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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.04.2006

Die Aufregung war groß

Tschernobyl - Krisenmanagement und Konsequenzen in Deutschland

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Ein Arbeiter entsorgt am 9. Mai 1986 auf einer Deponie in Berlin-Wannsee kontaminiertes Gemüse. (AP Archiv)
Ein Arbeiter entsorgt am 9. Mai 1986 auf einer Deponie in Berlin-Wannsee kontaminiertes Gemüse. (AP Archiv)

Störfall Tschernobyl. Am 26. April 1986 tritt der Super-GAU ein. Während Frankreich recht gelassen reagiert, setzen in Deutschland heftige Diskussionen ein. Und die Anweisungen der Behörden erzeugten nicht das Bild geplanten Vorgehens.

Reaktionen in Bremen
Von Folkert Lenz

Tagesschau-Sprecherin: "Guten Abend, meine Damen und Herren! In dem sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl ist es offenbar zu dem gefürchteten GAU gekommen, dem größten anzunehmenden Unfall …"

Es sind die ersten Meldungen im deutschen Fernsehen: am 28. April. Dass schon 60 Stunden zuvor das Atomkraftwerk in der Ukraine explodiert war, wird erst Tage später klar, denn die Sowjets mauern. Rätselraten bis dahin auch bei deutschen Atomexperten wie Jens Scheer. Der Physiker an der Universität Bremen ist in jenen Tagen ein gefragter Mann, denn er ist Spezialist für russische AKWs.

"Im schlimmsten Fall brennt und brennt das, bis alles dort abgebrannt ist. Das heißt, dass das ganze Radioaktivitätsinventar, dass davon jetzt sicher zehn bis 20 Prozent freigesetzt sind. Das sind also hundert Mal so viel wie die Hiroshima-Bombe gemacht hat, was jetzt in einer Wolke teilweise nach Schweden transportiert wird."

Denn skandinavische Messstellen schlagen als erste Alarm – wegen erhöhter Radioaktivität in der Luft. Sichelförmig breitet sich eine Strahlenwolke über Nordeuropa aus. In Bremen wird ein eingemottetes Messgerät an der Universität wieder angestellt. Doch es saugt keine radioaktiven Teilchen an, wie eine Wissenschaftlerin erklärt:

"Günstigerweise hatten wir momentan keinen Ostwind. Sonst wäre wohl damit zu rechnen, dass schon etwas höhere Konzentrationen hier feststellbar wären."

Auch anderenorts in Deutschland lässt die atomare Wolke auf sich warten – noch! Doch Stunden später steigen die Radioaktivitätswerte zuerst in Berlin und Bayern, dann im ganzen Land an: Der Wind hat sich gedreht. Auch in Bremen bereitet man sich auf eine Verseuchung vor. Der Gesundheitsforscher Eberhard Greiser:

"Bei den wenigen vorhandenen Daten, die wir bisher haben, müssen wir davon ausgehen, dass es zu einer ganz massiven Verseuchung von frei wachsendem Gemüse und Obst kommen wird."

Es folgen die Tage, in denen nicht nur die Bremer lernen müssen, was Bequerel sind. Die Maßeinheit für die Anwesenheit radioaktiver Isotope findet sich plötzlich auf der Milchtüte. Es ist die Zeit, in der auch die Behörden von Spaziergängen im Regen abraten. Kinder sollen nach dem Spielen draußen gründlich geduscht werden. Bremens Gesundheitssenator Herbert Brückner mit weiteren Warnungen:

"Ich möchte heute schon alle Landwirte, alle Kleingärtner, alle Käufer am Markt bitten, Freilandgemüse nicht zu ernten, nicht zu vermarkten und nicht zu essen."

In den anschließenden Tagen lebt auch der Atomprotest wieder auf. Hunderte Kernkraftgegner stürmen während einer Demonstration den historischen Bremer Dom - aus Angst vor plötzlich einsetzendem Strahlenregen.

Der Bremer Senat – damals noch in SPD-Alleinregierung – plädiert für einen Ausstieg aus der Atomenergie und für die Stilllegung von deutschen Altreaktoren.
Und der Bremer Atomphysiker Dieter von Ehrenstein sieht Schlimmes aus den giftigen Wolken von Tschernobyl fallen:

"Es sind in derselben Wolke auch sehr viele längerlebige, hochradioaktive Substanzen, die über Jahrhunderte und noch sehr viel länger ihre radioaktive Schadstoffwirkung behalten."


Dass der Reaktorunfall in Tschernobyl sich auch auf Deutschland auswirken würde – das dämmerte der Bevölkerung spätestens, als sie in den folgenden Tagen die Wetterberichte verfolgten. Ostwind und Regen waren angekündigt, radioaktiver Niederschlag wurde wahrscheinlich.


Die Situation in Niedersachsen
Von Hans-Peter Fischer

Radiomoderation: "Guten Morgen, liebe Hörer, Niedersachsen am Wochenende, Alltag ohne Auffälligkeiten, fröhliche Menschen auf den Straßen, als sei nichts gewesen. Und doch ist für viele nichts mehr so, wie es vorher war."

Schreckensmeldungen mit Musikuntermalung im Radio – symptomatisch für die Stimmung in Niedersachsen Anfang Mai 1986: Einerseits schien endlich die lang erwartete Sonne, andererseits brachten vereinzelte Gewitterwolken radioaktiven Niederschlag aus dem Osten. Die Niedersachsen waren ratlos.

Frau: "Im Moment blühen die Osterglocken und die Tulpen so schön. Kann man die abschneiden und reinnehmen?"
Mann: "Ist es wirklich gefährlich Milch zu trinken für die Kinder, und wenn ja, warum wird dann immer noch in den Schulen Milch verkauft?"

Dass die Bevölkerung solche Fragen im Radioprogramm stellte – Peter Neitzke wundert das nicht. Der Physiker engagierte sich in den 80ern im unabhängigen Wissenschaftsladen in Hannover – und wurde nach Tschernobyl von einer regelrechten Fragenflut überschwemmt:

"Von staatliche Seite, von offiziellen Stellen gab es wenig Informationen, praktisch keine praxisrelevanten Informationen, es gab Zahlenwerte, mit denen die Leute nichts anfangen konnten, und auch viele widersprüchliche Informationen."

Jodtabletten, Geigerzähler, Schließung von Freibädern – alles nicht erforderlich, so die Landesregierung. Die Strahlenbelastung in Niedersachsen sei zwar erhöht, aber unbedenklich. Nur zwei Empfehlungen gab es: Blattgemüse sei zu meiden, Landwirte sollten Kühe nicht auf die Weiden treiben und auf Grünfutter verzichten. Dieter Hassengier, damals Staatssekretär im zuständigen CDU-geführten Ministerium für Bundesangelegenheiten:

"Wir haben also nicht einen Gefährdungstatbestand, sondern Vorsorgemaßnahmen, [...] und man darf mit den Vorsorgemaßnahmen auch nicht gleich dazu kommen, dass das zu einer panischen Angst ist. Dafür ist überhaupt gar keine Grundlage, dass man eine Gefährdung sieht."

Die Bevölkerung gab sich mit solchen Informationen nicht immer zufrieden. In Hannover stellten Eltern die Verwaltung zur Rede. Auf Spielplätzen waren erhöhte Strahlenwerte gemessen worden – die Erwachsenen kippten den belasteten Sand kurzerhand vorm Rathaus ab. Eine Radiologin des hannoverschen Gesundheitsamts musste Rede und Antwort stehen.

Vater: "Sie haben gesagt, dieser Wert von 6.800 Bq in der Blumenerde sei ungefährlich. Können Sie mir sagen, welche Werte Blumenerde in der Bundesrepublik ungefähr vorher gehabt hat?"
Radiologin: "Nein, das kann ich Ihnen nicht sagen."
Vater: "Dann können Sie keine Einschätzung abgeben. Es ist unmöglich, dann eine Einschätzung abzugeben!"

Bevölkerung und Umweltschützer waren sich einig: Das Krisenmanagement der Offiziellen war dilettantisch. Trotzdem verebbte die öffentliche Diskussion langsam. Über Niedersachsen war hauptsächlich Jod abgeregnet, das war bereits Anfang Juni weitgehend zerfallen, die teilweise hohe Radioaktivität gesunken. Die Sorge um langfristige Belastungen durch andere strahlende Stoffe wie Caesium verblasste. So behielt der damalige CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht zumindest teilweise Recht. Er hatte in einem Zeitungsinterview Mitte Mai spekuliert: Tschernobyl ist in 14 Tagen kein Thema mehr.


Eine Folge des Reaktorunglücks in Tschernobyl: Jahrelang geisterte durch die Bundesrepublik ein Zug mit radioaktiv verseuchtem Molkepulver. Der Molkezug war auf einer wahren Odyssee kreuz und quer durch die Bundesrepublik unterwegs. Die Fracht kam aus Bayern.


Odyssee des Molkezugs
Von Barbara Roth

Als es in Tschernobyl zur Reaktorkatastrophe kam, grasten auf bayerischen Almen Kühe. Ihre Milch radioaktiv verseucht. Der Ratschlag des bayerischen Landwirtschaftsministerium: Statt Joghurt sollten die Molkerein einfach Käse produzieren. Mit der Molke – also dem Käswasser, das aus der geronnenen Milch abläuft – würde auch das gefährliche Cäsium 137 ausgeschieden, glaubten die Experten im Ministerium zu wissen. Die Molke sollte zu Pulver getrocknet, und wie üblich ans Vieh verfüttert werden. Doch als über 5000 Tonnen Pulver produziert waren, stellte sich heraus, dass man mit der Molke zugleich die Radioaktivität konzentriert und konserviert hatte.

Molkelied: "Da kommt vor Ort, aus Rosenheim, mit am Sack der Dick-Alfred. Des is der Allerg'scheiteste, der sagt's ihnen, wie's geht: "Als Futtermittel ist's unbedenklich
für Rindviecher und Säu, juchee!" Und schiebt mit großem Appetit an Löffel voll ins Mäu bei der Nacht, an Löffel voll ins Mäu!''"

Das Pulver war nicht mehr brauchbar, Sondermüll also, doch wohin damit? Bayerns Umweltminister Alfred Dick mischte sich ein. Um zu demonstrieren, dass das kontaminierte Pulver doch ungefährlich sei, tauchte Dick vor laufenden Fernsehkameras seinen Finger in die weiße Pampe und schleckte daran. Sein Kommentar: "Des tut mir nix".

Molkelied: "Die g'scheit'sten Köpf' vom Bayernland, die hab'n jetzt nachsinniert, was mit der teuren, teuren Fracht am schnellsten wohl passiert. Der Stoiber sagt: "Am besten ist's, wir geb'n 's der Bundeswehr! Juchee! Denn gut ernährt wird der Soldat dem Russen besser Herr bei der Nacht, dem Russen besser Herr!""

Das in Säcke verpackte Molkepulver wurde in Eisenbahnwaggons verladen. Bundesumweltminister Walter Wallmann riss die Verantwortung an sich. Er habe sich, prahlte der Minister damals, für die verseuchte Molke "zuständig gemacht" und werde "sie unschädlich machen". 242 Güterwaggons machten sich auf den Weg. In Bonn rang man mit dem damaligen bayerischen Staatskanzleichef Edmund Stoiber um eine Lösung: Für 3,8 Millionen Mark ging das Pulver in Bundesbesitz über. Das lästige Pulver wurde schließlich in die Obhut der Bundeswehr übergeben. Auf militärischem Gelände, teils im bayrischen Feldkirchen, teils bei Meppen im Emsland wurden die verplombten Waggons mit der radioaktiven Fracht nun von Soldaten bewacht.

Molkelied: "Nein, Edmund, meint der Gustl Lang, wir schicken 's 'nauf nach Bremen; von Straubing, dann auf Lingen zu, da müssen sie 's schon nehmen!" "Mir san doch Christen", sagt der Gerold, den sein Gewissen quält, juchee! "Mir stiften 's de Neger in Afrika. Molke für die Welt bei der Nacht, ja, Molke für die Welt!"

Auch der Verkauf der Molke nach Afrika stand zeitweilig zur Diskussion; wurde aber wieder verworfen. Weitere Jahre zogen ins Land - bis in der niedersächsischen Stadt Lingen eine Anlage zur Reinigung des Pulvers errichtet worden war. Die Arbeiten dauerten zwei Jahre und kosteten rund 70 Millionen Mark. Wieder machte sich der Molke-Zug mit dem verstrahlten Pulver auf den Weg. Ende 1990 endlich kamen die letzten Waggons im stillgelegten Kernkraftwerk an, wo man die Strahlenmolke dekontaminierte. Danach durfte sie an Tiere verfüttert werden. An bayerisches Vieh – versteht sich.

Molkelied: "Drum waar 's das Allerg'scheiteste, drin in der Staatskanzlei, da gaab 's von in der Fruah bis ab'nds bloß noch an Molkebrei! Da waar für alle Zeiten das Kabinett versorgt, juchee, und unser schönes Bayernland nach kurzer Zeit entsorgt über Nacht, nach kurzer Zeit entsorgt."


"Bedingt abwehrbereit"
Krisenmanagement heute
Von Frank Politz

Das AKW Grohnde, etwas südlich von Hameln, der Reaktor Esenshamm, kurz vor der Weser-Mündung bei Bremerhaven, und das Kraftwerk Emsland bei Lingen nahe der holländischen Grenze: Das sind die drei in Niedersachsen aktiven Atommeiler. Und das Landesumweltministerium, als Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde, hält diese Nuklearanlagen auch für ziemlich sicher. Ministeriums-Sprecherin Jutta Kremer-Heye:

"Zu so einem Super-GAU wie in Tschernobyl, wo verschiedene katastrophale, schwerwiegende Fehler zusammengekommen sind, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass es in westlichen Kernkraftwerken passieren könnte. Auch nicht in Niedersachsen."

Doch mag ein GAU noch so hypothetisch sein - man hat trotzdem vorgesorgt. So wurden im vorigen Jahr in Niedersachsen, wie auch in Schleswig-Holstein und Hamburg, millionenfach Jodtabletten ausgegeben. Empfänger: Alle Haushalte im Umkreis von zehn Kilometern der Reaktoren. Nach einem eventuellen Atomunfall sollen die Pillen schnell geschluckt werden, um Schilddrüsen-Belastungen einzudämmen. Angeregt hatte diese vorbeugende Tablettenverteilung die Strahlenschutzkommission, basierend auf Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation nach der Tschernobyl-Katastrophe. Aber damit so etwas gar nicht erst passiert, gibt es in Niedersachsen - wie überall an AKW-Standorten – Kontroll-, Überwachungs- und Frühwarnsysteme, Übungen sowie dicke Alarmpläne. Bloß: Was hilft das alles im Fall des Falles? Sehr wenig, meint Doktor Willi Streitz von der Katastrophen-Forschungsstelle der Uni Kiel; bundesweit übrigens die einzige ihrer Art. Streitz kritisiert vor allem, die Menschen in Deutschland seien von den Behörden in punkto GAU viel zu schlecht vorab informiert:

"Die Bevölkerung muss natürlich darüber Bescheid wissen, was sie in einem nuklearen Notfall zu ihrem eigenen Selbstschutz unternehmen kann. Und dieses Wissen ist eigentlich überhaupt nicht vorhanden. Wir haben ne Riesen-Selbstschutz-Lücke in der Bevölkerung, und das selbstverständlich auch in Niedersachsen."

Zudem wären Evakuierungswege, Straßen und Eisenbahnen, wohl schnell verstopft, glaubt Streitz, der überdies sagt, bundesweit seien viel zu wenig Schutzräume vorhanden. Und medizinische Betreuung wär ebenfalls nur begrenzt möglich. Für Opfer von Strahlung, je nach Intensität und eventuell sonstigen Verletzungen, gäbe es zum Beispiel an der Medizinischen Hochschule Hannover bloß relativ knappe Kapazitäten. Dazu der Leiter der dortigen Stabsstelle für interdisziplinäre Notfall- und Katastrophen-Medizin, Professor Hans-Anton Adams:

"Wir reden da von einigen Dutzend Patienten, die wir hier im Hause versorgen könnten. Es könnte hier in Hannover nicht für alle reichen. Dann müsste es eben auf nationaler oder internationaler Ebene bearbeitet werden, das Problem."

Fazit: Im Fall einer Atomkatastrophe wär auch Niedersachsen, ebenso wie andere Bundesländer, nur bedingt abwehrbereit.


Schon kurz nach dem Reaktorunfall organisierte ein evangelischer Pfarrer in der Südpfalz Hilfe für Tschernobyl. Vor nunmehr elf Jahren formierte sich daraus ein eigenständiger Verein: "Leben nach Tschernobyl – Hilfe für Kinder in Weißrussland". Die Initiative mit 125 Mitgliedern hat einen Partnerverein in der weißrussischen Region Shitkowitschi, nordwestlich des ukrainischen Tschernobyl.

Nach dem Reaktorunfall brach die Landwirtschaft – die Einkommensquelle - in dieser vom radioaktiven Niederschlag am schlimmsten betroffenen Region zusammen. Jeden Herbst und jedes Frühjahr warten die Menschen nun dringlich auf Lebensmittelpakete aus Deutschland. Und sie hoffen, dass ihr Kind zu einem der begehrten Erholungsaufenthalte nach Karlsruhe, in den Schwarzwald oder die Südpfalz eingeladen wird.


Leben nach Tschernobyl
Die Helfer in der Südpfalz
Von Anke Petermann

Im Hinterzimmer einer Spedition im südpfälzischen Hagenbach stapeln sechs Helfer die letzten Pakete für den 15-Tonnen- Konvoi, der in diesen Tagen Richtung Weißrussland aufbricht – rund 40 Stunden werden die Fahrer für die 1600 Kilometer brauchen, davon zehn Stunden Wartezeit an der polnisch-weißrussischen Grenze.

"Was haben wir jetzt? - Knapp 800 Pakete insgesamt, davon 250 Lebensmittelpakete, das andere sind Kleider und Hygieneartikel fürs Krankenhaus. –- Was ist an Fahrrädern ungefähr da? – 30 Stück."

... bilanzieren Vereinschef Jürgen Wiegandt und Konvoi-Neuling Bernd Neville. Was wo gebraucht wird, wissen die Helfer vom Partnerverein und durch persönliche Kontakte mit den Familien in Shitkowitschi. Ulrike Eisenlohr hat rund 40 Pakete gepackt - Bekannte und Nachbarn spendeten ihr Lebensmittel. In den letzten zehn Jahren hatte die Helferin jeden Sommer mehrere Kinder zum Erholungsaufenthalt da, anschließend besuchte sie deren Familien. Das sind die Adressaten der Pakete. Ausreisen dürfen die Kinder nur, wenn sie gesund sind. Aber:

"Sie haben ein geschwächtes Immunsystem und sind nicht so ausgewogene Ernährung gewohnt wie meine Kinder. Da merkt man den Unterschied schon, wenn man sie fotografiert, wenn sie anreisen und wenn sie abreisen, die erholen sich hier sehr – im Sommer dann noch, da kann man dann natürlich viel ins Schwimmbad, sind sie viel an der frischen Luft, das tut denen wirklich gut. Und wenn man dann unterm Jahr noch gesunde Lebensmittel schickt, kann man auch über den Winter ein bissel weiterhelfen."

... sagt die Vorstandsfrau, die ihren Jahresurlaub gern investiert, um zu beobachten, wie Kinder mal vier Wochen wirklich ausspannen - Kinder, die teilweise Jahre älter aussehen, weil sie auf weißrussischen Feldern schuften müssen. In der Stadt sind sie nicht unbedingt besser dran.

Eisenlohr: "Die Familie, die ich als erstes versorgt hab, die Mutter ist allein erziehend, der Vater war Alkoholiker, die hat mir schon mehrfach geschrieben. Ohne meine Unterstützung hätte sie ihre drei Kinder nicht großziehen können. Und das glaube ich auch, ich habe gesehen, wie sie leben, es gibt da schlimme Verhältnisse."

Wiegandt: "Wir bekommen viele Kinder, wo die Mütter allein erziehend sind. Das liegt auch daran, dass viele Väter in Tschernobyl als Liquidatoren tätig waren, die gestorben sind. Aber auch die, die aus wirtschaftlicher Not die Familien im Stich gelassen haben. Und wir achten auch drauf, dass wir Kinder bekommen, wo wirklich Not herrscht, dass die nach Deutschland kommen können."

Doch zwanzig Jahre nach dem Reaktorunfall erlahmt die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung allmählich, stellt der Verein fest. Für den kommenden Sommer haben sich noch keine 30 Gastfamilien gemeldet:

Eisenlohr: "Also ich denke schon, dass viele denken: Ach, das ist ja schon so lange her, die müssen sich doch mal von dem ganzen erholen ... "

Doch erholen werden sich die Kinder von Tschernobyl in den langfristig radioaktiv verseuchten Gebieten ohne Unterstützung nicht, wissen die ehrenamtlichen Helfer in der Südpfalz. Und deshalb werben sie per Zeitung und Internet weiter um Gastfamilien im Großraum Karlsruhe. Tschernobyl-Hilfe – eine Daueraufgabe.

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