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Lesart / Archiv | Beitrag vom 12.12.2019

Didier Eribon über "Betrachtungen zur Schwulenfrage"Die Angst vor der Homophobie

Moderation: Frank Meyer

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Portrait von Didier Eribon in Wien, mit Brille und einem schwarzen Schal um den Hals. (picture alliance / picturedesk / Robert Newald)
20 Jahre nach der Veröffentlichung in Frankreich erscheint Didier Eribons Buch "Betrachtungen zur Schwulenfrage" auch in Deutschland. (picture alliance / picturedesk / Robert Newald)

In dem Buch "Betrachtungen zur Schwulenfrage" beschreibt Didier Eribon, wie sich unterdrückte Gruppen aus einer Mischung von Scham und Stolz politisieren. Im Gespräch erklärt er, wie er selbst davor zurückschreckt, sich als Schwuler zu zeigen.

Für gleichgeschlechtliche Paare hat sich in den letzten 20 Jahren viel verändert. Das Recht auf Eheschließungen in Frankreich und Deutschland sei ganz wichtig, sagt der Soziologe und Philosoph Didier Eribon, aber der Fortschritt auf rechtlicher Ebene habe die Homophobie nicht verschwinden lassen.

Im Vorwort der deutschen Ausgabe seines Buches "Betrachtungen zur Schwulenfrage" sagt Eribon, er habe vor 20 Jahren mit großer Begeisterung daran gearbeitet. Bei linken politischen Gruppen sei es damals immer nur um die Klassenfrage gegangen. Er habe aber zeigen wollen, dass es auch andere politische Themen gebe: die feministische Bewegung, LGBT oder rassistische Bewegungen.

"Ich wollte zeigen, wie die Mehrheitsgesellschaft solche Gruppen formt, indem sie Beleidigungen zulässt", sagt Eribon, und wie diese Gruppen dann aus einer Mischung von Scham und Stolz agieren.

Intellektuelle Wüste

Er habe damals eine Begeisterung im politischen Denken in den USA, in Frankreich und auch anderswo wahrgenommen. Man habe auch über Homosexualität neu gedacht. "Heute, 20 Jahre später, sind wir aber in einer intellektuellen Wüste", sagt Eribon, der in Deutschland mit dem Buch "Rückkehr nach Reims" bekannt wurde. Die Energie, über solche Fragen zu diskutieren, sei in der politischen Debatte nicht mehr zu spüren und trotz aller Fortschritte, habe sich an manchen Stellen nicht viel verändert.

Ein Demonstrant mit einer Regenbogenflagge und einem Herz-Aufkleber im Gesicht, am Internationalen Tag gegen Homophobie in Warschau. (picture alliance / ZUMA Press /  Attila Husejnow)Didier Eribons bezeichnet sein Buch "Betrachtungen zur Schwulenfrage" als eine Sammlung von Überlegungen, was die Unterdrückung einer sozialen Minderheit bedeutet. (picture alliance / ZUMA Press / Attila Husejnow)

Wenn ein junger, schwuler Mensch heute in einem Dorf aufwachse, habe sich da gegenüber früher nicht viel geändert, meint Eribon. In seinem Buch stellt er die Frage, wie sich eine Persönlichkeit entwickeln kann, wenn sie täglich Beleidigungen und Feindseligkeit ausgesetzt ist.

Strukturen der Repression sind intakt

Für Didier Eribon war der Philosoph Michel Foucault prägend, über den er eine Biografie veröffentlichte. In dessen Buch "Wahnsinn und Gesellschaft" zeige sich, wie sehr die Bedrängnis von außen, die Diskriminierung Foucault als Jugendlichen beeindruckt habe und wie sehr ihn dies prägte.

Eribon erzählt in "Betrachtungen zur Schwulenfrage" von seiner eigenen Jugend. Er habe den Film "Jagdszenen aus Niederbayern" gesehen, in dem ein schwuler junger Mann der Hysterie eines Dorfes ausgesetzt ist. Damals habe er gedacht, das könne ihm in der Zukunft auch passieren. Heute sehe er das aber weniger drastisch.

Aber obwohl er heute offen über Homosexualität schreibe und im Radio darüber spreche, vermeide er, aus Angst, beleidigt zu werden, in der Pariser Metro nach wie vor jede Berührung seines Partners. Schwule, Transgender und Lesben würden immer noch Opfer von Aggression. Die Strukturen der Repression seien immer noch intakt: Didier Eribon spürt ständig, zumindest potenziell angegriffen oder beleidigt werden zu können.

(nh)

Didier Eribon: "Betrachtungen zur Schwulenfrage"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
600 Seiten, 38 Euro

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