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Fazit | Beitrag vom 07.06.2021

Die deutsche Nachkriegsmoderne und ihr NS-Erbe"Imprägnierung durch den Nationalsozialismus"

Heinz Bude im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

Werner Haftmann (li.) während der Eröffnung der documenta 2 im Jahr 1959 am 12.07.1959 in Kassel am Rednerpult. (dpa / picture alliance)
Werner Haftmann während der Eröffnung der documenta 2 in Kassel im Jahr 1959 (dpa / picture alliance)

Der Kunsthistoriker Werner Haftmann hat als documenta-Berater die Kunst der Nachkriegszeit maßgeblich beeinflusst. Auch viele andere Nazis hätten im Kulturbetrieb ihren Platz gefunden und unser Kunstempfinden mitgeprägt, meint der Soziologe Heinz Bude.

Neueste Erkenntnisse des Historikers Carlo Gentile zeigen, dass der Kunsthistoriker Werner Haftmann nicht nur Mitglied in der NSDAP und der SA war, sondern auch zu einer speziellen Einheit gehörte, die Jagd auf italienische Partisanen machte. Gentile weist nach, dass Haftmann in leitender Funktion für Folterungen und Erschießungen verantwortlich war. Nach dem Krieg war Werner Haftmann mitverantwortlich für die ersten drei documenta Schauen in Kassel; er war Gründungsdirektor der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Als Professor für Kunstgeschichte und Autor hat er die Entwicklung der Modernen Kunst in den Nachkriegsjahrzehnten stark beeinflusst.

Haftmann sei nach dem Krieg bei Weitem nicht der einzige Nazi in einflussreicher Position im Kunstbetrieb gewesen, sagt Heinz Bude. Bude ist Gründungsdirektor des documenta instituts, das unter anderem die Geschichte der documenta untersucht.

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"Die SA war so etwas wie die Revolutionsgarde der Nazis. Das war eine Truppe, von der man immer dachte, da sind immer nur so Prolls drin – das stimmt aber nicht. Das war eine Truppe für die Intelligenzija, die eine gewaltsame Aufräumpolitik, insbesondere in Berlin, vollzogen haben. Und zu denen gehörte Haftmann."

Haftmann sei Teil einer "militanten Moderne" gewesen. Hinter diesem Begriff stecke die Auffassung, "dass man Geschichte macht, indem man aufräumt, indem man versucht, eine neue Jetztzeit zu begründen, Bücherverbrennungen vollzieht und mit Gewalt Feinde aus dem Weg räumt."

Eine globale Ästhetik der Abstraktion

Erstaunlich sei, dass dies nach 1945 erneut ein Ausgangspunkt gewesen sei, so Bude. Angeschlossen haben man damit an die Ästhetik der 1930er Jahre. Diese "Monumentalitäts-Ästhetik" habe es nicht nur im deutschen Nationalsozialismus, sondern auch im Stalinismus und im italienischen Faschismus gegebe, sowie im New Deal der USA.

Haftmanns Idee sei gewesen, dass die Abstraktion die Weltsprache der Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts sei. Im Grunde sei dies ein Versuch gewesen, eine Position jenseits der Geschichte einnehmen zu können, so Bude. In einer Geschichte, "in der man versucht eine Kunst zu definieren, die weggeht von der Wirklichkeit so wie sie vorfindbar ist, keine Wirklichkeitsabbilder mehr schaffen will, sondern Wirklichkeit in ihrem Kern, in ihrem abstrakten Kern begreifen will."

Die große Leistung der abstrakten Kunst sei gewesen, "dass sie im Grunde eine Kunst war für eine Gesellschaft, die sich in ihrer eigenen Abstraktion verstanden hat. Das ist ja bei den großen Meistern des abstrakten Expressionismus – bei Jackson Pollock beispielsweise – auch der Fall. Und davon war Haftmann fasziniert."

Haftmann habe nicht eine "verlorene Mitte" wiederherstellen wollen, sondern habe die Haltung eingenommen, dass man die Modernität akzeptieren und mit ihr arbeiten müsse. "Da war er extrem einflussreich. In gewisser Weise hat er die Bilder der frühen Bundesrepublik protegiert."

Kulturbetrieb als Karrierechance für Altnazis

Für intellektuelle Nazis sei die Kunst eine Möglichkeit gewesen, in der neuen Bundesrepublik eine Beschäftigung zu finden. Viele von ihnen seien im Galeriewesen und in Kulturinstitutionen tätig gewesen.  

Bude diagnostiziert: "Interessant ist, dass uns jetzt eigentlich erst die Bildlichkeit unserer Welt in ihrer Imprägnierung durch eine bestimmte Generation des Nationalsozialismus vor Augen geführt wird." Zu dieser Gruppe gehörten beispielsweise auch Alfred Bauer, der langjährige Leiter der Berlinale, sowie der Stern-Gründer Henri Nannen.

Ernsthaft nachdenken müsse man darüber, was diese Prägung für unsere eigene Wirklichkeits-Auffassung bedeute, so Bude. "Denn letztlich sagen diese Leute: "Kunst ist das Allerwichtigste! Weil man von dort aus eine Perspektive auf die verblendete Gesellschaft und die verdorbene Politik werfen kann."

(mle)

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