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Buchkritik | Beitrag vom 17.04.2019

"Die Abenteuer des Alexander von Humboldt"Historischer Reisebericht als Graphic Novel

Von Eva Hepper

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Eine Montage zeigt das Buchcover "Die Abenteuer des Alexander von Humboldt" von Andrea Wulf, im Hintergrund die Statue des Denkmals für Alexander von Humboldt in Berlin  (Verlag C. Bertelsmann / picture alliance / imageBROKER / Michael Nitzschke)
Andrea Wulf erzählt "Die Abenteuer des Alexander von Humboldt" anhand dessen Tagebuchaufzeichnungen. (Verlag C. Bertelsmann / picture alliance / imageBROKER / Michael Nitzschke)

Auf originelle Weise nehmen uns "Die Abenteuer des Alexander von Humboldt" mit auf seine Südamerika-Expedition. Die Humboldt-Biografin Andrea Wulf liefert den Text. Doch die Bilder der New Yorkerin Lillian Melcher überzeugen nicht ganz.

Was für eine originelle Collage! Umrahmt von Fotografien des Regenwaldes, liegen vergilbte Manuskriptseiten so in Reihe, als würden sie den Lauf eines Flusses nachzeichnen. Sie zeigen die originale Handschrift und diverse Tier-Zeichnungen von Alexander von Humboldt.

Allein dieses Arrangement ist schon eindrucksvoll, doch dient es nur als Hintergrund für farbenfrohe Illustrationen aus der Jetztzeit. Da plantscht ein Leopard durch die Buchstaben, da schwimmt ein Krokodil durch die Zeilen, und da schippern einige Gesellen in einem Boot vorbei an Tintenklecksen, Stock- und Wasserflecken, als wären diese über 200 Jahre alten Spuren Strudel oder Untiefen. Schließlich geraten sie derart in Schieflage, dass fast alle und alles über Bord gehen.

Fast im Orinoko ertrunken

Tatsächlich wären Alexander von Humboldt, sein Begleiter Aimé Bonpland und ihre Gehilfen fast ertrunken im Frühjahr 1800 auf der Fahrt über den Orinoko, wie der weltberühmte Forschungsreisende in seinen amerikanischen Reisetagebüchern festhielt. 2013 wurden die Schriften von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erworben und der Öffentlichkeit nach und nach zugänglich gemacht.

Die Autorin Andrea Wulf war von deren Schönheit so überwältigt, dass sie beschloss, die Manuskripte als Ausgangs- und Inspirationsmaterial für eine Graphic Novel zu nutzen. Darauf konnte man durchaus gespannt sein, denn bereits 2016 hatte die Historikerin eine weltweit gefeierte und vielfach ausgezeichnete Humboldt-Biografie vorgelegt. Für "Die Abenteuer des Alexander von Humboldt" hat sie sich nun mit der New Yorker Illustratorin Lillian Melcher zusammengetan.

Humboldt spaziert über seine Aufzeichnungen

Ihre "illustrierte Entdeckungsreise" widmet sich auf über 250 opulent gestalteten Seiten Humboldts Südamerikaexpedition (1799-1804). Es ist erstaunlich, wie variantenreich Lillian Melcher, eine junge Absolventin der Parson Design School, arbeitet. Sie setzt durchweg auf Collagen und lässt Humboldt und die Reisegefährten mal über seine eigenen Aufzeichnungen und Briefe spazieren, mal setzt sie sie auf Karten, zeitgenössische Stiche, Gemälde, gepresste Pflanzenproben und auch auf aktuellen Fotografien in Szene.

Ungelenke Figuren

So entstehen mitunter spektakuläre Tableaus wie etwa die Orinoko-Flussfahrt oder die Bearbeitung von Humboldts berühmtem "Naturgemälde", das sie mit Kommentaren seiner Bewunderer flankiert. Wäre Melcher nur eine bessere Zeichnerin! Ihre comicartigen Figürchen sind leider oft so ungelenk, dass sie nicht mit der Originalität ihrer Collagenkompositionen mithalten können.

Dafür bestechen die Texte von Andrea Wulf. Sie erzählt detailgenau und historisch verbürgt; mal innerhalb von Sprechblasen, mal im Blocksatz. So wird diese Graphic Novel zur wahren Fundgrube: Sie bietet eine umfassende Gesamtschau von Humboldts Wissen, zeigt die Modernität seines Forschungsansatzes und besticht mit biografischen Details und witzigen Reiseanekdoten. Dass die Autorin den großen Universalgelehrten zudem als nahen Verwandten heutiger Umweltaktivisten porträtiert, macht dieses Buch ungeheuer aktuell.

Andrea Wulf: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt
Übersetzt von Gabriele Werbeck
Bertelsmann Verlag, München 2019
288 Seiten, 28 Euro

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