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Religionen | Beitrag vom 11.08.2019

Die "Dinner Church" in BerlinGottesdienst mit Wein und Suppe

Von Josefine Janert

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Detail des letzten Abendmahls, links die Apostel Judas, Petrus und Johannes, Christus in der Mitte und die Apostel Thomas, Jakobus der Große und Philippus darstellt in einem Fresko von Leonardo da Vinci (Leonardo da Vinci). (imago images / Leemage)
Bilder wie das letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci stehen symbolisch für die lange Tradition des gemeinsame Essens im religiösen Kontext. (imago images / Leemage)

Die ersten Christen trafen sich zum Essen. Daraus ist ein Gottesdienstformat entstanden: die Dinner Church. Statt eines Predigtmonologs steht hier der Austausch im Vordergrund – und doch ist es anders als ein kirchlicher Gesprächskreis.

"Es fängt eigentlich an, dass man miteinander abspricht, wer was mitbringt. Dass ich was einkaufe eben. In dem Fall, heute, hab ich mal einen Nudelsalat gemacht. Und wenn wir dann hier sind, den Tisch decken, Tischdecken raussuchen, dass es ein bisschen einladend aussieht mit Servietten und Gläsern. Es gibt dann noch Wein dazu und Wasser. Und dass es eben eine schöne Tafel ist am Ende. Das ist wichtig dabei. Es soll ja auch was fürs Auge sein."

Heike legt Besteck neben die Teller, stellt Wasserkaraffen und Saft dazu und rückt die beiden Blumenvasen zurecht. Zwölf Menschen werden gleich an diesem Tisch Platz nehmen. Die meisten von ihnen gehören zu den drei evangelischen Gemeinden, die sich zum Pfarrsprengel "Am Prenzlauer Berg" zusammengeschlossen haben.

Beim Essen mehr übereinander erfahren

Seit gut einem Jahr treffen sie sich zur "Dinner Church". Sie essen, trinken, singen und beten miteinander. Am wichtigsten ist ihnen aber, dass sie miteinander reden. Die Veranstaltung findet einmal im Monat an einem Sonntagabend statt.

"Man erfährt mehr über die Menschen", findet Heike. "Die gehen in so einem kleineren Rahmen wesentlich mehr aus sich raus, erzählen auch was Privates von sich. Dass man hinterher die Leute auch besser kennt, weiß, was für Geschichten sich in ihrem Leben zugetragen haben. Das ist schon was ganz Besonderes, das kriegt man in einem anderen Gottesdienst ja niemals mit, selbst wenn man hinterher mit den Leuten noch ein bisschen spricht, aber da geht’s ja über das Alltägliche nicht hinaus."

Zum Pfarrsprengel "Am Prenzlauer Berg" gehören drei Kirchen und ein Ort, den die Gemeindemitglieder die "Ladenkirche" nennen: ein Gemeindesaal in einem ehemaligen Elektrogeschäft, das umgebaut und in hellen, freundlichen Farben renoviert wurde. Hier, wo sonst Gottesdienste und Bibelgespräche stattfinden, steht nun der gedeckte Tisch vor dem Altar.

Gemeinsam zu Tisch: Wie die ersten Christen

Der Organist Daniel Richter hat sich ans Klavier gesetzt und begrüßt die Gäste mit Musik. Fast jeder hat etwas mitgebracht – Bouletten, Kräuterquark und Obstsalat. Jemand entkorkt Rotwein und Pfarrer Nils Huchthausen zündet die beiden Kerzen an. Er hat die Dinner Church in den USA kennengelernt und vorgeschlagen, die Idee in Berlin auszuprobieren. Für ihn ist diese Form des Gottesdienstes eine Rückbesinnung auf die Wurzeln seines Glaubens, erklärt er:

"Die ersten Christen haben sich ja noch nicht in Kirchen getroffen. Sie waren eigentlich Juden, die an Jesus als den Christus glaubten und haben auch noch den Tempel besucht, den Synagogen-Gottesdienst auch. Und sind dann zusätzlich in ihren Häusern zusammengekommen, um miteinander das Brot zu brechen. Also, ich zitier’ mal die entsprechende Stelle aus der Apostelgeschichte. Da heißt es: ‚Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.‘"

Gottesdienst nach dem Wochenendausflug

Auf Wohlwollen trifft die Dinner Church auch im Prenzlauer Berg. Es kommen nicht nur Gemeindemitglieder aus allen Altersgruppen. Pfarrer Huchthausen hat auch schon spontan Nachbarn aus dem Kiez dazu eingeladen:

"Ich will nicht sagen, dass das jetzt alles einsame Seelen sind - überhaupt nicht -, sondern auch Menschen, die sich gerne mit anderen zusammentun und ins Gespräch kommen. Und hier in Berlin nutzen doch viele das Wochenende gerade im Sommer, um rauszufahren. Und deswegen ist der Sonntagabend dann auch die Möglichkeit, trotzdem noch hier einen Gottesdienst zu besuchen. Und gerade jetzt, wenn es wieder warm ist und die Tür offensteht, wir haben draußen eine Bank. Da kann man sich da hinsetzen und Menschen, die hier vorbeigehen, ansprechen. Auch das gelingt ganz gut."

Weintrinken erlaubt

Feierlich eröffnet Nils Huchthausen den Abend:

"Ja, herzlich willkommen zur Dinner Church! Vielen Dank für all das, was Ihr mitgebracht habt für unser gemeinsames Mahl. Und auf jeden Fall feiern wir diese Dinner Church auch, um Gott zu danken für unser Leben, dass wir zusammen sind und dass es uns gibt und dass es uns gutgeht und dass wir Gemeinschaft haben. Halleluja! Lobet Ihr Knechte den Herrn, lobet den Namen des Herrn. Gelobt sei der Name des Herrn von nun an bis in Ewigkeit."

Dann teilt Heike Linsen-Koriander-Suppe aus. Jemand reicht einen Teller mit Möhren und Kohlrabi herum. Eine dritte Person erhebt ihr Weinglas. Nils Huchthausen erklärt:

"Ja, wir trinken auch Wein. Also, der darf auch sein. Denn in der Bibel heißt es ja auch: Der Wein erfreue des Menschen Herz und das Brot stärke des Menschen Herz. Psalm 104."

Vaterunser vor dem Tischabräumen

Und so sitzen sie und essen und unterhalten sich – über eine Reise, die jemand unternommen hat, über Fußball und über die demographischen Veränderungen in Ostdeutschland. Sie sprechen über eine Bibelstelle, die der Pfarrer vorträgt, und über den Mauerfall vor 30 Jahren. Nachdem sie knapp zwei Sunden miteinander geredet haben, sprechen sie das Vaterunser. Dann räumen sie gemeinsam den Tisch ab. Mit dabei ist Jasmin, eine 30-Jährige Frau mit kurzen braunen Haaren.

"Also, ich hab jetzt immer die Suppe mitgebracht", erzählt sie. "Die ersten Male war das so, dass wir dann mit lauter Nachtisch dasaßen, weil jeder was Süßes mitgebracht hat. Und ich dachte mir: Suppe geht immer, kann man immer essen, ist so ein gemeinsamer Start, und die kann ich auch gut kochen. Ja, da lernt man tatsächlich kennen, was für Leute hier im Kiez so unterwegs sind."

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