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Das politische Buch / Archiv | Beitrag vom 05.01.2007

Die europäische Krankheit

Walter Laqueur: "Die letzten Tage von Europa"

Rezensiert von Jacques Schuster

Auch die Aufnahme weiterer Mitglieder wird die EU nicht vor dem Niedergang retten (AP)
Auch die Aufnahme weiterer Mitglieder wird die EU nicht vor dem Niedergang retten (AP)

Noch vor wenigen Tagen feierte die Europäische Union die Aufnahme von Bulgarien und Rumänien. Doch auch diese Erweiterung wird die europäische Gemeinschaft nach Ansicht von Walter Laqueur nicht vor dem Untergang retten. Schon in wenigen Jahrzehnten wird Europa in die politische und wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit versinken.

Dieses Buch macht traurig. Nüchtern schildert es den Untergang Europas. In stillem Pessimismus nennt es Zahlen und Fakten, denen man nicht widersprechen kann, auch wenn man es gerne wollte. Leicht ließe sich der Essay beiseite legen, ähnelte er den kulturpessimistischen Schriften der Weimarer Republik. Doch sein Autor Walter Laqueur, dieser Wanderer zwischen den Welten, hat nichts gemein mit dem mystischen Gewaber der Zwischenkriegszeit.

Der aus Deutschland stammende Historiker mit Wohnsitz in London und Washington stellt lediglich fest, was ist und was kommen wird. Wäre Laqueurs Befund nicht so düster, müsste man seinen Beitrag Streitschrift nennen. Doch worüber soll man debattieren, wenn der Niedergang des Kontinents in vollem Gange ist? Laqueur ist davon überzeugt. Die Belege, die er nennt, geben ihm Recht.

Vier Merkmale des Siechtums stehen im Mittelpunkt seines Buches: die Entvölkerung Europas, die Folgen der Masseneinwanderung, die Unfähigkeit zur Reform des Wohlfahrtsstaates und der Widerwille, den Kontinent zu einen. Die meisten der genannten Symptome mögen dem politisch wachen Zeitgenossen bekannt sein. Doch diese Tatsache schmälert nicht die Lektüre. Denn zum einen verweigern sich die Europäer bis heute den Fakten und flüchten sich in den Traum des kommenden europäischen Weltreiches, das Amerika Sitten lehren wird. Zum anderen hält sich Laqueur nicht bei den Problemen eines Landes auf, sondern blickt auf den Kontinent.

Der Vorteil, der darin liegt, ist zugleich ein Nachteil. Er führt dem Leser die europäische Krankheit in ihrem ganzen Ausmaß vor Augen.
Immer wieder kommt Laqueur vor allem auf den Rückgang der Bevölkerung zurück.

"Während die europäische Durchschnittsfamilie im 19. Jahrhundert noch fünf Kinder besaß, erfreut sie sich heute statistisch gesehen nur an 1,37. 2,2 Kinder aber sind nötig, um den Erhalt der Gesamtbevölkerung zu gewährleisten. Geht es so weiter, wird Deutschland in einhundert Jahren nicht mehr 82, sondern nur noch 32 Millionen Einwohner haben, Großbritannien (gegenwärtig 60) noch 45 Millionen und Italien (heute 32) nur noch 15 Millionen."

Der Schluss daraus ist einfach: Europa vergreist.

"Liegt das Durchschnittsalter derzeit bei 37 Jahren (in den USA bei 36), wird es 2050 bei rund 53 Jahren stehen. Die amerikanische Bevölkerung wird dann durchschnittlich nur ein Jahr älter als heute sein."

Zu Recht erinnert Laqueur in diesem Zusammenhang an den europäischen Wunsch nach einer eigenständigen Armee:

"Wenn wir annehmen, dass auch in fünfzig Jahren noch bewaffnete Streitkräfte erforderlich sind, stellt sich die Frage, woher Europas Soldaten dann noch kommen sollen - es sei denn, die Grenze des Einberufungsalters würde um zwanzig Jahre angehoben."

Manch einer wird raten, auf Einwanderer als Rekruten zurückzugreifen. In Brüssel etwa stammen schon heute 55 Prozent der Neugeborenen aus Immigranten-Familien. Doch auch diese Hoffnung zerstört der Autor mit Hilfe der Daten.

"Um den gegenwärtigen Bevölkerungsstand in Europa zu wahren, benötigt der Kontinent bis 2050 700 Millionen Einwanderer. Das ist eine Größe, die keine Gesellschaft verkraften kann, zumal Europa bereits jetzt die Energie zur Integration verloren hat."

Walter Laqueur: "Die letzten Tage von Europa" (Coverausschnitt) (Propyläen Verlag)Walter Laqueur: "Die letzten Tage von Europa" (Coverausschnitt) (Propyläen Verlag)Kenntnisreich legt Laqueur die Schwierigkeiten aller europäischen Staaten mit den muslimischen Zuwanderern dar. Er beschreibt ihre Ghettos in den Ballungszentren, befasst sich mit den Extremisten in ihren Reihen und erläutert die Abneigung der Muslime, sich zu verwestlichen. Ihre Geburtenrate und das entschlossene Auftreten ihrer Repräsentanten werde eher früher als später die europäische Politik verändern - und zwar nicht zum Guten. Deutlich, aber gelassen zeigt Laqueur die ersten Zeichen eines Appeasements gegenüber dem Islamismus auf. Die Leisetreterei werde zunehmen und zu einem Duckmäusertum führen, das Europas ToIeranz, seine Weltlichkeit, seine Vielfalt und die Grundsätze seiner Außenpolitik beschädigt.

Womöglich wird die Islamisierung Europas, die Laqueur so nicht im Munde führt, international aber kaum noch ins Gewicht fallen. Denn schon jetzt schwindet Europas wirtschaftliche und politische Kraft im weltweiten Vergleich. Der Verfasser gewährt auch dafür zahlreiche Beispiele. Die Arbeitslosigkeit, die Staatsverschuldung, das geringe Wachstum hätten den europäischen Wirtschaftsriesen bereits gewaltig schrumpfen lassen. Da sein Verfall schleichend, fast geräuschlos erfolgt, nehme ihn kaum einer wahr und lehne daher eine radikale Wende ab.

"Sollte es irgendwann nicht mehr weitergehen, könnten die Volkswirtschaften schon zu weit heruntergekommen sein. Auf jeden Fall wäre es dann für Reformen in einem demokratischen Kontext zu spät."

Auf militärischem Feld habe Europa schon seit langem nichts Bedeutendes mehr vorzuweisen. Gerade diese Aussage hat Kritik an Laqueurs Essay hervorgerufen. Empört meinten Rezensenten ihn an den Beitrag der Europäer in Afghanistan und im Kongo erinnern zu müssen. Doch Laqueur geht es um Grundsätzliches. Für ihn steht fest, dass die EU als Militärmacht nicht viel mehr als eine Illusion sei und auch die gemeinsame Außenpolitik der Europäischen Union nicht vorankomme, weil der Wille dazu fehlt.

"Die europäischen Staaten unterhalten zwischen 1,5 und zwei Millionen Soldaten. Hätten sie beschlossen, nur ein Viertel dieser Streitkräfte in die europäische Einheit zu delegieren, wäre dabei eine substantielle Militärmacht entstanden."

Nichts dergleichen geschieht. Wie es in dieser Lage weitergehen soll, weiß auch Laqueur nicht zu beantworten. Wie auch, wenn Europa vor seinen "letzten Tagen" steht.

Man kann nur hoffen, dass sein Buch dazu beiträgt, aus diesen Tagen Jahre und Jahrzehnte werden zu lassen.

Walter Laqueur: Die letzten Tage von Europa - Ein Kontinent verändert sein Gesicht
Aus dem Englischen von Henning Thies
Propyläen Verlag, Berlin 2006

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