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Zeitfragen | Beitrag vom 31.10.2019

Diagnose SepsisDie unterschätzte Gefahr

Von Tarik Ahmia

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Fotomontage: Alena Ehlers im Krankenhausbett - und mit Sportprothesen (privat)
Knapp ist Alena Ehlers dem Tod entronnen. Mittlerweile konnte die Studentin in ihren "ganz normalen Alltag" zurückkehren, trotz Amputationen. (privat)

Sepsis – Blutvergiftung – ist die häufigste vermeidbare Todesursache im Krankenhaus. In Deutschland wird die Infektion oft nicht schnell genug erkannt und behandelt. Und so sterben daran täglich hierzulande mindestens 200 Krankenhauspatienten.

"Ich war natürlich sehr verzweifelt, als ich gehört habe, dass meine Hände und Füße amputiert werden müssen. Aber so richtig Gefühle zeigen konnte ich nicht. Ich habe da nicht einmal drüber geweint oder so. Ich war einfach wie versteinert und meine Eltern zum Beispiel auch. Man hat so eine unglaubliche Leere in sich und weiß gar nicht, was man überhaupt mit seinem restlichen Leben anfangen soll."

Wenn man Alena Ehlers heute unbeschwert durch die Fußgängerzone von Bremen bummeln sieht, ahnt man nicht, welches Martyrium sie als 17-Jährige durchmachen musste. Die schlanke Studentin mit den schulterlangen Haaren steht kurz vor dem Abitur.

"Es war der 21. September 2016, als ich aus der Schule gekommen bin und extreme Kopfschmerzen hatte. Aber die waren jetzt nicht unbedingt schlimmer als andere Kopfschmerzen, die ich schon mal in meinem Leben hatte. Deswegen habe ich mich eigentlich erst einmal ins Bett gelegt und hab geschlafen. Ich bin allerdings irgendwann schon am frühen nächsten Morgen, also am 22. September, dann aufgewacht und hat ziemlich starke Magenschmerzen oder Magenkrämpfe, schon so richtig, richtig stark, sodass ich die Kopfschmerzen auch gar nicht mehr richtig wahrgenommen hatte. Was mich dann verwundert hatte, aber das war sehr, sehr stark - und dann sind wir schon irgendwann ins Krankenhaus gefahren, weil mir das irgendwie komisch vorkam."

Was mit scheinbar harmlosen Kopfschmerzen beginnt, entwickelt sich zu einer lebensbedrohlichen Infektion ihres ganzen Körpers – Alena leidet an einer Sepsis. Ihre Hände und Füße werden nicht mehr ausreichend durchblutet.

"Ja, die ersten Tage habe ich das noch gar nicht so richtig wahrgenommen, was passiert ist. Aber irgendwann habe ich schon so gemerkt und gesehen, dass meine Extremitäten, die Hände und Füße, komplett schwarz waren. Die Fingernägel oder die Fußnägel waren ganz gelb und die Hände und Füße einfach schwarz."

Ohne Amputation hätte Alena die Sepsis nicht überlebt. Innerhalb von drei Wochen entfernen ihr die Ärzte die abgestorbenen Gliedmaßen.

Die Schülerin Alena Ehlers im Urlaub vor dem schiefen Turm von Pisa (privat)"Ich hatte immer viel Spaß, bis sich im Alter von 17 Jahren mein Leben für immer verändern sollte." - Die Schülerin Alena Ehlers vor ihrer Erkrankung, im Urlaub in Pisa. (privat) 
Amputationen gehören zu den häufigen, wenn auch wenig bekannten Folgen einer Sepsis. Diese aggressivste Form einer Infektion ist die Todesursache, die sich weltweit am häufigsten vermeiden ließe. Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet "Fäulnis". Umgangssprachlich wird die Erkrankung "Blutvergiftung" genannt. Auslöser der Infektion sind Bakterien, Viren oder Pilze, die sich über den Blutkreislauf im ganzen Körper verbreiten.

Die Ursachen sind vielfältig: Eine Lungenentzündung, ein eitriger Zahn, eine Harnwegsinfektion oder auch eine scheinbar harmlose Wunde. In der Folge kann das Immunsystems eines Patienten außer Kontrolle geraten. Oft versagen dabei einzelne oder mehrere Organe, Mediziner sprechen von einem "septischen Schock". Nur die Hälfte der Erkrankten kann gerettet werden.

Markus Weigand ist Mediziner und Vorsitzender der Deutschen Sepsis Gesellschaft. Er glaubt, dass die Gefahren in Deutschland unterschätzt werden.

"Die derzeit bekannte Zahl, da ist etwa von 400.000 Patienten mit Sepsis im Jahr auszugehen. Die Sterblichkeit ist, dass etwa 70.000 Patienten an der Sepsis in Deutschland sterben. Vermutlich ist diese Zahl aber deutlich zu wenig und wir haben eine Unter-Codierung in den Krankenhäusern und möglicherweise ist die Zahl doppelt so hoch in Deutschland. Es ist also sicherlich eine große Gefahr."

Dunkelziffer bei tödlichen Sepsis-Infektionen ist hoch

Doch weil die Infektion so viele unterschiedliche Erscheinungsformen annehmen kann, ist die Dunkelziffer hoch. Wer etwa an einer Lungenentzündung stirbt, stirbt in Wahrheit an den Folgen einer Sepsis. Nicht immer wird sie in den Kliniken als eigentliche Todesursache dokumentiert.

"Mein Name ist Herwig Gerlach. Ich bin Chefarzt am Klinikum Neukölln in Berlin und seit etwa 25 Jahren auf dem Feld der Sepsis-Forschung tätig." Auch Gerlach ist besorgt, dass die Dimension septischer Infektionen zu wenig im Bewusstsein ist.

"Wir haben ein Sepsis-Problem. Das haben wir schon lange. Die Daten, die ja alle Krankenhäuser abliefern müssen, haben gezeigt, dass die Häufigkeit der Fälle pro Jahr pro Einwohner in Deutschland stetig zunimmt und zwar nicht ein bisschen, sondern durchaus heftig. Das Problem ist aber schon lange bekannt. Auch vor zehn Jahren war die Sepsis schon häufiger als alle Fälle von Brustkrebs, Dickdarmkrebs und HIV zusammen. Das ist einfach mal ein bisschen das Problem, dass keiner es irgendwie wahrnimmt."

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Auch bei Alena Ehlers ist die Infektion ein Wettlauf um Leben und Tod. Die Zeit spielt bei der Behandlung die entscheidende Rolle. Häufig wird eine Sepsis anfangs aber nicht erkannt.

"Der erste Arzt, der mich behandelt hat, hat das nicht so wirklich als Bedrohung erkannt, und er hat mich dann erstmal liegenlassen, hat dann die Diagnose verhärteter Oberbauch gestellt. Er hatte mir weder Blut abgenommen noch Blutdruck gemessen oder Fieber gemessen. Und dann lag ich da erst einmal bis ein anderer Arzt kam und mir dann Blut abgenommen hat. Das war auch der Moment, wo die Ärzte ziemlich panisch auf einmal wurden, als die Blutergebnisse kamen."

Die Entzündungswerte von Alena schießen in lebensbedrohliche Höhen. Ihr Körper kämpft vergeblich gegen die Erreger, Botenstoffe des Immunsystems weiten die Gefäße im Versuch, alle Organe weiterhin ausreichend mit Blut zu versorgen. Die Studentin gerät in Lebensgefahr.

"Bei einem septischen Schock ist der Körper quasi in einer Schockreaktion und die Organe beginnen, langsam zu versagen, weil sie nicht mehr mit ausreichend Blut und Sauerstoff versorgt werden. Meine Nieren haben nicht mehr gearbeitet, meine Lungen haben auch versagt. Dadurch entsteht dann auch diese lebensbedrohliche Situation."

Ihr Zustand ist schließlich kritisch, dass die Ärzte der Bremer Kinderklinik die 17-Jährige in ein künstliches Koma versetzten.

Schnellere Diagnose kann Leben retten

"Mein Name ist Frank Brunkhorst. Ich arbeite am Universitätsklinikum Jena am Zentrum für klinische Studien und bin Generalsekretär der Deutschen Sepsis-Gesellschaft."

Brunkhorst ist ein drahtiger Mann mit randloser Brille, dunkelblondem Haar und trotz seiner über 60 Jahre von jugendlicher Ausstrahlung. Der Mediziner zählt zu den weltweit führenden Sepsis-Experten. Er und sein Team legen die hierzulande maßgeblichen Leitlinien für die Behandlung der Sepsis fest.

"Im Krankenhaus ist es relativ einfach, eine Sepsis zu erkennen. Im ambulanten Bereich deutlich schwieriger. Im ambulanten Bereich sind drei Zeichen führend: ein Verdacht auf eine Infektion plus eine erhöhte Atemfrequenz. Ein niedriger Blutdruck unter 100 Millimeter Quecksilbersäule und eine neu aufgetretene Verwirrtheit."

Mehr als 38 Grad Körpertemperatur, schnelle Atmung, ein Herzschlag über 90, der Verdacht auf eine Infektion – bei diesen Anzeichen stehen die behandelnden Ärzte unter großem Druck: Einerseits gilt es, den Patienten schnell zu behandeln. Andererseits müssen sie für eine wirksame Behandlung der Sepsis genau wissen, mit welchem Erreger sie es zu tun haben. Nur dann können sie dem Patienten das richtige Medikament verabreichen.

Die Standard-Therapie besteht darin, dem Patienten schnell ein Antibiotikum zu geben, ihn mit Hilfe von Infusionen ausreichend mit Flüssigkeit zu versorgen, sowie den Herd der Infektion zu lokalisieren und wenn möglich zu entfernen.

"Wir haben ungeheuer gelernt, dass der Faktor Zeit da eine große Rolle spielt. Und während man früher immer erst versucht hat, dass man immer erst gesagt hat: Wir brauchen ja erst mal eine Diagnose. Dieses Denken, das hat sich heute geändert. Heute sagen wir: Erstmal was tun. Dann können wir uns immer noch kümmern. Wir können nicht warten, bis wir ein Röntgenbild haben. Wenn wir das klinische Zeichen einer Lungenentzündung mit einer Sepsis haben, dann müssen wir sofort agieren. Wir müssen sofort ein Antibiotikum geben, wir müssen sofort Volumen-Therapie betreiben. Und das können wir alles schon machen, während wir das Röntgenbild bestellen."

Blutanalyse dauert oft mehrere Tage

Das gängige Verfahren, mit dem heute Infektionserreger in der Blutbahn gesucht werden, stammt aus dem Jahr 1906: Dabei wird Patientenblut in Fläschchen mit Nährlösungen gefüllt und in einem Brutschrank bei 37 Grad Celsius gelagert. In diesen Blutkulturen vermehren sich die vorhandenen Erreger. Doch bevor die Bakterien nachweisbar sind, vergehen, je nach Infektionstyp, zwei bis fünf Tage. Im Fall von Alena verlieren die Ärzte wertvolle Zeit.

"Man wusste, dass ich ein Sepsis-Patient bin, also dass ich an einer Sepsis leide. Das Problem war nur, dass sie nicht erkannt haben, woran es genau lag, weil es auch wirklich sehr schwer zu erkennen ist. In Bremen hat man mir dann die ersten Tage ein Breitband-Antibiotikum gegeben, wirklich angeschlagen hat es nicht. Diese noch unbekannten Bakterien haben sich weiter im Körper ausgebreitet – und man wusste weiterhin nicht, warum ich da jetzt liege und eine Sepsis habe."

Spricht – wie bei Alena – das Immunsystem auf das Breitband-Antibiotikum nicht an, ist die Patientin in großer Gefahr. Denn um den Sepsis-Erreger zu identifizieren, benötigen die meisten Labore in Deutschland Tage.

Zudem wird die Diagnose häufig verlangsamt durch lange Transportwege der Blutproben zu spezialisierten Laboren, die die erforderliche mikrobiologische Diagnostik überhaupt beherrschen. Am Wochenende arbeiten diese oft gar nicht. Für Sepsis-Patienten ist das kostbare, verschwendete Zeit.

Hände in Gummihandschuhe hantieren mit einer Pipette mit Blut (picture alliance / dpa / lth / Jan-Peter Kasper )Wie schnell kann das Labor den Sepsis-Erreger identifizieren? - Davon hängt das Leben des Patienten oft ab. (picture alliance / dpa / lth / Jan-Peter Kasper ) 
Denn in den Tagen der Ungewissheit hat der Erreger den Patienten häufig schon schwer geschädigt – wenn nicht gar getötet. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Infektion nur bei etwa jedem dritten Patienten im Blutstrom nachweisen lässt. Und so sterben trotz High-Tech-Medizin 42 Prozent aller Sepsis-Patienten an ihrer Infektion, weil die Organe versagen. Die, die überleben, sind häufig durch Hirnschäden oder Amputationen ihr Leben lang gezeichnet.

Für die Behandlung gibt es keinen goldenen Mittelweg. Die Blutvergiftung ist ein Syndrom und keine genau beschreibbare Krankheit wie etwa ein Herzinfarkt. Das macht die Therapie so schwierig. Maßgeblich ist immer der Einzelfall, sagt der Sepsis-Experte Frank Brunkhorst.

"Wir Ärzte behandeln Patienten. Wir behandeln keine Krankheiten. Wir behandeln Patienten. Das ist ein großer Unterschied. Ich behandle keine Sepsis. Ich behandle Herrn Meier mit einer Sepsis. Und dazu muss ich schauen, was ihm helfen oder was ihm schaden könnte. Bei einem Patienten, der eine Infektion mit Staphylokokken hat, sollte ich das und das machen. Ganz anders als bei einem Patienten, der einen anderen Keim hat."

Vorhandenes Know-how wird oft nicht genutzt

Trotz Intensiv-Medizin wird auch an deutschen Kliniken noch viel Potenzial bei der Behandlung der Sepsis verschenkt. Würde bereits vorhandenes Know-how deutschlandweit genutzt, könnten jedes Jahr wahrscheinlich Tausende Patienten gerettet werden.

Erleben lässt sich das in Mecklenburg-Vorpommern. An der Universitätsklinik von Greifswald sterben deutlich weniger Patienten an den Folgen einer Blutvergiftung als im Bundesdurchschnitt. Leiter des seit zehn Jahren laufenden Projektes ist der Mediziner Matthias Gründling.

"Mein Name ist Matthias Gründling. Ich bin Leiter des Qualitätsmanagement-Projektes ‚Sepsis Dialog‘ an der Universitätsmedizin in Greifswald."

Sepsis-Schwester Martina Gerber und der Mediziner Matthias Gründling von der Uni Greifswald. (Tarik Ahmir / Deutschlandradio)Arbeiten an einem besseren Diagnose-Verfahren bei Blutvergiftungen: Sepsis-Schwester Martina Gerber und der Mediziner Matthias Gründling. (Tarik Ahmir / Deutschlandradio) 
Der Mediziner lenkt das Projekt "Sepsis Dialog" von einem winzigen Büro aus, in dem gerade Platz für einen Stehschreibtisch mit Computer, aber kein Gästesofa ist. Gründling ist gebürtiger Greifswalder und wuchs auf der Insel Usedom auf. Er wirkt wie ein typisches Nordlicht: bodenständig, pragmatisch, bescheiden.

"Ein wichtiger Punkt war, dass eine Sepsis-Schwester finanziert wurde vom Klinikum. Die sollte dann die Schulungen organisieren, Qualitätsparameter erfassen, solche Dinge machen und haben einfach geschaut: Was haben wir für Qualitätsparameter und wo stehen wir? Und da ist einer der wichtigsten Parameter: die Zeit von der Diagnosestellung der Sepsis bis zum Geben des Antibiotikums. Damit behandelt man ja die Infektion und die soll möglichst unter einer Stunde sein. Und da waren wir, ich weiß es nicht mehr ganz genau, aber ich glaube nur bei 40 Prozent der Patienten so gut, dass wir es innerhalb einer Stunde geschafft haben. Und da hatten wir schon das erste wichtige Schulungsthema."

Alltägliche Probleme bei der Behandlung anpacken

Gründling und sein Team haben nicht nach dem Heiligen Gral der Sepsis-Forschung gesucht, sondern sie wollten alltägliche Probleme bei der Behandlung anpacken. Über die Jahre haben sie einfache, praktische Verbesserungen bei der Prävention der Sepsis, der Behandlung der Patienten und in den Arbeitsabläufen des Uni-Klinikums durchgesetzt.

Das Ergebnis verblüfft: Die Sterblichkeit infizierter Patienten ist in Greifswald von 45 Prozent auf 31 Prozent gesunken. So zeigt es eine wissenschaftliche Studie des Projektes "Sepsis Dialog".

"Mein Name ist Manuela Gerber. Ich arbeite seit 2007 in der Universitätsmedizin Greifswald. Seit 2010 bin ich die einzige Sepsis-Schwester im Qualitätsmanagement Projekt Dialog."

Die Daten, die Manuela Gerber bei allen Sepsis-Verdachtsfällen erfasst, dienen als Frühwarnsystem. Die Sepsis-Schwester sorgt zudem für eine schnelle Kommunikation zwischen Ärztinnen und Pflegekräften auf den Stationen, damit – falls nötig – die Behandlung so schnell beginnt wie möglich.

"Ich denke, wenn es die Sepsis-Schwester nicht gibt im Krankenhaus, dann würde niemand erfassen überhaupt, wieviel Patienten in ein Krankenhaus kommen. Dann haben wir natürlich durch meine Arbeit, dass wir wissen: Wie viele Sepsis-Patienten? Wie ist die Behandlung der Sepsis-Patienten? Die Parameter-Zeit bis zur Antibiotikatherapie. Ich denke, dass das Auswerten der Qualitätsparameter ein ganz wichtiger Punkt ist, um die Qualität der Sepsis-Therapie zu verbessern und damit auch die Sterblichkeit."

Zu schaffen sei das aber nur mit einem Bündel von Maßnahmen: etwa der konsequenten Impfung gegen Grippe und Lungenentzündung, die Einhaltung strenger Hygieneregeln in allen medizinischen Bereichen und vor allem der verbesserten Früherkennung der Blutvergiftung.

"Und so haben wir verschiedene Schulungen durchgeführt für Schwestern und Ärzte. Das ist ganz wichtig, dass man alles Personal schult, was am Patienten zu tun hat. Wie erkenne ich eine Sepsis? Das ist ganz wichtig. Die ist schwer zu erkennen. Was ist das eigentlich? Wie ist sie genau definiert? Wie muss der Herzschlag sein? Wie hoch ist die Temperatur? Dass die Leute praktisch wussten: Ah, wenn diese Kombination da ist, dann ist es eine Sepsis."

Gründling verlässt sich aber nicht nur auf die Weiterbildung der Mitarbeitenden. Auch die Suche nach dem Infektionserreger geht in Greifswald sehr viel schneller als üblich: Statt Blutkulturen tagelang auszubrüten, setzt das Krankenhaus auf neuste Technik. Ein Labor-Roboter analysiert im Regelbetrieb Blutproben auf mögliche Sepsis-Erreger.

Im Keller der Universitätsklinik stehen im Großlabor ratternde, schrankgroße Laborautomaten in einer Reihe. Der Ort erinnert mehr an eine betriebsame Weberei als an einen Ort für feinste biologische Analysen. Gründling steuert zielbewusst durch diesen Maschinenpark auf ein unscheinbares Kästchen zu – gerade mal so groß wie eine Kaffeemaschine. Unauffällig auf einem Seitentisch steht dieser Labor-Roboter, der ein Meilenstein in der Sepsis-Diagnostik ist. Mit nur einem Tropfen Blut erledigt die Maschine vollautomatisch in kurzer Zeit, was bislang Tage dauerte:

"Nach ein bis anderthalb Stunden weiß man, wie der Keim heißt, und nach insgesamt sechs bis sieben Stunden, welches Antibiotikum wirkt. Angenommen, es ist abends 19 Uhr, dann ist das Ergebnis um Mitternacht da – und die Mikrobiologie fängt bei uns erst um sieben Uhr am nächsten Tag an zu arbeiten. Also haben wir schon sieben Stunden eher das Ergebnis und können den Patienten ganz gezielt behandeln."

Vollautomatisches Labor zur Sepsis-Diagnostik im Keller des Krankenhauses Greifswald (Tarik Ahmir / Deutschlandradio)Vollautomatische Sepsis-Diagnostik: An der Klinik in Greifswald werden Blutproben schnell im Regelbetrieb analysiert. (Tarik Ahmir / Deutschlandradio) 
Alena Ehlers hatte nicht das Glück, von diesem technischen Fortschritt zu profitieren. Zwei Wochen kämpft ihr Körper gegen die lebensbedrohlichen Keime, bis die Ärzte den Erreger endlich identifizieren.

"Ich weiß nicht, wie sie am Ende darauf gekommen sind. Aber irgendwann hatten sie das Bakterium dann ja. Ich hatte mich wo, wann auch immer an bakteriellen Meningokokken angesteckt. Man kann sich über Tröpfcheninfektion anstecken: wenn dann jemand einen anniest oder wenn man aus ein Glas trinkt. Man weiß aber nicht, wo man sich genau ansteckt."

Nach Tagen der Ungewissheit wird Alena von Bremen an die Uniklinik in Hannover verlegt. Dort können die Ärzte ein wirksames Antibiotikum einsetzen und Alenas Leben retten.

Das Leben noch einmal neu lernen

Doch ihre Hände und Füße sind zu lange nicht ausreichend durchblutet worden. Fünf Wochen nachdem Alena aus dem künstlichen Koma aufgewacht ist, müssen die Ärzte die Gliedmaßen der 17-Jährigen amputieren.

"Die erste Amputation, das war die rechte Hand. Das war klar, dass die rechte Hand amputiert werden muss. Die war besonders schlimm betroffen. Da war mein kompletter Arm schwarz. Mein Arm konnte aber gerettet werden. Nach fünf Tagen wurde mir dann die linke Hand vollständig amputiert. Dann hatte ich dazwischen noch viele OPs, komplett an meinen beiden Armen, weil ich viele Haut-Transplantationen brauchte. Und am sechsten Dezember 2016 war dann meine beidseitige Unterschenkel Amputation. Das wurde auch zusammen gemacht; nicht wie bei den Händen einzeln, sondern direkt alles weg."

Insgesamt elf Monate verbringt Alena im Krankenhaus und der anschließenden Rehabilitation.

"Ich musste eigentlich alles nochmal neu lernen. Es war nichts mehr so wie es vorher mal war. Ich musste lernen, selbstständig zu essen, und lernen, wieder zu laufen auf den Prothesen. Das war die Hauptaufgabe. Dann fängst du halt mit 17 noch einmal an, das Laufen zu lernen."

Porträt von Alena Ehlers (Deutsche Sepsis Hilfe) (privat)Der Infekt raubte Alena Ehlers ihr Arme und Beine, nicht aber ihre Lebensfreude. Heute engagiert sich die Studentin bei der Deutschen Sepsis Hilfe. (privat) 
Mit dem Laufen allein ist es nicht getan. Schritt für Schritt muss Alena den Weg ins Leben zurückfinden.

"Ich war nämlich gerade beim Abitur dabei. Ich bin dann auch in die zwölfte Klasse wieder gegangen. Und dann hab ich im April 2018 angefangen, meine Abi-Klausuren zu schreiben, hatte auch in der Zwischenzeit meinen Führerschein wiedererlangt. Im Juni hatte ich dann mein Abi bestanden. Da habe ich mich sehr, sehr, sehr drüber gefreut und habe dann im Oktober 2018 direkt mein Studium begonnen, in Bremen. Und das macht mir sehr großen Spaß."

Viel Sensationsmache bezüglich Sepsis-Erkrankungen?

Das Projekt "Sepsis Dialog" aus Greifswald zeigt, dass eine bessere Behandlung die Überlebenschancen deutlich erhöht. Fachleute haben den Effekt hochgerechnet: Würden die Greifswalder Ansätze bundesweit praktiziert, könnten bis zu 20.000 Sepsis-Kranke jährlich gerettet werden. Das ist mehr als die Zahl der Toten durch Verkehrsunfälle, Suizid und Kriminalität zusammen.

Doch nicht alle Mediziner halten diese Berechnungen für seriös. Der Brite Mervyn Singer kritisiert, dass auf Basis von unsicheren Zahlen Panik geschürt werde. Denn weil Sepsis so unterschiedliche Erscheinungsformen habe und in den Krankenhäusern oft unzureichend dokumentiert werde, gebe es kaum aussagekräftige Studien.

Singer wird in der Sepsis-Gemeinde gefürchtet. Er hat schon viele Forschungsergebnisse und ihre Schlussfolgerungen gnadenlos zerpflückt.

"Es gibt da sehr viel Sensationsmache. Viele Zahlen sind schlichtweg erfunden, denn damit schafft man Öffentlichkeit. Wollen Sie große Aufmerksamkeit erzeugen, dann müssen Sie vom ‚massenhaften Sterben‘ sprechen. Niemand würde sich sonst dafür interessieren, wenn es nur um fünf Tote pro Jahr ginge."

Der scharfzüngige Professor aus London kritisiert selbst einige Grunddogmen der Sepsis-Behandlung:

Die schnelle Gabe von Antibiotika erhöht insgesamt die Zahl der Überlebenden? – "Statistisch nicht belegt."

Programme zur Qualitätsverbesserung, die Tausende Menschenleben retten? Mervyn Singer nennt das eine "Propaganda-Kampagne".

Viele Sepsis-Erkrankte sind über 75 Jahre alt

In seinen eigenen wissenschaftlichen Aufsätzen weist Singer auf einen Umstand hin, der in den Statistiken zur Sepsis zu wenig Beachtung finde: die Altersstruktur der Betroffenen.

"Die offiziellen Zahlen aus England zeigen, dass die allermeisten Erkrankten, die nachweislich an einer Sepsis sterben, über 75 Jahre und älter sind. Wir sprechen hier von 77,5 Prozent der Todesfälle. Nur acht Prozent der Toten sind jünger als 65 Jahre alt. Kinder sind nur minimal betroffen."

Nach Singers Zahlen sterben also Dreiviertel der Sepsis-Patienten nicht an der Sepsis, sondern mit Sepsis. Singer sieht im Ausbruch der Blutvergiftung in den allermeisten Fällen das Ende eines natürlichen Alterungsprozesses von Patienten.

"Auslöser so einer Infektion ist häufig, dass das Immunsystem des Patienten mit zunehmendem Alter schwächer wird. Die Abwehrkräfte nehmen noch weiter ab, wenn alte und gebrechliche Menschen viele Medikamente einnehmen, an Krebs erkrankt sind, nicht mehr mobil sind. All diese Dinge können das Infektionsrisiko erhöhen, weil sich die körperlichen Reserven eines Patienten dem Ende zuneigen. Das kann dazu führen, dass ihre Organe nicht mehr richtig funktionieren, und sie dann offensichtlich ein viel höheres Sterberisiko haben."

Auf Grundlage seiner Zahlen hält es der Brite daher vor allem für nötig, dass die Ärzte zunächst das Gespräch mit Sepsis-Betroffenen und ihren Familien suchen.

"Wir müssen uns fragen, wie viele dieser Patienten wir retten können. Wollen Sie wirklich, dass ab einem bestimmten Alter alles Mögliche aufgefahren wird, was die moderne Medizin zu bieten hat, obwohl Sie sehr wahrscheinlich so oder so sterben werden? Man sollte diese Entscheidungen im Vorfeld diskutieren. Denn sehr kranke und gebrechliche Patienten genießen ihr Leben vielleicht gar nicht mehr."

Trotz Amputationen zurück im Leben

Zwischen dem Greifswalder Matthias Gründling und den Londoner Mervyin Singer tun sich dabei eher ethische als medizinische Differenzen auf.

"Dem würde ich schon deutlich widersprechen wollen, weil: Es gibt halt eine Menge von Patienten, die an Sepsis erkranken, und wenn man diese schnell erkennt, schnell diagnostiziert und behandelt, dann überleben davon mehr. Und wenn jemand mit 85 oder 90 noch gut drauf ist und zu Hause sich sein Leben selber organisiert mit ein bisschen Hilfe und eine Lungenentzündung kriegt und man schnell behandelt, dann kann man sich sein Leben wieder mit ein bisschen Hilfe gut organisieren."

Singer bezweifelt nicht, dass Sepsis eine große Gefahr ist, die mehr Menschenleben kostet, als nötig. Er fordert aber, die genaue Gefahr der Infektion durch umfangreiche wissenschaftliche Studien zu untermauern.

Die Erfahrungswerte aus Deutschland zeigen, dass hierzulande täglich etwa 200 Menschen an einer Sepsis sterben. Diese Zahl könnte sehr viel niedriger sein. Und wer einen septischen Schock mit dramatischen Folgen überlebt, kann danach ins Leben zurückkehren – so wie Alena Ehlers. Sie hat ihren Lebensmut wiedergefunden.

"Ich würde von mir behaupten, dass mein Alltag mittlerweile wieder ganz normal ist, wenn man das so sagen kann. Ich schminke mich jeden Morgen und ziehe jetzt auch aus. Dann wohne ich alleine in Bremen, nicht mehr bei meinen Eltern. Ich fahre ganz normal zu meinem Studium mit dem Auto oder im Zug oder so und lebe eigentliche ein ganz normales Leben, nur ohne Hände und Füße. Ich mache auch Sport, ich habe spezielle Sport-Prothesen womit man joggen kann. Das macht sehr großen Spaß. Ich freue mich immer, wenn ich joggen kann."

Sprecherin und Sprecher: Cornelia Schönwald, Tarik Ahmia und Torsten Föste
Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Ton: Alexander Brennecke
Redaktion: Martin Mair
Produktion: Deutschlandfunk Kultur 2019

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