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Lesart | Beitrag vom 11.07.2019

Die Autorin Fenna Williams über ihr ReisefieberDie Faszination, Insel zu sammeln

Fenna Williams im Gespräch mit Joachim Scholl

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Eine bergige Landschaft mit Tälern, Bergen und vielen grünen Planzen und hochgewachsenen Bäumen. (Getty Images / Leon Neal)
Die Insel St. Helena diente 1815 als Verbannungsort für Napoleon. Um sie zu erreichen, ist eine komplizierte, mehrtägige Reise nötig, berichtet Williams. (Getty Images / Leon Neal)

Fenna Williams liebt Inseln und hat in ihrem Leben schon Hunderte bereist. Inseln seien ihre Passion, erzählt die Autorin. Sie seien der Eingang in "eine neue kleine Welt". Über ihre Inselgeschichten hat Williams nun ein Buch geschrieben.

Joachim Scholl: Seit frühester Jugend hat Fenna Williams, die Autorin aus Wiesbaden, diese Leidenschaft: Inseln. Über 600 hat sie besucht, und eine Auswahl ihrer liebsten und schönste Reiseerlebnisse schildert sie jetzt in einem Buch, das nicht anders heißen kann als "Die Inselsammlerin".

600 Inseln, das ist eine unglaubliche Zahl. Wann ging das denn los bei Ihnen?

Fenna Williams: Die allererste Insel, die ich jemals gesehen habe, ist die kleine Insel Wilhelmstein im Steinhuder Meer, und da war ich neun, und da wusste ich, das wird meine Passion.

Scholl: Und ab wann haben Sie angefangen zu zählen?

Williams: Ehrlich gesagt, an dem Tag.

Scholl: Wirklich wahr?

Williams: Ja, an dem Tag. Ich habe nämlich auch immer Radio gehört und habe im Radio ständig, wenn etwas über Inseln war, eine Riesenliste angelegt und wusste, da will ich hin, und zwar auf jede einzelne.

Eine große Liebe seit Kindheitstagen

Scholl: Aber erzählen Sie uns von dieser Faszination. Wo kommt sowas her? Sie wussten mit neun, Inseln, das ist es. Wie erklären Sie sich das?

Williams: Ich glaube, es hat einfach damit zu tun, dass Inseln nicht am Land kleben. Man braucht sowas wie eine Fähre oder ein Boot, um hinzukommen. Für mich ist das wie ablegen von allem. Also jetzt, wo ich erwachsen bin, ablegen vom Alltag, aber damals ablegen von allem wie Schule und so weiter, also weg von allem, was ich habe, und damit ein Gefühl von Freiheit kriegen.

Scholl: Ein bisschen Robinson-Crusoe-mäßig. Ist das vielleicht die falsche Linie?

Williams: Ganz genau.

Scholl: Wirklich, ganz genau? Hätte jetzt gedacht, es ist die falsche Linie.

Williams: Nein, also in der Jugend war das wirklich so Robinson Crusoe und Abenteuer. Heute ist es so: Jetzt brauche ich alles gar nicht mehr, jetzt bin ich auf einer Insel, jetzt kann ich einsteigen in eine neue kleine Welt, und wenn ich ganz großes Glück habe, dann darf ich sogar auch eintauchen und Menschen kennenlernen und alles, was diese Insel so ausmacht.

Scholl: Der Beruf der Reiseleiterin, der war dann folgerichtig. Haben Sie dann schon über Ihre Erlebnisse zu schreiben begonnen?

Williams: Nein, ich habe wirklich erst angefangen, nachdem ich in Seattle gelebt habe und da Creative Writing studiert habe. Aber wissen Sie, wenn man in Seattle lebt, hat man es wirklich gut. Man ist von mehr als 200 Inseln umgeben, das ist das Allerbeste, was einem passieren kann. Und glauben Sie mir, ich bin auf jeder mindestens einmal gewesen.

Die schottische Insel Jura

Scholl: Zwölf Inseln versammeln Sie jetzt in Ihrem Buch. Die schaffen wir natürlich nicht, aber auf zwei sollen Sie uns mitnehmen. Wir fangen mit Jura an, wäre die erste, liegt vor Schottland – was ist das für ein Eiland, wie sieht es denn da aus?

Williams: Also wenn Sie ein Bild von Schottland im Kopf haben mit hohen Hügeln, mit wunderschönen Stränden, mit purpurfarbenen Sommerblumen und ganz viel Rotwild, dann sind Sie eigentlich auf Jura ganz richtig, und natürlich gibt es da auch eine Whiskydestillerie.

Scholl: Ich hätte jetzt Strand nicht unbedingt assoziiert mit Schottland, sondern so mehr zerklüftet, und immer weht der Wind, und Schafe laufen über irgendwelche Hügel und so. Nein?

Williams: Nein, also gerade an der Westküste gibt es auch ganz wunderschöne Strände, und auf Jura gibt es einen, der ist mehr als zwei Kilometer lang.

In der Mitte stehe weiße Häuser mit schwarzen Dächern auf einer grünen Wiese. Im Hintergrund ist eine Bergkette zu sehen. (imago images / Westend61)Die Insel Jura gehört zu den unberührtesten Gebieten in Schottland. (imago images / Westend61)

Scholl: Wie haben Sie denn Jura entdeckt?

Williams: Meine andere Leidenschaft ist tatsächlich Singlemalt-Whisky, das unterrichte ich auch. Auf Jura gibt es einen Whisky, der ganz besonders ist, wunderbar ist und genau so heißt wie die Insel. Also bin ich dort hingefahren wegen des Whisky, aber auch wegen einer anderen Sache, weil Jura auch für mich auf der literarischen Landkarte ganz oben steht.

An einem ganz einsamen Fleck, am äußersten Ende der Insel steht ein Haus, das heißt Barn Hill. Und vor genau 70 Jahren erschien ein Buch, das wir alle kennen: "1984". Das wurde in diesem Haus geschrieben von George Orwell.

Wegen George Orwell nach Jura

Scholl: Wussten Sie das vorher? Ich meine, die halbe Menschheit kennt die Geschichte von "1984", aber dass Orwell diese düstere Vision in solch einer traumhaften Umgebung geschrieben hat, also das wissen die wenigsten. Ich hatte davon überhaupt keinen Schimmer. Ist schon interessant dieser Kontrast.

Williams: Das wusste ich vorher, das war einer der Gründe, weshalb ich immer wieder nach Jura gefahren bin und eigentlich jedem erzählt habe, dass ich auf der Insel wirklich jeden Quadratmeter kenne, aber leider unglücklicherweise dieses Haus, das in Privathand ist, nicht besichtigen kann. Bis irgendwann einer sagte, "that can be arranged", das kriegen wir hin, und dafür sorgte, dass ich mit dem Sohn von George Orwell in Verbindung treten konnte und mit ihm in das Haus konnte. Er hat da zusammen mit mir einen Tag zugebracht und mir aus den Briefen seines Vaters vorgelesen.

Scholl: Das heißt, dieses Haus ist jetzt nicht eine internationale Pilgerstätte für literarische Touristen geworden, sondern das ist immer noch so im Verborgenen?

Williams: Völlige Einsamkeit. Also da hören Sie, wenn es regnet, nur den Regen und den Wind und im Sommer die Bienen.

Scholl: Dass sich das nicht rumgesprochen hat. Ist aber vielleicht auch wieder schön.

Williams: Mir erzählt immer wieder der Besitzer, dass es durchaus Leute gibt, die einfach mal vorbeikommen und reingucken, in der Hoffnung, sie werden eingeladen. Das macht er auch tatsächlich ab und zu mal, aber nicht allzu gerne.

Die Autorin Fenna Williams legt die Hände zusammen und schaut verträumt in die Kamera. (Sarah Macdonald Photography)Ute Mügge-Lauterbach schreibt unter dem Pseudonym Fenna Williams. Sie lebt und arbeitet in Wiesbaden. (Sarah Macdonald Photography)

Scholl: Von dieser weltliterarischen Insel reisen wir jetzt weiter mit Ihnen zu einer mit welthistorischer Dimension: Auf in den Südatlantik nach Saint Helena, wohin Napoleon verbannt wurde und dort auch starb. Auf diese Insel, erfahren wir von Ihnen, da kommt man gar nicht leicht. Sie mussten ganz schön hartnäckig sein. Erzählen Sie!

Williams: Ja, um auf die Insel zu kommen, braucht man mindestens sechs bis sieben Tage Anfahrt. Wenn es schnell geht, kann man die Royal Air Force bitten, einen mitzunehmen auf die Insel. Ascension – das ist sozusagen ein natürlicher Flugzeugträger im Atlantik, wo die Amerikaner und die Engländer eine große Flugbasis haben. Wenn der Gouverneur von der Ascension erlaubt hat, dann darf man da mitfliegen. Darum hatte ich gebeten, das hat dann so zweieinhalb Jahre Wartezeit gedauert, bis ich das durfte. Da kann man dann auf ein Postschiff warten und mit dem Postschiff noch mal zwei Tage gen Süden fahren, und dann endlich schält sich ganz, ganz, ganz langsam diese…

Scholl: … jetzt weiß man auch, warum die Engländer damals Napoleon dorthin verschifft haben. Von dort war kein Entkommen.

Williams: Nein, wirklich nicht. Wenn man weiß, wie steil und spitz diese Felsen sind, dann weiß man auch, dass Napoleon oben in seinem Longwood gesessen hat und sich gesagt hat, okay, jeder Platz der Erde, da hätten die Franzosen mich rausgeholt, hier geht es nicht.

Trubel in der völligen Abgeschiedenheit

Scholl: Sie schreiben aber, dass Sie dann doch überrascht waren, auf St. Helena allerbuntestes Treiben vorzufinden, Geschäftigkeit, Hafen, Menschen allenthalben. Wie muss man sich das vorstellen? Erst kommt man nicht hin, und dann ist ordentlich Trubel?

Williams: Ja, es ist ordentlich Trubel. Und wenn ich sagen müsste, auf welche der zwölf Inseln, die ich beschrieben hatte, ich gerne wohnen würde und auch nicht wieder zurückkäme, dann wäre das St. Helena. Weil es tatsächlich so ist, dass das bunte Völkergemisch, das wirklich alles beinhaltet, von den früheren Sklaven, die zurückgeführt wurden aus Amerika, durften da 65.000 zwischengelagert, sage ich mal, werden, bis sie wieder nach Afrika konnten, natürlich Malaien, alles, was Afrika und Asien so ausmacht. Und die Leute dort heißen nicht Helenians oder Saint Helenians, sondern sie nennen sich ganz witzigerweise Saints, also Heilige, und genau diesen Eindruck hatte ich. Diese Insel macht aus jedem einen netten Menschen. Hat sogar bei mir geklappt.

Scholl: Aber wer lebt denn da? Ich meine, wenn man dort mal ist, dann kommt man ja kaum weg. Aber man muss auch erst mal hinkommen. Wird man da geboren und bleibt auf ewig Heiliger?

Williams: Heiliger, genau. Ja, man wird da geboren oder aber die britische Krone, der es ja immer noch unterstellt ist, schickt so etwas wie Ärzte alle sechs Monate oder auch mal zwei Jahre. Also es ist tatsächlich so, dass man dort freiwillig bleibt und dass es auch in Großbritannien viele Leute gibt, die sich freiwillig melden, um dort hinzugehen. Zusätzlich gibt es eine ganze Menge Franzosen, denn die Häuser, in denen Napoleon gelebt hat, sind exterritoriales Gelände. Die sind Frankreich auf St. Helena.

Scholl: Dieses Territorium ist dann doch irgendwie noch napoleonischer Boden.

Williams: Sowohl das Longwood, das Haus, in dem er gestorben ist, als auch das Haus, in dem er gleich zu Anfang, also bevor Longwood gebaut war, gelebt hat, das gehört mittlerweile Frankreich und ist denen geschenkt worden.

Scholl: Inseln insgesamt, jetzt haben wir zwei gerade mit Ihnen besucht, welche Schönheit fehlt Ihnen denn noch, welche stünde denn auf dem nächsten Reiseplan?

Williams: Zwei, ehrlich gesagt, und zwar möchte ich auf die Hallig Nordstrandischmoor. Und im November wird mein ganz großer Traum wahr, da fahre ich auf die Osterinsel.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Fenna Williams: "Die Inselsammlerin"
Terra Mater Books, Elsbethen 2019
240 Seiten, 24 Euro

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