Dienstag, 20.11.2018
 

Tonart | Beitrag vom 27.06.2017

Die Band AlgiersScharfer Protest in Soulform

Von Christian Lehner

Franklin James Fisher, Sänger der US-Band Algiers (dpa / picture alliance / LUSA)
Franklin James Fisher, Sänger der US-Band Algiers (dpa / picture alliance / LUSA)

Punk und Garagenrock treffen Gospel und Soul - die Band Algiers überzeugt mit Provokation, Rhythmus und eingehenden Melodien. Abseits der vielleicht wechselnden musikalischen Einflüsse steht für die Band allerdings eines fest: Musik muss sich einmischen.

"Trump ist die logische Konsequenz des gesellschaftspolitischen Systems in den USA. Viele Menschen haben scheinbar vergessen, dass dieses System bereits lange vor Trump korrupt und kryptofaschistisch war."

Franklin James Fisher sitzt auf der Dachterrasse eines Berliner Hotels. Die Sonne scheint. Es ist heiß. Allen steht der Schweiß auf der Stirn, doch davon lässt sich der Algiers-Sänger nicht beirren. Politik ist, was die Band antreibt und das nicht erst seit Donald Trump.

Gegründet vor fünf Jahren in Atlanta im Bundesstaat Georgia, ist die Musik von Algiers geprägt vom Gesellschaftsklima des Südens, vom strukturellen Rassismus, der noch immer den Alltag prägt und vom Heilsversprechen des ungezügelten Kapitalismus, der sich als Lösung aller sozialen und gesellschaftlichen Probleme anbiedert.

Die Schattenseite der Macht

Der Name des neuen Albums ist Programm. Es heißt "The Underside Of Power", also die Kehr- oder Schattenseite der Macht:

"Wer befindet sich dort? Alle, die nicht weiß, männlich und reich sind! Alle, denen man sagt, dass mit ihren Körpern etwas nicht stimmt, oder wie sie ihr Leben zu führen haben. Alle, die kein Dach über dem Kopf haben, deren Leben ausgebeutet werden, die alleinerziehend sind, oder gerade wieder in Gefahr stehen, ihre Krankenversicherung zu verlieren. Wenn man es genau betrachtet, fallen sehr viele Menschen in diese Kategorien – nicht nur in den USA, sondern weltweit."

Die Musik von Algiers ist so aufrüttelnd wie die Texte. Dabei schafft es die Band mit drei weißen Musikern und einem schwarzen Sänger, das etwas müde gewordene Genre des Protestsongs mit einem neuen Sound zu beleben: Punk, Hardcore und Garagenrock kollidieren mit traditionellen Formen von Soul- und Gospelmusik.

Solch eine Mischung hat man bis dato noch nicht gehört. Kritiker sprechen von "dystopischen Soul" oder "Afropunk":

"Je mehr Begriffe Journalisten und Fans verwenden, desto mehr denken wir darüber nach. Das ist schon interessant. Als Überbegriff würde ich es wohl Post-Punk nennen, denn das zentrale Element von Post-Punk war die Zusammenführung von sich scheinbar widersprechenden Genres. Dazu kommt, dass ich Afroamerikaner bin und auch in dieser Musiktradition singe."

Lösung und Erlösung in den Songs

Die Lösung und Erlösung findet bei Algiers in den Songs selbst statt. Es sind Orte, in denen die politischen Utopien drei Minuten lang Realität werden. Die Band hat sich nach der Hauptstadt Algeriens benannt: ein realer Ort postkolonialer Rebellion der lokalen Bevölkerung gegen die Franzosen und ein Ort der künstlerischen Auseinandersetzung damit im Film "Schlacht um Algier" aus dem Jahr 1966.

"Für uns ist dieser Ort auch als Band notwendig, denn wir leben mittlerweile alle in verschiedenen Städten und sehr weit voneinander entfernt. Er ist also auch ein Ort, an dem unseren Ideen zusammenkommen, sich reiben und ein Zuhause finden."

Auf "The Underside Of Power” stellen Algiers Verbindungen her – zum Beispiel von der radikalen Black Panther Party der Sechzigerjahre zu der Black Lives Matter-Bewegung unserer Tage. Die Texte beschränken sich nicht nur auf Systemkritik. Sie feiern die Solidarität und den Gemeinschaftsgedanken als Korrektiv zum "Schweinesystem", wie es Sänger Franklin James Fisher in Anlehnung an die Black-Panther-Bewegung nennt.

Zwölf leidenschaftliche Protestsongs

"Seit der Gründung der USA werden Schwarze Opfer von Polizeiübergriffen. Wie wir wissen, hat sich an dieser Situation nichts geändert. Mitte der Sechziger dachten sich einige Brüder in Kalifornien: 'Wenn uns die Cops nicht beschützen, müssen wir es selbst tun". Es ging ihnen aber auch darum, Alternativen zu den erbärmlichen Lebensumständen in den Communities zu entwickeln. Die Mythen vom uniformierten Schwarzen mit der Knarre überlagern bis heute die zahlreichen sozialen Programme, die die Black Panthers ins Leben gerufen haben.'"

"The Underside Of Power" ist leidenschaftlicher Protest in zwölf Songs. Als Künstler wissen Algiers, dass ihr Widerstand symbolhafter Natur ist, doch die Strahlkraft des neuen Albums reicht tief hinein in das Zentrum aktueller gesellschaftspolitischer Diskussionen und wird wohl für einige heiße Köpfe und feurige Herzen sorgen.

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