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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.01.2006

Die erste Christin in Europa

Roman über die Purpurhändlerin Lydia in Philippi

Rezensiert von Thomas Kroll

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Lydia soll die erste Christin in Europa gewesen sein.  (AP)
Lydia soll die erste Christin in Europa gewesen sein. (AP)

Der Religionspädagoge Josef F. Spiegel schildert in "Lydia. Die Purpurhändlerin in Philippi" das Leben der gottesfürchtigen Prinzipalin. Nach Maria, der Mutter Jesu, ist kaum eine Frau im Neuen Testament so bedeutend wie sie. Sie ließ sich vom Apostel Paulus taufen. Der erste Christ in Europa war also eine Frau.

An Lydia scheiden sich die Geister: Nach Maria, der Mutter Jesu, ist kaum eine Frau im Neuen Testament so bedeutend wie die Purpurhändlerin in Philippi. Der erste Christ in Europa ist eine Frau. Dem Bericht der Apostelgeschichte zufolge ließ sich Lydia mit allen, die zu ihrem Haus gehörten, vom Apostel Paulus taufen. War die wohlhabende und unabhängige Frau auch Gemeindeleiterin, gar Bischöfin?

"Der Seidenschrei ist das Zeichen für Echtheit", sagte sie zu sich, "und alles Echte ist zart."

Mit diesen Worten endet der Roman um die "Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira". Die Metapher vom "Seidenschrei" ist terminus technicus für die Echtheitsprüfung von Seide. Ein eigenartiges Geräusch, ein leises Knirschen ertönt, wenn man das edle Gewebe ergreift und mit der Hand umschließt. Darüber hinaus verweist die Metapher auf den stillen Schrei, der in Lydias beziehungsweise Evodias Seele seinen Ausgang nimmt. Er dient als roter Faden, der das gut lesbare Buch vom Beginn bis zum zitierten Ende hin durchzieht.

"Mit den vielen Göttern hast Du doch Schluss gemacht Evodia. Ich glaube nicht, dass sie jetzt durch die Hintertür wieder hereinkommen." [so Lydias Gesprächspartner Eusebios.] Die Frau lächelte: "Dieser Gedanke beruhigt mich sehr. Ich darf also hoffen, dass ich dem Schönen, Heiligen und Wahren als Person begegnen darf? Das entspricht dem tiefen Wunsch meiner Seele."

Josef Spiegels fast 300-seitiger Roman schildert Evodias Suche nach Identität und "religio", das heißt Rückbindung, erzählt von deren Ausschau nach dem Guten, Wahren und Schönen. Sie "war eine Gottesfürchtige", liest man in der Bibel. Inmitten einer Kultur, die von griechischen, römischen, thrakischen und östlichen (Mysterien )Kulten geprägt ist, findet Evodia, so Spiegels Fiktion, mit Hilfe der griechischen Philosophie sowie mit Unterstützung eines Therapeuten im Asklepeion von Pergamon immer mehr zu sich selbst. Auf der Suche nach einer guten Schule für ihre Kinder kommt die vierfache Mutter ins jüdische Lehr und Gebetshaus, wo sie schließlich auf den Rabbiner Paulus trifft, der sich einst Saulus nannte. Die Folgen sind bezeugt:

"Ich ermahne Evodia und ich ermahne Syntyche, einmütig zu sein im Herrn. Ja, ich bitte auch dich, Syzygos [übersetzt: treuer Gefährte], nimm dich ihrer an! Sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen anderen Mitarbeitern. Ihre Namen stehen im Buch des Lebens."

Diese Verse aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi verweisen auf eine wichtige Folie des Romans. Die angedeutete Spannung zwischen den beiden Frauen interpretiert Spiegel als lang anhaltende Rivalität. Um diese zu entschärfen, verrät Syzygos, der Türsteher, der Sklavin Syntyche ein Geheimnis: Evodia entstammt einer thrakischen Fürstenfamilie und wird nach dem Sieg der Römer über das letzte freie Volk im Mittelmeerraum als Sklavin verkauft.

In der Folge verrichtet Evodia in der lydischen Kleinstadt Thyatira Sklavenaufgaben im Haus eines Purpurhändlers, dem sie vier Kinder gebärt. Als der Herr des Hauses stirbt und ihr eine Freiheitsurkunde sowie die Geschäftsfiliale in Philippi hinterlässt, wird aus der Sklavin eine Prinzipalin, Herrin über 40 Sklavinnen und Sklaven – auch über Syntyche. Auf dem Schild des Geschäfts, in dem die Reichen der Stadt purpurfarbene Kleider und Taschen kaufen, liest man nunmehr "purpuraria lydia" – gemäß dem Herkunftsnamen der versierten Purpurhändlerin.

Die ersten zwei Drittel des Romans gewähren Einblicke in die antike Lebenswelt und in die religiöse Gestimmtheit jener Zeit. Sie machen en passant vertraut mit den Gepflogenheiten des Geschäftswesens, insbesondere mit der Herstellung von Purpur und Seidenstoff. Auf den letzten fast 100 Seiten verbindet Spiegel Passagen aus diversen biblischen Schriften zu einem stimmigen Bild, in dem die Anfänge des Christentums in Europa erkennbar werden. Evodias Haus wird zum ersten Stützpunkt der christlichen Mission. Nicht genug:

"Epaphroditos sprach weiter: "Dem Kybele-Kult hier bei uns in Philippi steht eine Priesterin vor. Deshalb lege ich größten Wert darauf, dass unter uns auch eine Frau die Verantwortung für die Gemeinde in ihrem Hause trägt. Außerdem ist Evodia eine anerkannte Größe im Geschäftsleben dieser Stadt. ...Doch, warum schon wieder ein lateinisches Wort in der mehrheitlich griechisch sprechenden Gemeinde? Übersetzen wir 'Inspektor' ins Griechische, dann wird daraus 'Episkopos'."

Evodia beziehungsweise Lydia als Gemeindeleiterin - Fiktion oder Faktum? Vieles spricht für letzteres, zumal eingangs des Philipperbriefes von Bischöfen (griechisch: episkopoi) und Diakonen - im Plural! - die Rede ist. Und so zeichnet Spiegel das Bild einer mater familias, die ihrer Hausgemeinschaft auch in Sachen der Religion, genauer des Glaubens vorsteht und in Fragen der Orthodoxie wie auch der Orthopraxie entscheidet.

Spiegel, emeritierter Professor für Religionspädagogik, ist mit dem neutestamentlichen Forschungsstand gut vertraut und verdeutlicht in seinem Roman eine von mehreren Auslegungsmöglichkeiten, die die Mosaiksteine der literarischen und archäologischen Quellen nahe legen. Dabei gelingt ihm eine lebensnahe Deutung, ja Verlebendigung der diversen Zeugnisse und somit ein beachtenswerter Beitrag zur narrativen Theologie.

Sicher, Entstehung und Entfaltung der Ämter sind zu Lebzeiten des Paulus noch in den Anfängen und dürfen mit heutigen Ausfaltungen nicht verwechselt werden. Ferner sollte man Spiegels Buch, wenngleich der Autor im Nachwort einige Argumente offen legt, nicht auf die Ämterfrage verengen und lediglich als Argument für das Priestertum der Frau missverstehen. Vielleicht wird man bei der Lektüre eher dem Impuls für die Bildung lebendiger (Haus-)Gemeinden nachgehen - angesichts des pastoralen Notstands heute und mit Blick auf die Ratlosigkeit vieler Bischöfe, dem Priester und Christenmangel sowie dem Mitgliederschwund der Kirchen in Deutschland angemessen zu begegnen?


Josef F. Spiegel: Lydia. Die Purpurhändlerin in Philippi
Benno Verlag, Leipzig, 2005
280 Seiten
9,90 EUR

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