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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 27.11.2018

Die Deutsche IslamkonferenzEine Erfolgsgeschichte der Integrationspolitik

Ein Kommentar von Fabian Goldmann

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Die Mitglieder des Lenkungsausschusses der Deutschen Islam Konferenz treffen sich am 2015 in Berlin. (Bernd von Jutrczenka/dpa)
Deutschen Islamkonferenz 2015: Damals standen die Themen Altenpflege und Wohlfahrtsverbände unter anderem auf dem Programm. (Bernd von Jutrczenka/dpa)

Am Mittwoch beginnt die vierte Islamkonferenz. Vom Innenministerium ins Leben gerufen und durchgeführt, ist sie in den letzten zwölf Jahren viel kritisiert worden. Für den Islamwissenschaftler Fabian Goldmann ist es trotzdem ein gelungenes Projekt.

Ein Podium für islamfeindliche Selbstdarsteller. Ein Altherrenclub machtversessener Islamfunktionäre. Eine Manege, in der Minderheiten am Gängelband der Mehrheitsgesellschaft gegeneinander ausgespielt werden. Eine Veranstaltung so überflüssig wie ein Innenminister, der vom Begriffspaar "deutsch" und "Islam" eigentlich nichts wissen will.

Wenn morgen die Deutsche Islamkonferenz in ihre vierte Runde geht, lässt sich zu Recht viel Schlechtes über sie sagen. Doch zwischen all den Untergangsprognosen kommt ein Urteil häufig zu kurz: Die Islamkonferenz ist die größte Erfolgsgeschichte, die die deutsche Integrationspolitik je hervorgebracht hat.

Koranunterricht in der Schule statt in der Moschee

Um zu verstehen warum, hilft eine Reise in das islamische Deutschland jener Zeit, als Vertreter von Staat und Islam sich noch nicht regelmäßig an einen Tisch setzten. Bevor Wolfgang Schäuble im Jahr 2006 das Format ins Leben rief, gab es für muslimische Kinder hierzulande nur eine Möglichkeit, sich über die eigene Religion unterrichten zu lassen: beim Koranunterricht in der örtlichen Moschee. Wer sich als junger Muslim zum Imam ausbilden lassen wollte, schaute sich besser nach einem WG-Zimmer in Kairo oder Istanbul um. Wer als muslimische Patientin in Krankenhaus oder Altenheim Beistand suchte, konnte froh sein, wenn ein christlicher Seelsorger ans Bett trat. Und wer einen toten muslimischen Angehörigen bestatten wollte, buchte meist den Flug ins Ausland.

Zwölf Jahre später gehört für über 50.000 muslimische Schüler und Schülerinnen Religionsunterricht so selbstverständlich in den Stundenplan wie für ihre christlichen Klassenkameraden. Wer islamische Theologie studieren will, schreibt sich in Tübingen, Osnabrück oder Münster ein. Neben Caritas, Diakonie und Co. entsteht zurzeit der erste islamische Wohlfahrtsverband. Und dank muslimischen Friedhöfen und reformierten Bestattungsgesetzen gehören immer mehr Muslime auch nach dem Tod zu Deutschland.

Islamkonferenz hat Forschung abgestoßen

Auf den Weg gebracht wurde all das von der Islamkonferenz. Viel wird darüber gestritten, ob die Institution einen "deutschen Islam" definieren kann und soll. Dass sie maßgeblich dazu beitrug, herauszufinden, was Islam in Deutschland jetzt schon ist, wird leicht vergessen: Warum tragen Musliminnen Kopftuch? Wie steht es um die Jugendarbeit von Moscheen? Welchen Beitrag leisten Muslime in der Flüchtlingshilfe? Dass wir heute über Fragen wie diese auf Basis fundierter Fakten diskutieren können, verdanken wir Forschungen, die von der Islamkonferenz angestoßen wurden.

Bewusstsein für die Vielfalt der muslimischen Community

Natürlich nervt das ständige Gerangel darüber, wer für die viereinhalb Millionen Muslime des Landes sprechen darf. Aber auch diese Debatten haben Deutschland zum Positiven verändert. Indem sie das Bewusstsein für die Vielfalt der muslimischen Community prägten. Mansour oder Mazyek? Ditib oder die Ates? Öffentliche Sympathien und Konfliktlinien verlaufen heute nicht mehr zwangsläufig zwischen "dem Islam" und der Mehrheitsgesellschaft, sondern quer durch die muslimische Community. Islamische Interessenvertreter sind heute selbstverständlich Teil des gesellschaftlichen Lebens. Sie stehen zwischen Aktivisten auf Demobühnen und sitzen nach Tragödien neben Parteichefs auf der Kirchenbank.
 
Also alles gut? Nein. Der Weg zur vollständigen Gleichstellung der Muslime ist noch weit und das Ende ungewiss. Aber selbst wenn sich die Untergangprognosen über die Islamkonferenz bewahrheiten, ein Ende des Dialogs wäre das nicht. Vertreter von Staat und Islam reden heute miteinander, überall, ständig. In Bund, Ländern und Kommunen. An runden Tischen und in Arbeitskreisen. Seehofers Islamkonferenz mag scheitern. Ihre Idee kann es nicht mehr. Und das ist vielleicht ihr größter Erfolg.

Fabian Goldmann (Camay Sungu)Fabian Goldmann (Camay Sungu)Fabian Goldmann ist Journalist und Islamwissenschaftler. Für verschiedene Magazine und Zeitungen berichtete er viele Jahre aus Nahost. Zurzeit widmet er sich vor allem dem Islam diesseits des Bosporus. Auf seinem Blog Schantall und die Scharia bloggt er über Islamophobie in Deutschland.

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