Seit 05:05 Uhr Studio 9

Montag, 10.12.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.11.2008

Die Erben von Babel

Internationaler Hochhauspreis 2008

Von Adolf Stock

Podcast abonnieren
Der britische Architekt Sir Norman Foster gewann den internationalen Hochhauspreis 2008 für seinen Hearst Tower. (AP)
Der britische Architekt Sir Norman Foster gewann den internationalen Hochhauspreis 2008 für seinen Hearst Tower. (AP)

Der Internationale Hochhauspreis wird seit 2004 alle zwei Jahre in Frankfurt am Main verliehen. 700 Hochhäuser wurden gesichtet, 25 Projekte aus elf Ländern standen später zur Wahl, am Ende gab es fünf Finalisten. Diese Entwürfe werden ab 16. November im Deutschen Architektur Museum in Frankfurt am Main gezeigt. In der Frankfurter Paulskirche wurde der Preisträger nun verkündet und geehrt.

Zirka 820 Meter demnächst in Dubai. Bald werden die Wolkenkratzer einen Kilometer und mehr in die Höhe schießen. Seit dem Turmbau zu Babel haben Hochhäuser nichts an Faszination verloren. Doch erst mit dem Stahlskelettbau und der Erfindung des Fahrstuhls begann Ende des 19. Jahrhunderts der Run auf Stockwerke und Höhe im Häuserbau.

Um den Internationalen Hochhauspreis zu bekommen, reichen formal schon 100 Meter, und so bekommt auch ein Liliput seine Chance. Trotzdem wird in Mainhattan ein Mythos bedient. Nur ein stolzer Vertreter der Hochhaus-Zunft hat Aussicht auf Erfolg. Die Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt, Petra Roth:

"Wir verleihen hier den Internationalen Hochhauspreis, den einzigen Preis dieser Art in der Welt."

Fünf Hochhäuser kamen diesmal in die engere Wahl. In der Paulskirche wurde der Sieger gekürt: Es ist der Hearst Tower in New York des Britischen Architekten Lord Norman Foster. Es war Nebel in Frankfurt, und der Preisträger kam viel zu spät zur Pressekonferenz.

Norman Foster: "I am sorry, I am late, but the weather, I think that affects everybody ... "

Lord Norman Foster hat den Hochhauspreis bekommen, weil sein Hearst Tower die Kriterien der Auslober perfekt erfüllt. Dabei arbeitet Foster mit ungewohnten Mitteln, die ambitionierten Denkmalpflegern schlaflose Nächte bereiten, denn Foster hat ein vorhandenes Art-Deco-Gebäude entkernt und zur Lobby für sein Hochhaus unfunktioniert. Nun ragt über dem Bestandssockel ein gläserner Turm mit prägnanter Rautenform, die mit weitaus weniger Stahl auskommt als herkömmliche Bauten. Jurymitglied Peter Cachola Schmal:

"Für Europäer teilweise schockierend, dass man einen Altbau, einen würdigen Altbau von 1928 als Sockel benutzt. Andererseits war das der Wunsch des ursprünglichen Besitzers Randolph Hearst in den Zwanzigern, nur hat die Depression damals diesen Weiterbau verhindert, der jetzt gekommen ist. Die Jury war also begeistert von der Gegenüberstellung alt und neu, von den nachhaltigen Qualitäten dieses Bauwerks.

Das ist etwas, was Foster den Bauherren beigebracht hat, und jetzt merkt man, dass man mit dieser Nachhaltigkeitsauszeichnung vorne dran ist, und das ist für Immobilienbesitzer in Zukunft sehr wichtig. Die Jury war außerdem begeistert, dass das von außen bis innen, vom Detail bis zum Großen ein stimmiges Bild gibt, ein Gesamtkunstwerk, und da ist es auch im Vergleich zu den anderen Finalisten deutlich hervorgestochen."

Für den Briten ist es eine Auszeichnung mehr, eigentlich hat er schon alle Trophäen eingesammelt, die ein Architekt ernten kann, inklusive des Pritzker Preises, dem Rolls-Royce unter den Ehrerweisungen.

Ab Sonntag sind 23 Hochhaus-Entwürfe im Deutschen Architektur Museum zu sehen, die von der Jury ausgewählt wurden. Fünf von ihnen kamen in die engere Wahl. Dort gibt es dann auch ein wunderbares Modell des New Yorker Foster-Baus.

Neben dem Siegerentwurf gehört das New York Times Building von Renzo Piano zu den Finalisten. Wie Foster gehört der Italiener zu den internationalen Schwergewichten der Szene. Der 318 Meter hohe Wolkenkratzer steht am Times Square in New York. Dort spielt die neuartige Keramik-Glas-Fassade mit dem Licht der Metropole. Die restlichen Kandidaten findet man in Fernost. Darunter ein dritter Medienbau von Rem Koolhaas in Peking.

Peter Carchola Schmal: "Das ist ein Dienstgebäude für den großen zentralen Fernsehsender. In diesem Dienstgebäude befinden sich Theater und ähnliche Versammlungsstätten. Das Erdgeschoss ist fast wie die Villa Hadriana aufgebaut, also in einem interessanten entwerferischen Mix, und darüber entstehen zwei Wände von Hotelzimmern, die sich über ein Atrium hin anschauen. Und das Ganze wird zusammengefasst von einem zackigen Strich, der eigentlich ein Art Gebirge-Formation nachbildet."

Ästhetisch sollen die Hochhäuser sein, doch nicht nur das. In Zeiten der ökologischen Krise haben die Spargelbauten auch ein Legitimationsproblem. Sie müssen beweisen, dass sie der Umwelt nicht all zu sehr schaden. Und so werden entsprechende Standards gefordert, sie heißen: Nachhaltigkeit, Stadtverträglichkeit sowie innovative Technik und innovative Konstruktion.

Peter Carchola Schmal: "Es ist natürlich absurd, Hochhäuser sind nicht nachhaltig, aber diese Art von Hochhäusern versuchen also, den Energie sparenden Geländewagen zu bauen, und das ist ein Widerspruch in sich, und das wird die Zukunft sein. Das andere ist, dass das Privatwohnen kommen wird. In vielen Gebäuden wird gemischt, in der Mitte befinden sich die Hotels und oben befinden sich die privat verkauften Wohnungen."

Lord Norman Forster hat seit jeher ökologisch korrekt gebaut. Sein Commerzbank-Tower in der Mainmetropole gilt bis heute als Musterknabe der Branche. Doch die Newcomer aus Fernost sind ihm dicht auf den Fersen. So können die Häuser von Minsuk Cho gar nicht grün genug sein. Wie exotisches Gemüse lässt er seine Haus-Utopien aus dem Boden wachsen.

In Frankfurt stand das Missing Matrix Building zur Wahl, ein 27-geschossiger Bau, eine kleine Stadt in der Stadt für die Mega-City Seoul. Über einer kulturell und kommerziell genutzten Gemeinschaftsfläche ragt ein 100 Meter hoher Wohnturm in den Himmel. In das Hochhaus wurden riesige Löcher geschnitzt, begrünte Flächen, die eine natürlich Belüftung der Wohnungen gestatten und den Bewohnern spektakuläre Ausblicke bieten.

Finalist vier ist das Wohnhochhaus in Singapur, das am Rande eines Naturschutzparks steht. Ein weiteres Beispiel für innovativen Hochhausbau. Ausstellungskuratorin Michaela Busenkell:

"Wir haben das Wohnhaus Newton Suites, das steht in Singapur, das hat Freiräume nach außen, es hat Gemeinschaftsterrassen, es hat Balkons, es hat eine Fassadenbegrünung, es hat einen schönen Blick. Es verwirklicht den Anspruch der Stadt Singapur, die grüne Qualität dieser Stadt zu verbessern, für die Lebensqualität der Bewohner. Das ist so eine Maxime, die da ausgerufen wurde, auf die dieses Hochhaus ganz speziell Bezug nimmt."

Drei Heimstätten für die Medien, zwei Wohnhochhäuser für Millionenstädte, so die diesjährige Bilanz. Für die Megacitys in Fernost ist das Wohnen im Wolkenkratzer ein Überlebensthema, dem sich der kreative Architekten-Nachwuchs offensiv stellt. Das verändert nicht nur dort die Architektur, das hilft auch Europäern noch einmal neu über das Wohnen von morgen nachzudenken. Die ersten Wohnhochhäuser sind in Moskau, Malmö oder Manchester schon zu sehen.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsVom Bett auf die Barrikaden
Eine junge Frau liegt im Bett und schaltet einen Wecker aus. (picture-alliance/ dpa / Lehtikuva)

Während die Gelbwesten in Frankreich auf die Barrikaden gehen und die Schlagzeilen beherrschen, wird in der "Neuen Zürcher" darüber räsoniert, dass das Schlafen "die erste und die letzte antibürgerliche Barrikade in einem Menschenleben" sei.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur