Seit 05:05 Uhr Studio 9

Donnerstag, 24.10.2019
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.09.2010

Die Autorität des Textes

Heinrich von Kleist: "Sämtliche Werke und Briefe", Carl Hanser Verlag, München 2010

Podcast abonnieren
Szene aus einer Aufführung des Kleist-Stücks "Penthesilea" in Salzburg (AP)
Szene aus einer Aufführung des Kleist-Stücks "Penthesilea" in Salzburg (AP)

Er ist einer der größten deutschen Dramatiker, ein wunderbarer Erzähler und unermüdlicher Briefeschreiber: Heinrich von Kleist. Im kommenden Jahr jährt sich sein Freitod zum 200. Mal. Zum Jubiläum versammelt eine neue Ausgabe Kleists sämtliche Werke.

Heinrich von Kleist hat Leser wie Wissenschaftler seit Generationen gleichermaßen fasziniert und erregt. Das Kleistjahr 2011, in dem sich der Freitod mit Henriette Vogel am Kleinen Wannsee in Berlin zum 200. Mal jährt, wird daher wohl keine Musealisierung erster Klasse bedeuten. In der Literaturwissenschaft, die sich heftig über Kleist zerstritt, bringt es sogar einen Brückenschlag zustande: Roland Reuß und Peter Staengle, einst aufrechte Kämpfer für den von Kleist autorisierten Text und gegen die Modernisierungseingriffe der etablierten Editionsphilologie, legen eine textkritische kommentierte Leseausgabe vor. Die Münchner Ausgabe fußt auf ihrer im Stroemfeld Verlag erschienenen Brandenburger Kleist-Ausgabe, die sämtliche erreichbaren Handschriften abbildet und transkribiert und dort, wo keine Handschriften existieren, die originalen Drucke reproduziert.

Auf je knapp 900 Seiten Dünndruckpapier bringt Band 1 der Münchner Ausgabe Dramen, Band 2 Erzählungen, Kleine Prosa, Gedichte und Briefe, Band 3 Materialien, Anmerkungen, Dokumente, eine biografische Chronik und ein Personenregister. Die Texte sind innerhalb der Gattungskapitel chronologisch angeordnet, weshalb in den Jahren 1808 und 1810 zugleich die von Kleist (mit-) herausgegebenen und als Publikationsorgane genutzten Zeitschriften "Phöbus" und "Berliner Abendblätter" hervortreten. Gerade bei den "Abendblättern" ist der von der Forschung nachgewiesene Anteil Kleistscher Texte deutlich gewachsen. Manch einen bekannten Aufsatz, etwa "Über das Marionettentheater", muss allerdings, wer das Erscheinungsjahr nicht kennt, nun ein wenig suchen. Die zeitliche Anordnung anstelle von Kategorisierungen wie "Kunst- und Weltbetrachtung", "Politische Schriften", "Berichterstattung und Tageskritik" usw. rückt die Entwicklung des Autors und die von ihm genutzten Medien in den Mittelpunkt.

Die Münchner Ausgabe druckt die letzte Handschrift; wenn sie, wie oft, fehlt, den ersten Buchdruck. Auf die üblichen Eingriffe zur Modernisierung und Angleichung wird verzichtet: Apostrophe gibt es nun zuhauf, Abkürzungen wie "u." bleiben ebenso stehen wie "Schaar", "Comtoir" und "trit näher", werden aber gegebenenfalls erläutert. Spätestens seit der Rechtschreibreform dürften solche Varianten als Bereicherung empfunden werden. Im Zweifel entschieden sich Reuß und Staengle für Verständlichkeit: "Tuschen" in "Die Herrmannsschlacht" wird zu "Thuschen", damit die gemeinte Thusnelda assoziiert werden kann.

Ein Stellenkommentar verzeichnet "wichtige" Abweichungen zwischen Fassungen, ein über die reiche literaturwissenschaftliche Forschung informierender Kommentar aber fehlt. Reuß und Staengle enthalten sich möglichst der Interpretation. Dass sie bei "Commendant" in "Die Marquise von O ...." (man beachte Kleists vier Punkte!) anmerken, Kleist spiele mit der Doppeldeutigkeit des Wortes (einerseits Befehlshaber, andererseits "jemand, dem man etwas anvertraut"), ist eine Ausnahme.

450 Seiten "Materialien" bieten frühere Fassungen von Dramen, Erzählungen und Gedichten. Dort findet sich auch der "Phöbus"-Druck der "Kohlhaas"-Erzählung (1808), den die Brandenburger Ausgabe noch mit großem Aplomp als eigenständigen Text gleichberechtigt neben dem vier mal so langen Druck von 1810 präsentierte – die Leseausgabe diszipliniert also die Herausgeber. Sie bringen auch von zehn Fassungen der Ode "Germania an ihre Kinder" sechs und mehr Briefe als die Edition von Helmut Sembdner. Viel fehlt nicht zur Vollständigkeit einer historisch-kritischen Ausgabe, den meisten Lesern dürfte es allemal genügen.

Die Münchner Ausgabe setzt auf die Autorität des Textes, sie will Kleist ohne Vermittlung nahebringen. Dass sich diese größere Unmittelbarkeit erheblichen Forschungsanstrengungen verdankt, verhehlen Roland Reuß und Peter Staengle nicht. Ihre Edition wird die lange Zeit maßgebliche Kleist-Ausgabe von Helmut Sembdner, ebenfalls bei Hanser erschienen, zu Recht ersetzen, möglicherweise auch die sich an Wissenschaftler richtende und nicht unproblematische Ausgabe im Deutschen Klassiker Verlag – schon weil drei der vier Bände nur noch in Leder vorliegen und nicht wieder aufgelegt werden sollen.

Besprochen von Jörg Plath

Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe. Münchner Ausgabe. Bd. 1 - 3
Auf der Grundlage der Brandenburger Ausgabe herausgegeben von Roland Reuß und Peter Staengle
Carl Hanser Verlag, München 2010.
838, 1008 und 884 Seiten, 128 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Der BriefromanIrrwege der Literatur
Mit einem Federhalter wird auf einem Stück Papier geschrieben. (imago/imagebroker/theissen)

Das Briefeschreiben ist längst aus der Mode. Wer heute Nähe oder Flirt sucht, greift zur Maus, nicht zum Stift. Ist damit auch der Briefroman tot? Ein literarisches Genre mit wilder Blütezeit und zarter Renaissance.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur