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Zeitfragen | Beitrag vom 12.10.2020

Deutschland im HomeofficeVideokonferenz mit dem Kind auf dem Schoß

Von Catalina Schröder

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Eine Frau sitzt telefonierend am Schreibtisch, auf dem Schoß ihr Baby (Gettyimages / Miguel Pereira)
Ob im Lockdown zuhause in Deutschland oder wie hier in Spanien - Arbeit und Familienleben lassen sich im Homeoffice nicht immer trennen. (Gettyimages / Miguel Pereira)

Homeoffice ist für Millionen Deutsche mit den Corona-Einschränkungen im März unfreiwillig zur Normalität geworden ist. Die Auswirkungen sind enorm, nicht nur für den Einzelnen. Dezentrales Arbeiten könnte Hierarchien, Büros und ganze Städte verändern.

Ulrike K.:
"Ich empfinde das Homeoffice eigentlich komplett als negativ. Also zum einen, dass die Arbeit sich komplett entstrukturiert und Arbeit und Privatleben im Grunde total vermischen. Man kann das nicht wirklich trennen, wenn man im Homeoffice sitzt. Es fängt schon an, dass man im Grunde morgens vor die Frage gestellt wird welche Jogginghose darf es denn heute sein, also dieses, dass man nicht mehr, sozusagen sich ankleidet, einigermaßen ordentlich zur Arbeit geht und da irgendwie als offizieller Mensch ist, sondern dass man im Grunde eigentlich den ganzen Tag in so einer Twilight Zone zwischen Privatperson und Arbeitsperson ist."

Franziska L.:
"Ich finde das persönlich ganz hervorragend. Das hat viel damit zu tun, dass viel Reisezeit wegfällt. Also ich habe zwar keinen besonders langen Pendelweg, aber ich bin früher viel zum Kunden gereist, das heißt, da geht viel Zeit dafür flöten, dass man von der Tür zum Bahnhof und vom Bahnhof... dann ist der Zug zu spät..."

Jochen H.:
"Was mir aufgefallen ist, dass die Arbeit eigentlich langweiliger ist als im Büro. Der Kontakt zu den Kollegen, der jetzt es nicht unbedingt fachlich begründet ist - also Fachgespräche - entfällt fast vollständig, auch so Gespräche wie auf dem Flur. Man trifft sich und ach ja, wo ich dich gerade sehe, ich habe da mal eine Frage hast du mal eben Zeit? Auch diese Sachen fallen natürlich komplett weg."

Arbeitstreffen in der eigenen Wohnung

Es ist ein Freitagmorgen, kurz nach 10 Uhr. Daniel Nitschke begrüßt unsere Autorin in einer großzügigen Neubauwohnung in der Nähe der Bremer Innenstadt. Hier lebt und arbeitet der Unternehmer Daniel Nitschke. Er betreibt eine Personalberatung und vermittelt hauptsächlich Führungskräfte in IT-, Konsumgüter- und Handelsunternehmen. 

Was für Millionen Deutsche mit dem Corona-Lockdown im März dieses Jahres unfreiwillig zur Normalität geworden ist, praktizieren Nitschke und sein Team schon seit mehr als einem Jahr freiwillig: Sie arbeiten ausschließlich im Homeoffice. 

"Wir haben gesagt wir wollen uns nochmal umstellen im letzten Jahr", erzählt Daniel Nitschke. "Noch effektiver arbeiten und noch auch arbeitnehmerfreundlicher und haben unser Büro aufgegeben und arbeiten seit dem letzten Jahr digital."

Nitschke hat fünf Mitarbeiter. Sie leben unter anderem in Oldenburg, in Amsterdam und im Bremer Umland. Früher sind sie regelmäßig gependelt. Heute kommen sie maximal einmal pro Woche nach Bremen. Wenn wir uns nicht gerade in einer Corona-Hochphase befinden, trifft sich das Team dann in Nitschkes Wohnung: zum Kaffeetrinken, zum Quatschen und um über aktuelle Projekte zu sprechen. 

Ich genieße das total, hier zu sein", sagt Nitschke. "Ja, ich kann das total verstehen, mir geht das ganz genauso", meint unsere Autorin.

"Es ist so diese Kombination aus völliger Freiheit: Du brauchst keinen Weg mehr ins Büro. Ich habe nie Langeweile, weil ich natürlich nicht nur vor dem Computer sitze, sondern unwahrscheinlich viele Gespräche führe: per Telefon, per Zoom-Call und so weiter. Und ich sag mal: mittags treffe ich mich mit Kunden, also dieser schöne Spruch 'never eat alone', den zelebriere ich auch und insofern ist jetzt auch null Einsamkeit."

"Und eben habe ich mich gefragt: Ist das quasi Dein Arbeitslaptop?" "Ja, das ist mein Büro", sagt Nitschke.

Ein ipad mit Tastatur und ein Smartphone - mehr braucht Daniel Nitschke nicht zum Arbeiten. 

Unerwartete Folgen fürs Sozialleben

Nitschke, daran besteht kein Zweifel, ist Homeoffice-Fan. Doch wie geht es Menschen, die sich das Homeoffice nicht ausgesucht haben, sondern mit Beginn des Corona-Lockdowns im März dieses Jahres zwangsweise die eigenen vier Wände zum Büro erklären mussten?

Welche Folgen hat es für ihr Sozialleben, wenn plötzlich der Schnack auf dem Flur und das Mittagessen mit den Kollegen wegfallen? Entfremden sich die Menschen von Job und Firma, wenn sie monatelang nicht mehr ins Büro gehen? Oder können Arbeitnehmer in Sachen Homeoffice nur gewinnen, weil sich Privates und Berufliches plötzlich besser vereinbaren lassen? 

"Nee, also eigentlich bin ich überhaupt kein Homeoffice Typ und habe das vorher auch gar nicht so viel genutzt, obwohl ich Homeoffice machen konnte bei meinem vorherigen Arbeitgeber."

Ein Gespräch per Video mit Michelle van der Veen. Sie ist Digital Manager bei Danone, das heißt sie kümmert sich zum Beispiel um die Website des Unternehmens, und lebt mit ihrem Partner und ihrem zweijährigen Sohn in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Frankfurt.

"Also wenn wir beide zu Hause sind, sitzen wir tatsächlich beide am Esstisch. Ich sitze tatsächlich auf einem normalen Stuhl, obwohl uns auch angeboten wurde, dass wir uns quasi die die tollen ergonomischen Stühle aus dem Office mitnehmen dürfen. Aber aus Platzgründen habe ich mich dagegen entschieden, habe allerdings tatsächlich in den letzten Wochen meine Stühle neu Polstern lassen."

Start in den neuen Job im Homeoffice

Auch Michelle van der Veen ist an diesem Morgen gerade in ihren Arbeitstag gestartet. Im Frühjahr stand sie vor der Herausforderung, dass sie mitten im Lockdown den Job gewechselt hat und aus dem Homeoffice heraus mit neuen Kollegen und ganz neuen Aufgaben starten musste. Noch dazu war die Kita zu dem Zeitpunkt geschlossen und van der Veen musste gemeinsam mit ihrem Mann, der wie sie Vollzeit arbeitet, den gemeinsamen zweijährigen Sohn betreuen. 

"Wie hast Du diese Doppelbelastung erlebt?", fragt unsere Autorin.

"Ich war supergestresst ein paar Wochen lang, weil einfach klar war, dass es nicht funktioniert, mit Kleinkind zu Hause und zwei Vollzeit arbeitenden Leuten. Das war einfach nicht machbar so richtig, also nicht so, dass man so arbeiten konnte, wie so der eigene Anspruch ist. Und ich konnte mir ehrlich gesagt überhaupt nicht vorstellen, so einen Job anzufangen, also mir war absolut nicht klar, wie ich das leisten soll, mich in diese neuen Themen einarbeiten."

Corona zum Trotz quartierte sich die Familie in van der Veens erster Arbeitswoche bei den Großeltern ein, die sich tagsüber um den Enkel kümmerten. Der Einstieg bei Danone lief dann viel besser als gedacht.

"Ich glaube, der größte Unterschied war in den ersten Wochen, dass alles sehr viel langsamer war als sonst, weil man für alles einen Termin brauchte und nicht so zwischen Schreibtischen und auf dem Flur oder in der Kaffeeküche schnell, sondern wirklich sehr geplant und strukturiert, diese ganze Einführung gemacht hat. Also ich glaube, ich bin lustigerweise sehr viel entspannter und ruhiger gestartet, als das vielleicht sonst der Fall gewesen wäre."

Kurz darauf durfte van der Veens zweijähriger Sohn in die Notbetreuung seiner Kita gehen, weil ihr Job bei Danone in der Lebensmittelindustrie angesiedelt ist und damit als systemrelevant gilt. 

Einstellung zum Homeoffice kann sich ändern

In den vergangenen Monaten hat sich Michelle van der Veens Einstellung zum Homeoffice dann grundlegend verändert. 

"Diese Flexibilität der Wahl vor allen Dingen und mir irgendwie meine Woche so zu gestalten, wie es gerade passt. Und jetzt finde ich eigentlich so das Beste von beidem zu haben, sehr angenehm."

Privates und Berufliches unter einen Hut kriegen und das Beste aus beiden Welten vereinen: Genau das ist es doch, was viele Angestellte sich immer gewünscht haben. Corona, so scheint es, hat ermöglicht, was so mancher Arbeitgeber zuvor jahrelang verwehrt hat. 

Auch Kathrin, die hier nur mit ihrem Vornamen genannt werden möchte, gehörte zu denjenigen, die früher zwischendurch gerne von zuhause gearbeitet haben. Sie arbeitet bei einer Nichtregierungsorganisation in Berlin. 

Autorin: "Hallo"

Kathrin: "Hallo, schön Dich zu sehen."

Autorin: "Wir wollen ja eigentlich übers Homeoffice reden. Jetzt bist Du aber im Büro. Erzähl doch mal warum überhaupt."

Kathrin: "Ja das ist aber auch so ein, wie sagt man, Paradigmenwechsel gewesen für mich. Also lange Zeit war für mich Homeoffice natürlich genauso attraktiv, wie man sich das immer vorstellt und das hatte natürlich – denke ich mittlerweile – viel damit zu tun, dass man immer das haben möchte, was man nicht haben kann."

Unterschiedliche Arbeitscharaktere im Homeoffice

Als der Lockdown kam, war die dauerhafte Heimarbeit für Kathrin, die mit ihrem Freund zusammenlebt, deshalb zunächst kein Problem. 

"Wir sind gerade erst in eine Dreiraumwohnung gezogen und haben dann den Luxus gehabt, uns das dritte Zimmer in ein Büro umgestalten zu können und zu Anfang war ich ja dann auch mit meinem Freund zusammen im Homeoffice, das war katastrophal", erzählt sie.

"Also wir haben komplett unterschiedliche Arbeitscharaktere: Ich bin extrem konzentriert und fräse mich so in die Arbeit rein und bin auch nicht ansprechbar, wenn es nicht um die Arbeit geht, außer es sind Kollegen. Und er ist halt der Typ: Guck dir mal dieses Facebook-Video an und so ein bisschen… geht die Sache anders an und das war dann relativ destruktiv in der Zeit."

Blick bei Nacht in eine beleuchtete Küche. Ein Paar sitzt mit Laptops am Küchentisch. (Gettyimages / Digital Vision / Justin Paget)Paare im Lockdown: Nicht immer decken sich die Bedürfnisse beim Arbeiten in der gemeinsamen Wohnung. (Gettyimages / Digital Vision / Justin Paget)

Auch die tägliche halbe Stunde Radweg durch den Berliner Tiergarten auf dem Weg zur Arbeit fehlte ihr. Eine Zeit, in der sie früher ganz bei sich sein konnte.

"Und das ist sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg total Balsam für die Seele und auch für den Körper durch die Bewegung. Ich denke da super viel über die Arbeit nach. Und oft ist es dann aber auch so, dass der Rückweg total hilft, dass ich dann zu Hause ankomme und das dann auch verarbeitet habe. Also den Unterschied merke ich ganz stark zum Homeoffice."

Wenige Wochen nach Beginn des Lockdowns hielt sie es zuhause nicht mehr aus und vereinbarte mit ihrem Arbeitgeber, dass sie wieder mehrmals pro Woche vom Büro aus arbeitet. Inzwischen geht sie an vier Tagen in der Woche ins Büro. 

Kind auf dem Schoß beim Telefontermin

Alexandra M.
"Ich finde es schön, wie tolerant wir alle geworden sind, also während des vor drei Jahren echt noch ein Problem war, wenn du als alleinerziehende Mama dein Kind auf dem Schoß hattest bei einem Telefontermin, ist es heute inzwischen so, dass die Leute lächeln, geduldig sind, es einfach hinnehmen, dass es so ist, wie es ist."

Franziska L.
"Aber man hat dann auch wirklich so Meetings, wo meiner Projektleiterin ihr Sohn halb nackt durch die Gegend und vor die Kamera gelaufen ist, weil er nicht wusste, dass sie eben im Video-Meeting war. Das war dann für sie eher unerwartet, hat aber für viel Amüsement gesorgt."

Friederike S.
"Und ich glaube, dass dieses Miteinander, das geht ganz arg verloren. Viele von uns haben jetzt mal so eine Sehnsucht, mal wieder nach so einem Feierabendbier gemeinsam oder irgendwie auch mal zusammenzustehen."

Hannes Zacher ist Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig und beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit der Frage, warum manche im Homeoffice klarkommen – und andere nicht:

"Wir wissen zum Beispiel, dass Menschen mit einem hohen Ausmaß an Gewissenhaftigkeit, das ist ein Persönlichkeitsmerkmal, besser im Homeoffice arbeiten können, weil sie sich besser selbst strukturieren. Es fällt ihnen einfacher, sich selbst Ziele zu setzen. Und sie können eben auch sich selbst motivieren und Arbeit und Privatleben besser voneinander abgrenzen", erklärt Hannes Zacher.

"Andererseits wissen wir auch, dass Menschen, die ein hohes Affiliations-Motiv haben, also sehr gerne unter Menschen sind, andere Menschen brauchen, dass die mehr unter der Isolation im Homeoffice auch leiden."

Ausschließlich von zuhause zu arbeiten, rät Zacher niemandem. "Die Forschung empfiehlt, ein bis zwei Tage pro Woche im Homeoffice zu arbeiten. Dann sind die Zufriedenheit und die Produktivität am höchsten, sagen die Daten und den Rest der Zeit, in Präsenz vor Ort zu arbeiten."

Arbeit befriedigt auch emotionale Bedürfnisse

Für viele Menschen ist ihr Job mehr als bloßer Broterwerb. Es geht auch um die Pflege von Beziehungen zu Kollegen. Arbeit befriedigt im besten Fall auch emotionale Bedürfnisse. Doch das gemeinsame Mittagessen, der Schnack in der Kaffeeküche, das Lob vom Chef zwischendurch – vieles davon fällt momentan weg.

Stattdessen dominieren oftmals auf Effizienz getrimmte Videokonferenzen, bevor sich jeder im heimischen Wohn- oder Arbeitszimmer wieder allein seiner Aufgabe zuwendet. Ein Luxusproblem, könnte man sagen. Schließlich kann nur im Homeoffice arbeiten, wer einen Bürojob hat. Hannes Zacher sieht darin trotzdem eine Gefahr: 

"Diese Entfremdung also neben der akuten Einsamkeit, die man so täglich spürt, vielleicht kann es sein, dass über die Dauer man sich weniger mit dem Unternehmen identifiziert, weil man ja so sozusagen eine Einzelkämpferin oder Einzelkämpfer ist."

Wer sich in den vergangenen Monaten morgens zur sonst üblichen Rush-Hour mal in einer Großstadt in die S-Bahn gesetzt hat, konnte oft gähnende Leere beobachten, wo sich normalerweise Menschen drängen. Der millionenfache unfreiwillige Rückzug ins Homeoffice verändert auch das Stadtbild und er befördert, dass sich viele von uns - bewusst oder unbewusst - in ihre eigene soziale Blase zurückziehen. 

Rückzug in die eigene soziale Blase

"Man wird nicht mit Leuten konfrontiert, die man nicht leiden kann, jedenfalls in geringerem Maße. Man kann denen viel leichter aus dem Weg gehen. Man wird nicht mit Dingen, konfrontiert, die man sowieso nicht für richtig hält usw. usw.", sagt der Psychologe Georg Felser von der Hochschule Harz. 

"Dass man sich mehr aus dem politischen Debatten heraushält und vielleicht auch herausgehalten hat, dazu muss man vielleicht sagen temporär ist das wahrscheinlich gar nicht so dramatisch. Aber wir sind jetzt etliche Monate weiter. Der Lockdown, der Rückzug ins Private führt, meiner Ansicht nach in der Tat dazu, dass die Gesellschaft sich in vieler Hinsicht weiter spaltet", meint Georg Felser.

"Das ist schon durchs Internet so geworden, dass man sich in seine eigene Blase zurückziehen kann und da sich nur noch mit dem beschäftigt, was sowieso zu dem passt, was man die ganze Zeit geglaubt hat. Das ist ohnehin schon ein Trend, der wird, glaube ich, durch Lockdowns und viel Homeoffice und dergleichen noch weiter verstärkt."

Im Dauer-Homeoffice steckt also sozialer Sprengstoff, der seine volle Wirkung bislang vermutlich noch gar nicht entfaltet hat. 

Mal eben mit Lotti Gassi gehen

Inzwischen ist es Mittag, kurz nach 13 Uhr. Unternehmer Daniel Nitschke ist vom Essen in einem kleinen Imbiss um die Ecke zurück. Bevor er wieder an die Arbeit geht, setzt er sich noch ein paar Minuten ans Klavier, das gleich neben seinem Arbeits- und Esstisch mitten im Wohnzimmer steht. Neben dem Instrument schläft Jack Russel-Terrier Lotti. An der Wand dahinter hängen drei Rennräder. Radfahren ist Nitschkes großes Hobby. 

"Wenn das Wetter gut ist, fahre ich mittags mit einem der Räder und dann bin ich eine Stunde, anderthalb Stunden bin ich dann unterwegs und dann geht’s weiter. Und zwischendurch kommt eine kleine Runde mit der Lotti oder mal eben einkaufen gehen oder Sachen erledigen oder was auch immer." 

Frau mit Hund, die einen Zebrastreifen überqueren. (Gettyimages / Cavan Images)Zwischendurch mit dem Hund raus: Daniel Nitschke sieht große Vorteile beim Arbeiten im Homeoffice. (Gettyimages / Cavan Images)

Privates und Berufliches vermischen – darin sieht Daniel Nitschke den großen Vorteil des Homeoffice. Nicht nur für sich persönlich. 

"Ich glaub es ist gut, um Leute zu halten. Ich hab zwei, drei richtig gute Mitarbeiter verloren, die dann, ich sag mal, nach Düsseldorf oder Hamburg gegangen sind, weil in Bremen es für den Partner keine Perspektiven gab und für einen selbst dann vielleicht auch nicht. Und ich glaube durch diese Homeoffice-Lösung oder mobiles Arbeiten-Lösung, schafft man nochmal eine bessere Bindung auch."

Chefs und Angestellte kommen dadurch auch in neue Rollen. Jahrzehntelang war in deutschen Unternehmen der eine dafür da, nicht nur die Leistung, sondern auch die Anwesenheit des anderen zu kontrollieren. 

"Ich habe früher für den Kaufhof gearbeitet, auch für die Zentrale in Köln und da war es so – das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen: Da sind die Leute um fünf rausgegangen in die Stadt, haben eingekauft, haben aber ihr Licht im Büro angelassen. Und die sind dann abends um neun nochmal wieder zurück und haben das Licht dann ausgemacht. Und ich glaube davon dürfen wir uns jetzt trennen, dass die Zeit nicht der entscheidende Faktor ist", sagt Nitschke.

Vertrauen bekommt einen höheren Stellenwert

In modernen Unternehmen ersetzt Vertrauen schon länger die Kontrolle. Durch das vermehrte Homeoffice bekommt es nun auch in hierarchischeren Unternehmen zwangsweise einen höheren Stellenwert. Für viele Chefs ein Lehrstück in Sachen Loslassen, glaubt Daniel Nitschke. 

"Also weg so von dieser Sache: ich bin für die Motivation der Mitarbeiter verantwortlich. Sondern die sind im Prinzip für sich selbst verantwortlich. Die müssen die Sache gut finden. Ich bin für den Rahmen zuständig und wenn der passt, können die dann machen, was die wollen. Und auch dieses: Bewusst das zulassen, dass einer sagt: 'Hey, ich fahre heute Morgen mal zu meinem Opa nach Lüneburg.' Das ist für mich völlig in Ordnung."

"Und der arbeitet dann von seinem Opa aus?", fragt unsere Autorin.

"Ja, oder mal einen halben Tag gar nicht und holt es dann abends wieder ein oder wie auch immer. Wichtig ist in meinen Augen, die Ergebnisse zu liefern, die wir vereinbart haben, und die für den Kunden wichtig sind. Bei uns geht ganz viel über Vertrauen und geben und nehmen. So funktioniert‘s."

Homeoffice oder mobiles Arbeiten?

Betrachtet man es von der rechtlichen Seite, leben Daniel Nitschke und sein Team eher das mobile Arbeiten, als das Homeoffice. Denn auch wenn es ganz ähnlich klingt, gibt es einen großen Unterschied: Das Homeoffice ist ein fest installierter Arbeitsplatz zuhause. Der Arbeitgeber stellt den Computer, vielleicht sogar Schreibtisch und Bürostuhl. Der Arbeitnehmer muss an diesem Platz zu vereinbarten Zeiten erreichbar sein und arbeiten. Der Arbeitgeber muss rein rechtlich sogar prüfen, ob dieser Platz arbeitsschutzrechtlichen Standards entspricht. 

Beim mobilen Arbeiten gibt es hingegen lediglich einen Arbeitsauftrag. Ob dieser am Schreibtisch oder im Café, nachts oder nachmittags erledigt wird, ist egal. 

Wenn immer mehr Menschen von zuhause oder unterwegs arbeiten – welche Rolle spielt dann noch das Büro? Seinen Wert als Statussymbol hat es unterhalb der Vorstandsetagen eh längst verloren. Erste Firmen fangen Corona-bedingt sogar an, ihre Standorte in teuren Innenstadtlagen zu verkleinern. 

Nach Corona könnte das Büro eher zu einer Begegnungsstätte werden. Zu einem Ort, an dem Mitarbeiter zusammenkommen, um gemeinsam kreativen Aufgaben nachzugehen. Wer hingegen konzentriert für sich arbeitet, wird das eher von zuhause aus tun. 

Büroräume werden sich zukünftig verändern

Auch bei Danone, dem Arbeitgeber von Michelle van der Veen, überlegt man bereits, wie sich die Büros künftig verändern werden. 

"Wir werden natürlich weniger feste Arbeitsplätze brauchen, weil wir sehen: es gibt viele, die wollen zwei bis drei Tage Minimum in der Woche von zuhause aus arbeiten", erklärt Unternehmenssprecher Stefan Stohl. 

"Aber wir werden auf der anderen Seite andere Meetingräume brauchen, wir werden mehr Räume brauchen, die die Möglichkeit geben, auch in Ruhe Videokonferenzen zu machen. Was das dann konkret in Bezug auf die Flächennutzung heißt, das weiß ich noch nicht, aber das Büro wird sicherlich anders aussehen in Zukunft."

Denkt man diesen Gedanken weiter, dann bekommen Homeoffice und mobiles Arbeiten plötzlich das Potenzial, weitreichende Lebensentscheidungen zu beeinflussen. Wo wir ein Haus bauen, ob unsere Kinder im Grünen aufwachsen sollen – all das wird künftig vielleicht viel weniger von der Frage abhängen, wo unser Arbeitgeber seinen Sitz hat. Denn wer nur noch einmal pro Woche oder noch seltener ins Büro fährt, ist eher gewillt, größere Distanzen auf sich zu nehmen, als derjenige, der jeden Tag pendelt. 

Danone-Mitarbeiterin Michelle van der Veen merkt schon jetzt, dass sich ihr Lebensmittelpunkt nicht mehr so stark auf das Frankfurter Stadtzentrum konzentriert, wie es vor der Zeit im Homeoffice der Fall war.

"Weil vorher war es ja so: Alle haben in der Stadt gearbeitet, waren eigentlich auch immer im Büro. Also hat man sich automatisch auch dann in der Innenstadt verabredet. Und jetzt, wenn alle im Homeoffice sind, muss man irgendwie viel mehr gucken: Was macht da Sinn? Und ja, da lerne ich gerade Frankfurt auch noch mal ganz neu kennen, weil vorher war der Radius irgendwie so sehr Innenstadt."

Umzug aufs Land scheint leichter möglich

Für Kathrin, die bei einer Nicht-Regierungsorganisation in Berlin arbeitet, spielt der Gedanke, aus der Großstadt wegzuziehen, seit Anbruch des neuen Homeoffice-Zeitalters eine größere Rolle.

"Irgendwie wäre es schon schön, irgendwie im Grünen zu leben und Wandern und Radfahren zu können, ohne dass man erst eine Stunde Regel rausfahren muss. Und wir haben tatsächlich auch jetzt schon intensiver mal nach einem Grundstück geschaut", sagt sie.

"Mit Corona ist das total möglich einfach zu sagen, den gesamten Sommer wohnen wir nur noch auf diesem Wochenendgrundstück und arbeiten halt von dort und oder auch im Winter mal längere Zeit. Weil offensichtlich müssen wir nicht die ganze Zeit im Büro sein, aber da merke ich ja auch immer gleich wieder: Oh, will ich das? Weil mir hat es ja nicht so gut gefallen die ganze Zeit im Homeoffice."

Ulrich Bähr glaubt, dass es künftig immer mehr Menschen wie Kathrin geben wird: Raus aus der Stadt – ja, gerne! Dauerhaft allein am Schreibtisch arbeiten – nein, Danke! Bähr arbeitet für die Heinrich-Böll-Stiftung und ist Gründer der Genossenschaft CoWorkLand. Hier haben sich die Betreiber von Co-Working-Spaces zusammengeschlossen. Also Anbieter, die Arbeitsplätze mit einer gewissen Infrastruktur – zum Beispiel Druckern, W-Lan, Beamern oder Besprechungsräumen – gegen Geld zur Verfügung stellen.

Meist findet man solche Angebote in Großstädten. Genutzt werden sie bislang hauptsächlich von Freiberuflern.

Entgegen des Klischees befinden sich die Co-Working-Spaces von CoWorkLand aber nicht in der Großstadt, sondern in Kleinstädten und auf dem Land. Im vergangenen halben Jahr, erzählt Bähr, ist die Nachfrage förmlich explodiert: Zum einen schließen sich seiner Genossenschaft immer mehr Co-Working-Spaces an, und zum anderen suchen immer mehr Menschen einen Schreibtisch mit sozialem Anschluss auf dem Land. 

"Das Zielbild, das wir haben, ist, dass es so viele Co-Working-Spaces im ländlichen Raum gibt, dass jede Deutsche und jeder Deutsche nur 15 Minuten bis zum nächsten Co-Working-Space mit seinem Fahrrad fahren müsste, sodass wirklich da eine flächendeckende Abdeckung da ist, die dann auch wirklich für jeden anwendbar ist. Dann hätte es eben auch diese tollen Effekte für das Landleben, dass man wieder ganz anders auf dem Land leben könnte, als das zurzeit möglich ist."

Immobilienpreise in Metropolen könnten sich normalisieren

Die Effekte, die so ein Wandel potenziell haben könnte, sind gigantisch: Die Immobilienpreise in den Metropolen könnten sich normalisieren. Und auch das Klima könnte profitieren, wenn weniger Menschen Autofahren oder kürzere Strecken zurücklegen. 

"Also wir reden im Augenblick sehr viel mit großen Unternehmen, weil wir gerade dabei sind, sogenannte Co-Working-Satellitenringe rund um die Metropolen Deutschlands zu organisieren", sagt Bähr. "Und da ist der Gedanke natürlich, dass große ArbeitgeberInnen mit uns dann Kontingent-Verträge machen. Das ist für große Unternehmen schon sehr spannend. Und da verhandeln wir gerade erste Verträge."

In diesen Co-Working-Spaces würden dann nicht mehr ausschließlich die Mitarbeiter eines Unternehmens aufeinandertreffen, sondern Angestellte ganz unterschiedlicher Firmen. Eine Chance für einen ganz neuen, Disziplin-übergreifenden Austausch.

Für Norbert Reuter, Leiter der tarifpolitischen Grundsatzabteilung bei der Gewerkschaft ver.di, hat es zwei Seiten, wenn Arbeit immer dezentraler organisiert wird: Einerseits begrüßt er die Vorteile, die flexible Arbeitsmodelle für Beschäftigte haben. 

"Andererseits aber ist es natürlich auch problematisch, weil wir damit natürlich einer weiteren Vereinzelung von Arbeiten, in gewisser Weise Vorschub leisten." 

Blick auf einen jungen Mann am Schreibtisch, der an einer Videokonferenz teilnimmt. (Gettyimages / Digital Vision / Alistair Berg)Der Gewerkschafter Norbert Reuter sieht in Sachen Arbeitnehmerrecht Nachteile beim dezentralen Arbeiten. (Gettyimages / Digital Vision / Alistair Berg)

Wenn alle hauptsächlich von zuhause, im Café oder iCo-Working-Space arbeiten, sind Konflikte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, aber auch Ungerechtigkeiten innerhalb der Belegschaft noch schwerer zu bekämpfen als heute, glaubt Reuter. 

"Die Befürchtung teilen wir auch, dass grundsätzlich mit Homeoffice eine Tendenz dazu einhergeht, dass sagen wir die Macht der Arbeitgeberseite steigt, weil die Macht der Gewerkschaften besteht ja ausschließlich darin, sich zusammenzutun und eine Gegenmacht zu entwickeln. Und Gegenmacht kann man nur entwickeln, wenn man gemeinsam etwa dann auch bereit ist, die Arbeitskraft zu entziehen", sagt Reuter.

"Das, was wir eben in klassischen Streiksituationen haben. Da können wir ja nur dann Kraft entfalten, wenn alle gemeinsam eben agieren und ein digitaler Streik, was ja die letzte Form ist, um Forderungen durchzusetzen, ist mir nicht ganz klar, wie das funktionieren soll."

Gewerkschafter sieht Gefahren im Homeoffice

Das vielfach gefeierte Homeoffice hat für Norbert Reuter durchaus das Potenzial, sich zu einer Dystopie zu entwickeln. 

"Und das wäre ja im Prinzip, sozusagen eher das Horrorszenario, wenn alle sozusagen vereinzelt zu Hause sitzen würden und keiner mehr einen Überblick hat, was der andere verdient, man sich gegenseitig Konkurrenz macht, sich gegenseitig nach unten treibt, im Angebot der eigenen Arbeitskraft", sagt er.

"Hier kommt es darauf an, dass wir dann, wenn das eine große Entwicklung werden sollte, wir wirklich wieder Gegenmarkt organisieren. Also was wir verhindern müssen, ist natürlich, dass ein neues digitales Proletariat sich letztendlich herausbildet."

Noch streitet die Große Koalition darüber, ob ein Recht auf Homeoffice auch gesetzlich verankert werden soll. 

"Dazu braucht man dann eben, dass wäre unsere Forderung, dann auch einen Vertrag, einen Tarifvertrag, indem das dann alles noch mal genau geregelt wird für die Beschäftigten."

So unterschiedlich die Meinungen und Gefühle sind, die das Homeoffice bei Angestellten und Experten hervorruft, so widersprüchlich sind auch die Zahlen, die dazu bislang erhoben wurden: Wissenschaftler der Harvard Business School und der New York University haben herausgefunden, dass die Menschen weltweit im Homeoffice momentan jeden Tag rund 48,5 Minuten länger arbeiten, als sie zuvor im Büro gearbeitet haben.

Trotzdem haben gleich mehrere deutsche Krankenkassen – darunter die Techniker Krankenkasse - in Umfragen herausgefunden, dass die Deutschen sich im ersten Halbjahr 2020 bei der Arbeit weniger gestresst gefühlt haben. 

Nitschke: "Könntest du das versuchen nochmal zu heilen, Max?"

Max: "Ich schreib dem auf jeden Fall nochmal." 

Nitschke: Ja, oder anrufen…

Mitarbeiter: Ich hab leider keinen Kontakt zu ihm, oder keine Nummer von ihm, deswegen muss ich ihm eine Nachricht schicken. 
 
Es ist inzwischen Freitagnachmittag, 15 Uhr. Das Team von Daniel Nitschke hat sich in seinem Bremer Wohnzimmer versammelt: Zwei Mitarbeiter sind persönlich gekommen, zwei schalten sich per Videokonferenz dazu. 

"Und wir haben ja auch gesagt: Wir sehen uns trotzdem einmal die Woche und sprechen dann über: Was ist am Wochenende passiert, über Fußball und solche Dinge und gehen dann in die Projekte", erklärt Nitschke.

"Und es ist ja auch nicht so, dass wir aus der Welt sind. Sondern wir können ja trotzdem telefonieren oder mal einen Zoom-Call machen oder uns zum Kaffee treffen oder zum Spazierengehen. Das Einzige, was weg ist, ist das Büro. So dieser Ort, wo man steif zusammensitzt."

Homeoffice - auch nach Corona

Ein eindeutiges Fazit, so viel steht fest, lässt sich nach einem halben Jahr im Homeoffice kaum ziehen. Nur so viel ist sicher: Es wird uns auch über Corona hinaus begleiten. 

Kim K.:
"Also insofern finde ich Homeoffice auch wenn es diese Gefahr gibt, dass man sozusagen nicht mehr weiß, wo das Privatleben anfängt, eigentlich in allem dann doch ist das für mich das überzeugende Prinzip Arbeit der Zukunft. Ich finde alles andere total rückwärtsgewandt."

Jochen H.:
"Alles in allem würde ich es begrüßen, wenn doch, sagen wir mal ein Gemisch aus Homeoffice und Präsenzarbeit erfolgt, dass man sagt: Komm', zwei Tage Homeoffice, drei Tage Büro oder umgekehrt. Da wäre ich zufriedener."

Alexandra:
"Also ich finde, das verändert unsere Art der Zusammenarbeit nachhaltig. Wir werden alle viel entspannter. Es ist, das ist jetzt natürlich schubladisierend, aber ich glaube, wir werden alle darin trainiert, anzuerkennen, dass das Leben halt einfach manchmal anders läuft, als wie wir es gerne hätten."

Autorin: Catalina Schröder
Sprecherin: Nina Weniger
Sprecher: Mirko Böttcher
Regie: Cordula Dickmeiß
Technische Realisierung: Ralf Perz (Ton)
Redakteur: Martin Hartwig

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