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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 05.03.2021

Die Berlinale 2021 aus jüdischer SichtTiefe Skepsis gegenüber Religion

Wolfgang Martin Hamdorf im Gespräch mit Miron Tenenberg

Eine Frau schaut auf ein Handy, auf dem ein Foto einer Frau zu sehen ist. (Meidan Arama)
Hadas Ben Aroyas "All Eyes of Me": Sinnlicher Liebesreigen und Skepsis gegenüber unserer modernen Kommunikation in einem. (Meidan Arama)

Im Zuge der Corona-Pandemie findet die Berlinale in zwei Stufen statt: Für das Fachpublikum und die Presse sind die Filme in dieser Woche online gelaufen. Im Sommer, vom 9. bis zum 20. Juni, soll das große Publikum die Filme im Kino erleben können.

Deutschlandfunk Kultur: Heute endete der digitale erste Teil der Berlinale. Ich begrüße unseren Filmkritiker Wolfgang Martin Hamdorf. Wie erleben Sie die Berlinale dieses Jahr?

Hamdorf: In häuslicher Abgeschiedenheit mit dem Kaffee aus der eigenen Espressomaschine und den Filmen auf dem Bildschirm. Das ist den Filmen gegenüber ungerecht, denn die kommen erst auf der großen Leinwand wirklich zur Geltung. Alle 130 Filme zu sehen, schafft man in diesen fünf Tagen sowieso nicht, obwohl es ein sehr abgespecktes Programm ist. Sonst  laufen auf der Berlinale immer doppelt so viele Filme. Es ist natürlich auch kein richtiges Festival, weil der Austausch mit Kollegen, Filmemachern und dem Publikum fehlt.

Kaum jüdische Themen im Wettbewerb

Deutschlandfunk Kultur: Auf der Berlinale hat es auch immer schon jüdische Themen gegeben, direkt oder indirekt: Jüdischer Alltag, jüdisches Leben in der Diaspora, die Schoah oder die Situation in Israel. Welche Themen und Facetten jüdischen Lebens greifen Filmemacher dieses Jahr auf?

Hamdorf: Die großen historischen Filme, anlehnend an Spielberg oder Polanski gibt es dieses Jahr nicht. Im Wettbewerb lief etwa Dominik Grafs Verfilmung von Erich Kästners Roman "Fabian", der spielt Anfang der 1930er-Jahre in Berlin. Oder "Natürliches Licht" des jungen ungarischen Regisseurs Dénes Nagy über ungarische Soldaten, die auf der Seite der deutschen Wehrmacht gegen sowjetische Partisanen kämpfen. Da klingt das Thema jüdischer Vernichtung allenfalls im Hintergrund an.

Absurder Humor bei Radu Jude

Aber dass dieser Hintergrund natürlich immer auch die Gegenwart einer Gesellschaft prägt, das bringt der rumänische Filmemacher Radu Jude ganz hervorragend auf den Punkt. Radu Jude hat sich in seinen Filmen mit den rumänischen Geschichtslügen angelegt, was etwa die Vernichtung von Juden und Roma und die Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland betrifft.

Im Wettbewerb wurde jetzt sein neuster Film gezeigt: "Bad Luck Banging or Loony Porn", der auch mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Der Film beginnt auch mit einem Porno, ein Mann und eine Frau mit Masken, drei Minuten lang im heimischen Schlafzimmer.

Hamdorf: Aber das private Videotape wird ins Internet gestellt und jetzt erkennen die Schüler ihre Lehrerin. Die soll jetzt nicht mehr unterrichten dürfen, fordern die Eltern der renommierten Oberschule. Radu Jude arbeitet sehr stark mit Collagen mit absurden Humor und zeigt die Vorurteile und die Heuchelei auf denen die Identität der wohlhabenden Mittelschicht beruht, etwa sexistische Ressentiments oder rassistische Angriffen gegen Roma und Juden. Deutlich wird das als dann jüdische Verschwörungslügen ausgepackt werden.

Da tritt ein Vater in Uniform auf, ein Offizier der rumänischen Armee. Er erklärt, Hitler und die KZ-Kommandanten seien alle Juden gewesen, die ihre eigenen Leute umgebracht hätten um die Gründung des Staates Israel zu rechtfertigen. Diese Verdichtung aus antisemitischen Klischees, sexistischen Vorurteilen und Verschwörungswahn wird noch unheimlicher, weil der Film im Sommer unter Corona-Bedingungen gedreht wurde und alle Masken tragen. Es ist übrigens der einzige Film im Wettbewerb, der die Pandemie und ihre Auswirkungen zeigt.

Bitterer Sarkasmus bei Avi Mograbi

Deutschlandfunk Kultur: Auf der vorletzten Berlinale gewann der israelische Film "Synonymes" den Goldenen Bären. Der Regisseur Nadav Lapid sitzt dieses Jahr auch in der Jury. Wie stark ist der israelische Film in diesem Jahr überhaupt vertreten? 

Hamdorf: Im Wettbewerb ist Israel dieses Jahr nicht vertreten, aber im Forum läuft der jüngste Film des sehr bekannten und regierungskritischen  Dokumentarfilmers Avi Mograbi. "The First 54 Years – An Abbreviated Manual for Military Occupation", eine bittere Bestandsaufnahme der israelischen Besatzung in den palästinensischen Gebieten, die vor 54 Jahren begann.

Hamdorf: Avi Mograbi kommentiert selbst vom Sofa aus die Geschichte im Tonfall einer machiavellistischen Gebrauchsanweisung, eben des ‚kurzen Handbuchs für eine militärische Besetzung‘. Das ist natürlich bitterer Sarkasmus. Die andere Ebene sind die Zeitzeugen, ehemalige Soldaten, die in unterschiedlichen Jahren der Besatzung im Gaza-Streifen oder in der Westbank ihren Militärdienst ableisteten und die alle aus dem Umfeld der NGO "Breaking the Silence" kommen, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Menschenrechtsverletzungen und militärischen Alltag in den besetzten Gebieten zu dokumentieren.

Der Film arbeitet auch mit Archivbildern und erzählt die ganzen 54 Jahre der Besatzung chronologisch. Dabei geht es um die Situation der jüdischen Siedler, der Intifada und der verschiedenen internationalen Abkommen. Das macht den Film schulbuchartig und eben auch sehr hoffnungslos. Erzählt ist der Film aus einer Perspektive heraus: Es kommt kein Palästinenser zu Wort. Damit sagt er natürlich auch, dass der Besatzer kein Gegenüber hat, sondern es sind die ehemaligen Soldaten, die sich – überwiegend kritisch – über eine Besatzung äußern, deren politische Lösung, daran lässt der Film keinen Zweifel, immer unwahrscheinlicher geworden ist.

Liebesreigen bei Hadas Ben Aroya

Deutschlandfunk Kultur: Und der zweite israelische Film im Panorama, "All Eyes Off Me"?

Hamdorf: Das ist ein ganz anderer Ton, ein ganz anderes Thema. Es ist der zweite Spielfilm unter der Regie der 33-jährigen Schauspielerin Hadas Ben Aroya. Sie gibt ein quicklebendiges Porträt ihrer experimentier- und digitalfreudigen Generation.

Hamdorf: Es geht um Liebe, es geht um Sex, ein Reigen, in dem drei Geschichten ineinander fließen: Eine junge Frau kommt auf eine Party, um einem jungen Mann zu erzählen, dass sie von ihm schwanger ist. Aber der ist schon mit einer anderen zusammen, die mit ihm neue sadomasochistische Sexerfahrungen machen will. Aber eigentlich hat sie schon jemand ganz anderen im Kopf, den Endvierziger, der alleine in einem großen, schönen Haus mit Swimming Pool lebt und dessen Hund sie gegen Bezahlung ausführt.

In der dritten Episode treffen zwei Generationen aufeinander, sie gibt sich Mühe seine Welt zu verstehen. Sie macht seinen Schallplattenspieler an und setzt ihn in Bewegung mit Hilfe eines YouTube-Videos, das genau erklärt, was mit einem so altertümlichen Gerät zu machen ist. Bei ihr läuft kaum noch etwas ohne das Smartphone und das zeigt der Film eigentlich sehr schön: Diese Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den Generationen, wenn er nahelegt, doch einmal eine Minute lang nichts zu machen und nur zu schweigen und sie sofort den Wecker in ihrem Handy auf eine Minute stellt.

Deutschlandfunk Kultur: Also eine Millennialsgeschichte, die eigentlich überall auf der Welt spielen könnte?

Hamdorf: Was die Generation der Protagonistin betrifft, ja. Aber im Gespräch mit dem älteren Mann erzählt dieser, dass er mit 14 Jahren einen Selbstmordversuch gemacht hat, weil er es an der renommierten Talmud-Schule, der Jeschiwa in Jerusalem nicht ausgehalten hat und sein Vater ihn nicht verstanden hat. Da kommt die Religion, oder auch die tiefe Skepsis des Protagonisten der Religion gegenüber ins Spiel. Diese Annäherung der Generationen - bei der ganz offen bleibt, wie es ausgeht - erzählt die Regisseurin in einem ganz lakonischen feinen Humor.

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