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Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 01.01.2007

Die Aussichtslosigkeit des Nahostkonflikts

Ulrich Tilgner: "Zwischen Krieg und Terror"

Vorgestellt von Rainer Burchardt

Ulrich Tilgner:Zwischen Krieg und Terror (C. Bertelsmann, München)
Ulrich Tilgner:Zwischen Krieg und Terror (C. Bertelsmann, München)

Keine Frage: Der Nahe Osten hat publizistische Konjunktur. Einhergehend mit der Verschärfung der Krisen in dieser Kriegsregion hat sich gerade zur Weihnachtszeit die Gabengalerie gefüllt mit Reportagen, Analysen und Büchern zum so genannten Kampf der Kulturen zwischen Christentum und Islam.

Autoren sind die üblichen Verdächtigen aus dem Zirkel der Welterklärer wie etwa Peter Scholl-Latour. Nun also auch Ulrich Tilgner, angesehner Hörfunk- und Fernsehjournalist, im Moment Leiter des ZDF-Büros in Teheran.

Schon der Titel samt Unterabteilung verrät eine gewisse Beliebigkeit: "Zwischen Krieg und Terror – Der Zusammenprall von Islam und westlicher Politik im Mittleren Osten". Samuel Huntington lässt grüßen mit seinem "Clash of civilisation" – nicht ganz korrekt übersetzt mit "Kampf der Kulturen".

Der Journalist Tilgner begeht erfreulicherweise nicht den Fehler, die historisch-kulturellen und ideologischen Wurzeln dieser Thematik in extenso auseinander zu fieseln. Eher kurzatmig mit einer durchaus zulässigen Verkürzung, die allerdings bisweilen bis hin zur Vereinfachung geht, versucht der Reporter Erlebtes und Erfahrenes zusammenzutragen und daraus seine Schlüsse zu ziehen. Die allerdings lassen sich denkbar einfach mit seiner wenig originellen Schlussfolgerung zusammenfassen:

"Zum Dialog der Kulturen und Zivilisationen gibt es keine Alternative."

Und an den Beginn seiner Ausführungen stellt Tilgner Kofi Annan mit einem zackigen Dementi des alten General Clausewitz:

"Krieg ist nicht – ich wiederhole -, Krieg ist nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Im Gegenteil – er stellt ein katastrophales Versagen politischen Könnens und Vorstellungsvermögens dar."

Aha – und um dies gewissermaßen zu unterstreichen führt Tilgner schon in seiner Einleitung mit Blick auf den Konflikt Israel versus Hisbollah im Libanon aus:

"Doch die Entwicklung der Kämpfe zeigt, wie ungeeignet Krieg ist, um Frieden zu schaffen. Auch die Stationierung internationaler Truppen kann eine politische Lösung des arabisch-israelischen Konflikts nicht lösen … Statt Kampf und Krieg könnte Dialog das Verhältnis der Kulturen prägen."

Ganz davon abgesehen, dass schon hier sehr undifferenziert mit dem Begriff "Kultur" umgegangen wird, vermittelt sich dem Leser des Werks der Eindruck, dass der Autor gewissermaßen im Schweinsgalopp über alle Problemfelder von Orient und Okzident hinwegrast - dabei durchaus mit spannenden und wissenswerten Passagen.

Und vor allen Dingen: Tilgner widersteht der nahe liegenden Versuchung einer klaren und einseitigen Parteinahme. Er geht mit den Fanatikern und Missionaren beider Seiten scharf ins Gericht. Das Kreuzzugsdenken der Bush-Administration wird ebenso angeprangert wie der fundmentalistische Islamismus.

"Während im Westen der Islam als Störfaktor einer globalen Gesellschaft gesehen wird, …wird im Orient befürchtet, der Westen wolle sich vor allem diese Teile der islamischen Welt unterwerfen, um die dortigen Rohstoffvorkommen zu kontrollieren und ausbeuten zu können. Im Terror Al Kaidas und im unilateralen Vorgehen, mit dem die USA auf die Anschläge reagieren, sehen viele Beobachter ihre Ängste und Vorurteile bestätigt. Zwischen dem Westen und der islamischen Welt ist eine tiefe Vertrauenskrise entstanden."

Passagen wie diese verraten nicht nur eine dann doch recht zimperlich anmutende Positionsvermeidung des Autors sondern auch einen ziemlich simplen Analyseversuch mit anonymen Appellations- und Begründungsinstanzen, genannt "viele Beobachter".

Abgesehen von dieser Schwäche ist es dem Journalisten Ulrich Tilgner durchaus gelungen, über die tägliche Routineberichterstattung hinausgehende Zusammenhänge zu bündeln und zu ordnen, die mit reichhaltigen Fakten die ganze Aussichtslosigkeit des gegenwärtigen Nahostkonflikts deutlich werden lassen.

Vor allem die gerade aktuell besorgniserregende Entwicklung im Iran arbeitet Tilgner sorgfältig umfassend und sachkundig auf. Er findet durchaus nachvollziehbare wenn auch nicht entschuldigende Erklärungsversuche für die recht rücksichtslose und provokante Machtpolitik des Regimes in Teheran. Hier gebe es eben noch offene Rechnungen zwischen den USA und Iran:

"…angesichts des Libanonkriegs vergrößert sich die Kluft zwischen Teheran und Washington, und die Schaffung eines Ausgleichs zwischen beiden Kontrahenten wird immer komplizierter. Dabei ist der Atomkonflikt nur zu lösen, wenn das überreizte politische Klima in beiden Staaten wieder in normale Bahnen gelenkt werden kann. Glaubt man allerdings den Reden der Verantwortlichen, so wird eine Aussöhnung zwischen den Regierungen in Washington und Teheran nicht so schnell zustande kommen."

So ist es. Tilgner lässt keinen Zweifel daran, dass der Schlüssel bei der Lösung des Nahostkonflikts in Washington liegt und die erste Stufe einer umfassenden Friedenskonzeption ein Ende des Israelkonflikts sein muss. Die Dialog-These gerät allerdings zur Plattitüde angesichts der auch von Tilgner eingehend geschilderten bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Arabern und dem Westen, dem Terror und den Konflikten innerhalb der Glaubensrichtungen.

Am Ende bleibt Ratlosigkeit. Das aber hat weniger mit dem Autor als mit der eingangs zitierten These Kofi Annans zum katastrophalen Versagen politischen Könnens zu tun. Auch Tilgner hat keine Lösung anzubieten. Aber damit steht er nun wirklich nicht allein.


Ulrich Tilgner: Zwischen Krieg und Terror. Der Zusammenprall von Islam und westlicher Politik im Mittleren Osten
C. Bertelsmann, München 2006

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