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Thema / Archiv | Beitrag vom 19.11.2013

Deutsches Kino"Manchmal ist das Leben eben auch langweilig"

Filmreihe zur "Berliner Schule" im MoMA

Moderation: Susanne Burg

Christian Petzold (r.) mit den Hauptdarstellern seines Films "Barbara", Ronald Zehrfeld und Nina Hoss. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
Christian Petzolds (r.) Film "Barbara" mit Nina Hoss in der Hauptrolle hat die US-Zuschauer an die Berliner Schule herangeführt. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

Das Gegenwartskino der "Berliner Schule" feierte in den 90er-Jahren mit Filmen von Christian Petzold oder Thomas Arslan erste Erfolge. Jetzt widmet das New Yorker Museum of Modern Art diesem Autorenkino eine Werkschau.

Es war schon immer ein Label der Kritiker, nicht der Filmemacher: die Berliner Schule. Filme von Regisseuren wie Angela Schanelec, Thomas Arslan, Christian Petzold oder Christoph Hochhäusler. Das New Yorker Museum of Modern Art widmet diesem deutschen Kino nun eine eigene Reihe. Ab dem 20. November sind 14 Tage lang Filme zu sehen, die zwischen 1997 und jetzt entstanden sind. Zur internationalen Wahrnehmung des deutschen Filmes und dem Stellenwert der Berliner Schule äußert sich Rajendra Roy, Chef der Filmabteilung am MoMa, folgendermaßen:

"Es gibt zwei Bewegungen. Es gibt das Gegenwartskino, zu dem die Berliner Schule langsam dazu gehört – Petzolds Film 'Barbara' hat die US-Zuschauer an die Berliner Schule herangeführt. Und es gibt das kommerzielle deutsche Kino - mit erfolgreichen Filmen wie 'Das Leben der Anderen“'und 'Nirgendwo in Afrika'. Bei diesen Filmen geht es tatsächlich meist um deutsche Geschichte. Es gibt diese Vorstellung in den USA, dass die besten deutschen Filme mit der Vergangenheit zu tun haben. Deswegen finde ich es so aufregend, die Berliner Schule nach New York zu holen und Werke vorzustellen, in denen es um die Gegenwart geht.“

Filmstill: Im gleichnamigen Kinofilm verlässt "Yella" (Nina Hoss) Ostdeutschland, um ihr altes Leben hinter sich zu lassen und lernt den smarten aber skrupellosen Geschäftsmann Philipp (Devid Striesow) kennen. (picture-alliance/ dpa)Im gleichnamigen Kinofilm verlässt "Yella" (Nina Hoss) Ostdeutschland, um ihr altes Leben hinter sich zu lassen und lernt den smarten aber skrupellosen Geschäftsmann Philipp (Devid Striesow) kennen. (picture-alliance/ dpa)

Die Filmkritikern Anke Leweke, sie hat die MoMA-Filmreihe mitkuratiert, erzählt im Gespräch von der Aufregung, die die Filme damals auslösten. Die 80er seien von "biederer Unterhaltungsware“ und "banalen Komödien“ geprägt gewesen, "und auf einmal gab es ein Kino, was sich wieder für die deutsche Wirklichkeit geöffnet hat.“ Für Rajendra Roy ist das deutsche Autorenkino auch international von Bedeutung:

"Die Geschichten selber sind sehr in Deutschland verwurzelt, auch wenn sie jetzt hin und wieder aus Deutschland herauswandern: 'Schlafkrankheit' von Ulrich Köhler spielt in Afrika, 'Gold' von Thomas Arslan ist ein Western, ein Genrefilm. Aber die Ästhetik ist sehr international. Wenn diese Filme lediglich deutsche Geschichten für ein deutsches Publikum erzählt hätten, dann hätten wir das Projekt nicht gemacht. Aber die Filme versteht auch ein internationales Publikum. Die Reihe ist also für Leute, die noch nie einen Film der Berliner Schule gesehen haben und das jetzt nachholen wollen.“

Filmhelden, die auf der Stelle treten

Kritiker werfen der Berliner Schule vor, dass in ihren Filmen gelebtes Leben fehle, richtige Emotionen, führt Anke Leweke aus. Die Protagonisten seien kalt und humorlos, es würde behauptet, nicht nachempfunden. Rajendra Roy schätzt den Mut, solche Charaktere ins filmische Zentrum zu rücken:

"Für mich ist es faszinierend, dass sich die Filmemacher der Herausforderung stellen und Menschen zeigen, die nicht wissen, wohin sie gehen, und die nicht besessen davon sind, woher sie kommen. Ein solcher Protagonist ist vielen Menschen wahrscheinlich vertrauter als die Superfrau, die aus der Asche einer grausamen Tat aufsteigt, in die heroischen Arme ihres Geliebten schwebt und hübsche Kinder kriegt. Eine solche Figur ist eine Erfindung des Kinos. Es ist keine reale Person. Aber ironischerweise haben wir gelernt, solche Charakter zu lieben, wenn wir ins Kino gehen.

Was nun die Regisseure der Berliner Schule getan haben, ist: sie haben sich (und hoffentlich auch die Zuschauer) von der Erwartung befreit, dass die Figuren auf der Leinwand ganz anders sind als die Menschen, die sich den Film ansehen. Manchmal ist das Leben eben auch langweilig, besonders dann, wenn Menschen auf der Stelle treten. Und eine solche Geschichte zu erzählen, eines Menschen, der feststeckt, das finde ich unglaublich mutig.“

Im Katalog zur MoMA-Reihe sagt Christoph Hochhäusler, wie Marion Ade oder Ulrich Köhler Regisseur der zweiten Berliner Schule-Generation: „Die Schule ist aus, und jetzt wird’s spannend.“ Und auch Anke Leweke hält das Label inzwischen für überholt. Dennoch gebe es noch genug Lebenswirklichkeiten, die sich entdecken ließen. Und Rajendra Roy ist davon überzeugt, dass die Schule auch zukünftig Bedeutung haben wird:

"Ich glaube, dass sich der Einfluss innerhalb von Deutschland mittlerweile ganz gut herauskristallisiert hat. Was die internationale Bedeutung angeht, wird sich das erst noch zeigen. Aber ich glaube, die Berliner Schule wird in die Geschichte eingehen als eine der wichtigsten Bewegungen des Autorenkinos im 21. Jahrhundert.“

 

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