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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.05.2016

Deutsches Historisches Museum Wie präsentiert man 2000 Jahre Geschichte?

Jörn Leonard im Gespräch mit Nana Brink

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Der mit einer modernen Glas-Stahl-Konstruktion überwölbte "Schlüterhof" des Zeughauses Unter den Linden in Berlin - heute als Deutsches Historisches Museum genutzt. (aufgenommen 2005) (picture-alliance / ZB / Wulf Beil)
Im Deutschen Historischen Museum spitzt sich der Streit um die Dauerausstellung zu (picture-alliance / ZB / Wulf Beil)

Der Freiburger Historiker Jörn Leonard hat den umstrittenen Leiter des Deutschen Historischen Museums in Berlin, Alexander Koch, gegen Vorwürfe teilweise in Schutz genommen. "Eine solche Dauerausstellung ist schon eine irrsinnige Herausforderung", sagte er.

Er finde manches an der Kritik wohlfeil, sagte Leonard am Mittwoch im Deutschlandradio Kultur. Unabhängig von der Personalie Koch könne man leicht daran scheitern, 2000 Jahre deutsche Geschichte handlich zu präsentieren. Er plädierte für eine klarere Linie bei der Gestaltung der seit Jahren umstrittenen Dauerausstellung.

Streit um die "Aura des Materials"

"Eine solche Dauerausstellung ist schon eine irrsinnige Herausforderung", sagte Jörn Leonard, Professor für Neuere und Neueste Geschichte in Freiburg am Freitag im Deutschlandradio Kultur. Er halte es vor allem für wichtig, bei einer solchen Ausstellung Schwerpunkte zu setzen. Man müsse sich entscheiden, ob man Geschichtsbilder vermitteln wolle oder auf die "Aura des Materials" setze. Um diese Frage habe es im DHM eine lange Auseinandersetzung gegeben.  

Besucher benötigen Orientierung

"Das ganz Wichtige ist, dass man wegkommt von der "Histoire Totale", von der Vorstellung, dass man alles gleichgewichtig beschreiben kann", sagte Leonard. Außerdem müsse eine Dauerausstellung den Besuchern eine Orientierung geben. "Es muss so etwas wie eine originelle, inhaltliche Handschrift geben und die hat es bei den Vorgängern, Christoph Stölzl, finde ich, oft gegeben", sagte der Historiker.


Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Das Deutsche Historische Museum, schon im Namen ist ja eine Zumutung verankert, oder sagen wir besser vielleicht eine Herausforderung. Ein Haus für – wie viel? – 2.000 Jahre deutsche Geschichte – wie groß muss das Haus eigentlich sein? Diese Frage zielt schon mitten in den aktuellen Zwist rund um das Deutsche Historische Museum, dessen Direktor Alexander Koch, seit fünf Jahren im Amt, ja gehen soll. Warum und wieso, das liegt im Bereich der Gerüchte, aber Tatsache ist, personelle Querelen zwischen Leitung und Mitarbeiterstab gibt es ja schon seit Langem. Und immer wieder ein Zankapfel: die Dauerausstellung. Professor Jörn Leonhard hat den Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg inne. Schönen guten Morgen!

Jörn Leonhard: Guten Morgen!

Brink: Die Dauerausstellung mit über 7.000 Exponaten, vor zehn Jahren eröffnet, war ja von Anfang an in der Kritik. Behäbig, nicht modern, veraltet – teilen Sie diese Kritik?

Leonhard: Ich glaube, eine solche Dauerausstellung ist schon eine irrsinnige Herausforderung, und manches an der Kritik ist auch wohlfeil. Diejenigen, die die Aura des Objekts wollen, die finden dann vielleicht zu wenig, und diejenigen, die die Geschichtsinseln wollen, finden zu wenig. Da gibt es so viele Erwartungen, dass man an einer solchen Aufgabe vielleicht auch leicht scheitern kann. Ich glaube, dass in der Debatte noch etwas anderes aufscheint, nämlich die unglaubliche Erwartung an eine Ausstellung, die einem 2000 Jahre deutsche Geschichte handlich präsentieren soll, und das ist, glaube ich, eine Herausforderung, an der, unabhängig von der Personalie Koch, man leicht scheitern kann.

Schwerpunkte setzen

Brink: Dann gehen wir doch mal diese Herausforderung an oder nähern wir uns – sind wir ein bisschen bescheiden. Wie würden Sie denn rangehen?

Leonhard: Ich glaube, es ist wichtig, dass man in einem solchen Kontext versucht, Schwerpunkte zu setzen. Also weniger den Anspruch hat, alles gleichgewichtig mit – Sie haben es selbst gesagt – über 7000 Objekten darzustellen, sondern sich auf bestimmte Dinge zu konzentrieren. Das Zweite, was, glaube ich, ganz wichtig ist, man muss sich entscheiden, will man Geschichtsbilder vermitteln oder setzt man auf die Aura des Materials. Und es hat im DHM ja eine lange Auseinandersetzung um diese Aura des Originals gegeben.

Brink: Das ist die Abkürzung, nur vielleicht mal für –

Leonhard: Für Deutsches Historisches Museum, ganz genau. Aber das ganz Wesentliche ist, glaube ich, dass man weg kommt von der Histoire totale, also der Vorstellung, dass man alles gleichgewichtig beschreiben kann. Das Wesentliche, und das ist mein dritter Punkt, man muss den Besuchern auch Orientierung geben. Das Grundproblem des Deutschen Historischen Museums in den letzten Jahren war, dass es sehr viele Kalenderausstellungen gegeben hat, wo die Besucher rausgehen und haben eigentlich nicht gewusst, was tun wir jetzt mit dem vielen Material, das wir hier gesehen haben. Und daran hat es in den letzten Jahren gemangelt.

Nachdenken über Bismarck

Brink: Aber wenn wir jetzt noch ein bisschen tiefer schürfen, liegt doch eigentlich auch in dieser ganzen Ratlosigkeit, mit diesem Thema umzugehen im Museum, auch vielleicht die Ratlosigkeit, die die Deutschen überhaupt haben mit der Geschichte. Denn was ist denn wirklich wichtig in diesen 2000 Jahren? Da sind sich die Deutschen ja selbst nie sicher gewissen, und das weiß keiner besser als Sie als Historiker.

Leonhard: Da gebe ich Ihnen absolut recht. Aber genau diese Unsicherheit, die kann man natürlich in einer Ausstellung auch vermitteln. Denken Sie an die große Ausstellung, die Christoph Stölzl 1990 über Bismarck gemacht hat.

Brink: Ausgerechnet 1990.

Leonhard: Ausgerechnet 1990. Da braucht man auch ein bisschen Mut, um im Jahr der Einheit über Bismarck nachzudenken, aber genau dieses Gegen-den-Strich-Bürsten hat gefehlt. Und ich glaube, das ist ein möglicher Ansatz. Es ist auch etwas anderes, das ist sicher in den letzten Jahren stärker geworden, die Frage, wie man Geschichte eigentlich vermittelt. Macht man das mit Originalen? Wie setzt man die Neuen Medien ein? Das sind auch irrsinnige Erwartungen. Daran zu scheitern, ist sozusagen ehrenvoll, weil es ein Problem von allen historischen Museen ist. Inszeniert man die Geschichte oder macht man es eben sehr viel themenorientierter? Macht man das zu einem Happening? Dann ist man schnell in der Richtung einer Disneyfizierung von Geschichte, das will man vielleicht auch nicht. Aber mein Punkt wäre, es muss so etwas wie eine originelle inhaltliche Handschrift geben, und die hat es bei den Vorgängern, bei Christoph Stölzl, finde ich, oft gegeben.

Es gibt einen anderen Punkt, und der hat mir auch in der Dauerausstellung noch gefehlt: Die Grundidee des DHM war deutsche Geschichte in einem europäischen Kontext. Und vieles, was wir in den letzten Jahren gesehen haben, war eben doch auch Nabelschau, sozusagen der Blick auf das Erbe der deutschen Geschichte, und wir würden heute als Historiker sagen, das können wir nur noch tun, wenn wir das in einem europäischen, vielleicht sogar in einem globalen Rahmen machen. Aber wenn man mit all diesen Dingen jongliert, dann muss man Schwerpunkte setzen, dann kann man nicht 2000 Jahre sozusagen mit 7000 Objekten ohne Themenschwerpunkte, ohne Themeninseln, ohne bestimmte Vertiefungen und Fokussierungen besetzen.

Verbindung zu Europa wichtig

Brink: Dann werden wir doch mal ein bisschen konkret. Und zwar, eine solche Insel könnte doch zum Beispiel sein, gerade weil Sie den europäischen Rahmen ja auch erwähnt haben, das deutsche Verhältnis zur Nation. Das ist ja sozusagen nur innerhalb Europas denkbar, und das ist ja eines der ganz großen, ja, wie soll ich sagen, Punkte der Unentspanntheit, wenn ich das mal so flapsig formulieren darf.

Leonhard: Absolut, absolut. Es gibt diese deutsche Nationalgeschichte überhaupt nicht ohne die Auseinandersetzung mit Europa. Denken Sie nur an das große Thema der Auseinandersetzung mit Frankreich, oder denken Sie an diese eigentümliche Hassliebe gegenüber Großbritannien vor dem Ersten Weltkrieg, mit denen man verwandt ist und denen man sich irgendwie auch verbunden sieht. Das sind beides globalisierende Nationalstaaten, und gleichzeitig gibt es diese große Konfliktgeschichte. Solche europäischen, nennen Sie es Verflechtungsgeschichten, die müsste man eigentlich schreiben. Auch dafür hat es im DHM mal gute Ansätze gegeben. Die große Ausstellung über "Idee Europa", die große Ausstellung über "Mythen der Nationen", solche Ansätze wären wichtig, aber dann muss man auch über den Tellerrand des eigenen sogenannten Erbes der Nationalgeschichte blicken.

Brink: Vielen Dank. Der Historiker Jörn Leonhard. Und wir sprachen über die Dauerausstellung, ein Zankapfel im Deutschen Historischen Museum.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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