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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.07.2016

Dichterin Els Moors auf SyltWarum das Meer beim Schreiben hilft

Von Marten Hahn

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(picture alliance / Stephan Persch)
Ein Sonnenuntergang auf Sylt. (picture alliance / Stephan Persch)

Für das Buchprojekt "Dichter am Meer" hat die Frankfurter Buchmesse Autoren aus Deutschland, Flandern und den Niederlanden ans Meer geschickt. Els Moors ist eine von ihnen. Wir begleiten sie bei ihren Schreibversuchen auf Sylt.

"Ich kann hier nicht richtig schnell laufen. Wenn man vier Stunden so läuft..."

Els Moors bereitet sich eher meditativ aufs Gedichte-Schreiben vor. Nur Bücher lesen geht noch. Und spazieren gehen. Wie jetzt, hier, am Strand von Sylt.

"Wenn ich zwei Stunden spazieren war, und zwei Stunden gelesen hab, und in der fünften Stunde eine Stunde schreibe, dann habe ich fünf Stunden gearbeitet. Aber wenn ich fünf Stunden lang schreiben würde, dann würde ich sehr schlechte Sachen schreiben."

Moors steuert in ihrer gelben Regenjacke ein Café an der Kurpromenade von Westerland an.

"Es muss schnell gehen"

"Hier habe ich schon ein paar Mal geschrieben. Und das muss auch schnell gehen, wenn ich schreibe. Wenn ich zu viel Zeit habe, nachzudenken... Also der erste Kuss, oder wie heißt das, muss sehr schnell sein. Ne Stunde lang. Buff! Aber dann ist es auch vorbei."

"Ich glaube, seinen eigenen Gedanken sehen, ist das wichtigste. Sie kommen sehen und dann stoppen. Das ist eigentlich das einzige, was ich mache, wenn ich ein Gedicht schreibe. Ich denke: Oh, langweilig, langweilig. Wenn ich mich denken sehe, dann hörts auf. Dann wird’s einfach gestrichen."

Moors bestellt erst einen Ayurveda-Tee und später ein Weizen und eine Currywurst. Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich auch ihre Texte. Zwischen feinstofflich und handfest. Hat sie einen bestimmten Leser vor Augen, wenn sie schreibt?

"Ja, dich. Du und ich, habe ich dann im Kopf. Wenn's mir gefällt, dann hoffe ich, dass es dir auch gefällt. Und dann hört's auf. Einer muss es schon verstehen, glaub ich. Das wäre dann mein Publikum."

"Wäre ich kein Dichter, bräuchte ich ein Boot"

Moors aktueller Band heißt "Lieder vom Pferd über Bord". Es sind Gedichte über Alltägliches und Zwischenmenschliches. Es geht um Zahnpasta-Nutella-Landschaften und kopulierende Karnickel. Und auch die hat sie bereits zum Teil am Meer geschrieben. In der Bretagne. Hilft das Wasser beim Schreiben?

"Ein Meer tut richtig was mit mir. Es hat etwas mit dem Rauschen vom Wind und Wasser zu tun. Das ganze Lärm-Ding. Es gibt Leute, die echt ein Boot haben und aufs Meer fahren und fischen. Das sind auch keine normalen Leute irgendwie. Ich glaube Dichter haben das auch, nur sie machen das im Kopf. Wenn ich kein Dichter wäre, bräuchte ich also ein Boot."

Außerdem helfen Ortswechsel, sagt Moors. Aufenthalte wie der hier auf Sylt. Vor Ort muss dann gar nicht immer viel Kreatives passieren. Aber das Unterwegssein hilft.

"Man muss sehr traurig und beleidigt sein"

"Das muss man ja ab und zu selber auslösen. Diese Momente, diese Nullpunkte. Sonst wird man faul, wenn man zuhause bleibt in dieser Routine. Dann braucht man gar keine Bücher mehr zu schreiben. Man kann eine Reise machen. Oder man kann sich verlieben. Das funktioniert auch ganz gut."

Jetzt will man Els Moors vorschlagen, sich in einen Seemann zu verlieben.

"Es muss schlecht ausgehen. Dann hat man was zu schreiben. Man muss sehr traurig und beleidigt sein. Und enttäuscht. Dann hat man wieder Lust zum Schreiben."

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