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Interview / Archiv | Beitrag vom 30.04.2018

DidaktikIst Fingerrechnen doch nicht so schlecht?

Korbinian Moeller im Gespräch mit Dieter Kassel

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Ein Grundschüler nimmt bei den Hausaufgaben im Fach Mathematik seine Finger zur Hilfe. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)
Ein Grundschüler nimmt bei den Hausaufgaben im Fach Mathematik seine Finger zur Hilfe. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

Kinder, die beim Rechnen ihre Finger benutzen, rechnen nicht schlechter, sondern besser: Darauf deuteten jedenfalls Studien aus der ganzen Welt hin, meint der Lernpsychologe Korbinian Moeller. Allerdings kennen andere Länder auch ausgefeiltere Fingerrechensysteme.

Mit den Fingern rechnen - das galt bisher in Deutschland als Hilfskonstruktion für die, die es nicht besser können. Ansonsten sollte man es Kindern besser austreiben - so die gängige Haltung der Didaktiker.

Dahinter stecke die Befürchtung, ein Kind, das mit den Fingern rechne, entwickle keine abstrakte Repräsentation von Zahlen, sagt der Lern- und Wissenspsychologe Korbinian Moeller. Das Kind tue sich zum Beispiel schwer damit, das abstrakte Konzept "drei" hinter unterschiedlichen Objektrepräsentationen wie drei Stühlen oder drei Pferden zu erkennen.

"Unsere Ergebnisse zeigen jetzt, dass dem wohl nicht so ist", betonte Moeller im Deutschlandfunk Kultur. Vielen Studien aus der ganzen Welt zufolge könnten Kinder sogar besser rechnen, die dazu ihre Finger benutzten.

Zahlen entwicklungsgeschichtlich neu

Wo dieser Zusammenhang herrühre, sei schwer zu beantworten: "Eine Idee ist, dass Zahlen entwicklungsgeschichtlich zu neu sind, als dass sie im Gehirn ein eigenes Areal haben, das für die Zahlen allein zuständig ist, und deshalb Netzwerke überschrieben werden, die schon da waren", so der Professor für angewandte Lern- und Wissenspsychologie an der Universität Tübingen und Leiter der Nachwuchsgruppe Neuro-Kognitive Plastizität und Lernen am Leibnitz-Institut für Wissensmedien. "Und da bot sich scheinbar die Fingermotorik an, und darum findet man im Gehirn eben überlappende Aktivierungen, wenn man rechnet, wenn man mit Zahlen umgeht und wenn man mit den Fingern was macht."

Mit ausgefeilteren Fingersystemen lässt sich wirklich rechnen

Vielleicht liegt der schlechte Ruf des Fingerrechnens auch daran, dass hierzulande eine ausgesprochen schlichte Version praktiziert wird. "Es gibt natürlich elaboriertere Fingerzählsysteme, wo Sie dann nicht für jede Zahl einen Finger haben, sondern wo man dann die einzelnen Glieder der Finger zählt und auch zum Substrahieren, zum Multiplizieren nutzen kann", sagt Moeller. Damit könne man den Zahlenraum bis 1000 abdecken. "Ein altes römisches System gibt es dann dazu." Mit solchen ausgefeilten Systemen könne man wirklich rechnen.

(uko)

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