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Musikfeuilleton | Beitrag vom 03.04.2020

Die Beethoven-Autographe in der Berliner Staatsbibliothek„Diesen Kuß der ganzen Welt!“

Von Cornelia de Reese

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Noten und Schriftzug "Kuss" in Beethovens Autograph. (SBB-PK / Hagen Immel)
"Diesen Kuß der ganzen Welt!"- vertont in Beethovens Neunter Sinfonie. (SBB-PK / Hagen Immel)

Wo liegt Beethovens Brief an die "Unsterbliche Geliebte"? In Wien oder Bonn? In Berlin. Über die Hälfte der erhaltenen Originalhandschriften Beethovens befindet sich in der Berliner Staatsbibliothek: Skizzen, Briefe, Partituren und 137 Konversationshefte.

Zu den Schätzen der Sammlung der Berliner Staatsbibliothek zählen Spitzen-Autographe, die zu ihrem Schutz nur sehr selten im Original gezeigt werden. Das Jubiläumsjahr 2020 bietet den passenden Anlass, die Tresore der Staatsbibliothek zu öffnen und der Öffentlichkeit den Zugang zu den originalen Lebensdokumenten Beethovens in einer noch nie gesehenen Breite und Tiefe im Rahmen einer Ausstellung zu ermöglichen. Inzwischen wird sie online präsentiert.

Ein großer Schatz wird zusammengetragen

Als Beethoven 1796 im Rahmen einer größeren Virtuosen-Reise nach Berlin kommt, gibt er auch zwei Konzerte in der Akademie. An dieser Stelle steht heute die Staatsbibliothek Berlin, die auch die Beethoven-Sammlung verwahrt. Das erste große Autograph, das an die Bibliothek gelangte, waren 25 Seiten des Kyrie aus Beethovens "Missa solemnis". Das Sammlerehepaar Amalie und Georg Poelchau verkaufte damals diese Blätter, zusammen mit der handschriftlichen Partitur der Mozartschen "Zauberflöte" und Originalen von Johann Sebastian Bach.

Drei weiße Büsten stehen eng beieinander. (deutschlandradio / Cornelia de Reese)Beethovens Büste (Berliner Gipsabformerei "Gebrüder Micheli" um 1900) vor dem Sammlerehepaar Amalie und Georg Poelchau (Karl Friedrich Wichmann um 1835). (deutschlandradio / Cornelia de Reese)

Dieser Kauf veranlasste die Bibliothek damals, eine eigenständige Musikabteilung zu gründen. Wenige Jahre später ist es Anton Schindler, der seine Beethoven-Konvolute zum Kauf anbietet. Er hatte sich zum Beethoven-Sekretär stilisiert und eine große Biographie veröffentlicht - mit Materialien, die er direkt nach Beethovens Ableben an sich genommen hatte. Der berühmte Brief an die Unsterbliche Geliebte war darunter. Und auch die großzügige Schenkung der Familie Mendelssohn-Bartholdy vergrößerte den Beethoven-Bestand enorm. 

Inzwischen liegen in der Staatsbibliothek Berlin sieben der neun Sinfonien, die Oper "Fidelio", alle Klaviersonaten, etliche Klavierkonzerte und ein großer Teil der Streichquartette. 

Neun rot gebundene Bände unterschiedlicher Formate liegen dicht beieinander. (SBB-PK / Hagen Immel)Diese Bände ergeben die gesamte Partitur von Beethovens Neunter, die im zweiten Weltkrieg auseinander gerissen wurden. (SBB-PK / Hagen Immel)

Das populärste Werk der klassischen Musik, Beethovens Neunte Sinfonie, wurde in Kriegstagen auseinandergerissen und erst nach dem Mauerbau wieder im Haus Unter den Linden vereint. 2001 konnte das Werk dann in das UNESCO-Register "Memory of the World" aufgenommen werden und begeistert bis heute mit seiner "Ode an die Freude" weltweit die Menschen.

Zudem werden Originalbriefe und die sogenannten Konversationshefte präsentiert. Diese Hefte dokumentieren die "Gespräche", die der ertaubte Komponist mit Besuchern und im vertrauten Kreise unter Zuhilfenahme von Papier und Bleistift führte. Für die Forschung sind diese Notizen eine großartige Möglichkeit, in Beethovens Leben zu blicken.

Mit Bleistift beschriebene Seite mit unterschiedlichen Eintragungen der Gäste Beethovens. (Staatsbibliothek zu Berlin / PK)Eine aufgeschlagene Seite des Konversationsheftes Nr. 124 von Ludwig van Beethoven. (Staatsbibliothek zu Berlin / PK)

Mit dabei ist auch ein fast unüberschaubarer Fundus an Skizzen und Notizzetteln. Es heißt, Beethoven sei ungefähr 50 mal innerhalb Wiens und Umgebung umzogen. Dennoch wurde sämtliches Papier von ihm aufbewahrt, auch Material, das scheinbar unnütz wirkt. Doch sammelte Beethoven seine musikalischen Einfälle, um sie jederzeit griffbereit zu haben. Er war davon überzeugt, dass dieses Material zu seinem Schaffen gehörte.

Zettelwirtschaft

So gelangte auch ein Zettel in die Sammlung, der beinahe nutzlos wirkt, weil er von Tinte überschüttet und durch ein großes Loch zerstört ist. 

Ein dicht beschriebenes Notenblatt zeigt ein Loch, das mit einem großflächigem Tintenfleck umgeben ist. (deutschlandradio / Cornelia de Reese)Vermutlich löschte Beethoven einen kleinen Brand mit Tinte auf dem Blatt aus Bonner Tagen um 1790, heute im Besitzt der Staatsbibliothek zu Berlin. (deutschlandradio / Cornelia de Reese)

Am ergreifendsten ist vielleicht Beethovens Brief an die "Unsterbliche Geliebte". An drei aufeinander folgenden Tagen verfasste er das Schreiben, das er wahrscheinlich niemals versandte, das er aber versteckt in einem Geheimfach seines Sekretärs aufbewahrte. Erstaunlich, dass dieses Bleistift-Schreiben noch so gut lesbar ist.

Geschwungene Originalhandschrift Beethovens, der den Brief mit Bleistift schrieb. (SBB-PK / Hagen Immel)"Mein Engel, mein alles, mein ich" -so beginnt Beethovens berühmter "Brief an die Unsterbliche Geliebte", die Anton Schindler mit seiner Sammlungsnummer 6 katalogisierte. (SBB-PK / Hagen Immel)

Aber Martina Rebmann meint: "Bleistift ist eigentlich schon sehr haltbar. Er kann relativ leicht abgewischt werden, ja, wenn man mit Feuchtigkeit drüber reibt. Aber man kann das gut lesen." Auch die Art, wie sich das Schriftbild innerhalb des Briefes veränderte, erzählt eine Menge über den Komponisten.

Schutz geht vor

Die Schriftstücke Beethovens ruhen in den Tresoren der Bibliothek bei 18 Grad und Dunkelheit. Das sind die idealen Bedingungen, Papiere dieser Art zu erhalten. Nur in ganz seltenen Fällen werden die Partituren im Lesesaal zur Verfügung gestellt oder gar ausgeliehen.

Und doch ist der Beethoven-Schatz nicht verborgen. In diesem Jahr wurde im Rahmen des Erschließungs- und Digitalisierungsprojektes "Seid umschlungen, Millionen" die Beethoven-Sammlung digitalisiert, nun ist sie online einsehbar. Ein Schatz, tief verschlossen und doch für alle greifbar, für Forscher, Liebhaber und Interessierte.

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