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Musikfeuilleton | Beitrag vom 20.09.2019

Die Erfolgsgeschichte des Glyndebourne Festivals„Abendkleid im Küchengarten"

Von Katalin Fischer

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Außenansicht des Opernhauses mit flanierenden Besuchern (www.glyndebourne.com / Sam Stephenson)
Außenansicht des Opernhauses in Glyndebourne mit flanierenden Besuchern (www.glyndebourne.com / Sam Stephenson)

Es begann 1934 als ein zweifelhaftes Unternehmen: Ein Opernhaus, mitten in der Provinz? Zum Opernfestival kam bald ein Tournee- und ein ausgedehntes Ausbildungsprogramm hinzu. Ein Einblick in den musikalischen Kosmos von Glyndebourne.

Glyndebourne Festival Opera in Südengland, East Sussex: Ein gut eingeführtes, perfekt funktionierendes Unternehmen - prestigeträchtig, wirtschaftlich erfolgreich, weltberühmt. Der Mitarbeiterstab besteht aus ca. 100 Personen, wächst jedoch zur Festivalsaison auf 500-600 an, Chöre und Orchester mitgezählt. Jedes Jahr werden sechs Inszenierungen gezeigt - 2019 waren es Händels Ritterballade "Rinaldo", "La damnation de Faust" von Berlioz, Mozarts "Zauberflöte", Antonín Dvořáks Sage von der Meerjungfrau "Rusalka", das Figaro-Lustspiel "Il barbiere di Siviglia" von Rossini sowie Massenets Aschenputtelmärchen "Cendrillon".

Am Anfang stand eine verrückte Idee

Eigentlich war die Idee von Anfang an "nonsense": ein Opernhaus im Küchengarten! 120 km von London entfernt, mitten in der kulturellen Wüste der Provinz! Der Höhenflug des Festivals begann 1934 mit einem grandiosen Auftakt: Auf dem Anwesen von John Christie, der sein Geld mit Kinoorgeln verdient hatte, wird ein neues Opernhaus mit einer prominent besetzten Inszenierung eingeweiht: "Le Nozze di Figaro"; in der Rolle der Susanna: Audrey Mildmay, Inszenierung: Carl Ebert, am Pult: Fritz Busch. Geleitet wird das neue Unternehmen von Rudolf Bing.

Historisches Foto von Operngründer John Christie und seiner Frau, der Sängerin Audrey Mildmay mit ihren Kindern  (www.glyndebourne.com/)John Christie und seine Frau, die Sängerin Audrey Mildmay (www.glyndebourne.com/)

Von den Nazis vertrieben

Ein Jahr zuvor hatte sich in Deutschland der braune Terror zusammengebraut. Der Dirigent Fritz Busch wird von grölenden SA-Männern vom Pult verjagt. Er hatte sich geweigert, jüdische Künstler aus seinem Orchester an der Dresdner Semperoper zu entlassen und gab auch nicht nach, als Göring ihm persönlich mit Konsequenzen drohte. Der namhafte Dramaturg Carl Ebert, vormals Direktor der Deutschen Oper Berlin, wird von den Nazis diffamiert - und Eberts Mitarbeiter Rudolf Bing läuft wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner sozialdemokratischen Gesinnung ebenfalls Gefahr, verhaftet zu werden. Alle drei emigrieren nach England und lassen sich auf das Abenteuer Glyndebourne ein. Unter dieser hochkarätigen Leitung – Bing und Busch wurden später langjährige Leiter der Metropolitan Opera in New York - stieg der Stern des Opernhauses rasch auf, das Festival wurde ein Großevent, gefeiert, bejubelt, ausverkauft.

Neueröffnung mit Figaro

Nach John Christie übernahm sein Sohn George und nach ihm Enkel Gus die Leitung der Festspiele. Das ursprünglich für 300 Zuschauer ausgelegte Haus musste schon bald vergrößert werden, doch bereits in den 1980-er Jahren zeigte sich erneut, dass auch diese 800 Plätze nicht mehr ausreichten. Also wurde wieder umgebaut, der Saal erweitert auf nunmehr 1200 Sitze. Die Neueröffnung fand am 28. Mai 1994 statt, mit "Le Nozze di Figaro", so wie beim ersten Mal und auf den Tag genau 60 Jahre nach der ersten Eröffnung. Das neue Haus verfügt über moderne Technik. Die erlaubt den Wassernymphen in "Rusalka", mit ihren langen Fischschwänzen im Raum zu schweben und den Rittern bei "Rinaldo", auf fliegenden Fahrrädern in den Wolken zu verschwinden.

Glyndebourne Academy für Talente zwischen 16 und 26

Seit über dreißig Jahren entwickelt Glyndebourne musikalische Förderprogramme, an denen im Lauf der Jahre Tausende von jungen Leuten teilgenommen haben. Einführungen in die Welt der Oper, Workshops für junge Sänger ab Dreizehn, Kurse für besonders Begabte, besonders Benachteiligte oder einfach besonders Interessierte, dazu auch ein Sonderprogramm für Jugendliche aus der Umgebung. Die Glyndebourne Academy bildet junge Talente zwischen 16 und 26 aus, und Glyndebourne Youth Opera bietet im Frühling und Sommer Kurse in drei Städten an – 2019 nahmen über 200 junge Leute an den elf Veranstaltungen teil. Ein besonderes Erlebnis ist es für die jungen Sänger, wenn sie danach auch im Chor an Opernproduktionen mitwirken dürfen. 

Roastbeef auf Porzellan und Bier aus der Flasche

Aber Glyndebournes Alleinstellungsmerkmal und Aushängeschild ist das Picknick! In den Pausen strömt die Gästeschar auf das Anwesen hinaus und jeder sucht sich den passenden Platz – im Figarogarten zwischen geometrisch angeordneten Rosenbüschen oder irgendwo weit draußen auf den Wiesen, nahe den Gewächshäusern, am schattigen Teich oder unter den Bäumen beim Zaun, hinter dem die Schafe grasen.

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