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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 01.10.2013

Deutschland wird am Hindukusch verteidigt - auch nach 2014

Wir müssen Afghanistan auch künftig helfen

Von Sabina Matthay

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Die Bundeswehr beginnt bald mit ihrem Abzug aus Afghanistan. (AP)
Die Bundeswehr beginnt bald mit ihrem Abzug aus Afghanistan. (AP)

Der Rückzug der Bundeswehrsoldaten aus Afghanistan beginnt in diesem Monat. Doch die Aufgabe, das Land wirtschaftlich und gesellschaftlich zu entwickeln, stellt sich unverändert - auch für den Westen, meint die Journalistin Sabina Matthay.

Wenn die Bundeswehr demnächst das Feldlager Kundus an die afghanische Armee übergibt, werden viele Deutsche vermutlich zufrieden sein. Endlich geht ein unpopulärer Auslandseinsatz zu Ende.

Das ist bequem, stimmt aber nicht: Auch nach 2014 bleiben ausländische Soldaten am Hindukusch. Denn es bleibt die Verpflichtung zu helfen – beim Aufbau und der Entwicklung Afghanistans. Der Verantwortung für das konfliktgeplagte Land kann die internationale Gemeinschaft und damit auch Deutschland sich nicht entledigen.

Das wird man hierzulande nicht gerne hören. Die meisten Deutschen waren von Anfang an skeptisch, hielten es gar für falsch, dass "deutsche Sicherheit am Hindukusch" verteidigt werden sollte. Die einen kritisierten das deutsche Engagement als Verschwendung von Ressourcen, die anderen als übertriebene Bündnissolidarität mit den Amerikanern oder als imperialistische Bevormundungsgeste gegenüber den Afghanen und der muslimischen Welt.

Die Ziele wurden nur in Ansätzen erreicht

Das war und ist falsch: 2001 erklärten militante Islamisten aus Afghanistan heraus der Welt den Krieg. Ein Krieg, der sich in den Anschlägen vom 11. September manifestierte, in den Attentaten von Madrid, London, Istanbul, Bali. Und diese Kriegserklärung galt auch der Bundesrepublik Deutschland als Teil der internationalen Gemeinschaft.

Und es war der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, welcher der NATO die Genehmigung zum Aufbau der Internationalen Schutztruppe ISAF erteilte, aber eben nicht nur zur Wahrung kollektiver Sicherheitsinteressen, sondern auch zur Absicherung des Aufbaus des zerstörten Landes. Ein Staat, dem seine Bürger loyal sind, sollte entstehen, um auch so dem Wiedererstarken des Dschihadismus den Boden zu entziehen.

Demokratisierung, wirtschaftliche Chancen, Rechtsstaatlichkeit, Frauenbildung, politische Partizipation, zivilgesellschaftliche Strukturen – all das und mehr sollte verankert sein, damit der Einsatz sich lohnt. Das ist bis heute nur in Ansätzen erreicht.

Dass es in Afghanistan immer noch keine selbsttragende Wirtschaft gibt, dass ein umstrittener Präsident wie ein Stammesfürst agiert, dass Korruption und Nepotismus bis in die Staatsspitze reichen, ist auch die Schuld einer internationalen Gemeinschaft, die sich allzu lange an quantitativen Erfolgsmeldungen orientierte.

Afghanistan braucht mehr Zeit und mehr Geduld

Das macht es Gegnern des internationalen Einsatzes in Afghanistan leicht, dieser Intervention den Misserfolg zu bescheinigen. Doch die Spuren von dreißig Jahren Bürgerkrieg werden nicht in weniger als einer halben Generation beseitigt. Es braucht deutlich mehr Zeit und mehr Geduld.

Ohne den Eingriff des Westens aber wären Millionen Leben sehr viel schlechter verlaufen. Die Afghanen haben jetzt die Chance, die sie ohne UNO, USA und NATO nie bekommen hätten: ein selbstbestimmtes politisches Gemeinwesen zu entwickeln.

Der nächste Meilenstein wird die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr sein. Ihr Ausgang wird die Stabilität des Landes beeinflussen: ein umstrittenes Ergebnis könnte zum Bürgerkrieg führen, eine erfolgreiche Wahl würde dazu beitragen, den Übergang nach dem Abzug der ISAF zu meistern.

Das liegt nun in den Händen der Afghanen. Ihnen zu helfen, ist eine Selbstverständlichkeit. Denn wir müssen unserem Anspruch gerecht werden, in ihrem Land dauerhafte Spuren der Sicherheit, der Verbesserung der Lebensverhältnisse, des wirtschaftlichen Aufschwungs, kurz: der Hoffnung zu hinterlassen. In unserem ureigenen Interesse.

Deutschlands Sicherheit wird also auch nach 2014 – unter anderem – am Hindukusch verteidigt. Nur eben auf andere Weise.

Sabina Matthay, Journalistin (privat)Sabina Matthay, Journalistin (privat)Sabina Matthay, geboren 1961, studierte Angewandte Sprachwissenschaft in Saarbrücken - mit Abstechern nach Exeter in England und Urbino in Italien. 1990 Einstieg in den Hörfunk beim Deutschen Dienst des BBC World Service in London. Auch nach der Rückkehr nach Deutschland und der Arbeit für verschiedene ARD-Sender ist sie dem Radio treu geblieben. Arbeitsschwerpunkte: Politik, Geschichte, Gesellschaft Großbritanniens und seiner ehemaligen Kolonien und Mandatsgebiete.

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