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Lesart / Archiv | Beitrag vom 27.12.2016

"Die Dämmerung der Steppengötter"Die vielen Stadien der Eitelkeit

Von Jörg Magenau

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Der albanische Autor Ismail Kadare (picture alliance / dpa / Andreu Dalmau)
Der albanische Autor Ismail Kadare (picture alliance / dpa / Andreu Dalmau)

In "Die Dämmerung der Steppengötter" erzählt Ismail Kandare von seinem Aufenthalt am Moskauer Literaturinstitut 1958. Dort trifft er auf Schriftsteller aus allen Sowjetrepubliken und lernt die Absurditäten der Machtausübung im Imperium der UdSSR kennen.

Die Führer des Sowjetsozialismus als "Steppengötter" zu bezeichnen und gar ihre "Dämmerung" einzuläuten war damals Blasphemie. Ein Buch mit so einem Titel konnte in den 70er-Jahren innerhalb Osteuropas wohl nur in Albanien gedruckt werden, wo Kritik an der Sowjetunion als Zustimmung zu Diktator Enver Hoxha aufgefasst wurde. Hoxha hatte Chruschtschows Politik der Entstalinisierung Ende der 50er-Jahre abgelehnt. Albanien war dadurch innerhalb des Ostblocks in die Isolation geraten und zu einer abstrusen, perfid-paranoiden Kleindiktatur geworden: ein absolutistisches Königreich stalinistischer Prägung.

Ismail Kadare ist der literarische Zeuge dieser Herrschaft des Irrsinns. Er war Parteimitglied und Parlamentsabgeordneter, lebte teilweise auch in Paris und nutzte seine internationale Bekanntheit für beißende Kritik. Er war systemkonform und zugleich ein Dissident. Aus dieser Gespaltenheit heraus entwickelte er seinen scharfen Blick auf die Absurditäten der Machtausübungen, die in all seinen Büchern eng verbunden sind mit albanischen Mythen und Legenden, ob Blutopfer, Totenkult oder die Bedeutung eines Ehrenworts.

Wodka und Prahlerei

In "Die Dämmerung der Steppengötter" erzählt er von seinem Studienaufenthalt am Moskauer Literaturinstitut Maxim Gorki im Jahr 1958. Da war er 22 Jahre alt und hatte erste Gedichte veröffentlicht, nun traf er auf Schriftsteller aus allen Sowjetrepubliken und in allen Stadien der Eitelkeit, des Opportunismus, der Borniertheit und der Spitzelbereitschaft. Das Wohnheim, so wie Kadare es schildert, war ein ziemliches Irrenhaus, allerdings eines, in dem der Wahnsinn sowie sexuelle und literarische Prahlereien mit reichlich Wodka genährt wurden.

Der russische Schriftsteller Boris Pasternak (1890−1960) in einer undatierten Aufnahme (dpa / picture alliance)Boris Pasternak (1890-1960) durfte den Nobelpreis für Literatur 1958 aus politischen Gründen nicht annehmen. (dpa / picture alliance)

In diesem Mikrokosmos spiegelte sich die Weltlage, zuerst die Verkündung des Nobelpreises an Boris Pasternak, gegen den daraufhin eine fürchterliche Pressekampagne beginnt. Gerüchte über "erkaltete Beziehungen" zu Albanien führen dazu, dass Kadare wort- und erklärungslos ignoriert wird. Dann lädt die albanische Botschaft zu einem Termin, bei dem ihm eingeschärft wird, keine erotischen und andere Beziehungen mehr zu Russinnen zu unterhalten. Das ist besonders bitter, weil die Begegnungen mit Frauen doch der tiefere Sinn seines Auslandsaufenthaltes sind und den Kern des Romans ausmachen. Das Private war auf eine Weise politisch, wie man sich das im Westen zehn Jahre später nicht vorstellen wollte.

Scharfer Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit

Ismail Kadare ist in diesem frühen Roman, der nun im Rahmen der nach und nach bei S. Fischer in der Übersetzung von Joachim Röhm erscheinenden Werke zum ersten Mal auf Deutsch vorliegt, bereits als der große Erzähler zu erkennen, der sich auf Intrigenspiele und die Funktionsweise der Macht spezialisiert, der das Stilmittel der Ironie ebenso beherrscht wie er Schauermärchen zu erzählen weiß, der Liebesgeschichten in leise, traurige Lieder verwandelt und der die gesellschaftliche Wirklichkeit mal als Groteske überzeichnet, mal mythisch unterkellert. Die Kraft seiner Sprache und seiner archaischen Bilder und der genaue Blick, der diesen großen europäischen Erzähler auszeichnet, sind offensichtlich von Anfang an da gewesen.

Ismail Kadare: "Die Dämmerung der Steppengötter"
Aus dem Albanischen von Joachim Röhm
S. Fischer, Frankfurt/Main 2016 
208 Seiten, 20 Euro

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 27.1.2016)

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