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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.11.2014

Deutsches Theater BerlinDie Milva der deutschen Literatur

Die Geschichte des Ronald M. Schernikau in "Die Schönheit von Ostberlin"

Von André Mumot

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Außenansicht des Deutschen Theaters in Berlin bei Sonnenschein. (picture alliance / dpa - Soeren Stache)
Draußen wird der Mauerfall gefeiert, im Deutschen Theater schlägt die Hauptfigur die Hände über dem Kopf zusammen über das Ende der DDR. (picture alliance / dpa - Soeren Stache)

In "Die Schönheit von Ostberlin" feiert das Deutsche Theater Berlin den fast vergessenen Schriftsteller und DDR-Fan Ronald M. Schernikau mit einer bewegenden Collage. Vier Schauspieler erwecken ihn mit Witz und Kampfbereitschaft zum Leben.

Draußen leuchten feierlich die Ballons, die den ehemaligen Grenzstreifen markieren, der die Stadt teilte, und drinnen, in den Kammerspielen des Deutschen Theaters schlägt die Hauptfigur die Hände über dem Kopf zusammen und beklagt trauervoll das Ende der DDR. Es ist eine ganz besondere Form, dem 25. Jubiläum des Mauerfalls zu gedenken, so wunderlich, abwegig und anrührend wie der Mann, dem dieser Abend gewidmet ist: Ronald M. Schernikau, ein flamboyantes, heute fast unbekanntes Roman-Wunderkind, floh mit seiner Mutter in den Westen und entschloss sich im September 1989 doch wieder zum DDR-Bürger zu werden. Gegen den Strom, wie immer.

Regisseur Bastian Kraft widmet diesem 1991, im Alter von 31 Jahren, an AIDS gestorbenen Sonderling, dem flammendem Kommunisten und Schlager-Fan, der selbst ernannten "Milva der deutschen Literatur" nun also eine szenische Collage, die sich an den Texten des Schriftstellers, auch an seiner politischen Haltung, vor allem aber an seiner persönlichen Biografie abarbeitet – und an der seiner Mutter. Schernikau hat deren Geschichte Mitte der 80er zu dem Versmonolog "Irene Binz" verarbeitet, der hier zum Mittel- und Angelpunkt des Geschehens wird. Vorgetragen wird diese bittere Enttäuschungsgeschichte von der hinreißenden Margit Bendokat, und das auf eine Weise, die sich tief eingräbt ins Zuschauergedächtnis.

Nie naturalistisch, aber mit der ungeheuren, glaubhaften Eindringlichkeit der einfachen, klugen, unbeugsamen Frau erzählt sie, wie sie für einen Mann nach Westdeutschland ging, der bereits verheiratet war, wie sie zurück wollte und nicht konnte, wie sie ihrem Sohn klar gemacht hat, dass das eigentliche Zuhause auf der anderen Seite der Mauer lag. "Ich bin nicht politisch", sagt sie den fassungslosen Westlern, "ich bin privat hier".

Ein flirrend exaltiertes Selbstfindungsporträt

Im Wechselspiel mit diesen stillen Momenten liegt das flirrend exaltierte Selbstfindungsporträt des schwulen Jungschriftstellers, der zum Leben erweckt wird von vier Schauspielern, die ihm bis aufs Haar gleichen. Elia Arens, Thorsten Hierse, Bernd Moss und Wiebke Mollenhauer tragen dieselbe Frisur, dieselbe Großbrille, denselben Oberlippenflaum, dieselbe Androgynität zur Schau und überschlagen sich mit Witz und Kampfbereitschaft und kompetenter Ironie. So hüpft das Quartett virtuos durch die hinreißenden Schernikau-Texte und seinen weltvergessen albernen Ideologie-Quatsch, durch die himmelschreiende Naivität und die scharfsinnigen Sottisen, die den selbstgefälligen Kapitalismus brillant aufspießen.

Aber nicht nur im Textmaterial gilt das Collagenprinzip, auch Peter Baurs Bühne ist eine bewegliche Insel voller Requisiten, auf der die Schreibmaschinen neben der rosa Marx-Büste und dem Kofferraum ihren Platz finden, in dem Mutter und Sohn seinerzeit in den Westen flohen. Schwung hat das und sehr viel Charme, taucht ein auch in die schwule Subkultur der 80er-Jahre und verdichtet sich so zu einer durch und durch persönlichen Lebensbeschwörung. Es ist eine Hommage, die ganz nebenbei klarmacht, wie sich das großpolitische Getöse im Privaten bricht, wie das erlebte Leben die Gedanken formt, wie der Idealismus an der Wirklichkeit zerschellt. Und über allem die traurig-tapfere Endokat-Stimme. Das Endokat-Lächeln, schmal und voller Liebe, und immer ein wenig hilflos, so dass einem ganz anders wird, wenn sie dann, am Schluss, auch noch das Bett macht, in dem ihr Sohn gerade gestorben ist. Kein Wunder, dass Schernikaus wirkliche Mutter, die anwesend ist, am Ende auf die Bühne kommt und allen Beteiligten einen Kuss auf die Wange drückt. Man möchte es ihr gleichtun, unbedingt.

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