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Nachspiel | Beitrag vom 25.07.2021

Deutschlands junge ZehnkämpferAlleskönner auf dem Sprung

Von Stefan Osterhaus

Der Zehnkämpfer Andreas Bechmann  dynamisch, verwischt, in Aktion während eines Weitsprungs. (dpa / Sven Simon / Anke Waelischmiller)
Der Zehnkampf vereint mehrere Disziplinen, eine von ihnen ist der Weitsprung. (dpa / Sven Simon / Anke Waelischmiller)

Zehnkampf gilt als die Königsdisziplin. Der Weg an die Weltspitze ist hart. Der Sport verlangt von den Athleten viel ab. Doch drei junge Männer haben große Ziele: Sie wollen zu den Olympischen Spielen.

Mittwochabend auf einem Sportplatz in Berlin-Schöneberg. Pünktlich um 18:00 Uhr trifft eine Gruppe junger Athleten ein. Unter ihnen sind Jean-Paul Emge und Fred Isaac Fleurisson, zwei Zehnkämpfer. Fred Isaac, der von seinen Kollegen Izzy genannt wird, gilt als großes Talent. Gerade einmal 18 Jahre ist er alt. Für sein Alter hat er schon beachtliche 6853 Punkte erreicht.

Wettkampf im Wettkampf

Trainer Frank Stenzel hält große Stücke auf den jungen Athleten. Und dass man von Izzy noch hören wird, davon ist Stenzel überzeugt. Die Ziele sind klar gesteckt: "Perspektivisch '24 – Olympia. Die nächste Olympiade ist zu sehen."

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Der Zehnkampf – keine Disziplin genießt unter Leichtathleten höheres Ansehen als dieser Vielseitigkeitswettbewerb, der bei Großveranstaltungen ein eigener Wettkampf im Wettkampf ist. Eine Tortur über zwei Tage.

Am ersten Wettkampftag der 100-Meter-Lauf, Weitsprung, Kugelstoßen, Hochsprung und zum Abschluss der 400-Meter-Lauf. Auch der zweite Tag hat es in sich: 110-Meter-Hürden, Diskuswurf, Stabhochsprung, Speerwurf und dann die 1500 Meter. Die komplette Bandbreite der Leichtathletik an zwei Wettkampftagen.

Könige der Athleten – so werden die Zehnkämpfer beinahe mythisch genannt. Dabei sind manche in einzelnen Disziplinen so gut, dass sie sogar Spezialisten beeindrucken können. 

Nicht nur Talent

Gut ist, wer sich in jungen Jahren den 8000 Punkten nährt. Ab dann wird die Luft immer dünner. Der deutsche Rekord von Jürgen Hingsen aus dem Jahr 1984 steht immer noch: 8832 Punkte, weltweit die siebtbeste Leistung überhaupt. Den Weltrekord hält der Franzose Kevin Mayer mit 9126 Punkten.

Davon ist Izzy noch meilenweit entfernt: "Mein Ziel wäre es, 7400 Punkte zu machen. Olympia ist eigentlich mein großes Ziel und vielleicht auch aufs Treppchen zu kommen. Aber die Teilnahme an Olympia ist schon ein großes Ziel, das ziemlich gut ist."

Um erfolgreich Zehnkampf betreiben zu können, müssen die Bedingungen stimmen. Talent, das ist das eine, das Umfeld, in dem sich ein Athlet bewegt, das andere. Geld, sagt Stenzel, sei eine enorm wichtige Voraussetzung, um ein erfolgreicher Zehnkämpfer zu werden – und Zeit. Izzy, dessen Familie von der Elfenbeinküste stammt, verfügt über beides. Seine Mutter ist Diplomatin.

Einen Schritt weiter als Izzy sind zwei Athleten, die in Hannover trainieren: Der 20-jährige Marcel Meyer und der ein Jahr ältere Malik Diakite, der 2020 Deutscher Meister geworden ist. Ihre Trainerin Beatrice Mau-Repnak, eine ehemalige Siebenkämpferin, traut den beiden eine Menge zu: 

"Für mich sind das zwei Jungs, die noch weit kommen können. Jungs von dem Kaliber hatte ich auch noch nicht. Also, ich hatte sicherlich auch schon Männer, die auch gute Punktzahlen geschafft haben. Aber ich denke, die beiden können meine ersten Jungs über 8000 Punkte werden. Ich traue beiden auch wirklich zu, in die Fußstapfen derer zu treten, die international bei Olympia starten." 

Hang zum Masochismus

Den Mehrkampf als ehemalige Aktive zu kennen, das ist die beste Voraussetzung, um die jungen Athleten an internationales Niveau heranzuführen. Es beginnt schon mit ganz profanen Dingen: der Organisation des Alltags. Das ist anspruchsvoll genug, sagt Beatrice Mau-Repnak:

"Ich bin diejenige, die versucht, alles unterzukriegen in einer Woche. Aber das klappt natürlich nicht. Wir haben zehn Disziplinen. Wir trainieren an sechs Tagen. Ein Tag ist uns heilig als Regenerationstag. Zum einen muss ich als Trainer Disziplinen wählen, die mir sehr wichtig sind und zum anderen Elemente enthalten, die vielleicht auch für andere Disziplinen gut sind. Wir legen uns jedes Jahr Schwerpunkte auf bestimmte Disziplinen."

Zum Zehnkampf müsse man berufen sein und dazu eine ganz besondere Eigenschaft mitbringen, sagt Trainer Stenzel:

"Die Verrücktheit im Kopf, jeden Tag auf dem Platz zu stehen und zehn verschiedene Sachen zu machen, um hinterher allein dazustehen und zu sagen: Ich bin der Beste oder nicht der Beste. Du musst für diesen Sport, für die Disziplin, musst du krank im Kopf, verrückt sein. Du musst das wollen. Du musst leiden können. Masochismus ist schon eigentlich eine Grundvoraussetzung."

Deutsche Zweikampftradition

Der Qual eine spielerische Note abzugewinnen, scheint für den Studenten Marcel Meyer und den angehenden Bundespolizisten Malik Diakite offenbar kein Problem zu sein. Und erst recht nicht für den Abiturienten Izzy Fleurisson, der im Training den Eindruck erweckt, als sei alles nur ein Spiel. "Geh nach draußen spielen", so steht es auf seiner Homepage.

Izzy Fleurisson, Malik Diakite und Marcel Meyer – drei Athleten auf dem Sprung. Vielleicht setzen sie ja einmal die lange deutsche Zehnkampftradition fort, die legendär ist. Deutsche "Könige der Athleten" feierten immer wieder große Erfolge.

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