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Tonart | Beitrag vom 14.09.2018

Die Band Liniker e os Caramelows"Ich kämpfe mittels meiner Musik, Wahrheit und Liebe"

Von Thorsten Bednarz

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Die Sängerin Liniker von der Band Liniker e os Caramelows bei einem Auftritt in Salvador beim Festival Sai da Rede (2017). (imago / Tiago Caldas)
"Als Frau oder als Transfrau habe ich das Gefühl, die Bühne ist mein Platz – da kann mich niemand angreifen", sagt Liniker. (imago / Tiago Caldas)

Als erster transsexueller Star Brasiliens muss Liniker sich beständig mit Sexismus, Homophobie und Rassismus auseinandersetzen: Auf ihren Konzerten bietet sie einen musikalischen Blick hinter die Tourismusfassade Brasiliens, weitab von Zuckerhut und dem Strand von Ipanema.

Als vor zwei Jahren das Debütalbum von Liniker e os Caramelows – Liniker und den Bonbons – erschien, war die Band sofort das große neue Gesprächsthema in der brasilianischen Musikszene. Da war zuerst ein neuer Sound – eine Mischung aus R&B, Jazz und brasilianischen Anleihen ausgemachter Avantgardisten wie den Os Mutantes aus den späten 60er-Jahren.

Linikers Vorbilder sind Etta James oder die brasilianische Sängerin Elza Soares, die auch mit 81 Jahren noch auf der Bühne steht und eine der wichtigsten Stimmen der Frauenrechtsbewegung Brasiliens ist. Andere Bandmitglieder führen Led Zeppelin an oder James Brown und Gilberto Gil. Aber mehr als das war es Liniker selbst, die begeisterte oder an der sich die Gemüter schieden. Liniker wurde der erste transsexuelle Star Brasiliens!

"Ich glaube, dass ich damit Dinge ändern kann"

"Als Frau oder als Transfrau habe ich das Gefühl, die Bühne ist mein Platz – da kann mich niemand angreifen. Wenn ich das Mikrofon in der Hand habe, meine Stimme über die Boxen geht und das Publikum mir zuhört – das ist manchmal wie ein Kampf. Heute kämpft man nicht mehr mit Waffen, sondern ich kämpfe mit meiner Musik. Ich kämpfe mittels meiner Musik, mittels meiner Wahrheit und mittels meiner Liebe. Ich glaube ganz fest daran, dass ich damit die Dinge ändern kann. Du weißt vielleicht, dass Brasilien eines der schlimmsten Länder ist, wenn es um Sexismus, Homophobie und Rassismus geht. Es ist ein ganz schlechter Platz für mich, um dort zu leben."

Und auch wenn Liniker, seit einigen wenigen Wochen nun auch ganz offiziell eine Frau, inzwischen auf der ganzen Welt ihr Publikum begeistert – sie kehrt trotz aller Schwierigkeiten doch auch immer wieder dorthin zurück. Beziehungsweise sie versucht, ganz genau zu verfolgen, was im Land vor sich geht, auch wenn sie gerade in den USA oder in Europa auf Tournee ist.

Erst gab es ein riesiges Konzert für den linken Präsidentschaftskandidaten Lula, dann die erneute Nachricht, dass dieser wegen einer Verurteilung auf Grund angeblicher Bestechlichkeit nicht zur Wahl zugelassen sei. Linikers Konzerte sind ein musikalischer Blick hinter die Tourismusfassade Brasiliens, ein Blick in die Favelas weitab von Zuckerhut und dem Strand von Ipanema.

"Auch wenn wir gerade nicht vor Ort sind, so haben wir doch was dazu zu sagen. Wir reden überall darüber, was in Brasilien passiert. Allein der Fakt, als Transfrau auf der Bühne zu stehen, ist schon politisch. Brasilien ist das Land, in dem die meisten Mitglieder der LGBT-Gemeinschaft umgebracht werden. Wir tun dagegen, was wir tun können – egal, wo wir sind!"

"Wir gehen Schritt für Schritt unseren Weg voran"

"Wir haben gute Neuigkeiten, denn auf unseren letzten Konzerten war die Mehrheit im Publikum aus Europa und nur ein paar relativ wenige Brasilianer. Das heißt, wir werden bekannter, das Publikum weiß, wer wir sind. Wir wachsen und gehen Schritt für Schritt unseren Weg voran."

Für eine noch immer relativ unbekannte brasilianische Band ist das wirklich ein erster großer Erfolg. Zumal Liniker e os Caramelows ja ganz offensichtlich weder inhaltlich noch musikalisch die üblichen Klischees bedienen. Und noch ein anderer Aspekt ist dabei immer zu bedenken: In Brasilien werden kaum noch Platten über die Plattenfirmen veröffentlicht. Neue Alben erscheinen auf den Streamingdiensten und als Video auf YouTube.

Nur in den seltensten Fällen erscheinen noch physische Tonträger und wenn, dann finden diese kaum den Weg in europäische Musikläden. Es ist also nahezu unmöglich, durch Zufall über diese Musik "zu stolpern". Ein großer Nachteil also, wenn man in Europa oder den USA tourt und die Tonträger nur bei den Konzerten erhältlich sind.

"Wir haben viel darüber gesprochen und es gibt auch noch andere Probleme so ohne Plattenfirma. Wir tun, was wir können, aber wir machen auch genau das, was wir machen wollen. Für uns ist es wichtig, ganz organisch arbeiten zu können, genau das sagen zu können, was uns antreibt. Da spricht uns keiner rein und sagt uns, worüber wir reden können oder auch nicht. Wir machen es ja nicht des Geldes wegen! Natürlich leben wir davon, bezahlen die Rechnungen. Aber heute spielt keiner mehr Musik, um damit Geld zu verdienen. Heute nicht mehr!"

Liniker e os Caramelows treten am 15. September auf dem Düsseldorf Festival auf, am 21. September auf dem Reeperbahnfestival in Hamburg, am 22. September im Theater Bremen.

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