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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 05.03.2007

Die Deutschen als Opfer?

Von Konrad Weiß

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Flüchtlinge warten im Oktober 1945 auf einen Zug in Berlin (AP Archiv/Henry Burroughs)
Flüchtlinge warten im Oktober 1945 auf einen Zug in Berlin (AP Archiv/Henry Burroughs)

Als Daniel Goldhagen vor zehn Jahre sein Unwort von den Deutschen als "Tätervolk" in die Welt setzte, hat das auch in Deutschland manch einer begierig aufgegriffen und sich zu eigen gemacht. Wer sich dagegen verwahrte, wurde der Geschichtsvergessenheit oder des Revanchismus geziehen. Inzwischen scheinen viele der kollektiven Selbstverachtung überdrüssig zu sein und erfinden nun eine andere Wahrheit: Die Deutschen als Opfervolk.

Zahlreiche Bücher, Aufsätze und Filme sind in jüngster Zeit erschienen, die sich mit Flucht und Vertreibung und dem Unrecht, das Deutschen angetan worden ist, auseinandersetzen. Das ist fraglos legitim und vielleicht auch überfällig. Aber was fragwürdig ist, ist der Seitenwechsel, der da von einigen vollzogen wurde, der Versuch einer kollektiven Exkulpation. Doch die wäre ebenso wenig gerechtfertigt wie eine kollektive Verurteilung. Eines ist so falsch wie das andere.

Von jungen Leuten höre ich oft, sie hätten es satt, sich mit der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen und sich für den Krieg und die Shoah schämen zu sollen. Sie möchten, genau wie andere in ihrem Alter, einfach nur stolz sein auf ihr Land. Ich antworte ihnen dann zuweilen mit einer Geschichte, die ich vor über vierzig Jahren in Polen erlebt habe. Damals, im Sommer 1965, war ich so alt wie sie heute sind, und ich hatte gerade am ersten Arbeitseinsatz der Aktion Sühnezeichen in Auschwitz teilgenommen. Das war die schmerzlichste Geschichtslektion, die sich denken lässt. Nach dieser Arbeit war unsere Gruppe noch ein paar Tage in Krakau, wir wollten und sollten in Polen nicht nur etwas über deutsche, sondern auch über polnische Geschichte erfahren.

An einem Abend war ich in einem Studentenklub am Stare Rynek, dem Alten Markt. Ich tanzte mit einem polnischen Mädchen, ungefähr so alt wie ich. Sie sprach kein Deutsch, ich kein Polnisch. Aber irgendwie verständigten wir uns. Als ich ihr in einer Tanzpause sagte, wo ich zuvor gewesen war, nahm sie eine Zigarettenschachtel, riss sie auf und malte auf die weiße Rückseite einen Schornstein und Rauch. Darüber schrieb sie die deutschen Worte: Vater und Mutter. Ich habe diese Szene nie vergessen, nicht vergessen die entsetzliche Scham, die ich empfand, und auch nicht die Wut auf unsere Väter und Mütter, die uns diese Last aufgebürdet haben.

Aber ich habe damals auch etwas ganz Elementares begriffen: den Unterschied zwischen Scham und Schuld. Schuld ist immer etwas Persönliches, niemand ist, nur weil er Deutscher ist, schuldig an der Shoah und den Verbrechen im Krieg, erst recht nicht jene, die nach dem Krieg geboren sind. Es gibt keine Kollektivschuld, ebenso wenig wie es ein Tätervolk gibt. Ein voller Sportpalast, der nach dem totalen Krieg schreit, ist nicht das deutsche Volk. Das Volk ist mehr, im Guten und im Bösen. Gleichwohl ist es eine natürliche menschliche Regung, sich für sein Volk zu schämen oder stolz auf es zu sein. Vor allem aber habe ich damals verstanden, dass mir wie allen Deutschen aus der Geschichte Verantwortung erwächst, ob ich das will oder nicht. Niemand hat Anspruch auf kollektive Amnesie.

Deshalb sind nun die Versuche, die Deutschen per se zu Opfern zu erklären, so unwürdig und verlogen. Fraglos gab es Millionen Deutsche, denen im Krieg und in der Nachkriegszeit schlimmes Unrecht angetan worden ist, durch Flucht und Vertreibung, durch die Bombardierung der Städte, durch Vergewaltigung und Mord, durch Raub und Enteignung. Und keine Frage, dass dies für alle, die so zum Opfer geworden sind, Schrecken und Schmerzen waren, die sie bis zu ihrem letzten Atemzug quälen werden. Das darf und soll niemand leugnen und verharmlosen. Auch die Deutschen unter den Opfern des Krieges haben ein Anrecht auf Mitgefühl.

Der entscheidende Punkt aber ist, dass alles Leid, das Deutsche erlitten haben, von Deutschen ausgegangen ist. Nicht Polen oder Russen, nicht Franzosen oder Amerikaner haben den Krieg begonnen, sondern Deutsche. Viele hatten Hitler gewählt, obwohl sie seine Absichten kennen konnten. Sie haben die Nationalsozialisten unterstützt und bejubelt, mindestens geduldet, kaum bekämpft. Deren kalter Fanatismus und Hass, ihre Gleichgültigkeit und Unmenschlichkeit sind schrecklich auf alle Deutschen zurückgefallen. Sie haben Sturm gesät und Sturm geerntet.

Niemand kann sich heute unbefangen Opfer nennen, der zuerst Täter oder Mitläufer war. Dass Deutschland 1945 fast ein Drittel seines Territoriums verloren hat und Millionen Deutsche ihre Heimat verlassen mussten, haben nicht Polen oder Russen zu verantworten, sondern Deutsche. Deutsche haben Deutsche aus Pommern und Schlesien vertrieben. Deutsche haben Deutsche zu Opfern gemacht. Das ist die einfache historische Wahrheit. Sie anzuerkennen, das war nicht nur der Schlüssel zur Aussöhnung mit den Nachbarvölkern, sondern ist und bleibt auch die Voraussetzung für Mitleid mit dem Leid der Deutschen.

Der 1942 im schlesischen Lauban geborene Konrad Weiß studierte an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. Bis zur Wende 1990 drehte er rund 50 Dokumentarfilme für das Kino und Fernsehen. 1989 gehörte Konrad Weiß zu den Gründungsmitgliedern der Bürgerbewegung Demokratie jetzt (später Bündnis 90), wurde 1990 Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer, dann des Deutschen Bundestages. Seit 1994 arbeitet er als freier Publizist. Buchveröffentlichungen u.a. "Neuland - Dialog in Deutschland" (mit Rita Süßmuth), "Von Erblasten und Seilschaften" und die Biographie "Lothar Kreyssig - Prophet der Versöhnung". Konrad Weiß lebt in Berlin.

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