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neunzehn fünfundvierzig / Archiv | Beitrag vom 28.07.2005

Die Briten als Besatzugsmacht

Die Neuordnung Deutschlands und Europas

Von Winfried Sträter

Der britische General Bernard L. Montgomery im Februar 1945 (AP Archiv)
Der britische General Bernard L. Montgomery im Februar 1945 (AP Archiv)

Vor 60 Jahren tagten im Potsdamer Cecilienhof die Staats- und Regierungschefs der drei Siegermächte USA, Großbritannien und Sowjetunion. Da sie sich nicht auf eine einheitliche Politik in den Besatzungszonen einigen konnten, gingen die vier Besatzungsmächte (Frankreich inclusive) ihre eigenen Wege in ihren Zonen. In unserer Reihe "neunzehn fünfundvierzig" berichtet Winfried Sträter über die britische Besatzungspolitik.

Die Demokratisierung Deutschlands: das war die größte Herausforderung für die Besatzungsmächte, auch für die Briten. Demokratisierung: das forderte das Abschlussprotokoll der Potsdamer Konferenz, aber Demokratisierung war ein schillernder Begriff. In einem wichtigen Punkt hatten die Briten allerdings eine sehr genaue Vorstellung von der Demokratisierung des öffentlichen Lebens in Deutschland.

Sendebeginn von Radio Hamburg am 4. 5. 1945: "This is Radio Hamburg. A station of the Allied Military government. Hier ist Radio Hamburg. Ein Sender der alliierten Militärregierung."

Das Massenmedium Rundfunk sollte der staatlichen Kontrolle entzogen und nach britischem Vorbild öffentlich-rechtlich organisiert werden. Schon am 4. Mai 1945 startete die britische Militärregierung in Hamburg den Rundfunkbetrieb. Im Dritten Reich hatte Josef Goebbels den Rundfunk zu einem Propagandainstrument degradiert – nun bekamen demokratisch engagierte Journalisten die Gelegenheit, aus dem Rundfunk in Deutschland ein demokratisches Medium zu machen, in dem Kritik und freier Meinungsaustausch garantiert war. Einer der Engagiertesten war Axel Eggebrecht:

"Vom Juno 45 bis 49. Diese ersten vier Jahre hab ich im Rundfunk buchstäblich sagen können, was ich wollte. Ich konnte die Militärregierung angreifen, weil ich manche Dinge blödsinnig fand. Und da kamen die von den Engländern eingesetzten. Senatsleute und sagten: Das müssen sie unterbinden, bestrafen sie die Leute! Und die sagten: Wieso? Ist ja die Wahrheit."

Während die Briten selbstbewusst und zielsicher den Rundfunk in ihrer Zone neu organisierten, taten sie sich beim Aufbau der politischen Institutionen schwer. Sie misstrauten den deutschen Politikern viel stärker als etwa die Amerikaner. Deutsche Institutionen standen in der britischen Zone unter der strengen Kontrolle der britischen Kontrollkommission – zum Teil hatten sie nur die Befugnisse von Beiräten.

Wie sehr die Briten den deutschen Politikern misstrauten, das mag ein Vorfall aus Köln verdeutlichen. Im Mai 1945 hatten die Amerikaner das alte Stadtoberhaupt aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus, Konrad Adenauer, wieder zum Oberbürgermeister gemacht.

"Wir .. werden alles tun, was in unserer Kraft steht, um wenigstens einigermaßen erträgliche Verhältnisse zu schaffen."

Das sagte Adenauer am 1. Oktober, als die Stadtverordnetenversammlung zum ersten Mal zusammentrat. Fünf Tage später wurde er von Militärpolizisten abgeholt und ins Hauptquartier der britischen Militärregierung gebracht. Adenauer wusste nicht, weshalb.

"Als ich in das Amtszimmer von Brigadier Barraclough, dem Militärgouverneur der Nord-Rheinprovinz, trat, waren einige britische Offiziere anwesend. Keiner der Herren erhob sich, als ich den Raum betrat. Nach einer kurzen, sehr förmlichen Begrüßung wurde mir kein Stuhl angeboten. Ich nahm mir selbst einen Stuhl und wollte mich setzen. Daraufhin sagte Brigadier Barraclough in ziemlich knappem Ton: Bleiben Sie stehen!"

Wie ein Angeklagter stand Adenauer vor den britischen Militärs.

"Köln ist die am schlechtesten aufgeräumte Stadt in der britischen Zone, "

…wurde ihm vorgehalten.

"Ich bin unzufrieden mit dem Fortschritt, der in Köln im Zusammenhang mit der Instandsetzung von Gebäuden, der Straßenreinigung und der allgemeinen Aufgabe der Vorbereitung für den kommenden Winter erzielt worden ist. .. Nach meiner Ansicht haben Sie Ihre Pflicht gegenüber der Bevölkerung Kölns nicht erfüllt. Sie werden daher heute aus Ihrem Amte als Oberbürgermeister von Köln entlassen."

Entlassung wegen Unfähigkeit. Es schien das Ende der politischen Karriere Adenauers zu sein. Die Briten verboten ihm sogar jedwede politische Betätigung.

Was die Briten im Rundfunk förderten, das duldeten sie nicht bei Politikern und Verwaltungsfachleuten, die ihrer militärischen Oberaufsicht unterstanden: selbstbewusstes und eigenwilliges Auftreten. Adenauer war so ein Fall: Er wagte den Besatzungsbehörden zu widersprechen. So wollten die Briten 1945 den Kölner Grüngürtel zum Abholzen freigeben, um Brennmaterial für den Winter zu gewinnen. Adenauer, der den Grüngürtel in den 20er Jahren hatte anlegen lassen, wehrte sich dagegen.

Hinzu kam ein Verdacht: Adenauer unterhielt beste Beziehungen zu französischen Militärs. Mit denen überlegte er, dass man bei einer staatlichen Neuordnung Deutschlands einen Rheinstaat bilden könnte, unter der Obhut Frankreichs. Als die Briten davon Wind bekamen, waren sie alarmiert. Adenauers Entlassung offenbarte einerseits ihre Schwierigkeiten mit dem selbstbewussten deutschen Politiker – andererseits ihr Misstrauen gegenüber der Besatzungsmacht Frankreich.

Ironie der Geschichte: dank seiner Entlassung konnte sich Adenauer nach einer Denkpause ganz um den Aufbau der neu gegründeten CDU kümmern – und das war die Voraussetzung, um später Bundeskanzler zu werden.

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