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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 25.06.2007

Dialog über Gewalt und Stadionverbote

Sportjournalist Blaschke über den DFB-Fankongress

Moderation: Nana Brink

Fußballrasen (Stock.XCHNG / arkos arkoulis)
Fußballrasen (Stock.XCHNG / arkos arkoulis)

Um dem zunehmenden Gewaltproblem in deutschen Fußballstadien zu begegnen hielt der DFB am Wochenende in Leipzig erstmals einen Fankongress ab. Patentlösungen seien dort nicht gefunden worden, sagte der Sportjournalist Ronny Blaschke. Es habe aber erstmals einen Dialog zwischen Fans und DFB gegeben über Stadionverbote und andere Einschränkungen. Allerdings sei das Thema Rassismus etwas zu kurz gekommen, so Blaschke.

Brink: Einen "Quantensprung" nannte der Sportjournalist Ronny Blaschke diesen ersten Fankongress des DFB, einmalig übrigens in der Geschichte, undenkbar unter dem ehemaligen Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder. Erst jetzt unter dem jetzigen Präsidenten Theo Zwanziger stellt man sich auf höchster Fußballebene diesem Problem. Der Sportjournalist Ronny Blaschke hat auch ein Buch geschrieben mit dem Titel "Im Schatten des Spiels - Rassismus und Randale im Fußball". Guten Tag, Ronny Blaschke.

Ronny Blaschke: Hallo.

Brink: Sie waren auf dem Kongress in Leipzig und sind jetzt bei uns im Studio. Anlass dieses Kongresses war ja die zunehmende Gewalt in den Stadien gegen Schiedsrichter, gegen Fans, auch untereinander, gegen Spieler. Hat man denn das Problem von Seiten der Sicherheitskräfte denn wirklich in den Griff bekommen?

Blaschke: Also, auf diesem Kongress konnte man auf keinen Fall eine Patentlösung finden gegen Gewalt. Das war auch gar keine Absicht. Es sollte vor allem ein Dialog sein, ein erster Dialog zwischen Fans, Sicherheitskräften und DFB, denn zwischen diesen Parteien gab es über Jahre hinweg atmosphärische Störungen, sogar Anfeindungen, also, wenn ich an Mayer-Vorfelder erinnere, der sich sogar peinliche Rechtsstreitigkeiten lieferte mit Fanaktivisten, mit Fanvertretern, dann war das keinesfalls förderlich.

Auf dem Kongress, das fand ich sehr überraschend, dass wirklich sehr konstruktiv, sehr sachlich und fast sogar harmonisch diskutiert wurde. Rassismus und Gewalt, wie ich finde, kamen da etwas zu kurz. Es ging vielmehr um die Stadionverbote und um die Einschränkungen, die viele Fans empfinden gegenüber dem DFB, und da hat der DFB einige Zugeständnisse gemacht, aber es waren viele Signale, es waren Bekundungen, aber es waren keine Beschlüsse. Die müssen woanders getroffen werden.

Brink: Sind denn auch die sogenannten Problemfälle behandelt worden? Es gibt da jetzt eine neue Gruppe von Fans, die nennen sich die "Ultras". Klären Sie uns auf, was sind die Ultras? Sind das Hooligans, sind das andere, was sind die Ultras?

Blaschke: Also, die Hooligans, die klassischen Hooligans, die gab es in den 80er Jahren, die gab es in den frühen 90er Jahren, das war eine Bewegung, die aus England kam. Die gibt es aber nicht mehr, oder zumindest befinden sie sich im Auflösungsprozess. Hooligans schlagen sich in der Abgeschiedenheit, auf Wäldern, auf Wiesen, weil die Stadien immer moderner werden und auch weil die Fan-Projektarbeit sehr gut geworden ist.

Die "Ultras" wiederum, das ist eine Bewegung aus Italien, die aus Italien kommt, Anfang der 90er auch nach Deutschland geschwappt, und die "Ultras" verstehen sich als die "Anwälte des Fußballs". Sie vertreten die traditionellen Werte des Fußballs. Und die fühlen sie natürlich von der Kommerzialisierung, die fühlen sich von der sogenannten "Versitzplatzung" eingeschränkt. Die wollen also den Fußball als reines Gut bewahren. Die wollen keine großen Fernsehaufzeichnungen, die wollen nur den Fußball bewahren. Und die sind sehr sensibel und die wollen natürlich vom DFB nicht so schikaniert werden wie frühere Fankulturen und die setzen sich sehr massiv zur Wehr dagegen.

Brink: Sind die eigentlich auch gewalttätig geworden, weil das ist ja das eigentliche Problem? Wenn sie nicht gewalttätig geworden wären, dann wäre es ja auch kein Problem.

Blaschke: Man muss abwarten. Die Grenzen sind fließend zwischen Hooligans und Ultras. Ich habe mit Polizisten gesprochen, die sagen, dass 20 bis 25 Prozent der Ultras auch Hooligans werden können. Das hängt aber dann immer ab von den Einschränkungen. Also, Hooligans haben Gewalt als Kompensation ihres Alltags betrieben. Die wollten sich schlagen, weil sie das gebraucht haben, weil sie Frustrationen ...

Brink: Aber der Fußball war nur ein Anlass, sozusagen?

Blaschke: Der Fußball war nur ein Anlass, eine Plattform. Ultras hingegen sagen, dass sie unpolitisch sind und sagen, dass sie keine Gewalt wollen, aber wenn sie von der Polizei provoziert werden, wenn sie sich schikaniert fühlen, dann setzen sie sich auch zur Wehr. Und das äußert sich manchmal dann auch in Gewalt. Man muss abwarten, wie die Einschränkungen weiter aussehen. Es kann auch sein, dass sich Ultras, wie zum Beispiel in Italien, radikalisieren können.

Brink: Da gab's ja auch Stadionverbote.

Blaschke: Es gab Stadionverbote. In Italien ist es so, dass die Ultras sogar die Politik in den Vereinen beeinflussen, dass die richtig viel Macht haben, dass die eigene Merchandising-Angebote haben, die mehr Geld einnehmen als die Merchandising-Angebote der Vereine, und dort sind die Ultras abgedriftet, muss man fast sagen. In Deutschland sitzen sie noch auf einer Mauer, wo sie hinfallen, ist die große Frage.

Brink: Aber Sie haben es selber angedeutet - die Stadionverbote waren ja auch Stein des Anstoßes vieler Fans, die sich - ja - schikaniert fühlen. Ist das nicht eine Gratwanderung, auf der einen Seite zwischen der Sicherheit, die man gewährleisten muss und auf der anderen Seite zwischen der Freiheit des Zuschauers? Kann man das lösen, das Problem?

Blaschke: Sie haben den Fall ja angesprochen, der sich vor kurzem in Würzburg ereignet hatte, als Fans des FC Bayern auf Fans des 1. FC Nürnberg losgegangen sind. Dort waren ungefähr 12 Fans daran beteiligt, aber 73 Fans haben ein Stadionverbot erhalten. Es gab keine Anhörung, es gab auch keine Bewährung, die wurden einfach in Sippenhaft genommen.

Brink: Also, der FC Bayern ist da sehr radikal?

Blaschke: Der ist da sehr radikal. Er muss natürlich auch ein Zeichen setzen, aber er muss natürlich auch vorher erst mal selektieren, und es muss auch ein Verfahren geben. Aber wenn alle pauschal mit einem Stadionverbot verurteilt werden, ist das natürlich grenzwertig. Man muss da einfach genauere Richtlinien erfassen und das hat der DFB jetzt ja auch zugegeben, was ich persönlich ja wirklich als Revolution erachte. Dass es dann Stadionverbote mit Bewährung und mit flexibler Dauer geben soll ab der Rückserie der kommenden Saison, das war zu Zeiten von Gerhard Mayer-Vorfelder vor wenigen Jahren noch wirklich undenkbar.

Brink: Wir sprechen mit Ronny Blaschke, Sportjournalist, über den DFB-Fankongress, der am Wochenende in Leipzig tagte. Sie haben selber gesagt, ein Quantensprung war denn dieser Kongress. Warum hat es so lang gedauert, bis sich der DFB eigentlich diesen Problemen gestellt hat, was ja nun offenkundig ist?

Blaschke: Ich würde das eigentlich an der Person Theo Zwanziger festmachen. Der hat wirklich am Samstag eine flammende Rede gehalten, eine offene Rede, ganz normal, er hat wie immer in seiner volkstümlichen Art von der Integrationshilfe Fußball geschwärmt, die eine oder andere Phrase war dabei, aber er wirkte glaubwürdig. Und er hält das Thema in den Medien, was vorher einfach nicht der Fall gewesen war.

Theo Zwanziger ist der mächtigste Mann in diesem Verband und es gibt einen Sicherheitsausschuss, der immer noch von Juristen und von Polizisten geprägt wird, und diesen Sicherheitsausschuss muss er auch erst einmal überzeugen. Also, Zwanziger ist der eine Part, das ist der wichtigste Mann, den Mann hat man gewonnen, aber er reicht vielleicht auch noch nicht, um diese veralteten Strukturen in diesem starren Verband aufzulösen. Das bedarf viel Geduld und einer langen Zeit. Und die deutsche Fußball-Liga, die Interessensvertretung der Profivereine, die muss man kritisieren, weil sie in Leipzig fast gar nicht vertreten war. Es war ...

Brink: Nur das Problem nicht erkannt, oder ... ?

Blaschke: Ja, man sagt ja, dass die DFL so ein bisschen die Kommerzfabrik des Fußballs ist. Die wollen Geld verdienen, die wollen Profit machen, und sie interessieren sich nicht für den Fan. Sie akzeptieren den Fan nur, wenn er ein lautloser Kunde ist, nicht, wenn er sich über Probleme beschwert. Und natürlich sind ... Die Funktionäre der DFL wären die richtigen Adressaten gewesen für Probleme wie Stadionverbote. Dass die sich kaum haben blicken lassen, ist sehr kritisch und lässt erahnen, dass im DFB und in der DFL noch immer nicht die gleiche Sprache gesprochen wird.

Brink: Wird denn da von Seiten Theo Zwanzigers zum Beispiel Druck ausgeübt dann auch auf die Profivereine und sagt: "Ihr müsst euch den Problemen stellen!", weil er hätte doch die Macht?

Blaschke: Theo Zwanziger ist für die Basis verantwortlich. Die DFL ist für die Profivereine verantwortlich. Die müsste eigentlich einen Druck ausüben. Das Ganze ist sehr schwierig, weil das Thema Gewalt, wenn wir jetzt wieder bei der Gewalt sind, ist ja vorwiegend ein Problem der unteren Ligen. Dort müssen also die Landesverbände und die Regionalverbände aktiv werden, und da ist es sehr schwer, von Seiten des DFB da eine gewisse Handhabe und eine gewisse Kontrolle auszuüben, weil - es gibt pro Wochenende 80.000 Spiele, es gibt zigtausende Vereine, es gibt ein neues Meldesystem, wonach rassistische Vorfälle sofort gemeldet werden sollen, aber das sind die gleichen Funktionäre, das sind die gleichen Schiedsrichter, die früher die Fälle vertuscht haben, sollen sie jetzt offiziell melden. Das Ganze ist noch nicht ausgereift und wird auch noch viel Zeit brauchen, um letztendlich ausgereift zu sein.

Brink: Gab's auf dem Kongress irgendwie eine, na ja, sagen wir mal, Handlungsrichtlinie, oder eine Empfehlung, oder irgendeinen konkreten Beschluss, wo man sagt, man kommt diesen Problemen etwas näher?

Blaschke: Beschlüsse gab's keine. Die konnte es auch nicht geben, es war ein reiner Dialog und das muss man dann auch erst mal für den Moment so akzeptieren, weil es wirklich so was noch nicht gegeben hat. Man muss abwarten, wie jetzt der Sicherheitsausschuss darauf reagiert. Ich habe das beobachtet, als Theo Zwanziger seine Rede gehalten hat, da saßen im Plenum einige Sicherheitsvertreter des Ausschusses, etwas in die Jahre gekommene, ältere Herren, die haben dann immer gezuckt, und, nein, das darf man nicht so offensiv sagen. Da muss man abwarten. Aber so an sich war dieser Kongress ein richtiger Schritt.

Brink: Das Thema Rassismus war auch Thema auf dem Kongress - ungenügend, wie Sie fanden?

Blaschke: Ich war selbst in einem Forum, im Rassismus-Forum, aber man hatte bewusst das so gehandhabt wie damals das Stadionverbot, dass Einschränkung auf der Agenda ganz weit oben stehen sollte. Das wollte man auch nicht mit Nebenschauplätzen überdecken und deswegen galt das Forum, das sogenannte Forum Spannungsfelder ... Stadionverbote war das mit Abstand meistbesuchte Forum und darum ging auch alles, und da wurden auch die kontroversesten Diskussionen geführt.

Brink: Gibt es denn wirklich massive Probleme in Bezug auf Rassismus in deutschem Fußball, als abschließende Frage?

Blaschke: Das gibt es in der Tat. Man muss da differenzieren, also, in den alten Ländern ist es kaum noch so, weil, wie gesagt, die Kontrollen, Fan-Projektarbeit sehr gut. Aber in den unteren Ligen in Ostdeutschland, wo ja viele Traditionsvereine versunken sind, die noch immer sehr große Fanscharen haben und wo es keine Kontrollen gibt, wo es auch keine sinnvolle Fan-Projektarbeit gibt und wo es natürlich auch soziale Probleme gibt, man sieht das an der Politik, da sind rassistische Vorfälle auf jeden Fall zu melden.

Moderator: Das wäre dann das Thema für den nächsten Fan-Kongress des DFBs. Vielen Dank, Ronny Blaschke, Sportjournalist, und wir sprachen mit ihm über den ersten DFB-Fankongress, der an diesem Wochenende in Leipzig stattfand.

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