellers "Nichts" muss der geliebte Hamster einer Mitschülerin für die Gemeinschaft sterben. (Stock.XCHNG / Robbie Owen-Wahl)

Selten ist ein Jugendbuch so kontrovers diskutiert worden. In Dänemark, wo Janne Tellers "NICHTS" vor zehn Jahren erschien, wurde es zunächst vehement abgelehnt, um dann später begeistert gefeiert zu werden. Auch in Deutschland macht der Roman inzwischen Furore.

Von nichts und damit von allem erzählt dieser erstaunliche Roman mit dem mehrdeutigen Titel "Nichts bedeutet irgendetwas. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun."

Mit diesen Sätzen verlässt Pierre Anthon eines Tages seine Klasse und zieht sich wie Italo Calvinos Baron auf einen Baum zurück, von wo aus er mit matschigen Pflaumen und kernigen Sprüchen um sich schmeißt. Seine Mitschüler, verunsichert und verärgert, beschließen, Bedeutendes zu sammeln, um dem zynischen Nihilisten und mehr noch sich selbst das Gegenteil zu beweisen.

Jeder einzelne muss ein Opfer geben, und was harmlos beginnt, droht bald zu eskalieren: Rieke verliert ihre Zöpfe und Gerda ihren Hamster. Eine Adoptionsurkunde, ein Gebetsteppich, ein Kindersarg samt Leiche und eine Jesusstatue landen auf dem angehäuften "Berg der Bedeutung". Immer grausamer werden die Forderungen, bis Sofie ihre Unschuld und Johan seinen Zeigefinger einbüßt. Als das gespenstische Komplott endlich auffliegt, werfen sich die Presse und der Kunstmarkt auf den Fall. Was zur Folge hat, dass alle Jugendlichen ihren Glauben an irgendeine Bedeutung verlieren - und Pierre sein Leben.

Was ist Bedeutung? Was hat Bedeutung? Haben Dinge Bedeutung, Erfolg, Überzeugungen, Gefühle? Sind Tabuzonen wie der Körper, die Kirche, der Tod oder das Leben von Bedeutung? Kompromisslos stellt die Autorin diese Fragen, denn indem die Schüler sich gegenseitig zwingen, persönlich Bedeutendes aufzugeben, meinen sie, objektiv Bedeutendes zu schaffen. Am Schluss müssen sie aber einsehen, dass sie in ihrer blinden Bestialität das Bedeutendste selbst zerstört haben: ihre Menschlichkeit. Vertrauen, Zuneigung und Werte.

Janne Teller hat keinen realistischen Roman geschrieben, sondern eine psychologisch spannende Parabel über Mut und Feigheit, über den Sog und die Faszination von Grausamkeit, über die Verführbarkeit durch Ideologien und die Suche nach dem Sinn des Lebens. "Nichts" erschüttert wie Marcus Zusaks "Die Bücherdiebin" oder John Boynes "Der Junge im gestreiften Pyjama" dadurch, dass das Erzählte nicht wahrscheinlich, aber denkbar ist und so unaufhaltsam abläuft wie ein antikes Drama.

Auch die Sprache des Romans hat deutlichen Anteil daran, dass man als Leser das Gefühl nicht loswird - ähnlich wie in Morton Rhues "Die Welle" oder William Goldings "Herr der Fliegen" - einem hochexplosiven Experiment zuzusehen. Denn die Ich-Erzählerin Agnes berichtet mit so abstruser Präzision und kalter Logik, so gleichgültig wie gnadenlos, dass sich unter fast jedem Satz ein moralischer bzw. menschlicher Abgrund auftut.

"Nichts" sei Jugendlichen nicht zumutbar, wurde in Dänemark argumentiert. Im Gegenteil! Der Roman ist Jugendlichen vielleicht besser zuzumuten als Erwachsenen, weil junge Leute meist aufrichtiger sind und eher bereit, sich in Frage zu stellen. Egal, wie man "Nichts" liest, als philosophische, psychologische oder soziologische Studie, oder eben als literarische Provokation – unberührt wird niemand das Buch aus der Hand legen.

Besprochen von Sylvia Schwab

Janne Teller: NICHTS. Was im Leben wichtig ist
Aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler
Carl Hanser Verlag, München 2010
140 Seiten

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