Seit 23:05 Uhr Fazit

Sonntag, 19.01.2020
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Signale / Archiv | Beitrag vom 16.09.2007

Deutschstunde

Eine Betrachtung über Sprache und Identität

Von Josef Schmid

Unter Bildung ist mehr als ein Schul- oder Universitätsabschluss zu verstehen. (AP)
Unter Bildung ist mehr als ein Schul- oder Universitätsabschluss zu verstehen. (AP)

Sprache speichert Geschichte, Schicksale und lässt etwas von der Landschaft ahnen, in der sie entstanden ist. Übersetzungen in andere Sprachen sind ohne Verluste an Inhalt und Sinn nicht zu haben. Nur die Umschreibungskunst und zusätzliche Erläuterungen retten oft etwas vom Sinn des Originals.

Greifen wir doch einige wichtige deutsche Wörter heraus, für die wir in anderen europäischen Sprachen kein entsprechendes Gegenstück finden!

Da wäre gleich das Wort Bildung zu nennen, wie es Wilhelm von Humboldt geprägt hat. Bildung ist nicht höherer Schulabschluss, sondern will das Menschengemäße entwickeln, will auf ein Menschentum hinführen im Staat und in seinem Kernstück, der Universität. Bildung sorgt dafür, dass Wissen, Wissensfortschritt und Ausbildung in einem kultivierten Rahmen bleiben. Der Gelehrte Max Weber tobte einmal gegen "Fachmenschen ohne Bildung, Genussmenschen ohne Herz" und fühlte das Auseinanderfallen der Humboldt’schen Bildungsidee. Heute wissen wir, dass galoppierende Fortschritte einen Maßstab zu ihrer Beurteilung brauchen. Hier haben wir einen zur Hand, der zwischen Bildung und Ausbildung unterscheidet und sie zusammenführt.

Weder im englischen "formation", noch in der französischen "formation" findet sich dieser Inhalt.

Das einmalige Vorhandensein des Wortes Mensch in der deutschen Sprache ermöglicht, vom Menschengemäßen und von Menschtum überhaupt zu sprechen, und Menschheit und Menschlichkeit auseinander zu halten. Weil in den anderen westlichen Sprachen diese Unterscheidung fehlt, wird seit langem "human society" von deutschen Studierenden mit "menschlicher Gesellschaft" übersetzt. Ob die Menschengesellschaft auch eine menschliche ist, steht auf einem anderen Blatt. Die Sprachverflachung führt auch noch zu irrigen Urteilen.

Die Frage, mit welchem Antriebsmotor die Menschheit voranschreitet, bringt uns auf Vernunft, einen abendländischen Begriff schlechthin. Für die lateinischen Völker hat die "Raison" einen philosophischen und staatspolitischen Auftrag. Für die Angelsachsen ist "Reason" eine strategisch-ökonomische Angelegenheit. Die Deutschen könnten damit zufrieden sein, dass eines der wichtigsten Bücher der Menschheit, die "Kritik der reinen Vernunft" in ihrer Sprache vorliegt. Doch seit dem Terror der Französischen Revolution, in der sich erstmals eine frische Staatsräson entlud, fürchten sie Regimes, die sich der totalen Durchsetzung von Vernunft verschrieben haben.

Die französische Raison hat etwas von der Trennschärfe einer Rasierklinge, um nicht zu sagen: eines Schneidemessers der Guillotine. Bei Johann Gottfried Herder findet sich neben Vernunft der Ausdruck Besonnenheit. Er entspricht der deutschen Vorstellung von Vernunft und findet nicht seinesgleichen bei Romanen oder Angelsachsen. "Reflexion", wie sie sagen würden, meint das Überdenken einer Sache, aber keine wünschenswerte Tugend, die vor Exzessen bewahrt.

Eine Mentalitätsscheide zum übrigen Westen tut sich im Begriff der Währung auf. In diesem deutschen Wort stecken obrigkeitliche Versprechen wie die Gewähr, unbedenklich die Früchte seiner Arbeit dagegen eintauschen zu dürfen, und die Wahrhaftigkeit, ihren Wert zu behalten. Die lateinischen Völker Europas haben für Währung ein eher abschätziges Wort. Es klingt nach Moneten und ihr Wert blieb Regierungsbeschlüssen unterworfen. Dort ist es kein Vergehen, mit inflatorischen Mitteln Konjunktur und Arbeitsmärkte zu beleben. Für die Angelsachsen ist Währung ein bloßer Umlauf, "currency", weitab von Gewähr und Wahrheit. Den Franzosen war die deutsche Währungs- und Finanzpolitik schon lange ein Dorn im Auge. Sie hielten eine unabhängige Bundesbank für eine Vierte Gewalt im Staat und baten im Zuge der Wiedervereinigung um ihre Abschaffung. Die Deutschen hatten zu tun, die nachfolgende Europäische Zentralbank auf ihr Territorium zu locken und sie mit ähnlichen Prinzipien auszustatten und durchzusetzen.

Hier haben wir ein Bespiel, wie mit einem Wort auch das Verständnis für die Sache fehlt, die es bedeutet.

Ein erstaunliches Wort ist Wirklichkeit: das uns Umgebende, in dem wir teils gefangen sind, in dem wir aber auch Handlungsspielraum, Sitz und Stimme haben. Was uns die modernen Systemdenker als Komplexität nahe bringen wollen, enthält dieses deutsche Wort schon. Es führt uns vor Augen, wie sich Kräfte, Ereignisse und vorangegangene Zustände miteinander verwirken, - wie sich Veränderungen einstellen ohne unser Zutun und solche, die eigener Anstrengungen bedurften. Wirklichkeit macht uns aufmerksam, dass wir sie nur teilweise erfassen und vieles verborgen und unvorhersehbar bleibt. Wirklichkeit beruhigt uns mit dem, was wir von ihr wissen, zeigt uns den Weg, wie wir mehr erfahren können, und ermahnt unser Menschenhirn zu Bescheidenheit. Wirklichkeit ist kein zeitloser Zustand: alle Zeiten haben an ihr mitgebaut, ihre Spuren sind überall zu finden. Sie ist ein Zusammenwirken von Vergangenheit und Gegenwart. Manches hat sein Dasein verwirkt wie technisches Gerät oder Ideologien, manches setzt zum Sprung in eine Zukunft an und wird fortwirken – in eine kommende Wirklichkeit hinein.

Hier kann man nachfühlen, wie schmerzlich einem zumute ist, wenn man für einen englischen Artikel nur von "reality", in einem Pariser Vortrag nur von "réalité" sprechen kann, was nur sachgemäße Darstellung heißt.

Das Wesen der eigenen Sprache erschließt sich an den Sinnverlusten, die durch Übertragung in eine andere Sprache entstehen.

Und so sind wir wieder bei einer Kernfrage angelangt, nämlich nach der europäischen Identität: Sie ist kein unbeschriebenes Blatt. In den Nationalsprachen schlägt das Herz Europas und nicht in den Übersetzungsbüros.

Josef Schmid (Maurer-Hörsch)Josef Schmid (Maurer-Hörsch)Josef Schmid, geboren 1937 in Linz/Donau, Österreich, zählt zu den profiliertesten deutschen Wissenschaftlern auf seinem Gebiet. Er studierte Betriebs- und Volkswirtschaft sowie Soziologie, Philosophie und Psychologie. Von 1980 bis 2005 war Schmid Inhaber des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seine Hauptthemen: Bevölkerungsprobleme der industrialisierten Welt und der Entwicklungsländer, Kulturelle Evolution und Systemökologie. Schmid ist Mitglied namhafter nationaler und internationaler Fachgremien. Veröffentlichungen u.a.: Einführung in die Bevölkerungssoziologie (1976); Bevölkerung und soziale Entwicklung (1984); Das verlorene Gleichgewicht – eine Kulturökologie der Gegenwart (1992); Sozialprognose – Die Belastung der nachwachsenden Generation (2000). In "Die Moralgesellschaft – Vom Elend der heutigen Politik" (Herbig Verlag, 1999) wird der Widerspruch zwischen Vergangenheitsfixiertheit und der Fähigkeit zur Lösung von Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben scharfsichtig analysiert.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur